Auch die Schweiz ist schön

Es muss ja nicht immer das Ausland sein.
Also dieses jenseits des Schlagbalkens, denn irgendwie fremd ist man im Berner Oberland auch.

Camping Eigernordwand, wenn dass nicht einladend klingt. Gut, der zugewiesene Platz schien mir eher auf Wohnwagen und Motorhomes ausgerichtet zu sein, für Wasserwaagenfetischisten, aber stabile Heringe, welche das Zelt sackartig an Ort und Stelle hielten, verhinderten, dass ich in meinem Schlafsack des Nachts den Hang runter rodelte, bis die Kunstfaser und mein Hintern eine schmerzhafte aber innige Beziehung eingingen.
Die Camper rundherum waren frontseitig so aufgebockt, dass man sich an der Startlinie eines Dragster-Rennen, sponsered by Hymer, wähnte.
Aber ich bin zu unbekümmert, um mich an solchen Dingen zu stören.
Ruckzuck stand das Zelt, den Wagen davor gestellt, wie vom alten Platzwart geheissen. „Tüeched eues Auto hie grad ane, denn stellt nid en angere sis Zeaut grad a üches ane“; Ich muss Privatsphärenbedürftig gewirkt haben.
Zur linken ein alter VW T2 mit einem deutschen Päärchen, zur Rechten ein Wurfzelt in der Grösse meiner Bergschuh-Tasche, in welchem Benjamin Blümchen wohnte.
Benjamin Blümchen sah aus wie ein französischer Student, dunkler Wuschelkopf, dürr wie ein Zweig im Wind, eine überdimensionierte Hornbrille und ganz verschnupft war der Arme. So, dass er stets seine Nase in ein unglaublich langlebiges Papiertaschentuch entleeren musste. Nicht ein Schneuzen, dass man mit einem Schulterklopfen ein „Fein gemacht“ anmerken wollte, ein ordentliches Rotzen, dass der Schleim beinahe durch die Finger trieft, nein, so ein hohles, schwächliches Ausatmen, vielleicht von ein paar Tropfen Wasser begleitet. In einer nervigen Tonlage, gerade so laut, dass man es noch genug hört, um derab die Wände hochzugehen. Wie diese hüstelnden Leute im Bus, welche lieber im Zehnsekundentakt etwas den Kehlkopf schütteln, statt mal ordentlich loszulassen. Man möchte sie würgen.
Aber selbst dieser trottelige, kränkliche Student in seinem YPS-Zelt, ein alemanischer Franzose, stellte ich fest, dieses Handtuch von einem Mann, reiste mit einer kleinen Blondine. Irgendetwas scheine ich ganz fürchterlich falsch zu machen.

Nun denn, für solche Gedanken hatte ich noch genug Zeit, erst schnürte ich die Schuhe. Ich weiss nicht, worüber ich mich mehr ärgere. Die Schmach, dass ich meine Trekking-Socken vergessen hatte, oder dass ich mir Blasen an den Fersen gezogen habe. Denke schon das Vergessen, einfach zu peinlich.
Aber das spürte ich da noch nicht, also trabte ich los, an der Bahnstation vorbei – seit ich im Wallis anlässlich eines schönen herbstlichen Wanderurlaubs ob meiner Begleitung mehr Bahn fuhr als in einem sehr aktiven Winter bin ich etwas traumatisiert, was die Kombination von Bergschuhen und Bergbahnen anbelangt – die Chinesen freundlich grüssend, in Richtung Alpiglen.
Die Tatsache, dass nur Trottel von Grindelwald aus den Eigertrail ansteuern, verunmöglicht eine Zeitangabe, respektive, ich müsste zu sehr rechnen und zusammensetzen.
Wenn man alleine unterwegs ist, muss man sich selbst beschäftigen. Wie in etwa, Essen erst auf 2000 Meter. Da man in Grindelwald bei 980 startet, es elf Uhr war und schon der Magen leicht knurrte, musste ich mich sputen.kueheDie Kühe tragen wieder Hörner, stellte ich mit Entzücken fest. Nebst der Achtung der tierischen Würde, sieht es doch einfach schmuck aus. Artig machten sie mir Platz, aber man überlegt sich schon manchmal, wie solch ein Vieh reagiert, wenn man es versehentlich erschreckt.
Nicht dass ich ein ängstlicher Mensch bin, möchte ich schon betonen. Gut, dass ich den Steinhaufen, welchen ich zur Mittagsrast erkoren hatte erst wie eine Katze dreimal umrunde, hier dagegentrete, dort einen Stein reinwerfe, würde mich wieder lügen strafen. Aber ich lebe in einer ständigen Panik vor Kreuzottern, doch das ist eine Phobie, das ist was ganz anderes.rabTja, einmal muss man sich selbst in Szene setzen.
Sass also da, beobachtete den Touristenstrom unter mir und so man sich fragt, was Renter macht, wenn er mit der nervigen Frau zu Berge muss…rentner-zeitungDaumen hoch für mein Spanner-Objektiv.
Weiter ging es über Schneefelder an den zu Berg gefahrenen Japaner vorbei. Ich gestehe, Asiaten nicht unterscheiden zu können, will da niemandem zu nahe treten. Im Gegenteil, ich finde sie recht knuffig, wenn sie daher kommen mit ihren Switzerland-Hütchen, den Kameras und über alle Backen strahlend. Grüsst man noch im kernigsten Grüäzi, scheint die Sonne aufzugehen.
Und es ist zu witzig, wenn sie über Schnee gehen.asiaten-1asiaten-2Statt Schweizer Höflichkeit walten zu lassen, zücke ich lieber die Kamera.
Selbstverständlich genoss ich auch die Aussicht.eigerDie Wand hat einfach was mystisches. Wunderschön.kleine-scheideggeiger-nordwandAn sich wollte ich nur ein Eis am Stiel. Gar nicht so einfach. Ich fand Bernhardiner, Tassen, Kappen, Schirme, Taucherbrillen, Handschuhe, Murmeltiere, aber kein Eis am Stiel. Da schien eine Abmachung zwischen Souvenir-Shops und Restaurantbetrieben zu herrschen. Glücklicherweise stand da ein Prager-Vermächtnis auf Rädern und bot zu ordentlichen Bergpreisen Mövenpick-Eis feil. Schon sehr touristisch ausgerichtet, die Dame auf dem Wagen verstand kein deutsch, letztendlich musste ich tatsächlich auf englisch bestellen.
Alle Coupe Dänemarks inbegriffen habe ich noch nie ein solch kostspieliges Eis genossen. Und noch nie eines, dessen Preis so gerechtfertigt war. Vielleicht war es das Ambiente, vor dem Souvenirshop auf den Stufen sitzen und Eis lecken, oder dann ist Mövenpick wirklich das beste Eis, so oder so, ihr El Bertins könnt euren Ramsch-Laden schliessen.
Es machte durstig. Also doch noch auf die Terrasse des alt-ehrwürdigen Bellevue und aus der reichhaltigen Getränkekarte eines von drei Bieren ausgewählt. Das einzige Schweizer Bier und dann noch ein Eichhof, aber was solls. Die bedienende Prinzessin Kate mit polnischem Akzent war zumindest im Ansatz der deutschen Sprache mächtig.
Grundsätzlich wollte ich wieder ins Tal, um in der örtlichen Migros noch ein Abendessen zu greifen, aber es war einfach zu gemütlich.
Da es mein Vater verstand, mich tagelang über die Hügel zu geleiten, ohne dass wir auch nur die Fahne eines Restaurants sahen, ist dieser Luxus, der Erwerb eines exotischen Nahrungsmittel während der Wanderung, immer noch eine spezielle Erfahrung.bierBei aller Liebe zum Camping, irgendwann muss ich eine Nacht in diesem Hotel absteigen.

