Sofa-Kartoffel

Asche auf mein Haupt, ich war heute noch nicht auf 20min.ch, was bedeutet, ich bin im Ungewissen, welcher Männertyp diese Woche, heute, in der nächsten Stunde, jetzt gleich angesagt ist.
Es ist ja so, dass der Mann in der komfortablen Lage ist, dass mittlerweile mehr generierte Ideal-Verkörperungen des modernen Männerbildes als paarungswillige zweibeinige Weibchen auf dem Planeten existieren. Sprich; Ob du nun den gefühlvollen, der Frau durchs Haar streichenden Mann mimst, den akkuschraubenden IKEA-Regal-Monteur gibst, der liebe Kinder-Typ bist oder morgens im Lendenschurz mit einer Keule auf der Schulter grunzend das Haus verlässt; Jeder dieser Typen ist bestimmt einmal in der Woche der ideale Männertyp, nachdem sich die Frauen verzehren. Also bleib wie du bist.

Kann ich natürlich nicht, weswegen ich regelmässig im Fitnesscenter der körperlichen Ertüchtigung fröne. Wobei Kasteiung das korrekte Verb wäre, meines Erachtens rangiert Sport unter den Top 10 der bescheuertsten Möglichkeiten, den Tag zu verbringen. Natürlich gibt es Menschen welche davon leben, da liegt die Sache etwas anderes, aber ihr geht mit mir einig, dass das Gros nur die mangelnde Bewegung im Alltag kompensiert oder irgendwelche Haltungsschäden korrigiert.
Oder denn sein mangelndes Selbstwertgefühl ausbügelt.
Anstelle eines schweisstreibenden Work-Outs würde ich lieber drei, vier (-hundert Gramm) Erdnüsse knacken, Weihnachtsfilme sehen und denn Gang zum Kühlschrank organisieren, um unnötige Bewegung zu vermeiden. Mandarinen würden einen weihnachtlichen Duft verbreiten und wenn ich mich auf der Couch wende, knistert die Alufolie von schokoladegegossenen Christbaumanhängern unter meiner Masse. Und ich sollte mich wohl fühlen. So schauts aus.

Es gibt diesen einen Tag im Jahr. Diesen Tag, an welchem man morgens aufsteht, sich vor den Spiegel stellt, in alle Richtungen dreht und sagt „Yeah Baby!“. Dieser Tag, welcher dazu bestimmt ist, in das Schwimmbad zu gehen. Jede Faser schreit, betrachtet die Früchte meiner Arbeit, bewundert die fleischgewordene Statue des perfekten Athleten.
Für gewöhnlich regnet es an diesem Tag. Was nicht weiter schlimm ist, da er sowieso auf Oktober oder März fällt. Vielleicht auch Februar. Ein normaler Wochentag, welchen man bei der Arbeit verbringt. Und zur Feier dieses ultimativen Tages schlägt man ein wenig über die Stränge, ein Sandwich in der Pause, ein Stück Schokolade nach dem Mittagsmahl, ein Doppel Whopper Bacon Cheese King Size-Menu als 22 Uhr-Snack.

Für diesen einen Tag, man gibt sich der Illusion hin er dauert von Juni bis September, müht man sich also ab.

Heute trabte ich zwecks Aufwärmung meiner Glieder auf dem Laufband. Natürlich in einer Geschwindigkeit, dass die Schmiere an den Rollenachsen verdampfte und sich die Erde ein klein wenig langsamer drehte. Nur falls ihr heute früh den Eindruck hattet, die Zeit geht nicht rum. Sorry.
Es ziepte im Fussgelenk, das Knie wirkt ein wenig aufgedunsen und in der Schulter scheint Knochen auf Knochen zu reiben. Ich überlegte mir, dass ich eigentlich stets ein Zipperlein habe. Nichts, was einem aus dem Alltag nimmt oder gar zum Onkel Doktor treibt, aber irgendwo in dieser Körpermaschine klemmt und zwickt ständig was.
Mein Blick gleitet über die Anwesenden. Hier ein wandelnde Litfasssäule, von Kopf bis Fuss mit bunten Tape-Streifen beklebt. Dort hält ein mit Manschetten die Sehnen im Unterarm, dieser humpelt von Hantelbank zum Bauchtrainer und jener hat eine Schiene am Bein, welche irgendwie das Kniegelenk ersetzt.

Während ich so weiter trabe, gerade habe ich Flash überrundet, frage ich mich, wie gesund ist diese Sache eigentlich. Will sagen, dieser Körper sollte eigentlich noch ein paar Jahre halten. Früher, auf der Couch, war ich vielleicht ein wenig fülliger, aber alles andere funktionierte tadellos. Voltaren kannte ich nur aus dem Fernsehen, es ersetzte noch nicht die Bodylotion. Vielleicht ist dieses Sportdings gar nicht so gesund, denn mit sportlicher Aktivität fühle ich mich häufiger angeschlagen, denn ohne. Ich kann nicht aus dem Nähkästchen plaudern, doch glaube ich beinahe, mit der Gilde der Physiotherapeuthen wurde ein ganzer Berufszweig geschaffen, um Menschen instand zu setzen, welche sich dem natürlichen Trieb zum Müssiggang widersetzen und ihren Körper schinden. Früher unterstützten Krankenkassen den Sportenthusiasten mit Beiträgen zum Fitnessabo. Ja, machen sie heute noch, nur muss man eine Zusatzversicherung abschliessen, deren Beiträge die Teilvergütung des Fitnessabo übersteigen. Vielleicht haben sie begriffen, dass der gesundheitsfördernde Beitrag unterm Strich mit gestiegenen Behandlungskosten für Sportverletzungen in ähnlichem Ausmass ergänzt wird, was im Endeffekt nicht die kalkulierte Ersparnis bedeutet.

Da mir zu diesem dümmlichen Beitrag nichts abschliessendes einfallen wollte, bemühte ich doch noch 20min.
Retrosexuell muss der Mann im Moment sein.
Figurbewusst ohne Diät zu halten. Ein feinfühliger Handwerker. Gentleman im Holzfällerhemd.
Und überhaupt seien Männer am anziehendsten, wenn sie sich selbst sind und nicht irgendwelchen Ansprüchen von aussen genügen wollen.
Ausgezeichnet. Gehe Erdnüsse kaufen. 3 oder 4 (-hundert Gramm) und werde so richtig sexy mit Schokoflecken auf der Trainierhose.

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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