Böse, geizige Europäer

Wir hatten ihn schon beinahe vergessen. Den kleinen Jungen mit dem roten Shirt, den gekämmten Haaren und ordentlich geschnürten Schuhen. Tot an der türkischen Küste. Das Sinnbild für das Grauen der Flüchtlingskrise.

Wie konnte das geschehen? Gemäss Medien sollte sich das Bild in unser Gedächtnis brennen, der erste Gedanke morgens, der letzte Abends. Eine weltumspannende Trauer um den kleinen Aylan für den Rest unseres Lebens auf Mutter Erde. Wir sollten unsere Profilbilder einfärben und Blumen an den Strand legen.
Warum haben wir ihn vergessen?

Nun, da wurden in Paris Menschen getötet, wir mussten unsere Profilbilder wieder färben und Paris liegt uns dann doch noch etwas näher als die türkische Küste. Dann beschäftigte uns das Klima weil wir skifahren möchten und Weihnachtsgeschenke wollten besorgt werden.
Des weiteren ranken sich mehr Geschichten um den Tod des Jungen, als ein skrupelloser Schlepper Menschen in ein handelsübliches Gummiboot packen kann. Wie jene, dass der Papa selber Schlepper war und am Steuer des Motorbootes sass. Welches über den Ozean gerudert wurde. Also eigentlich gekentert war. Mal hielt er einen Jungen fest, mal trieben alle im Ozean, mal hat Papa die einzige Schwimmweste getragen und überhaupt wollte er nur nach Europa um sich die Zähne machen zu lassen, weil Western Union keine 14’000 Dollar von seiner Schwester in Kanada anweisen wollte. Asyl in Kanada wollte er nicht und warum er nach allen Schreckensmeldungen und trotz schwerreicher Schwester die Reise über die See und nicht das Land in Angriff genommen hat, weiss wohl nur er selber.
Gewiss kann man sich nur sein, dass da ein toter Junge am Strand lag und die Medien ordentlich Kapital daraus schlugen.

Die gesamte Geschichte drohte vollends in Vergessenheit zu rutschen, da wurde der Papa wieder vor eine Kamera gesetzt. Gerade noch rechtzeitig.
Kampusch kann da ein Lied davon singen. Man erhält Sendezeit im Ersten um vor der Kamera zu weinen. Irgendwann ist man bei Sat 1, dann bei RTL 2 und ehe man es sich versieht, bleibt einem nur noch das verticken der 5 Euro-Schnäppchen bei Pearl.tv.
Die Exklusiv-Interviews bei Bild rutschen vom prominenten Bezahlbereich in die öffentliche Seite und verschwinden irgendwann ganz.

Der britische Sender Channel 4 schenkte dem Papa Abdullah Kurdi Sendezeit. Eine Tradition, jedes Jahr kommt jemand zu Wort welcher das Jahr hinweg im Fokus stand. Oder eine gewisse Einschaltquote garantiert.
Wir alle sollen Türen und Herzen für Syrer öffnen, denn wer eine Türe zuschlägt… und so weiter und so fort.

Ihr denkt es, ich schreibe es. Und wenn ihr es nicht denkt, bin ich halt der einzige welcher so empfindet und kann damit auch umgehen.
Das Geheule geht mir auf den Senkel.
Nebst eine Kindertagesstätte in Armenien soll ich Kindern in Irgendwo ein Haus finanzieren, weil selbige nur einen Karton zum leben haben. Nicht genug damit, der Karton wurde vom Hilfswerk auch noch eingezogen und den reichen Schweizern gesendet um unserem geldverfetteten Herzen einen Schubs zu geben.
Wenn ich nicht wöchentlich drei Hunde adoptiere und für vier Schimpansen eine Patenschaft übernehme bin ich unbestritten der grösste Tierhasser auf Erden, wobei ich dieser sowieso bin, wie mir der VGT versichert, weil ich gerne Fleisch esse. Dann hat der SOS haumichtot noch eine Stiftung, die Winterhilfe will Mäntel kaufen, in Nepal war ein Erdbeben und ein Hilfswerk stellte mir Weihnachtskarten zu.
Ich könne sie schon behalten, auch wenn ich nichts spende, müsse dies einfach mit meinem Gewissen vereinbaren können…

In materieller Hinsicht sind gewiss viele von uns gut gestellt.
Die einen Spenden im Namen der Kunden. Wie grosszügig. Nun, sie spenden einfach Geld, welches an sich schon für Kundengeschenke abgeschrieben war. So generös, wie ich von einem gewonnenen Kilo Marzipan die Hälfte abgebe, weil ich nicht alles verspeisen kann und Marzipan im Grundsatz nicht mag.
Spart sich Müller hundert Franken vom Mund ab, ist es eine nette Geste, nimmt Herr Meier, Nummer 4235 auf der Forbes-Liste, eine halbe Million aus seiner Portokasse, wird eine Bibliothek nach ihm benannt. Stets bemüht, den Menschen als Individum anzusehen, ist bei Spenden die Messlatte doch sehr allgemeingültig gelegt.

Zudem geht im ganzen Spendenwahn vergessen, dass der Mensch mehr als schnöden Mammon zu geben hat. Manchem, da nehm ich mich keineswegs aus, fliegt der Hunderter schneller aus der Brieftasche, als dass er einem Mitmenschen eine Minute widmet.
Es muss nicht jeder den Syrern Tür und Herz öffnen. Man kann mit der Menschlichkeit im Kleinen beginnen. Die Kontaktliste durchblättern und sich kurz überlegen, warum einem der Fritz die Minute nicht wert war, welche man benötigt hätte, seine Nachricht vom Juni 2015 zu beantworten.

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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