Ausflug in die Traumfabrik

Schuld war Captain America. Also eigentlich Black Widow. Ok, reduzieren wir es auf Scarlett Johanssons Hintern.

Ich zappte von ‚The Return of the first avenger‘ weg und durchstöberte meine Online Videothek. Ehrlich, früher mit sieben TV-Sendern, bei Sonnenschein sieben und ein halber, war der Fernsehabend einfacher. Heute öffnet man nebenbei noch Rotten Tomatoes und sieht sich die Filmkritiken an. Rotten Tomatoes ist für manchen Cineasten DER Massstab, ob sich die neunzig Minuten Lebenszeit und sieben Franken fünfzig Miete lohnen.
Bei Under the skin waren sich die Bewerter im weitesten Sinne einig und mit Scarlett Johansson in der Hauptrolle dürfte man meinen, man könne nicht alles falsch machen.

Ein Independent-Film. Das muss nicht schlecht sein. Mit Dallas Buyers Club und Drive darf ich durchaus zwei Perlen heraus picken.
Immer wieder lass ich mich auf das Risiko ein, aber einen guten Independentfilm zu erwischen, gleicht dem Herauspicken des Muffins mit den 13 Blaubeeren aus einem grossen Korb voller aromatisiertem kartonähnlichem Gebäck.

Was ist ein Independentfilm. Für die nicht so Filmbegeisterten.
Wer sich weder von MGM, Disney, Warner, Sony oder anderen grossen Studios seinen Film diktieren lassen will, sucht nach anderen Finanzspritzen. Diese findet er in unabhängigen Investoren oder etwa dem Verkauf von Rechten an unglaublich wichtige Filmevents wie Cannes, oder anderen Orten, an welchen vergoldetes Gestrüpp als Preis überreicht wird.
Ja, ich ich halte nicht sonderlich viel von Indiefilmen im Ganzen, denn ich behaupte, die grossen Studios wissen wie der Hase läuft und ich habe nichts gegen Blockbuster einzuwenden. Ein Blockbuster ist im Ursprung nicht ein Strassenfeger, sondern ein Film, dessen Warteschlange um einen Häuserblock reichte. Benannt nach einer Fliegerbombe im zweiten Weltkrieg, welche einen Häuserblock pulverisieren konnte.
Zudem berauben sie Hollywood des Glamours, welcher für meine kleine Filmtraumwelt unentbehrlich ist. Kino soll mich verzaubern und entführen. Ansonsten kann ich auch ein Buch lesen.

Also, Indie-Filmemacher sind pickelige Studenten, welche den Studiobossen zeigen wollen, wie der Hase läuft. Sie wollen mit ihren Low-Budget-Produktionen ein kleines, aber auserlesenes Publikum ansprechen. Bessere Menschen als der Mainstream-Konsument eben.
Dementsprechend sieht auch der Indie-Film-Konsument aus.
Er, oder sie, fährt ein Damenrad. In den schillerndsten Farben selbst bemalt, mit einem Sattel von der Grösse einer Wohnzimmer-Couch. Am Lenker hängt ein Bastkorb für die Einkäufe aus dem Bioladen und neben der überdimensionierten Chinaklingel ist ein Elefant befestigt. Wenn man selbigen den dicken Hintern quetscht, trötet er vorne wie das Horn in Moses Pray’s Paper Moon-Auto. So wissen alle Spaziergänger, dass man zur Seite springen muss, weil nun ein intellektueller in Batik-Shirt, Cordhose und mit wehendem Schal des Weges kommt. Radelt.

Der Independent-Konsument besucht auch gerne Kurzfilmfestivals. Dort beobachtet man, wie ein Student die Emotionen im Inneren eines Fahrstuhls einfängt, mit Fokus auf den Tür-Zu-Knopf und die Beweggründe der als Statisten fungierenden Protagonisten selbigen zu bedienen. Hektisch, mal intensiv und hier wiederum eine Gewohnheit. Das Warum und Wieso wird erötert. In dieser kleinen Welt, wo man gefangen ist, der Kommunist sich mit dem Kapitalist zwei Quadratmeter teilt. Man unterwirft sich gemeinsam den Regeln, welche auf einem kleinen Schild neben der Bediensteuerung angebracht ist. An der linken Ecke leicht eingerissen, eine Schraube zur Hälfte abgesplittert. Man teilt sich über die zehn Sekunden das Universum, während man Zeit und Raum überbrückt auf der kurzen Reise in das obere Stockwerk, als synonym für den Aufstieg der Gesellschaft, dem Sieg über die beschwerliche Treppe.
Mit einer abschliessenden Kameraeinstellung in die Steurung. Ein Relais, die mechanik entblösst offen liegend, ein Klick, ein kleiner Funke und… Klappe.
Warum bin ich eigentlich kein Drehbuchautor?
Abgedreht in Schwarz-Weiss. Auf Super 8. Nur wenige Worte werden gesprochen. In Französisch. Mit pakistanischen Untertiteln.

