Dein Nervfaktor im sozialen Netzwerk

Als Abstinenter weiss ich nun ganz genau wie es läuft. Und zögere nicht, dies den Umstehenden auf die Nase zu binden, denn dies zeichnet den Klugscheisser doch erst als solchen aus.

Ich habe auf watson.ch eingeklickt, in der Hoffnung, mal wieder etwas von Pony M. zu lesen, der Bloggerin welche strenggenommen gar keine Bloggerin ist. Wenn ihr nicht glaubt, fragt die Community. Was natürlich nicht heisst, dass sie nicht erfolgreich ist, aber das sind Waschmaschinen auch.

Der Neugierde halber, als Aussenstehender mit dem erforderlichen Blick aus der Distanz und angepasstem Abstand, habe ich ein Quiz gelöst; Wie sehr nervst du auf facebook. Zu 39% nerve ich, ich solle einen Gang runter schalten, so die watson.ch-Analyse. Angefügt gleich den Button, das Ergebnis zu teilen. Als würde man mit dem Schutzmann nach dem Alkoholtest noch am Strassenrand gemeinsam ein Bier zischen.

nervig-auf-facebookKlickt und macht den Test

Wie sieht dein Profilbild aus?

Meine ureigenste Hässlichkeit aus wohlwollender Distanz, halb im Schatten unter einer ganz schummrigen Beleuchtung stehend. Kann jeder, oder auch nur ein Hutständer sein. Ohne Hut. Da man auf Profilbildern nach Möglichkeit zu zweit sein soll, habe ich mich hinter einem wächsernen Prominenten versteckt. Hatte nun mal weder Hamster noch Katze oder Hund zur Hand, was einen Jöh-Effekt auslösen könnte. Oder ein Automobil. Mein Kombi ist ganz solide, aber nun nicht das Gefährt, um dessen Beifahrersitz sich die holde Weiblichkeit prügelt, weil der Besitz einer solchen Kutsche auf eine wohlgefühlte Brieftasche deutet oder die Freindinnen vor Neid erblassen.
Freindinnen sind irgendwie Freundinnen, welche sich gelegentlich anzoffen, dann aber wieder ganz fest lieb haben. Von Best-Friends-Forever zu verfickte Schlampe und zurück im Minutentakt.
Frauen haben es mit ihren Profilbildern einfacher. Den Arm gegen den Himmel gestreckt, den Kopf leicht abgedreht und die vollen Lippen zu einer kleinen Schnute – oooooh – gespitzt. Wobei absolut irrelevant ist was sie mit ihrem Kopf anstellen, denn elementar ist, dass der Winkel einen Blick in das Decollte erlaubt und dieses dank zweier in bester Spannset-Manier festgezurrter Büstenhalter – habe ich bei der Katze so gelernt – ordentlich prall daher kommt und die schwarze Spitze oder zumindest das Leoparden-Muster des einen noch zu sehen ist. Weil das Foto ja wirklich ganz spontan gemacht wurde und man dies – oooops – gar nicht erst bemerkt hatte. Nachdem 376 Jungs mit geifernden Kommentaren darauf hingewiesen haben, will man es nun auch nicht mehr ändern. Hauptsache authentisch.

Etwa 50 Prozent der Personen erstellen ihr Profilbild im Badezimmer. Klingt komisch ist aber so. Eine Auswahl an Duschvorhängen, Spritzwänden, gehäckelten Klopapierrollenüberzieher und bunte IKEA-Badetücher stellen den Hintergrund, davor zeigt der Jüngling seine Muckis. In der anderen Hand ein Telefon.badezimmer-selfieNein, das bin nicht ich.

Ein Profilfoto soll, einer Bewerbung gleich, auch sofort den richtigen Eindruck vermitteln, was für ein unternehmungslustiger Globetrotter oder wagemutiger Extremsportler man sei. Das Motorrad oder eine Inka-Pyramide muss unbedingt mit aufs Foto.

Die letzte Kategorie präsentiert an seiner statt ein Tierbildchen, eine Hängebrücke oder sonst ein Bauwerk. Ausdruck von, ich bin nicht geltungssüchtig, anders zu sein und sich aus der Menge hervorheben ist oberstes Gebot. Aber ich bin nicht geltungssüchtig!

Wie oft postest Du auf facebook?

