Billigschrott aus Fernost

Selbstverständlich ist folgende Anekdote nur andeutungsweise an reale Begebenheiten gebunden.

Selbstverständlich belügen wir unsere Klientel nicht. Der Kunde braucht sich nicht mehr verschaukelt zu fühlen, als wenn er Bündnerfleisch von argentinischen Rindern kauft, oder sich an einem Erdbeerjoghurt labt, dessen Fruchtanteil aus aromatisierten Sägespänen besteht.

Der Endverbraucher in der Unterhaltungselektronikbranche hat sich das Angebot selbst geschaffen. Wenn Geräte nichts mehr kosten dürfen, muss die Produktion noch günstiger ausfallen und da der Preis der Rohstoffe ab einem gewissen Punkt nicht mehr verhandelbar ist, muss eben anderweitig gespart werden.

Eine Konstruktion muss als Gesamtes funktionieren, was bedeutet, dass die Styroporverpackung durchaus ein tragendes Element des Gerätes sein kann und es ohne selbige gerade den Transport in oder auf den Fernsehtisch übersteht. Und dann hat man noch Glück, Styropor, eigentlich Polystyrol, ist nicht gerade umweltfreundlich, kleine Fische sterben beim Verspeisen der Kügelchen und mit 6,5 Kilogramm pro Kubikmeter ist die Entsorgung über den Hausmüll bei der volumenbasierten Gebühr schnell eine Budgetfrage. Nicht selten weichen Hersteller auf kunstvoll gefaltete Kartonfüllungen aus. Diese liegen enger um das Gerät, als Schwiegermutters Keilhose am Oberschenkel, während sie im Wohnzimmer die frühmorgendliche Gymnastikstunde auf dem Bayern-Fernsehrundfunk begleitet. Ein Satellitenreceiver aus dieser Verpackung zu befreien ist mühseliger als das Pellen einer unreifen Orange, der Aspekt, dass der Kunde einem und sein künftiges Heimunterhaltungssystem mit Argusaugen überwacht verleiht der Sache den Charme einer Bombenentschärfung. Mit Magnetkontakt. In einem fahrenden Zug.

Nach dem Entfernen der Verpackung ist der Gehäusedeckel festzudrücken und auf den geeigneten Augenblick zu warten, die Finger zu lösen, dass dieser die neugewonnene Freiheit mit einem Blopp und Knacken begrüsst.
Was war das? Ist der jetzt kaputt?
Das Abziehen der Displayfolie, einst ein beinahe erotischer Akt, hat sich zu einem Spiessrutenlauf gemausert, ob sich die zu schützende Abdeckung hernach noch am Gerät befindet oder an der Folie heftend im Wind schaukelt.

Unauffällig zieht man des Gerät im TV-Möbel wieder ein Stück nach vorne. Die ideale Position will gesucht werden, der Konsens zwischen Bedienkomfort und ästhetischer Wirkung. Der Receiver darf hier sein, er darf gesehen werden, schliesslich hat er 345 Franken gekostet, aber das Gerät darf nicht so dominant platziert werden, dass der zufällige Besucher auf eine häufige Nutzung desselbigen schliessen würde. Man schaut letztenendes nicht oft fern.

Es ist dem Kunden stets ein Anliegen, den Monteur auf den eigenen Fernsehkonsum hinzuweisen. Arte steht ganz hoch im Kurs, wer Arte schaut wirkt gebildet und bilingual, dieser Aspekt geht gerne vergessen. Bei der analogen Satellitentechnik beinahe unausweichlich, wenn man das Prinzip der zwei Tonträger nicht ganz verstanden hat. Nicht selten traf man eine ganz konfuse Oma, welche Arte stets in französisch und deutsch zugleich sah, Rosamunde Pilcher in der Originalsprache und als Hörfilm beinahe synchronisiert, bei RTL aktuell aus dem zweiten Kanal stets die Carpenters Top of the World zum Besten gaben und die Katze der Schwarzwaldfamilie Faller in Seelenruhe auf dem Spaltstock lag, obwohl die Toten Hosen auf dem rechten Tonkanal soeben Alex seine Horrorshow eröffnen liessen.
Für die Nicht-Techniker, wir wollen keine Spartenlektüre abliefern, bei analogen Satellitenreceivern wurde das Bild auf einer Frequenz geliefert, auf einer weiteren sandte man den Ton dazu in die gute Stube. Diese galt es aufeinander abzustimmen. Da nun jedoch für jede Bildfrequenz mehrere Tonträger vorhanden waren, packte RTL zum Beispiel noch seinen RTL-Oldie-Sender rein, der Südwestrundfunk einen seiner Radiosender, Eurosport hatte die deutsche und englische Sprache und so weiter. Gerade bei ausländischen Mitbürgern bestand die Herausforderung darin, den richtigen Tonkanal zu finden, da dieses Balkan-Kauderwelsch sich irgendwie ziemlich ähnelte. Der Kunde, seinerseits der deutschen Sprache so mächtig wie ich seinem kurdischen Bergdialekt, war keine direkte Hilfe und man musste sich auf das Nicken und jedwelche Uga Uga-Laute der zahnlosen Oma verlassen. Oder die Kinder, welche magnetähnlich an die Bildröhre gezogen wurden.

