4-daagse, vierter Marschtag und Ende

Wenn ich es nochmals in die Kampfstiefel schaffe, habe ich es geschafft. So meine Ansicht am Freitag Morgen. Mit der dick bandagierten Ferse kein ganz leichtes Unterfangen. Donnerstag habe ich es doch noch geschafft, vier Blasen. Aber ich will mich nicht beklagen, andere leideten schon nach dem ersten Tag danach.
Nach dem Aufschneiden einer hässlichen Blase an der Ferse war ich kurz davor, die Pikrin-Behandlung über mich ergehen zu lassen. Diese Säure findet in der modernen westlichen Medizin wohl keine Verwendung mehr, was die blasen-geplagte Marschierer nicht daran hindert, diese als ultimatives Heilmittel in die Wunde zu giessen. Betrat das Abteil der anderen Marschgruppe und sah S. auf der zum OP-Tisch umgebauten Bierzeltgarnitur. Soeben wurde das gelbe Teufelszeug auf seine Füsse geträufelt. Genauer gesagt, ein gestandener Mann drückte S.’s Bein mit seinem gesamten Körpergewicht auf den Tisch, eine unbarmherzige Samariterin schwenkte die Pipette und S. rief mit gepresstem Kiefer und heraustretender Adern sämtliche uns bekannte Heiligen an.
Nach einem prüfenden drücken auf meine Ferse und entschuldigendem ‚So schlimm ist es gar nicht‘ verdrückte ich mich rückwärts aus dem Abteil, begleitet von S.‘ gepresstem Atmen, während er den beinbelastenden Herren beinahe an das Zeltdach schleuderte.
Asche auf mein Haupt, ich schlug den Weichei-Weg ein und baute nun auf meine Bandagierkunst, bastelte eine Gaze-Polster-Tapekonstruktion auf meine Ferse, welche 46 Kilometer überstehen sollte.keep

Um 04:10 startete der letzte Marschtag.
Hier und da wurde ein Bein etwas eher nachgezogen oder das Auftreten etwas sorgfältiger geplant, doch waren wir in voller Stärke wieder unterwegs. Man wird von der Euphorie getragen, nur noch diesen einen Tag und man hat das Ziel erreicht. Das letzte Mal marschiert man an dieser Tankstelle vorbei. Das letzte Male diese Sportstätte, dieses Altersheim. Bereits zu früher Stunde waren die Fans wieder an der Strecke, es ist beeindruckend. Und motivierend.
Der Tag kühlte etwas ab. Nach sechs Kilometer, in Form von grossen Regentropfen. Am letzten Tag kam der Regenschutz noch zum Einsatz.
Petrus zog einen richtigen Tenue-… (ihr wisst schon, das F-Wort) mit uns durch. Bei Kilometer 20 öffnete der Himmel vollends seine Schleusen. Das Wasser lief uns in die Stiefel, Bandagen lösten sich und jeder Schritt fühlte sich an, als würde man durch eine Schlammgrube waten. Die Rucksäcke, bedingt wasserdicht, sogen sich voll wie ein trockener Schwamm, die Standarte verdoppelte ihr Gewicht. Am Strassenrand war weniger Leben und der letzte Tag drohte schon beinahe ins Wasser zu fallen.
In Beers wurde uns nochmals ein Halt gewährt, der Himmel klarte auf und als wir in Cuijk antrafen waren auch die Einheimischen wieder an der Strecke. Und wie sie da waren. Das ganze Dorf war auf der Strasse. Es ist kaum zu beschreiben. Diese offene Freude der Menschen, dieses grenzenlose Jubeln, man kommt nicht darum herum, sich einfach gut zu fühlen. Gut, ein bisschen stolz auch. Wenn geht man schon durch die Strasse und Millionen jubeln einem zu? Ja, die Veranstalter sprechen von bis zu 3,5 Millionen Besucher des Events.
Die Pontoniere haben eine Brücke über den Maas-Waal-Kanal gebaut, unter dem Jubel der Massen überschritten wir dir den Fluss, während uns Gladiolen in die Arme gelegt wurden.