Warum postet man überhaupt auf facebook? Klar, um Stilleinlagen und Kinderwagen zu verkaufen, aber ansonsten, um seinen Lebenslauf zu bereichern.
„Hansruedi war hier – Ursis Nacktbar“
Unternehmungslustig und spontan, reich und man weiss es. Für das Präsentieren des aktuellen Standorts bedankt sich nicht nur Ali der Einbrecher, es zeigt den Freunden auch, dass man ganz lässig mal hundert Kilometer fährt um ein Bier zu trinken, ein Aufenthalt in St. Moritz Daily Business ist oder gerade rund um die Welt reist.
Wenn man vor dem Eiffelturm einen Kaffee trinkt, dieses aber nicht auf facebook postet, war man eigentlich gar nicht hier.
Wie die sportliche Aktivität. Wenn ich eine gestartete Aktivität nicht allen Freunden mitteile und das Resultat der selbigen nachschiebe, hätte ich es auch bleiben lassen können. Erzeugt ein fallender Baum ein Geräusch, wenn niemand da ist es zu hören?

Nun, ich postete so zwei bis drei Mal pro Tag.
Welchen Schlager ich höre, damit die Leute erkennen, wie unglaublich witzig ich bin. Das Foto meines Mittagessens, damit Frauen beeindruckt sind, ob meiner Fähigkeit einen Kochlöffel zu bedienen. Ein tiefgründiger Gedanke über die Menschheit als solches, so man erkennen möge, wie furchtbar gebildet ich sei und zu guter Letzt eine sportliche Aktivität um mich mit einem Profil ohne Ecken und Kanten neben allen anderen einzuordnen.
Ein Supertyp.
Ein ganz grosser Fan bin ich von Coelho-Weisheiten und kleinen Hunden mit sinnigen Sprüchen. Beide wissen ganz genau wie das Leben zu leben wäre, was zählt und worauf man achten soll. Wenn man ein reicher Schriftsteller am Palmenstrand oder ein kleiner Hund sei. Nichts desto trotz bringen Freunde ihre Tiefgründigkeit zum Ausdruck, indem sie wiederum die Aussagen teilen, wie das Leben zu leben wäre, was zählt und worauf man achten soll. Vier bis fünf mal am Tag.

Bei dir im Job oder in der Schule könnte es momentan besser nicht laufen. Informierst du deine Freunde über deinen aktuellen Erfolg?

Eigentlich nicht. Im Job feiere ich keine ausserordentlichen Erfolge und während meiner Schulzeit war das Internet noch CERN vorbehalten.
Aber natürlich freue ich mich stets mit anderen, welche gerade ihren Bachelor of Master of the Universe oder den Häckelkurs in der Migros Klubschule mit summa cum laude abgeschlossen haben.

Rund um deinen Beziehungsstatus: Wie intensiv findet deine Beziehung auf Facebook statt?

Um richtig glücklich miteinander zu sein, muss man dies der Welt mitteilen.
Das Fundament einer richtig guten Beziehung besteht aus „Oooooh, ihr seid so süss“, „Ein tolles Paar“, „Soooo toll“, „Heee Bella hihihihihi“ und zwei Drittel der Freunde sollte also schon liken, sonst sind es keine richtigen Freunde.
Als hübscher Nebeneffekt kann man der Ex elegant ans Bein pinkeln. Nachdem diese zwischenzeitlich dreissig Deckhengste in der Kiste hatte, zeigt man, ich habe es auch noch drauf.
Ein schlechter Nebeneffekt, das Feuer unter allen Pfannen, welche man nebenher noch etwas warm gehalten hat ist nun aus. Oh ja, ich sehe das ganz pragmatisch.
Ich kann nicht durch die Augen einer Frau auf die virtuelle Pinnwand blicken, aber mal ehrlich; Wieviele Männer freuen sich über romantische „wir-haben-uns-fest-lieb“ Fotos in ihrem Newsfeed, solange die Frau nicht im knappen Fummel posiert?
So spannend wie ein Ferienalbum, welches nur Gesteinsformationen und Eingeborene beim feilschen auf dem Gewürzmarkt zeigt. Jeder Klick ist die unverhohlene Lüge. Dies will keine Sau sehen!

Du bist in den Sommerferien und verspürst das Bedürfnis, ein Bild davon auf Facebook zu teilen. Wie würde das aussehen?

Natürlich ist es mir wichtig ein Bild zu zeigen, wie sollt ihr sonst sehen, wie cool ich bin? Selbst in der grössten Pampa, der entlegensten Wüste finden die Leute einen Internetzugang um ihre Bilder hochzuladen. Das Teilen des Erlebnisses macht das Erlebniss doch erst real und die Anzahl likes für das Bild, bestimmt, wie sehr uns der besuchte Ort gefallen hat.
Da bin ich nicht anders. Zumindest habe ich mich der Selfiekultur nicht hingegeben. Meines Erachtens sehe ich auf Selfies ganz schrecklich aus. So mollig im Gesicht, zwanghaft lässig in die Kamera blickend oder krampfhaft in die Gegenrichtung, was irgendwie merkwürdig wirkt, weil ein Selfie doch eher selten ohne Wissen des Abgelichteten und spontan geschossen wird. Eine rundherum gestellte Sache.
Also poste ich ein Foto meines Bieres um zu zeigen, auch am Ende der Welt finde ich ein Corona. Irgendetwas muss ja aufs Bild, man zeigt ja nicht, dass man extra des schönen Strandes wegen hier ist, er befindet sich ganz zufällig im Hintergrund. Man ist zu cool, sich von solchen Dingen beeindrucken zu lassen.
Im Grundsatz sollen Ferienfotos auf facebook doch nur zeigen, seht her ihr Idioten, ihr müsst arbeiten und ich eben nicht. Selbstverständlich verdoppelt sich die Freude, wenn man sie teilt. Mit jedem, der neidisch ist, verdreifacht sich diese beinahe.

