Der (graue) Schatten bringt es an den Tag

Begeben wir uns in dunkle Abgründe. Ins Reich der Schatten. Heben die geklöppelte Tischdecke, schieben die Klatschnachrichten über Schwedens Thronerbin und Rudi Carrells verschwundenes Haus beiseite, greifen beherzt zum Hausfrauen-Porno, welcher zurzeit in aller Munde ist.

Mit der Sklavin des Wikingers habe ich bereits erste Schritte in dieses Metier gewagt, ohne jedoch überhaupt den schlüpfrigen Teil zu erreichen. Oder habe ihn überlesen, des Mannes Erwartung an lüsterne Gedankenschubser scheinen sich von den weiblichen ganz grundsätzlich zu unterscheiden. Man spricht nicht darüber. Oder sprach. Es hat sich nun einiges geändert. Nur schon, dass sich die Weiblichkeit öffentlich dazu bekennt, gelegentlich durchaus von unanständigen Gedanken getrieben zu werden, lässt die Erkennung der Nacktheit im Garten Eden zum harmlosen Doktorspiel verkommen.

Und wie die Damen sich bekennen!
Unser regionaler Multiplex-Tempel zelebrierte einen ‚Ladies at the Movies‘-Event. Wann immer mit einem Film das weibliche Publikum speziell angesprochen wird, ruft die Kinepolisgruppe von Benelux bis Zwitserland einen solchen aus. Nebst der Präsentation des Streifens, kann man sich im Rahmen dieses Gedankenpornos mit Liebeskugeln behängen und Handschellen-Schwingend den Alltag vergessen, während man die frisch aufgelegte Föhnwelle an Giorgio Risotto’s eingeölter Adonis-Brust reibt.

Twilight habe ich gelesen, ich bin einer der vier Männer weltweit. Davon ausgehend, dass ein Pattinson und Lautner zur Studie der Lektüre gezwungen wurden. So schlecht ist dies Werk gar nicht, gestehe ich freimütig zu. Sogar das Spin-Off ‚Bis(s) zum ersten Sonnenstrahl‘ gönnte ich mir. Im Zuge der konsequenten Verarbeitung der gesamten Geschichte, sollte ich mir E. L. James Fifty Shades of Grey wohl auch noch geben.
Ihr fragt warum.
In Twilight wurde ein Bett zerlegt, ein paar Daunenfedern durch die Luft gepustet und dem Leser zu verstehen geben, dass Vampire die ganze Nacht pimpern wie die Karnickel, da Vampire Mangels Schlafbedarf sonst nicht viel zu tun haben und zu allem Elend auch nie müde werden oder zum Ende kommen. Es ist dem Leser überlassen, seine Schlüsse zu ziehen, was anzustellen wäre, dass sich keine Langeweile einstellt, oder wie es klingt, wenn kristallene Leiber aufeinander klacken wie ein Windspiel im Föhnsturm.

Dies war einer Erika Leonard nicht genug, so setzte sich das Mutti zweier Söhne hin und schrieb den zwei Cullens ihre ganz private, leicht versaute Fan-Fiktion auf den blassen, steinharten Leib.bella-edwardGewiss, manch männlicher Kinobesucher, welcher zu seinem Glück gezwungen werden musste, hätte sich wohl eine Fesselszene mit Kristen Stewart gewünscht, aber den richtigen Fans zerstörte diese Fantasie die schöne Liebeswelt im Washington National Park. Die entsetzlich geschriebene Fortsetzungsgeschichte wurde von der Twilight-Fangemeinde nicht akzeptiert.
So schrieb die Frau Leonard fortan als E. L. James, die Geschichte nannte sich nicht mehr ‚The Master of the Universe‘ – vermied wohl auch einen Rechtsstreit mit Mattel – sondern Fifty Shades of Grey, aus Bella und Edward wurden Anastasia Steele und Christian Grey und vernachlässigte Hausfrauen rund um den Planeten sorgten für das am schnellsten verkaufte Taschenbuch der Welt.

Nicht zur Freude aller Frauen.leserbriefDas Entsetzen teilt sie mit manchen Frauen. Anscheinend sei der Film zu kuschelig und nicht annähernd so versaut, wie sich die ungezügelten Frauen dies erhofften. Ganz zu schweigen von den, wiederum, zu ihrem Glück gezwungenen Partnern.
Angesichts des weiteren Textes gehe ich jedoch davon aus, dass weder Buch noch Film, schon gar nicht der Gedanke, in unserer sittsamen Gesellschaft etwas zu suchen hätten. Wer in aller Welt sich etwas solches anschaut beantwortet die NZZ. Respektive deren youporn-Statistik. Es sind in etwa 20 Millionen Menschen. Täglich. Für acht Minuten, durchschnittlich. Also der ordentliche schweizerische Nicht-Vampir. Ob es sich hier explizit um Quälereien der Frau handelt, kann ich nicht beurteilen. Davon augehend, dass nach landläufiger Ansicht in diesen Pfui-Filmchen die Frau zum Objekt verkommt, kann man getrost von einer Geisselung sprechen.

Einerseits wird alles unternommen, um Mobbing in Schulen und am Arbeitsplatz zu verhindern, auf der anderen Seite ist es lustvoll, bei der Sexualität Sadomaso- Spiele zu machen und dies zum Vergnügen im Kino anzuschauen.

Absolut. Einerseits Sonnenschein, anderseits Kartoffel. Geht gar nicht. Gebe ich ihnen völlig recht, Frau D.H.
Bisweilen weise ich durchwegs weibliche Charakterzüge auf, verstehe mich darauf um sieben Ecken zu denken. Für normale Menschen nicht nachvollziehbar. Ich meine dies, sage das und zicke hernach, weil das Gegenüber jenes nicht versteht. Aber hier gerate ich an meine Grenzen.
Soll ich mich nun lustvoll in verbalen Fesseln winden, wenn ich am Arbeitsplatz gemobbt werde? Oder anstelle der Sado-Maso-Spiele, die Bettgespielin wegen des Snoopy-Pijama hänseln? Ohne dabei Lust zu empfinden! Wohlgemerkt. Und ins Kino soll ich sowieso nur noch mit Widerwillen gepeitscht oder genötigt werden. Jedoch keinesfalls lustvoll, Kino soll kein Vergnügen bereiten!
Irgendwie finde ich die Parallelen nicht.

Zu guter Letzt frage ich mich, wie gesellschaftsfähiger Sex aussieht. Oder welcher Sex würde eine Verherrlichung verdienen?
Wie testet man überhaupt die Gesellschaftsfähigkeit des eigenen Sex?
Am Mohrenbrunnen, Morgens um halb zehn mal eben spontan den Doggy Style oder die Powerpoint-Präsentation der Quartalszahlen mit ein paar Schlafzimmer-Selfies auflockern?

Also Freud würde gewiss diagnostizieren, dass Frau D. aus T. als gemobbtes Schulmädchen ein gewisses Lustempfinden empfand, aus Angst vor der Gesellschaft dies jedoch nicht verherrlichen wollte, deswegen eine Affinität zu nummerierten Kinosessel entwickelte und durch das Auftauchen solcher Lektüre und Verfilmungen einen Flashback fürchtet.
Und unter Penisneid leidet. Frustriertem Penisneid. Nur um sicher zu gehen.

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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