Am anderen Ufer stand das Cognac-Zelt, eine obligatorische Marschpause, bei welcher auch Oberst G.r und Divisionär S. anwesend waren, uns für die letzten 10 Kilometer zu motivieren.
Gerne würde ich nun sagen, es lief sich dank der Unterstützung der Zuschauer wie alleine, doch die drei Tage haben Spuren hinterlassen. Oder wie der Marschgruppenführer sagt, wer am letzten Tag nicht leidet, weiss es nur gut zu überspielen. Mittlerweile waren die Massen am Strassenrand nicht mehr überschaubar. Ein Meer von Fans. Gratis-Bier wurde ausgegeben, immer wieder eine Umarmung angeboten. Die Strecke schien endlos. Einerseits schön, allerdings trachteten wir auch danach, die Packung endlich los zu werden.

Bei Kilometer 42 war Schluss.
Wir marschierten zur Linken des McDonalds auf eine Wiese, wo die militärische Strecke aufgrund der erreichten Kilometerleistung mit zehn Kilogramm-Packung ihr Ende fand. Ein letztes Mal wurde unser Armband ‚abgeschossen‘, der Eintrag in der Liste und wir konnten uns gegenseitig beglückwünschen. Es war dieser Moment, in welchem alle Schmerzen vergessen sind, alle Leiden verfliegen und man sich einfach glücklich auf die Schulter klopft. Emotionen pur. Der Rucksack fliegt in die Ecke, man schmeisst sich nebenan ins Gras und geniesst einfach.
Also die normalen Soldaten. Die Schweizer Garde steht kurz darauf in ihrer Uniform stramm und bietet ein beliebtes Fotosujet für hochrangige Politiker.garde

Nach knapp einer Stunde Pause stand das Sahnehäubchen des 4-daagse an, wie sich der Divisionär ausdrückte. Ein Defilee des Schweizer Marschbataillons auf den letzten 4 Kilometern. Nochmals vier Kilometer marschieren hört sich nun nicht so belohnend an, aber; Über 250 Schweizer Soldaten im Gleichschritt durch Nijmegen, ich gestehe, es ist das Sahnehäubchen. Oder einfach geil, salopp gesagt. Als wären wir hochkarätige Prominenz marschierten Soldaten voraus und schoben die Leute für das Schweizer Marschbataillon auseinander. Paradox auch, solange man im Gleichschritt zum Takt marschiert, läuft man wie eine Maschine. Es geht einfach. Bis man in den normalen Schritt verfällt…
Die Schweizer hatten den besten Auftritt, wurde gemunkelt. Erst die Landesfahnen, dann die Schweizer Garde, die Hälfte des Bataillons mit allen Kantonsfahnen, die Musik, der Rest des Bataillons, ja es hat gewiss beeindruckend ausgesehen. Trotz der Temperaturen war ich mit Gänsehaut unterwegs. Auf den Dächern sassen jubelnde Menschen. An jedem Fenster, auf Balkonen. Das bewegendste, sofern man im Defilee überhaupt Emotionen zeigen darf, war für mich der Vorbeimarsch vor dem Spital. In einem Zelt standen Betten mit Patienten. Die lagen dort, teils bandagiert wie Mumien, mit Schläuchen, allerlei medizinischem Gerät und ihrem persönlichen Pfleger. Und sie lächelten und winkten uns zu. An diesem Moment wurde mir einmal mehr bewusst, was dieser Event für die Holländer bedeutete.
Wir marschierten gut nochmals eine Stunde im Gleichschritt, bis wir die Tribüne erreichten, auf welcher uns der König grüsste. Also ich wusste, dass er da war, gesehen, respektive erkannt hat in keiner der Umstehenden. Aber man kann auch schlecht stehen bleiben und suchen.
Als wir alle Tribünen passiert hatten, in den Freischritt befohlen wurde, schlug die Müdigkeit endgültig zu. Man stützte sich gegenseitig, Palettenweise stand Mineralwasser am Strassenrand und Helfer versorgten uns mit Wasser. Wir wurden in Busse verladen und die letzte Fahrt in das Camp Heumensoord stand an.