Man schweigt nach dem Ende des Films. Dann applaudiert man. Verhalten, aufsteigend zu frenetisch, da seht, sie stehen auf; Standing Ovation! Tosender Beifall.
Der Regisseur sitzt vorne im Sessel. Fettiges Haar, drei Tage nicht geduscht. Die Cauloises in einer silbernen Spitze. Er stellt sich den Fragen der begeisterten Kurzfilmseher. Groupies würden sofort mit ihm ins Bett. Was heisst, dass man sich auf einer Matratze und einem Sitzsack gegenüber sitzt , mit untergeschlagenen Beinen und eine Nacht lang über Kafka und Nietzsche sinniert. Und sich die Birne wegkifft.

Und zuhause schreibt man in einen Blog. Auf einem Mac-Book. Oh, verdammt…

Nachdem MGM, Sony und Co. die Schauspieler gross gemacht hat, scheinen sie das Gefühl zu haben, sich von ihrer intellektuellen Seite zeigen zu müssen. Ich kann mehr und ich mache es nicht für Geld.
Gut, bei einer Kristen Stewart weiss man nicht genau, will sie sich selber was beweisen, uns was beweisen oder kriegt sie einfach keine anderen Rollenangebote. Bei ‚On the road‘ den gefühlt längsten Film, welchen ich je in einem Kino gesehen habe, setzte ich mich drei mal wieder hin, weil ich dachte, der Film wäre zu Ende und mich erhebte, was sich jedoch nur als eine neue „spannende“ Wende entpuppte. 140 Minuten, welche mir niemand wieder gibt.

Nun hatte also die Scarlett Johansson das Gefühl, die Intellektuellen unter uns befriedigen zu müssen. Ganz ehrlich, nicht einmal die Nackedei-Szenen retteten die cineastische Vergewaltigung des Zuschauers, schlimmer noch, sie zerstörten die Illusion der unnahbaren Black Widow.
Ein ordentlicher Independent-Film nervt schon zu Beginn durch die Nennung unzähliger Produktions- und Investorfirmen.
Ein Schrank-unter-der-Treppe-Film, präsentiert von Baum-am-Ufer-Productions, Screen-Play by Links-um-die-Ecke-Studios, von Cookies-Studios, eine Blaubeer-Produktion von Hau-mich-tot-Pictures… und so weiter. Jeder, welcher einen Fünfliber in den Klingelbeutel geworfen hat wird erwähnt.

Danach kommt der Einstieg. THX-1138 trifft Space-Odyssey, aus einem Auge wird….
Ja, ich nahm kurz die Wäsche aus dem Tumbler. Ist gleich neben meinem Home-Cinema und ich hatte bereits den Eindruck, nichts zu verpassen.
Ich kam zurück, die Hommage an Stanley Kubrick war noch nicht zu Ende.
Villeicht bin ich zu dümmlich oder mainstream für Independentfilme. Ich vermochte mich nicht zu begeistern, für den namenlosen Alien in Scarlett Johansson-Hülle, welcher lüsterne Männer anlockt. Soweit nachvollziehbar. Sie schmiert dem Mann in unschuldsmanier Honig um den Mund, lockt ihn mit der Aussicht auf Sex nach Hause. Pausibel, dass neunzig Prozent der Männer folgen würden.

Achtung Spoiler. (Ein Spoiler verrät überraschende Wendungen des Films)

Dort betritt sie einen dunklen Raum, schreitet voran und beginnt sich zu entkleiden. Der Mann folgt, über einen Spiegelboden in einem schwarz gehaltenen Raum. Entkleidet sich ebenfalls. Komplett. Folgt ihr immernoch mit erigiertem Glied. Dinge, welche der Mainstream-Zuschauer nicht sehen will. Es sei denn, mit meiner Genugtuung, dass die Darsteller doch recht bescheiden bestückt waren. Beinahe schon komisch dürftig, aber mir fehlt der Vergleich. Der Independentfan am Kurzfilmfestival würde den Punkt als bedingungslose Hingabe positiv bewerten.
Die Männer versanken im Boden. Einem schwarzen Nichts. Glitten durch einen unendlichen, schwarzen Raum, schwerelos. Wurden ausgesaugt. Nicht erkennbar von wem oder durch was.
Bis das Alien bei einem entstellten Mann Mitleid entdeckte. Daraufhin flüchtete. Vor einem Motorradfahrer, welcher irgendwie den Tatort-Cleaner machte. Er beseitigte alle Spuren der entführten Männer. Oberflächlich, in kurzen Einstellungen.
Findet Unterschlupf bei einem Bauern. Flüchtet wieder.
Wird von einem Waldarbeiter beinahe vergewaltigt. Reisst ihr mitsamt BH die Haut vom Rücken.
Der Waldarbeiter flieht. Kehrt zurück und macht das einzig sinnvolle, was man vor 100 Minuten schon hätte tun sollen. Er übergiesst Scarlett mit Benzin und fackelt sie ab.

Warum das Alien Männer fing, keine Ahnung. Wer der Motorradfahrer war, keine Ahnung. Und dies waren schon die einzigen Elemente des Streifens.

