Den Dummen gehört die Welt

Fühle mich intellektuell vergewaltigt, bis hin zum fremdschämen.

Bisweilen muss man sich in Kreisen bewegen, in welchen man sich schlecht zu integrieren versteht. Dennoch setzt man in genehmen Zeitabständen zu einem zustimmenden Lächeln an. Eine Geste der Höflichkeit
Dies muss noch nicht einmal zwingend ein Familienfest sein. Familienfeste stehen in meinen Augen sinnbildlich für die Art von Zusammentreffen, welche man einfach über sich ergehen lassen muss. Sei es wegen dem Grundstück am See, weswegen man der mürrischen Tante Kunigunde auch zu Weihnachten ein Kärtle oder Packerl zukommen lässt, oder einfach um der Tradition willen, dass Blut eben dicker als Wasser sei. Den Mangel an versammelten Intellekt gleich man eben mit Geist aus gegorenem Saft aus und so begibt man sich langsam aber zielstrebig auf eine gemeinsame Ebene. Auf diesem kleinsten gemeinsamen Nenner tauscht man sich dann über Autos, Ausländer und das Wetter aus.

Nun bringen es die Suva-Regeln mit sich, dass ich mich nicht auf die Ebene von Arbeitskollegen trinken kann. Weil Mineralwasser nicht mit dem erquicklichen Nebeneffekt von Alkohol auftrumpfen kann. Mein Bruder, der Beste von allen, versucht es gelegentlich über Mittag, mit der Erkenntnis, dass ein Bier auf Dauer nicht ausreicht und man gewisse Experimente besser einstellt, bevor eine Eigendynamik das Zepter übernimmt.
Meine lieben Arbeitskollegen sind ja keine bösen Menschen, mehrheitlich sogar sehr nett, nur eben zu dumm, einen Eimer Wasser auszugiessen.

Etwas anmassend, eine solche Behauptung zu äussern. Und dann auch noch so hinten rum. Mein Vater pflegte zu sagen; Ab einem gewissen Alter korrigieren die Leute dich nicht mehr, sie denken sich nur noch ihre Sache. Ist was dran. Daher empfinde ich mein hintenherum als gerechtfertigt, gewissermassen ein Ausdruck des Respekts vor den Gefühlen meiner lieben Arbeitskollegen.mad

Ich messe nicht die Intelligenz der Menschen, da würde ich wohl auch keinen Raketenstart hinlegen, es ist mehr die offensichtliche Selbst-Disqualifikation, welche gewisse Zeitgenossen anstreben. Dumm sein ist eine Sache, das Umfeld mit Nachdruck davon zu überzeugen, ein zweites Kapitel.
Wann kategorisiere ich einen Menschen also auf derselben intellektuellen Ebene wie hundert Meter Feldweg?

Wenn Menschen zum Beispiel nicht zuhören können. Ich spreche hier nicht von der Zuhörlady bei der dargebotenen Hand oder Mike Shiva im TV, sondern ganz allgmein im Small-Talk. Die Personen in meiner unmittelbaren Arbeitsumgebung teilen sich sehr gerne mit. Was mich etwas zum Aussenseiter macht, denn dieser Drang liegt mir fern und ich begrüsse es, nicht zur Auskunft über mein Leben fern der Stempeluhr animiert – genötigt – zu werden. Erzählt der Eine also von seinen Ferien, hat er den zweiten Halbsatz kaum beendet, als ihm sein Gegenüber ins Wort fällt und aus dem Blauen heraus von seinem Urlaub im Sommer ’13 zu erzählen beginnt. Mit ein wenig erhöhter Lautstärke. Nicht weil seine ferienbedingte Auszeit etwas mit der Geschichte des Gesprächspartners gemein hätte, einfach weil er wohl denkt, seine Erzählung sei interessanter. Für das Gegenüber und die unschuldigen Zuhörer im Umkreis von 200 Meter.
Erzähler A hält also kurz inne, nur um sich bei der ersten Atempause noch eine Idee lauter wieder ins Gespräch zu bringen.
So schreien sich die Protagonisten an. Das Haupt bedenklich dunkelrot, heraustretende Adern am Hals, atemlos und wild gestikulierend. Mit den besten Absichten, das Gegenüber mit einer netten Geschichte zu unterhalten.

Wenn sich zwei Erwachsene unterhalten hat der Kindermund zu schweigen. Zum einen, weil es sich nicht geziemt, sich Unterhaltenden ins Wort zu fallen, zum anderen, weil der Beitrag kaum konstruktiv sein könnte.
Wie aber nun, wenn der Kindermund mit Bartstoppeln umrundet ist und sich auf einer Höhe bewegt, welche nur mit Erwachsenengrösse zu erreichen ist. Oder einer Trittleiter. Es fährt einem gewiss niemand verbal über den Mund, aber die unterhaltenden Parteien denken sich ihre Sache.
Mich deucht, auch der dümmste Mensch der Welt wird sich ein klein wenig seines intellektuellen Defizits bewusst sein. In seinem nicht vollumfänglich entwickelten, oder bereits verkümmerten, Verstand formt sich ein simpler Gedanke; Die lassen mich nicht in den Sandkasten. Respektive, diese beiden diskutieren und ich bleibe aussen vor. Statt den interessierten Zuhörer zu geben, welchem man attestieren könnte, er vermag dem Gespräch zu folgen hält sich jedoch aus Anstand zurück, reisst er diese zarte Pflänzchen aus. Mit Stumpf und Stiel. Zerstreut jeden Zweifel, indem er eine sinnentleerte, dem Thema bestenfalls angelehnte Phrase einstreut. Der Anstand gebietet es, dass man darauf nicht eingeht. Wie man Erwachsenen nicht über den Mund fährt, kann man sie auch nicht einfach aussen vor lassen.
Der anregendste gedankliche Austausch unter Erwachsenen ist zu Ende, wenn der Kleine am Hemdzipfel zerrt, weil Papa nun die Playmobil-Ritterburg aufzubauen hat.
So verhält es sich, wenn ein geistiger Tiefflieger den Entschluss fasst, sich um des alleinigen Einbringens willens an einem Gespräch zu beteiligen. Man begibt sich gezwungenermassen auf sein Niveau, weil man Erwachsenen eben nicht so offensichtlich aufzeigt, wie dämlich sie sind. Und während Hein Blöd sich furchtbar integriert fühlt, erstickt jede fruchtbare Erkenntnis einer Diskussion im Keim.

