Der Papa wirds schon richten

Leseprobe aus „Einmal Weinland und zurück“

Früher liess sich zur Rechten des TV-Gerätes eine Klappe öffnen. Es war eine Klappe aus solidem Kunststoff, nur der Schnappverschluss machte es notwendig, dass über kurz oder lang selbige mit einem Kleber geschlossen werden musste. Ein währschafter transparenter Scotch-Film. Eklig haftend wo er nicht sollte und seinen Dienst verweigernd, wo er haften sollte. Über die Jahre wurde er mit Kollegen ergänzt, dass alsbald der Verdacht aufkam, nicht das stabile Holzgehäuse, sondern das Scotch Allzweckband hält den Sorny oder Panaphonics zusammen. Die Klappe war unter dem Lautsprecher angebracht.
Ja, Fernseher waren mit richtigen Lautsprechern bestückt, nicht wie heute, mit einer traurig quäkenden Membrane, welche bei der Basswiedergabe in Symbiose mit der lose wackelnden Rückabdeckung einen Pseudosurround erzeugt und das Panel gefährlich in seiner filigranen Kunststoffeinfassung zittern lässt. Die Höhen klingen abwechselnd, als würde man auf Frösche treten oder frustriert Gummienten durch ein hallendes Badezimmer schleudern.
Da war also ein solider Lautsprecher mit einem zwei Kilo schweren Magneten verbaut, dessen Kartonmembrane uns das Wetten, dass…? Intro in die heimische Stube schleuderte. Bleiben wir doch gleich beim Inneren, am markantesten war wohl die Bildröhre.
Jeder kochte sein eigenes Süppchen, war es die Philips Matchline, die Grundig Hau-mich-tot oder Sony Triniton. Letztere war übrigens aus Blei gegossen. Mit einem Bleiüberzug und für die Stabilität einem Bleibarren im Inneren. Ich behaupte, Sonys Triniton ist mitunter ein Grund, warum die blauen Überziehmäntel der alten, eingefleischten Radio- und Fernsehelektriker samt und sonders mit zu kurzen Ärmeln aufwarten, ihr versteht. Deshalb hat der Radio- und Fernsehelektriker auch einen etwas merkwürdigen, an einen Schimpansen erinnernden Gang. Mit Händen, welche in den Kniekehlen schlabbern.
Doch zum Radio- und Fernsehelektriker kommen wir noch.

Ein Sony Triniton, in etwa fünfzig mal fünfzig mal hundert Zentimeter, Breite mal Höhe mal Tiefe, war somit auch der erste Fernseher, welcher meinen kleinen Fingern entglitt. Da ich bereits beim Hochheben mitsamt dem japanischen Mistkasten nach vorne wegkippte, trug er als einzige Blessur einen Gehäuseriss davon. Was den Lehrmeister natürlich nicht davon abhielt, mich gnadenlos zur Schnecke zu machen. Warum ich einen solchen Fernseher auch alleine tragen wollte, unabhängig davon, dass er mich vor drei Minuten in das Erdgeschoss gehen hiess, besagten Fernseher zu holen.
Meine Güte, er war fünfzig mal fünzig Zentimeter gross, wer konnte ahnen, dass dieses Ding auch fünfzig Kilogramm wog.
Ich könne von Glück sprechen, dass die Bildröhre nicht implodiert wäre!

Die implodierende Bildröhre, das Schreckgespenst der frühen Fernsehjahre.
Das Hochvakum ziehe einem die Augen aus dem Kopf, so man die Bildröhre beschädige, wurde mir als Kind eingebleut, was einen dazu veranlasste, den Zeigefinger nur mit höchster Sorgfalt auf das Glas zu legen.
Bei der Implusion würde das halbe Wohnzimmer in die Röhre gesogen und anschliessend einer Splitterbombe gleich wieder ausgespuckt. Die Scherben würden Mauern einreissen. Es schien kein Argument zu phantastisch um vor den Gefahren des Fernsehens zu warnen. Ich stelle fest, manch gesetzte Dame lebt heute noch in heillosem Respekt vor diesem saugenden und spuckenden Röhrengerät.
All diese Mythen verloren ihren Schrecken, als mir im dritten Lehrjahr ein Fernseher vor die Füsse knallte. Es machte Puff und es lagen ein paar Scherben herum. Kein eingesaugtes Wohnzimmer. Keine eingerissenen Mauern. Einfach nur Puff und ein Lehrmeister, welcher mich zur Schnecke machte. Sehr unspektakulär.

Die Röhre, die seltenste und gleichzeitig häufigste Fehlerquelle, je nach Betrachtungswinkel.
Einerseits gehen sie ohne physische Gewalteinwirkung so gut wie nie hopps, andernseits hat der technikbegeisterte Ehegatte immer die Röhre als erstes im Verdacht. Liegt auf der Hand, ist sie auch der elementarste Teil der Abendunterhaltung. Die Röhre oder eine Sicherung, und je nachdem rechnete er mit Reparaturkosten von fünf bis achthundert Franken. Aber was Grosses konnte nie defekt sein, denn bis gestern lief der Fernseher tadellos. T A D E L L O S (mit Nachdruck)!

