Aus dem Leben eines Dorfbewohners

Mein Vermieter muss sich alle zehn Finger geleckt haben.
Nicht manchem kann man eine Wohnung andrehen, deren Wohnzimmeraussicht auf den Horizont durch ein Scheunendach dermassen beeinträchtigt wird, dass die Sonne nur jedes Schaltjahr am 31. Juni über den First scheint.
Wenn ich mich etwas aus dem Fenster streckte, konnte ich sogar die Ziegel richten. Nicht, dass sie gerichtet hätten werden müssen, nur um die Nähe zu veranschaulichen.
An die Scheune angebaut befand sich ein gemeindeeigenes Mietshaus mit netten Nachbarn, bis die Gemeinde zum Schluss kam, dass die Wohnung in welcher der Mieter Grossmutter wohnte, nach allgemeinen Massstäben eigentlich gar keine Wohnung wäre. Dies zog mit sich, dass aus der Wohnung, welche keine Wohnung war, eine ganze Liegenschaft wurde, welche in Abstimmung mit einem strassburgischen Menschrechtserlass über die Bewohnung von nicht existenten Wohnräumen und Liegenschaften bestenfalls zur Unterbringung von eritäischen Flüchtlingen eignen würde, wogegen sich aber der Gerichtshof Den Haag, anlässlich der Verordnung zur Bemutterung von Kriegsverbrechern aussprach und die Vereinten Nationen in Genf bemühten, während die Weltgesundheitsorganisation weiss geschürzte Experten auf den nicht zu richtenden Ziegeln krabbeln liess, um einen Ebolabefall der importierten Schindeln auszuschliessen.
Kurzum, die freundlichen Mieter, welche in einer nach besagten Richtlinien nicht zu bewohnenden Wohnung zwei ordentliche Kinder heranzogen, mussten sich eine neue Bleibe suchen.
Leicht überspitzt, aber ich bin ja nicht Satiriker, weil ich mich über das Leben lustig mache, sondern weil sich das Leben über mich lustig macht.

Da zeitgleich am Millionenhügel des Dorfes, das wäre oberhalb des alten Kinderheimes, links der Altglascontainer und unterhalb des Kindergartens, so ungefähr, die Fertigbauhäuser wie Pilze aus dem feuchten Herbstboden spriessen – das geht mittlerweile auch schneller als der Durchschnitts-Papa eine Lego-Tankstelle auf einem Noppenbrett zusammensteckt – überträgt sich die Fruchtbarkeit durch das ordentliche Fundament, via Kartonwand in das elterliche Schlafgemach und die Kinder tun es den Pilzen gleich.
Einer amerikanischen Kleinstadt ähnlich, wird mir die Population Eingangs des Millionenhügels – dem Proletariat ist es mit ausgestelltem Visum und / oder Legitimation eines Bürgers/Bürgen besagten Quartiers gestattet, selbiges zu betreten und / oder zu befahren – wie hoch der tages-, nein, stundenaktuelle Stand der Nachkommen wäre, um den geneigten, und aufrechtsitzenden ebenfalls, Autolenker zu einem Anpassen der Geschwindigkeit zu ermahnen.
Da gibt es nichts zu mäkeln und da ich alleine schon die Geschwindigkeit reduzieren muss um meine ungeteilte Aufmerksamkeit auf das Schild zu richten, hat es seinen Zweck bereits erfüllt. So nicht just in diesem Moment des Nachbars Katze unter meinen Wagen huscht. So ganz grundsätzlich reduziere ich die Geschwindigkeit in kinderreichen Quartieren und seit eine resolute Mutter mit dem Unihockey-Schläger ihres auf der Strasse spielenden Zöglings mir durch das fahrerseitige Seitenfenster eine überbraten wollte, schliesse ich auch selbiges und halte die Luft an. Nur um auf Nummer sicher zu gehen. Selbstverständlich ermahnt mich auch ein Zeugungsbescheinigungs-Aufkleber am Heck eines Minivans zur erhöhten Vorsicht. Wobei ich gestehen muss, diese lasse ich auch sonst walten, in der vielleicht irrigen Meinung, auch Leute ohne „Baby an Board“ Aufkleber und jene, welche mich nicht gezielt darauf aufmerksam machen, dass sie für Tiere bremsen, würden gerne überleben.