Ich verwehre mich gegen den Vorwurf, ein reiner morderner Blockbuster-Kinogänger der seichten Unterhaltung zu sein. Wobei kein Fehl darin liegt, wenn man die modernen Produktionen schätzt.
Ich neige dazu eine Grenze zu ziehen. Modernes Filmschaffen hat nichts mit den Klassikern gemein und sich für das Eine zu begeistern, schliesst das andere nicht aus.

So begeistere ich mich für die Marvel-Produktionen, es interessiert mich keinen Deut, wieviel aus dem Computer stammt und wieviel zig Millionen Budget Disney zur Verfügung hat. Es sind solide Filme, mit unterhaltender Story und tollen Akteuren.

marvelUnd ich bin nahezu vernarrt in Filme wie Casablanca (einer meiner Lieblingsfilme), Das Fenster zum Hof, Psycho und Der längste Tag.
Wir werden nie mehr Akteure wie Humphrey Bogart und Ingrid Bergmann erleben. Die richtig alte Schule, Schauspielkunst mit Hingabe. Die Heroisierung eines Mannes im Stil von Rick, es sei denn er wäre ein Superheld, würde von der heutigen emanzipierten Gesellschaft schlichtweg nicht mehr goutiert. Keine Frau wird jemals wieder einen Mann in diesem Masse anschmachten. Die Kritik am Nazi-Regime, heute gehört es zum guten Ton im Filmgeschäft, war damals ein Affront in höchstem Masse und verdient den Respekt.casablanca
Das Spiel von Grace Kelly und James Stewart erinnert mich stets an ein Bühnenstück. Der ganze Film spielt in Jeffreys Wohnung oder dem Blick aus dieser, eben zum Hof, ein Minimum an Schauplätzen und er wird nie langweilig. Was durchaus dem excellenten Spiel der Akteure zuzuschreiben ist. Mir wären keine neuzeitlichen Schauspieler präsent, welche diese Leistung vollbringen könnten.
Mein vollstes Verständnis und eine kleine Portion Neid posthum an Fürst Rainier.dasfensterzumhof

Alfred Hitchcock muss ein fürchterlicher Regisseur gewesen sein. Tut mir leid für Anthony Perkins und Janet Leigh, aber ich danke seinem peniblen Schaffen für einen excellenten Film, welcher die eher dürftige Buchvorlage ordentlich in das Regal der Schundliteratur zurück verbannt. Eine Frau wird in der Dusche erstochen. Simpel. Hitchcock erschuff eine der brutalsten Filmszenen, ohne dass man Einstiche sah, ohne Blut, ohne Nacktszenen. Nur durch excellente Schnitttechnik und der musikalischen Untermalung durch die legendären stakkatohaften Psychoklänge. Heute schafft man Ekel durch Blut, zerfetzte Körper und möglichst realistische Schlachtszenen. Hitchcock schafft Atmosphäre. Man musste sich nicht angewidert abwenden, er brauchte nicht mit Ekel zu arbeiten. Was man nicht sah glaubte man zu sehen und er zog einem in den Schauplatz des Geschehens.psycho

Geschichtsunterricht mit John Wayne, Sean Connery, Henry Fonda, Robert Mitchum, Gert Fröbe, Curd Jürgens… ich höre auf. Ein solches Star-Ensemble versammelt heute nur noch der verkannte Sylvester Stallone auf der Leinwand und dies nur, weil er die Sehnsüchte der 80er-Jahre Action-Fans lukrativ befriedigt.
Drei Regisseure, ein deutscher, französischer und amerikanischer, arbeiteten daran, die Handlungsstränge des D-Day originalgetreu auf die Leinwand zu bannen. Ein Meisterwerk, dass trotz cineastisch ansprechender Aufbereitung keine Abstriche an historischer Detailtreue macht und dazu keinerlei gewaltverherrlichender Mittel noch heraushebender Darstellung einzelner Charaktere bedarf.der-längste-tag

Was ich damit zum Ausdruck bringen will; Das alte Filmschaffen war nicht besser als das Neue, und das Neue ist nicht schlecht per se, weil es die Massen bedient. Es sind unterschiedliche Zeitalter, man darf sie nicht gegeneinander ausspielen. Und Independentfilme darf man getrost Scheisse finden, auch wenn mit diesem Stilmittel pickelige Filmschaffende gegen die kapitalistischen Grosskonzerne aufbegehren.

Der einzige Fehler den ihr begehen könnt ist, dass ihr grossartige, alte Filme in hochauflösender High-Definition-Qualität besorgt. Scharf und neu ist nicht immer besser. Ihr verliert euch in dürftig gestalteten Kulissen und der Film verliert daraufhin seinen Zauber. Wie eine alte Vinyl-Platte durch ihr Knacken besticht, verzaubern alte Filme durch das, als was sie gedacht waren; Eine Traumwelt auf Zelluloid. Beraubt sie nicht ihres Vermächtnis, erhaltet den Zauber.

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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