Absteigen; Es ist nicht so, dass es extrem mühsam wäre, es ist einfach langweilig. Das einzige Ziel war, die Migros vor Ladenschluss zu erreichen. Gut, nach sieben Stunden merkte ich die 1700 Höhenmeter kumulierter Aufstieg – natürlich ohne eingerechneten Abstieg – schon etwas in den Beinen und der blutigen Ferse, daher war ich nicht unglücklich, dass der Volg im Tal noch offen hatte und ich nicht auf der anderen Bergseite wieder hochsteigen musste.

Die nächste Bergchallange war mein Gaskocher am Hang. Mit einer Hand die Pfanne haltend, mit der anderen den Wind abschotten, damit das Wasser doch noch einen Siedepunkt erreicht, musste ich ob drohender Gasknappheit irgendwann die Entscheidung treffen, weiche Pasta oder Frühstückskaffee.
Der Kaffee siegte, die Pasta war etwas knackig und kühl, aber solange man sich nicht die Mundhöhle aufschlitzt… Habe schon schlimmer gegessen.

Mangels Badelatschen, bin ja keine Tussi, erntete ich von den Dauercampern böse Blicke, also ich in meinen Trekkingschuhen in die Dusche latschte. Mein Gott, weil die etwas Kuhmist scheuen, muss ich mir doch keinen Pilz holen.
Sind mir sowieso zuwider, diese Leute.
Bauen sich eine Gartenlaube mit Wasseranschluss, Strom, Flat-TV, Kabelnetz und Kühlschrank. Legen diese mit Teppich aus, fahren einen Wohnwagen hinzu, hängen die elektrische Fliegenfalle raus und sagen, sie seien Camper.
Was immer der Platz gekostet hat, ich weiss es bereits nicht mehr, die Dusche war jeden Franken wert. Kein müder Finger vom ständigen Startknopf drücken, keine fünf-Minuten-Begrenzung für Warmwasser; Eine ganz normale Dusche. Wunderprächtig.

Am Tag danach, Benjamin Blümchen röchelte in den letzten Zügen. Nachdem sein lästiges Schneuzen bis in die Nacht andauerte, machte sich etwas Schadenfreude breit. Aber er wurde hingebungsvoll von seinem blonden Lieschen betreut.
Meine Casio Pro-Trek zeigte um fünf Uhr in der Früh 10 Grad an, das Kondenswasser im Zelt bestätigte noch tiefere Temperaturen ausserhalb meiner Masoala-Halle. Ich bin überzeugt, bei der modernen Zeltentwicklung wird die Firma Ceylor ganz eng eingebunden.
Das Kondenswasser sollte die Zeltbahn hinabgleiten und im Boden versickern, so die Idee des Entwicklers. Nun, es gleitete erst, als ich mit dem Rücken die Plane touchierte. Aber was solls, immer noch lieber als eine Holzlaube mit Rasenteppich und angestelltem Wohnwagen. Nass, aber zufrieden frühstückte ich mit Blick auf die Nordwand.fruehstueck

Hernach gönnte ich mir die Gletscherschlucht. Einfach um Zeit tot zu schlagen und ich keine Lust hatte, alleine im Hooters zu lunchen.P1000969Ob sie den Ausflug und Eintritt wert ist? Nun ja, die Holzstege haben gewiss Geld gekostet, also zweiteres kann ich geben. Ansonsten… Ist ganz hübsch, aber nicht die alleinige Anreise wert.
Alles andere schon. Ich mag die Berner mit ihrer höflichen Gemütlichkeit.

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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