Nun, der Fruchtbarkeit am Millionenhügel – für die ich überaus dankbar bin, denn jeder zugezogene Millionär senkt den Steuerfuss – Rechnung tragend, müssen neue Unterrichtsräume erstellt und vielleicht noch die eine oder andere blonde Primarlehrerin eingestellt werden.
Die Scheune mit angebauten Wohneinheiten wurde abgerissen und wie ein langjähriger Sing-Sing-Bewohner, wurde ich von einem spektakulären Panorama und Sonnenlicht förmlich überrumpelt. Etwas zu wenig narzisstisch veranlagt, bin ich kein Anhänger der Selbstdarstellung, die baulichen Voraussetzungen erlaubten mir bisher, auf jeglichen Sichtschutz zu verzichten.
Dem Raumklima Rechnung tragend, mein Vermieter wird das wohlwollend aufnehmen, pflege ich das mit lupenreinem Klarglas bestückte Fenster meiner Nasszelle / Toilette zu öffnen. Man sieht sich dann auch gleich viel besser im Spiegel wenn man den Duschvorhang zur Seite schiebt, so von sich überzogen ist man dann schon. Die Badewanne leicht erhöht, das Fenster leicht gesenkt, diesem Umstand habe ich bisher keine weitere Beachtung geschenkt.
Bis zu jenem Donnerstag Abend, als ich mit ausladenden, nahezu anmutigen Bewegungen das Badetuch über den breiten Rücken meines Adoniskörpers von links nach rechts und zurück zog und das Gemächt dazu im Gegentakt wippte. Trotz des bezaubernden Anblicks vermochte ich den Blick vom Badezimmerspiegel zu lösen und sah linkerhand durch das leicht nach unten versetzte Fenster, wie der Damenturnverein soeben im Begriff war, die Dorfbeiz zu verlassen. Der schon einsetzenden Dämmerung wegen, war natürlich mein geöffnetes, lupenreines Klarglasfenster und die dahinter agierende Person, also ich, in das Flutlicht meiner energiefressenden, ökostrombetriebenen Badezimmerbeleuchtung getaucht.

Selbstverständlich bietet solch ein Auftritt weder Anlass zu Klage, noch wird man darauf angesprochen. Lediglich das Echo der Türglocke im Dorfladen, welches durch die kathedralische Totenstille erklingt, lässt erahnen, dass das muntere Treiben und Getratsche eingestellt wurde, weil eben ein ganz gspässiger Kunde den Laden betreten hat.

Mittlerweile ist das Schulhaus gegen Himmel gewachsen. Eine Art Balkon zielt auf meine Wohnzimmeretage und drei Panoramafenster, ich vermute Klassenzimmer, gegen das lupenreine Klarglas meiner Nasszelle. Der Pausenplatz, um alles abzudecken, gegen die Lichtluke meines Fitnessraums, in welchem ich in Kleidern, deren Annahme aufgrund der Löcher und Abgewetztheit selbst von Texaid verweigert wurde, der körperlichen Ertüchtigung fröhne.
Selbstverständlich wird zu meinen heimischen Präsenzzeiten kaum unterrichtet, doch um nicht etwaige Erzieher beim Elternabend durch die Präsenz eines nackten Mannes im Nachbarhaus an der Seriösität der Erziehungsanstalt zweifeln zu lassen, oder die abendlich übende Blaskapelle zu Misstönen zu verleiten, werden ich mir wohl oder übel ein paar Vorhänge beschaffen, oder die Löcher am besten gleich zumauern lassen.

Als symbolischer Beitrag an das Gemeinwohl und Ausdruck der Dankbarkeit an den Millionenhügel.

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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