Du gratulierst einer Kollegin auf Facebook. Welcher dieser Posts entspräche deinem Glückwunsch am ehesten?

Lassen wir doch Bilder sprechen.geburtstag-auf-facebookFacebook stellt die beste Möglichkeit dar, „Freunden“ zum Geburtstag zu gratulieren, welche einem am Allerwertesten vorbei gehen. Jene, welche man nur einmal im Leben oder drei Jahre nicht mehr gesehen hat. Diese Freunde von Freunden, welche einem letzten Freitag Abend ein Bier ausgegeben haben, weil es unhöflich gewesen wäre, dich in diesem Pulk von Bekanntschaften zu übergehen.
Warum man solche Freunde hat? Man kann nun sagen, weil man keine Eier hat. Mir gefällt die Version besser, dass gelegentlich der diplomatische Weg besser ist. Manche sehen  das soziale Netzwerk als unterhaltsame Blödelei, für andere ist es ein Lebensindex. Diese können äusserst empfindlich darauf reagieren, wenn man eine Freundschaftsanfrage ablehnt. Einer unangenehmen Begegnung aus dem Weg gehen; Könnte man dies immer mit einem Klick bewerkstelligen, wir würden es wohl öfters machen.

Ganz ehrlich: Verschickst du «Farmville»-Einladungen oder ähnliches?

Ganz ehrlich, ich habe das Prinzip von Farmville nie wirklich verstanden. Es wäre gelogen, zu behaupten ich hätte besseres zu tun, aber dieser Spieltätigkeit im sozialen Netzwerk bin ich nie nachgegangen. Vielleicht auch, weil mich dutzende virtuelle Schafe, Heuballen und Traktorenanteilsscheine erreicht haben, bevor ich mich damit befasst habe. Es war einfacher, die „Freunde“ aus der Liste zu werfen, als mich als virtueller Farmer zu profilieren.

Du bist gerade Mutter/Vater eines Babys/Haustieres geworden. Wie viele Fotos postest du von deinem kleinen Schatz in der ersten Woche?

Wieder ein Frauen/Männer-Ding. Süss, süsser am süssesten.
Einige Männer gehen mit mir einig, 95% der Neugeborenen gleichen sich wie ein Ei dem anderen. Schrumpelig, schreiend und mit geschlossenen Augen. Die Fingerchen vielleicht zur Faust ballend.
Zumindest aus der Sicht von Drittpersonen.
Ehrlich; Ich hätte Panik, müsste ich meinen Niklaas im Spital unter zehn anderen Babys herauspicken. Da entsinne ich mich an eine Szene aus Don Camillo, wie die Schergen des Bürgermeisters Peppone dem Genossen zu seinem Sohn gratulieren wollen. Durch die Scheiben zeigend „Ein Engel, ein strammer Bursche! Aber seht euch diesen an, wie ein gerupftes Huhn“, bis die Schwester kommt mit dem Finger erst abwinkt und dann auf eben dieses ‚gerupfte Huhn‘ zeigt und nickt.
Es werden wohl auch nur Frauen sein, welche beim hundertsten Babybild innert zwei Tagen immer noch auf ‚Gefällt mir‘ klicken.

Was machst du, wenn du auf deinen Post kein einziges Like bekommst?

Letzter Punkt, ja dachte auch, dies endet nicht mehr. Aber ich muss ja schreiben. Schreiben, schreiben, schreiben.
Ich zähle zu jenen, welche den Beitrag wieder löschen. Sage ich erfrischend ehrlich. Warum setze ich denn was an die Pinnwand? Damit mir die Personen ihre Sympathie ausdrücken können, mir bestätigen, dass ich unglaublich lustig oder zumindest verdammt gut aussehend bin. Kein Komiker wird sein zwei-Stunden-Programm durchziehen, wenn im Publikum nur Grillen zirpen, dann und wann ein Tumbleweed durch den Saal kullert.
Habt ihr andere Gründe euch zu präsentieren, ich bin neugierig darauf. Wenn es nicht der Selbstdarstellung dient, kann man sich den Beitrag auch zuhause an den Kühlschrank pinnen. So schauts aus.

Kommt nichts mehr.

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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