Die Apps von Gratiszeitungen sind auf dem stillen Örtchen ein Segen, Menschen welche ihren kompletten Wissensstand aus selbigen Beziehen die andere Seite der Medaille. Die Hände noch nicht ganz unter dem Dyson-Büffelpruster getrocknet beginnen sie ein Gespräch über den Euro-Mindestkurs.
Ein Cern-Physiker wird es kaum als anregend bezeichnen, mir in der Zigarettenpause den Teilchenbeschleuniger zu erklären. So ist es mir bereits von Beginn an zu dümmlich, mit den Menschen in meiner Arbeitsumgebung zu diskutieren. Weil mich die Ansicht eines Kleinkindes zu Kohäsionszahlungen einfach nicht interessieren. Zudem scheue ich mich stets davor, dem Gegenüber sein geistiges Defizit direkt vor Augen zu führen. Fühle ich mich, als würde ich vor einem Rollstuhlfahrer anhand von praktischen Beispielen die Vorzüge zweier gesunder Beine präsentieren. Dies macht man einfach nicht.
Diese Haltung versetzt mich natürlich in eine gewisse Aussenseiterposition.
Wie erwähnt, lebt der stille Gesprächsverfolger in der komfortablen Position, die Umwelt über seine geistigen Fähigkeiten im Unklaren zu lassen, während der laute Referent des öfteren dazu neigt, jeden Zweifel an seiner Intelligenz zu bestärken. Während der Sprecher mit geistigem Handicap natürlich bis ins Mark davon überzeugt ist, dass er ausnahmslos jeden überflügelt welcher sich nicht mit höherem Schalldruck am Gespräch beteiligt.

„Bleibst du noch oder gehst du nach Hause?“
„Ich gedenke mich zu empfehlen“
„Für was?“

Die Gründe weswegen ich historische Romane so liebe finden sich nebst der klar definierten Geschlechterrolle auch in der Verwendung einer angenehmen Sprache. Ich bin entzückt, wenn sich ein Mitmensch derer bedient und bin sofort der Meinung, dass diese Person gewiss auch einmal ein paar Zeilen las, welche sich unter einem Buchdeckel fanden. Das Lesen eines Buches, und seien es ‚Fünf Freunde‘, deucht mich nach wie vor der einfachste und angenehmste Weg, ein paar Synapsen mehr zu entwickeln, als Essen und Grunzen voraussetzen.
Hingegen bin ich entsetzlich schnell bei der Hand, Menschen die sich der Fäkalsprache bedienen in eine Schublade zu stecken. Besser noch in einen Pappkarton, welcher irgendwo hinter dem Schubladenstock sein Dasein fristet.
Ich weigere mich zu glauben, dass sämtliche Menschen, welche sich in der blumigsten Vulgärsprache mitteilen, von Max dem Penner in der Gosse grossgezogen wurden. Freud würde gewiss ein triebgesteuertes Verhalten diagnostizieren, meine Wenigkeit weigert sich, solcherlei Herrn die Aufmerksamkeit einer Psychoanalyse zu widmen. Sie wissen es einfach nicht besser und weil sich das Wedeln in der Öffentlichkeit mit Geschlechtsorganen nicht ziemt, unterstreichen sie unbewusst ihre hemmungslose Offenheit – weil sie eben männliche Männer oder ganz taffe Frauen sind – einfach mit Worten, an welchen affektierte Personen wie meine Wenigkeit Anstoss nehmen, was uns ein gewisses Weibisch sein anhaftet.
Ups, nun habe ich es doch getan.
Mein Fremdschämen rührt gewiss von einem schwach ausgeprägten Selbstbewusstsein, jedenfalls bin ich stets peinlich berührt, wenn sich das Gegenüber wie ein Bierkutscher ausdrückt. Was mich wiederum im allgmeinen Small-Talk in eine Aussenseiterrolle drängt.

Mein geschätzter Vorgesetzter erbat sich, was auch Lohnrelevant ist, dass ich mich besser integriere. Weswegen ich nun bisweilen in die allgemeine Heiterkeit einstimme, wenn ein Mitarbeiter eine vulgäre Anekdote zum besten gibt.
Werde ich so auch auf dem „Denken sie, dass sie die besprochenen Punkte erfüllt haben?“-Formular erwähnen. Natürlich im ‚Hier kommt die Maus‘-Schreibstil, damit Chefe auch versteht, was ich mitzuteilen gedenke.

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
Dieser Beitrag wurde unter Hossa, Kurz nachgedacht, Pub veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Time limit is exhausted. Please reload the CAPTCHA.