Das Fest der Kinder

Meine liebe Frau Mutter zeichnet unter anderem aus, dass sie furchtbar harmoniebedürftig ist. Da sie es geschafft hat, ihre zwei Söhne in getrennten Familien aufwachsen zu lassen, muss dies eine Entwicklung der Neuzeit sein.
Dank dieser unorthodoxen Situation lebte ich den Patchwork-Wahnsinn bevor es mainstream und sexy war. Ein Vorreiter möchte man sagen.

Die Weihnachtszeit ist bestens dafür geeignet Familien zusammen zu führen. Niemand will es, alle machen es. Das Klischee lechzt nach Bestätigung.

Und so kam es zu einer Vorweihnachtsfeier, bei Mutter und ihrem neuen Lebensabschnittspartner.
Zeitgleich trafen mein Bruder und ich ein, mit der Sonne im Herzen und einem Lied auf den Lippen drückten wir enthusiastisch den Klingelknopf, aufgeregt von einem Fuss auf den anderen hüpfend.
Oder, bedacht darauf mit unseren widerstrebend nachgezogenen Füssen nicht auf die Mundwinkel zu treten, welche missmutig bis zum Boden hingen. Den Klingelknopf so sanft gedrückt, als würde man eine Seifenblase streicheln, das Knie bereits leicht eingedreht, dem Fluchtreflex nachgebend. Falls innert zehn Sekunden auf die Klingel keine Reaktion erfolgt, darf man die Beine in die Hand nehmen und Fersengeld geben.
Wir waren da. Wir hatten geklingelt. Das muss ganz unglücklich gelaufen sein.
Fortuna war uns nicht hold, nach 9 Sekunden wurde die Tür geöffnet und nachdem wir der Weihnachtsdekoration vor der Tür den erforderlichen Respekt gezollt, die Kreativität gelobt und dem innovativen Gedanken gehuldigt hatten, betraten wir das Haus.

Ich stieg die Treppe hinauf, das erste was ich sah war ein Mann mit vorgeschnalltem Baby. Nicht einfach ein Tuch in Hippie-Manier, nein, eine High-Tech-Vorrichtung mit Nierengurtverstrebungen, Tragriemen, Schnallen und ich könnte schwören, am Rücken hing noch ein Fallschirm. Das Bild des G.I. Joe wurde nur durch das vorgeschnallte Baby – jöööh – gestört, welches in einer Art Latz hing. Gut, das Fläschchen in der linken Hand und den Schnodderlappen in der rechten unterstrichen das Bild des wahrhaft männlichen auch nicht direkt.
Mutter dachte es wäre eine nette Idee, wenn ihre zwei merkwürdigen Söhne die Töchter ihres Lebensabschnittspartners kennen lernen. Diese zwei, oder drei ich weiss es nicht genau, bewegen sich in unserem Alter, haben jedoch ihren dem System geschuldeten Beitrag geleistet und sich fortgepflanzt.
Und dies nicht zu knapp. Es waren sage und schreibe elf, in Zahlen 11, Kinder anwesend. Es war wohl keines älter, dass es schon über die erste Klasse hinaus gekommen war, daher war auch der Geräuschpegel dementsprechend hoch.
Meine Mutter strahlte vor Entzücken. Sie hat es nie wirklich verwunden, dass ihr keine Enkel geschenkt wurden. Aus reiner Boshaftigkeit verzichte ich darauf. Gut, richtig teuflisch wäre es wohl, Kinder zu haben und ihr diese vor zu enthalten, aber entschieden auch teurer und gewiss auch entsetzlich kompliziert. Man darf es sich auch einmal einfach machen.

Auf meine Frage hin, an den Herren mit dem angeschnallten Kind dessen Name ich vergessen habe, ob er noch andere Hobbys pflege, erfuhr ich, dass ein Teil dieser Kinder noch einer dritten Mutter zugehörig wäre, welche leider nicht anwesend sein konnte. Ich verzichtete auf weiterführende Erklärungen, man muss nicht alles wissen und wenn man nicht aufpasst wie ein Heftlimacher, entsteht daraus eine Konversation.
Mutter dachte, es wäre nett wenn ihre erwachsenen Söhne die Kleinkinder einzeln  begrüssen, deren Namen erfahren und was weiss ich. Sie hatte tatsächlich schon zwei durch, bis mein Einwand, dies würde sich im Verlaufe des geselligen Beisammenseins gewiss ergeben, man müsse ja nicht gleich und so…, zu ihr durch drang.

