Der Grinch hat zugeschlagen

Früher war mehr Lametta.
Ist mir bewusst, erwähne ich jedes Jahr. Es ist nunmal so, dass der Weihnachtsmonat stets den Abschluss des Jahres darstellt und wie ein Geschäftsführer an die Erfolgsrechnung, werden hier auch gewisse Erwartungen gestellt. Abgesehen davon, dass er einer der umtriebigsten Monate ist weil die Menschheit in der stetigen Panik lebt, die Erde stelle am 31. das rotieren ein. Klappe zu, Affe tot, alles vorbei.
Dennoch erwacht man tags darauf und ein neues Jahr beginnt. Mit sämtlichen Alt- und Neulasten.

Wenn auch jedes Jahr eine Idee weniger Lametta war, hängen heuer nur noch zwei, vielleicht drei Engelshaare an der dürren Tanne. Im August waren noch kein Spekulatiusgebäck im Regal, die Supermärkte starteten überraschend spät. Doch kaum drehte Bademeister Schmid zum letzten Mal den Schlüssel im eisernen Freibadtor, fuhr Kalle der Brummifahrer die Nikoläuse in die Warenhäuser.
Ärgerte ich mich noch nicht einmal darüber, der Mensch ist durchaus flexibel.
Vielleicht lenkte mich der Herbst ab. Zumindest kalendarisch hatten wir einen. Also meine Wenigkeit vermisste die Herbststürme, peitschender Regen, verhangener Himmel und neblige Tage. Die Zeit, in welcher das behagliche Zuhause eine unglaubliche Gemütlichkeit ausstrahlt. Die Zeit, in welcher man ohne Aufhebens auf der Couch lümmeln kann, lesen oder fernsehen, während man zu Sommermonaten immer angeschaut wird, als hätte man Stubenarrest oder sonst die Seuche.

Ein goldener Herbst, quer durch die Lande war man sich einig; So muss das sein!
Und plötzlich war es Advent.
Abgesehen von den frühen Morgenstunden bin ich noch gut drei viertel des Tages im T-Shirt unterwegs. Drinnen wie draussen. Gerade eben bin ich vom Laufen zurück gekommen. 12. Dezember, Hobbygärtner stechen den Garten um, Katzen jagen Mäuse auf den Feldern, unzählige Rennradfahrer begegneten mir.
Den Ausdruck goldener Winter habe ich noch nie gehört, da muss man sich vielleicht etwas neues überlegen.
Ich bin überzeugt, landauf, landab ist man sich einig; So muss das sein!

Nein, mir steht der Sinn nicht nach einem Klima-Vortrag. Natürlich, ganz kurz dachte ich an die Eisbären, weil die Frau WWF der Schaffhauser Filiale in ihrer Kolumne erwähnte, dass Eisbären das Eis brauchen.
Ganz kurz, ich habe das mal eben nachgeschlagen; Wie der Mensch hungert der Eisbär den Sommer durch. Allerdings nicht für seine Strandfigur, sondern weil einfach keine Nahrung rumliegt. Die Dicke des Packeis ist massgebend für die Fülle der Nahrung. In diesem Eis haben die Robben Löcher um Luft zu schnappen. An diesem Loch lauert Gevatter Bär und zieht der kleinen Robbe eins über die Rübe, wenn sie Luft schnappt. Ist nun das Eis sehr dünn, oder ganz verschwunden, kümmert sich die Robbe einen Dreck um Atemlöcher, sie geht da hoch, wo es eben passt. Was natürlich dem Gewohnheitsbären nicht so in den Kram passt. In etwa, wie wenn die Migros die Regale umstellt oder einen Artikel gar aus dem Sortiment nimmt.
Dies wäre dann die Sommersaison. Dann begibt sich der Bär eben auf das Festland und sitzt die Zeit aus, bis der Winter wieder Robbenfleisch bringt. Bis zu einem Kilo Fett verbrennt er täglich in der Fastenzeit. Der Glückliche.

Nun ist es ja so; Die Eisbären sind weit, weit weg. Und eigentlich, sind wir ganz ehrlich, wer braucht Eisbären? Gewiss haben sie ihre Funktion auf diesem Planeten, aber dies behauptet man von Stechmücken auch. Klingt jetzt böse, nicht wahr? Und selbstverständlich würde ich nie so denken. Aber wenn ich die Freunde des goldenen Herbstes frage, ob sie für einen Sommer wie den letzten jeden Monat einen Eisbären opfern würden und sie so richtig ehrlich sind sehe ich düster für Meister Petz.
Glashaus, ist mir klar. Da Rindfleisch den Hauptbestandteil meiner Ernährung ausmacht, bin ich durchaus bereit, die süssen Rinder dafür über die Klinge springen zu lassen.