Hach, da werde ich herzloser Schreiber noch nostalgisch. Früher…sat-empfangDanke an Radio Botz

Nun, der Kunde sieht also gerne Arte, dann und wann die Tagesschau und natürlich National Geografic. Wäre dieser nur nicht verschlüsselt. Er würde nur diesen schauen, so es doch irgendeine Möglichkeit gäbe.
Man kann es sich schlecht verkneifen, man muss den Herren darauf aufmerksam machen, dass man ihm für sieben Franken gar noch den Biography und den History-Channel draufpacken könnte.
Er würde ja schon, aber seine Frau…
Was seine Frau, schallt es aufs Stichwort aus der Küche.
Ja, weisst du, dieses teure Pay-TV…
Nichts kaufst du mehr!
Mit schulterzuckender Resignation, gar nicht so unglücklich wirkend, wendet er sich wieder einem zu, er würde ja schon, aber eben…
Vox und RTL sollten auch noch in die Liste, mehr wegen der Kinder. Nur wegen der Kinder

An dieser Stelle darf man vielleicht einflechten, dass es dem Techniker so lang wie breit ist, welche Sender der gute Kunde schaut. Selbstverständlich kann man sich ein Grinsen nicht verkneifen, wenn im Regal die VHS-Kassetten der Miss Italia nel Mondo, Rai Uno 1993 bis 1997, nicht annähernd so verstaubt sind wie Andreas Christoph Schmidt’s „Im Schatten Pasternaks – Peredelkino, ein Ort mit Schriftstellern“, Arte 1995, aber letztendlich erklären wir dann und wann auch, wie Herbert seinen Lieblingsporno von VHS auf DVD überspielt, daher sind wir schon abgebrüht. Und das Maul zerreissen wir uns sowieso.

Wir waren bei der korrekten Ausrichtung des Gerätes, der gute Konsument ist hin und weg, völlig übersehend, dass wir nur die Schleifspur zu verdecken suchen, welche die aus dem Gehäuse ragende Schraube auf der dänischen Kombiserie hinterlassen hat. Gehalten in eierschal, eierschal passt ja überall rein.

Den Anschein erweckend, wir würden noch weiteres Zubehör aus der Passform-Kartonschachtel zaubern, suchen wir verzweifelt den verlorenen Gummifuss. Auf Verdacht hin, dass dieser soeben in Seoul bei Samsung SDI eine Maschine blockiert, weswegen drei Ingenieure vom Dach springen werden, klemmt man das Netzkabel – nur mitgeliefert, weil es mit der Elektronik verbunden ist – unter den linken Gehäuserand und behebt das Wackeln besser, als es Hubert mit seinem Bierdeckel im Rössli bewerkstelligt hätte. Und der Hubert kann das gut, worauf im Vreni des öfteren zwei Original Krumme spendiert, aber dazu kommen wir noch.

Der grosse Moment, es fliesst guter, stabiler und ökologisch korrekter Strom in das Gerät.
Leider ist der Billigschrott aus Fernost nie so gnädig, dass er in einem Feuerball von uns geht, sein Abschied ist röchelnd und auch dies sehr zaghaft.
Ein todesähnliches Zucken selbstverständlich gleich bei der Installation, mit Vorliebe ein Absturz, welchen wir natürlich lässig abtun. Meine Ausreden varieren wie die Jahreszeiten, momentan steht auf Platz eins, dass die Ersteinrichtung eine ganz sensible Sache sei, das Gerät soeben technische Höchstleistungen erbringe und dieses schwarze Bild beinahe normal, nein, eher noch gnädig sein und mich – nun ziehe ich mit verschwörerischer Stimme den Techniker-Bonus – nur darin bestärke, dass hier ein ganz robustes Gerät stehe. Denn glauben sie mir, ich habe – das Haupt um 19.2° nach rechts geneigt, ein leichtes bedauerndes Kopfschütteln und die Augen ermattend langsam schliessend, die Hand mit einer bedächtigen, symbolschwangeren aber nicht zu ausladenden Handbewegung mittig der Brust in einer Distanz von 24 Zentimeter vom Körper startend zur rechten Seite bewegend, die Distanz auf 37 Zentimeter erweiternd und um 13 Zentimeter versetzt tiefer langsam zum Stillstand kommend – jeden Scheiss gesehen.
Anstelle eines Academy-Awards wird mich Petrus vor dem Himmelstor wohl eher etwas zur Seite nehmen und mir ins Gewissen reden.