Man ässe um zwölf, wir möchten doch etwas früher eintreffen, war die Order gegen halb elf des selben Morgens via SMS.
Es war eine Minute vor der Zwölf, als wir den Klingelknopf drückten. Das Essen brauche noch einen Moment, hiess es nun zu den zwei Erwachsenen ohne Kind an der Hand, welche wie bestellt und nicht abgeholt verloren im Wohnzimmer standen.
Es ist eine schöne Sitte, im Haus nicht zu rauchen. So konnten wir uns in den Garten verziehen und bei einer Zigarette die Wunden lecken.

Wo man auch ist, stets dasselbe Dilemma wenn man ohne Begleitung ist; Wo platziert man sich, wenn man nirgends richtig zugehörig ist. Gegenüber mein Bruder, links ein Herr mit Ziegenbart. Ein unglaublich sportlicher Herr, wie die Dame ihm zur Front, ich nehme an die Gattin, mir versicherte. Er mache Bergläufe. Da hoch, da runter und da lang, kilometerweise. Ich nickte interessiert und drehte mich nach rechts. Da wurde soeben ein Baby gefüttert. Mit rotem Zeugs auf einem Löffel. Ein Viertel in das kleine Mäulchen, ein Viertel auf das süsse Kinn und der Rest in den Latz, auf die Hose, das Hemd, die Tischdecke… Obwohl rundherum ‚mmmmh‘, ‚ooooh‘ und ‚fein‘ erklang, schien der oder die Kleine diese Ansicht so überhaupt nicht zu teilen.
Er wolle wohl gestillt werden, sagte der Mann mit der Tragevorrichtung und es hätte mich nicht erstaunt, wenn er oder besagte Tragevorrichtung diesen Part auch gleich übernommen hätten.
Doch meldete sich die Mutter. Die wird doch jetzt nicht… schoss mir ein entsetzlicher Gedanken durch den Kopf. Ich war dann doch dankbar, dass sie ein anliegendes Zimmer aufsuchte. Nach einem kleinen Schluck Weisswein. Glückliches Baby.

Nun muss ich doch noch anmerken, dass während des Speisens keine kleine, nasse Fingerchen in mein Essen griffen, ich nicht mit Ketchup besprüht wurde und kein Wein in meinen Schoss kleckerte. Was sicher auch mit den beinahe getrennten Tischen im Zusammenhang steht, aber dennoch, wollen wir dies lobend erwähnen.

Als sich nach dem Hauptmahl abzeichnete, dass vor dem Servieren der Nachspeise gemütliches parlieren, spielen und diverse Mittagsschläfchen angesagt waren, kamen mein Bruder und ich eher stillschweigend zum Schluss, ganz ungemütlich zu sein und die illustre Runde zu verlassen. Was, so glaube ich, rundherum auch wohlwollend zur Kenntniss genommen wurde, so sind im Endeffekt doch alle glücklich.

Ich bin etwas im Zwiespalt; Ist es nun Fluch oder Segen, merkwürdiger Junggeselle zu sein.
Alleinstehend sind die Festtage schon eher öde und langweilig.
Hat man jedoch eine Partnerin, diese womöglich auch einem Patchwork-Konstrukt entsprungen ist, mein lieber Scholli, da ist man ganz flink an vier Familienfesten und hat erst eine Generation bedient.
Dann noch die Tante Kunigunde, welche seit einem Jahrzehnt verlässlich droht, es könnte ihr letztes Weihnachtsfest sein, weswegen man nicht drumherum kommt, regelmässig auch ihren Küchenbank zu drücken. Den Götti Herbert, den Neffen Karl und wenn alle Stricke reissen, richtet man zuhause ebenfalls noch eine Lustbarkeit aus. Trotz Urlaub kennt man die heimische Couch nur vom hinsitzen zum Schuhe ausziehen und ehe man es sich versieht, erholt man sich wieder bei der Arbeit. Auch besser, irgendwann weiss man nicht mehr wohin mit der schlechten Laune.

Ja, ich bin mir uneins. Ein Kompromiss wäre gut. Doch kennt jemand die güldene Mitte?

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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