Klima soll nicht das Thema sein, aber wie eine Schwalbe noch keinen Sommer macht, genügte der Hauch Schnee Ende November auch nicht für einen Winter. Ich würde nun sagen, Winter und Weihnachten gehören zusammen, aber irgendwie hat man sich bereits damit abgefunden, dass dies zwei Paar Schuhe sind. So erscheint mir Werbung mit verschneiten Berghütten surreal. Man findet es hübsch, gewiss, aber irgendwie so greifbar wie ein Erdhöhle im Auenland.
Ich dachte früher hatten wir stets und immer weisse Weihnachten, bis ich eine Klimastudie sah. In den letzten 80 Jahren hatten wir nicht die Hälfte Schnee an den Feiertagen. Soviel zu der Verlässlichkeit von Erinnerungen.

Gerade nachgesehen. Auf dem Piz Mundaun hat es drei Grad. Ein paar Fetzen Schnee. Andere Skigebiete, Arosa oder so, haben schon eröffnet. Auf einem weissen Streifen zu Tal, während zehn Meter links davon der Alois noch einmal den Balkenmäher durch das satte grün schiebt.
Und die Leute freuen sich. Schneekanonon sind mittlerweile normal, Apres Ski in Bermudas, landauf landab klatscht man in die Hände; So muss das sein.

Es ist nicht nur das Klima.
Helene Fischer fühlte sich beflügelt ein Weihnachtsalbum auf den Markt zu werfen. Mit Kindergesang und einem Symphonie-Orchester erfindet sie nicht das Rad neu, sie spielt einfach Klassiker nach. So öde und träge, dass einem der Kopf in den Guetzliteig klatscht. Man hätte sie ja nicht kaufen müssen. Wären da nicht die Radiostationen, welche die Originale in den Regalen lassen und nur noch die Fischer’sche Schlafzimmer Wiegenversion von Last Christmas säuseln.

Also fabrizierte ich Kekse ohne Weihnachtsmusik. Irgendwie auch ohne Begeisterung. Nach dem dritten ausgestochenen Zimtstern nimmt man aus dem Augenwinkel nur noch die Küche wahr, durch welche ein Wirbelsturm gezogen sein muss. Ächz, noch soviele Sterne verzieren, Küche aufräumen, Keksdosen holen… Warum tut man sich dies überhaupt noch an? Es ist ein Gesamtkonzept, Guetzli ohne Weihnachtsstimmung bringt nur den ganzen entsetzlichen Aufwand zu Tage. Da kauft man sich lieber eine Tüte Midor-Keksmischung in der Migros.
A propos; etwas über eine Woche vor Weihnachten verschwinden Keksdosen, Ausstecher und allerlei Utensilien für die Familienbäckerei aus den Regalen, Kekse sind bereits 30% reduziert. Schoko-Christbaumanhänger müssen am Kundendienst verlangt werden, Frau Kraushaar guckt dann mal eben im Lager nach. Jetzt haben eben Tischbomben und Pappnasen Saison. Verkäuferisch ist Weihnachten bereits durch.

Da wären noch die Weihnachtsmärkte. Da bin ich altmodisch. Sehr altmodisch. Weihnachtsmarkt im T-Shirt geht gar nicht. Dies reisst auch ein Cola-Truck, der da mit eingeschalteter Klimaanlage im welken Herbstlaub steht, nicht raus.
Da will ich an die Füsse frieren, da soll die Nase laufen, da steht man ein wenig näher zur Marroni-Pfanne, da knabbert und nascht man in einem fort, weil man in der Kälte einfach den notwendigen Hunger entwickelt und die weite Jacke gebrannte Mandeln und Waffeln so herrlich verzeiht.
Aber ich bin mir sicher, landauf landab begrüsst man diese Entwicklung. Während man an das Rheinufer flip-flopt greift man sich noch eine Tasse Glühwein; So muss das sein.

Ja, alles in allem war es ein wunderbares Jahr, aber Weihnachten wurde mir heuer gestohlen.
Der einzige Lichtblick ist mein Adventskalender von meiner besten guten Freundin – ja, auch in meinem Alter kann man einen Adventskalender haben –  welcher doch jeden Tag ein wenig Freude in die Hütte zaubert.
Und die Heizkostenabrechnung wird wohl auch sehr wohlwollend ausfallen.

So war es, muss aber nicht jedes Jahr sein.

weihnachtenUnd nun, sagt ganz ehrlich; Wirkt dies nicht wie ein Hase mit einem Körbchen voller Eier auf dem Rücken? Man assoziert es mit Weihnachten, aber nur, weil es eben so überliefert ist.

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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