Dem Kunden gefällt es, wenn er ein richtiges Arbeitsgerät in seiner dänischen Kombiserie stehen hat. Erinnert es an sein Goggomobil, welches er mit Bleifuss über den San Bernardino gejagt hat, den Pullover lässig über die Schultern geworfen und die Ärmel vor der Brust verknotet. Läuft und läuft…
Nun, seit den frühen Siebzigern hat sich viel verändert, zum Beispiel kauft man Billigschrott aus Fernost und keine deutsche Wertarbeit mehr.
So sehr der Kunde auch beeindruckt sein mag, die Saat des Zweifels ist gesät und sie fällt auf fruchtbaren Boden. Hat erst gestern der Grossverteiler seinen neuen 129 Franken Kühlschrank zum dritten Mal ersetzt, beim Durchdrehen der Go-On Ratsche aus dem Baumarkt hat er sich den Daumennagel eingerissen und des UV-beständige Lidl-Sonnenrollo über dem Wintergarten flackert in dutzenden Streifen fröhlich im Frühlingswind.
Nun wäre der geeignete Zeitpunkt, die Wohnung zu verlassen. Die Passform-Kartonschachtel vor sich her tretend, die koreanische Werksarbeit am Netzkabel hinter sich herschleifend, während die auslaufenden Billigbatterien auf den Flokati träufeln.

Aber es gilt den gesunden Menschenverstand auszuschalten und dann beginnt die Märchenstunde, Trudi Gerster würde sich interessiert nach vorne beugen.
Aus aktuellem Anlass wurde ich unlängst mit meinen eigenen Erklärungsversuchen konfrontiert, betrachtet es als meine Beichte und Petrus soll dies in seinem grossen Buch vermerken.
Bei der Aufschaltung von hochauflösenden Signalen kam es zu einer Überlagerung mit den standard-digitalen Signalen. Der Receiver befindet sich ein einer Konfliktsituation, versucht die Signale zu konvertieren, stellt jedoch trotzdem nur jeweils eines von beiden dar, leider eben abwechselnd. Eine spezielle, herausragende Eigenschaft des Gerätes, dass es diese Eigenschaft besitzt, ein anderes Gerät – Billigschrott aus Fernost, aber aus Incheon statt aus Seoul – würde den Dienst quittieren, aber dieses Wunderwerk der Technik würde dies schaffen und das kleine Ruckeln zwischendurch verschwinde, sobald die Senderanstalt das Signal mit dem Gerät synchronisiert habe.

Als mir der Kunde diesen Sachverhalt erklärte, kräuselte ein leichtes Lächeln um meine Lippen und als ich soeben ausholte ihn zu fragen, wer ihm diesen, zugegebenermassen originellen, Bären aufgebunden habe, beendet er seine Ausführung; … haben sie gesagt.
Die eingesogene Luft benötigte ich für ein kleines Hüsteln, Zeit gewinnen. Ich konnte mich partout nicht erinneren. Hatte auch ein wenig ein schlechtes Gewissen.
Schaute der Mann einen ruckelnden ZDF, in der Gewissheit, gleich morgen würde es besser werden. Seit über einem Jahr.

Ich tat das einzig richtige. Richtete mich auf, streckte meine Hand aus und entschuldigte mich in aller Form für diese Aussage, welche sich im Nachhinein als falsch erwiesen hätte und würde ihm gerne entgegen kommen, indem…

Natürlich nicht! Mein Brötchengeber würde mich massakrieren.

Es müsse eine Konflikt mit dem Common Interface vorliegen. Diese Sache mit dem Signal wirke sich auf die Verschlüsselung aus und wegen des Cryptoworks-Decoders, welcher nicht für das Dauerscript ausgelegt wäre, würde wahrscheinlich das Netzteil überlastet, was die stündlichen Abstürze zur Folge hätte. Ein Selbstschutz des Gerätes, damit es keinen Schaden näme. Ein gutes Gerät habe er da.
Wäre ich richtig gut, würde ich ihm noch richtig teure Low-Noise-Converter verkaufen, da ein stärker Signalfluss das Netzteil unterstützen und daher natürlich auch stabilisieren würde.
Aber morgen wollte ich mich rasieren, was bedingt, dass ich mich im Spiegel anschauen kann.

Wie erwähnt, wer tanzen will muss die Musik bezahlen, wer nicht bezahlen will muss seinen Walzer selber pfeifen. Mein Mitleid mit der Klientel hält sich etwas in Grenzen. Selbstverständlich ist der Einzelfall mit einer gewissen Tragik behaftet, aber das Kollektiv betrachtet, wer nichts bezahlen will erhält nichts, dass er dieses Nichts vom Fachhandel geliefert haben will macht aus einem Nichts auch kein Etwas. So zerbröselt der Keks.

Die nächsten Tage wird die zyklusbedingte Ausrichtung der Astrasysteme im Orbit vollzogen und, aber dies wissen wirklich nur Fachleute, wird die lokale Oszillatorfrequenz neu kalibriert. Sein spezielles Gerät könne die neue ZF verarbeiten, was zu einer deutlichen Stabilisierung des DiSEqC-1.2 Befehls führe. Er würde es sofort sehen.

Herr Hübeli ist voller Dankbarkeit und Hoffnung.
Ich der Hölle ein Schritt näher.

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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