Nicht selten zerstörte auch ein Ehegatte gleich selbst die Röhre, sehr unspektakulär, aber nicht weniger effektiv.

Obwohl die Erfindung der geplanten Obsoleszenz angeblich auf Philips und Osram zurückzuführen sei – im Jahre 1924 beschlossen sie, dass Glühbirnen aus nachvollziehbaren Gründen nicht mehr als 1000 Stunden zu leuchten hätten – habe ich da durchaus auch den Fernsehhersteller Telefunken im Verdacht.

Wie sprach noch Capt. Colin Maud in der Normandie; „Meine Grossmutter pflegte immer zu sagen: Wenn die Nähmaschine muckt,….
ordentlich draufhaun!“
Diesen Typ befolgte manch technisch begeisterter Ehemann, mit Tritten gegen die Waschmaschine, dem Hammer gegen den Familienwagen oder der flachen Hand gegen den Fernseher. Dabei galt es zu beachten, wenn Streifen durch das Bild zuckelten, mit der flachen Hand einen ordentlichen Klaps auf die linke Seite. Einerseits war der Lautsprecher rechts – was soll man also da draufhauen, wenn der Ton rechts ist muss das Bild links sein, was Mutti mit einem bewundernden „Oooh“ quittierte und weiter strickte – andernseits schlägt man mit links, man will ja nicht züchtigen sondern motivieren.
Mit zunehmender Eigendynamik nimmt der Familienvater die Pfeife aus dem Mund und beginnt mit beiden Händen, zur rechten wie zur linken Seite, auf die deutsche Wertarbeit einzudreschen. Teilweise durchaus mit Erfolg, so zwischen zwei Schlägen der Antennenanschlusstecker dermassen in der Buchse wackelt, dass wieder ein Kontakt entsteht. Während Mutti ruft, jetzt wäre es gut, hat er in seinem Enthusiasmus bereits ausgeholt und mit rotem Kopf wieder eine rechts an den Rundfunkempfänger gezimmert, dass Schwiegermutters Foto auf der Anrichte zittert.
Das Bild wieder verzerrt und während der Papa schweissgebadet seine Hausjacke mit Zopfmuster aufknöpft, flucht er, dass sich die Makramee-Eule beschämt abwendet und die Vorhänge, in braun-orangem Kringelmuster gehalten, wackeln. Dabei wollten sie doch nur Dalli-Dalli sehen.

Mit dem letzten Rest an Selbstbeherrschung bringt er die Lavalampe in Sicherheit und schmettert keuchend die Faust in das Spitzendeckchen auf dem Fernsehgehäuse.
Ja, die alten Fernseher boten noch allerlei Stellfläche und speziell in italienischen Haushalten musste man etwas Zeit einräumen um alle Nippes und ein leicht angesengtes Spitzendeckchen beiseite zu räumen. Nicht zuletzt war manche Wachskerze des Kunststoffgehäuses Tod.
Aber zurück zu Papa, welcher mittlerweile hemdsärmlig den Fernseher in fachmännischer Manier weiter bearbeitet. Begleitet von Tritten gegen den Toploader-Videorekorder.

Da machte es Puff.
Kein grosses Hallo, nur Stille. Das Klappern der Stricknadeln verstummt und leise schwillt ein Kindergeheul an.

Diese ausgebufften Zimmersleute von Telefunken haben im Gehäuseoberteil eine Holzleiste angebracht, etwa mit den Dimensionen einer Dachlatte. Diese war so solide befestigt, dass man den Fernseher wohl tragen und absetzen konnte, aber dass die Halterung keine derart groben Schläge wegstecken konnte, dass die Freizeit Revue im filigranen Fernsehmöbel zu zittern begann.
So meine Unterstellung, denn diese Dachlatte hatte schlichtweg keine erkennbare Funktion.
Löste sie sich nun also vom Gehäuse, fiel sie derart unglücklich auf das schwächste Glied in der gesamten Rundfunkempfängerkonstruktion, dass sie ihm gleich den Todesstoss versetzte. Der Bildröhrenhals bestand aus einem dünnen Glasröhrchen von der Robustheit eines Sektglases. Man konnte ihn mit einem sich verfangenden Pullover-Ärmel knicken, selbst getestet und bestätigt, mit einer angelehnten Platine brechen, selbst getestet und bestätigt, oder eben einer fallenden Dachlatte durchtrennen. Getestet durch Herr M. aus Oerlikon und bestätigt durch die Firma mit dem Papagei und dem grossen roten R.
Ein völlig unspektakuläres Puff, Hochvakum fürn Allerwertesten, war die Folge und Papa bat um einen Vorschuss auf das Weihnachtsgeld, um der Familie einen neuen Fernseher zu kaufen.telefunkenDa befand sich also zur Rechten eine Klappe. Der Teufel ist ein Eichhörnchen, so war es beinahe unvermeidlich, dass …

Demnächst in ihrer Buchhandlung

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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