Am Abend das Hauptverlesen.
Die Füsse in schicke Schuhe gezwängt, im Tenue A. Nebst allen lobenden Worten und Danksagungen, fällt eine Ehrung speziell ins Gewicht; Als beste Schweizer Gruppe erhielten wir den Holzbodenpreis. Ein Wanderpokal innerhalb des Schweizer Marschbataillons. Die Kriterien für den Erhalt des Preises überblickt kaum jemand vollständig, drei Dinge sind jedoch elementar. Wir stellte die meisten Neu-Marschierer, wir, so der Divisionär, überzeugten durch einheitliches und korrektes Auftreten und was besonders schön war; Wir standen sinnbildlich für die Schweizer Armee. Das Zusammenspiel von Romands und Deutschschweizer, die Spanne von ganz jung bis nicht mehr ganz so jung und die Fähigkeit, dass eine an sich bunt zusammengewürfelte Truppe als Einheit funktioniert.

Wir haben viel Zeit aufgewendet, manche Investition getätigt und waren sehr auf das Verständnis des sozialen Umfelds angewiesen. Wenn ich bei ebookers reinschaue, hätte ich für die Zeit und das Geld eine Woche Urlaub in einem Fünf-Sterne-Wellness-Hotel am Strand für zwei Personen buchen können. Es braucht wohl schon ein wenig Überredungsgeschick, kann da nicht wirklich urteilen, die Partnerin zu überzeugen, dass man dafür lieber an fünf Wochenenden mit Kollegen Sand durch die Schweiz trägt. Als Training. Damit man danach statt in der klimatisierten Suite auf Lanzarote in Holland auf Plastikmatratzen in einem stickigen Messezelt lebt. Anstelle des Buffet mit Kaviar und Hummer labt man sich an Fingerfood aus Tupperware, welchen man nach dem Einkauf – stehend in öffentlichen Verkehrsmitteln – am Abend vorher auch noch selber zurecht schnippeln muss. Die Zehen vergraben sich nicht in feinem weisse Sand, sondern schwimmen in einem Pampe von Schweiss, Regenwasser, Blut und aufgelösten Bandagen. Statt Cüpli und Caipirinha süffeln wir Salzwasser und Isostar aus Plastikflaschen, an welchen vorher sonst wer genuckelt hat.

Plastikbecken mit kaltem Wasser ersetzen den Pool und anstelle der Massage werden Blasen aufgeschnippelt.

Ob ich die Herausforderung angenommen hätte, so ich um den Aufwand und die Strapazen gewusst hätte? Definitiv nein, Gott bewahre, niemals.
Daher, ein Segen, dass ich mit blauäugiger Naivität geschlagen war, denn ich will keine Minute missen. Jeder mit ein paar Groschen in der Börse kann einen Club-Urlaub mit Schirmchendrink buchen, die grösste Leistung mag darin bestehen, dass man einmal um den Planeten fliegt. Die Teilnahme am 4-daagse muss man sich verdienen. Es ist nichts, was einem das Reisebüro oder der Planer für Adventure-Reisen anbieten kann. Jeder musste an sich arbeiten, sich qualifizieren und nicht zuletzt, die vier Tage durchstehen. Es gibt keine Reklamationsstelle wenn die Dusche kalt war und kein Geld zurück, wenn beim Abendessen das Fleisch ausging. Es wird nebst der körperlichen Eignung die Fähigkeit für Teamgeist gefordert, die eigenen Ansprüche zurück zu stellen und einzuspringen, wo Not am Mann war.

Das letzte halbe Jahr stand unter der Vorbereitung für diese eben verstrichene Woche. Schon vor den 4-daagse hatten wir gewonnen, mancher bestätigte, dass er sich noch nie so fit gefühlt hätte.
Irgendwie ist eine kleine Leere, ich merke bereits, dass die körperliche Fitness nicht die hohe Priorität hat und muss irgendwie wieder die Wochenenden füllen. Nun, werde mich daran gewöhnen.
Und vielleicht stehe ich ja wieder einmal im Camp Heumensoord, wenn es durch die Morgendämmerung klingt; „welkom bij de 4daagse“.4da

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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