Der Zahn der Zeit

Kürzlich wurde eine Verflossene von mir vermählt. Mit einem Kerl, etwa zehn Jahre älter als ich und einem Kind aus erster Ehe.

Letzten Samstag oder Sonntag, so genau weiss ich das nicht, da ich keine Einladung zur Sause erhalten habe. Es war wohl mein Kommentar zu ihrem Polterabend, welcher mir den Zugang zu weiteren Festlichkeiten verbaute, nicht, dass ich deswegen grollte, Gott bewahre. Dass es wohl nett wäre, dass sie mich an ihren Polterabend zu laden gedenke, aber dies wäre an sich ein Anlass unter Gleichgeschlechtlichen um vor dem beringten Abstieg in die Hölle nochmals durch die Pforte des Paradieses zu spienzeln und, obwohl ihre Neigung durchaus danach abzielte in einer Beziehung das lange Beinkleid zu tragen, ich dennoch einige körperliche Merkmale besitze, welche mich durchaus als männlichen Vertreter des Homo-Sapiens ausweise und daher ganz gewiss nicht an ihren Polterabend käme.
Da die Dame durch ihre forsche Arte, Beinkleid in der Beziehung und auch im Leben sonst, es irgendwie bewerkstelligte, dass sich die gesamte Damenwelt von ihr abwandte, traf ich wohl einen wunden Punkt und sie musste sich eingestehen, dass ein Polterabend mit ihrer Mutter nicht direkt den Stoff für Kinofilme böte.

Gut, zu ihrer Verteidigung muss ich noch anfügen; Warum Frauen untereinander Streit haben ist für Männer nicht immer nachvollziehbar. Dies kann vom Tragen desselben Top’s im Ausgang über das Ausspannen eines Freundes bis hin zum durch drei Frauenmündern übertragenen Äussern einer Mutmassung über den Flirtversuch des damaligen Freundes mit der Arbeitskollegin im selben Friseursalon alle möglichen Gründe haben. Und da Frauen zum Extremen neigen, können Feindinnen auf den Tod morgen BFF (Best Friends Forever) sein, oder eine Lapalie wird zur Fehde, welche von der Mutter an die Tochter weitergegeben wird. Du huere fucking bitch! Worte, ich werde beim schreiben schon rot, füllen danach die facebook-Pinwand, bis der Freund erklärt wie man eine „Freundin“ blockiert, worauf die fucking bitch bemerkt, dass sie nun auch nicht mehr sieht, was die andere Schlampe so treibt, weswegen man sich wieder erneut eine Freundschaftsanfrage sendet, nur um das Ränkespiel weiterzutragen.

Wenn man eine Freundin hat, denkt man im jugendlichen Leichtsinn stets, dies ist nun für den Rest des Lebens. Es entbehrt wohl jeglicher Vernunft, dass man wohl nicht wild durch den Teich fischt sondern seiner Präferenzen folgend stets den Köder nach ähnlichen Exemplaren auslegt, aber sich ganz sicher ist, dass sich diese nun von den vier vorangegangenen unterscheidet und deswegen die Eine ist.
Deswegen war es für mich auch stets unvorstellbar, dass eine Ex-Freundin einen anderen Mann heiraten würde. Für das Eintreten eines solchen Falles dachte man sich Szenen aus, welche Hollywood nicht besser in Szene setzen könnte.die-reifeprüfung-kircheDie Reifeprüfung (1967)

Mit der Vernunft des Alters sieht man das alles relativ, mehr noch, ganz ohne Verbitterung entflieht einem ein erleichtertes Uff, obwohl man nie wirklich in Gefahr war, da sich die Verbindung zum neunten und letzten Mal vor etwa 12 Jahren gelöst hatte.
In dieser Zeit flossen einige Liter Wasser über den Rheinfall, von Zeit zu Zeit hat man sich wieder getroffen, ungezwungen über die alten Zeiten geplappert, sich gegenseitig kritisch beäugt, wie der Zahn der Zeit am gegenüber nagt.

Es fiel mir unglaublich leicht, mit aller Aufrichtigkeit meinen tief empfundenen Glückwunsch zur künftigen Vermählung auszusprechen und den Segen mit einem offerierten Bier zu begiessen.
Da ich ein sehr oberflächlicher Mensch bin sehe ich darin auch kein Verlust für die Männerwelt, wenn das Gegenüber mit leuchtenden Augen unter ergrauter, praktischer Husmütterchen-Kurzhaarfrisur, gewandet in Jack Wolfskin vom Kragen bis zur Sohle und dieses bezirzende Freitagabend-Ausgangsoutfit mit etwa dreizehn zusätzlichen Kilogramm mehr als gut ausfüllt.

Ich gestehe, gelegentlich macht mir meine Oberflächlichkeit etwas Sorgen.
So gewährte mir gestern Bella den Genuss ihrer Gesellschaft.
Die eine Frau, welche unbewusst seit drei Jahren mit – so hoffe ich – Erfolg verhindert, dass ich trotz meines – aus Singlesicht – methusalischem Alter noch nicht komplett aus dem Leim falle und ganz allgemein darauf bedacht bin, mich zumindest annähernd ihrer Gesellschaft würdig zu erweisen. Nicht, dass ich Sie der Oberflächlichkeit bezichtigen würde – nun fahre ich nicht mit einem ‚Aber‘ fort, da der Satzteil vor einem ‚Aber‘ gestrichen werden könnte – doch es ist eine Tatsache, dass man nicht mit der Aldi-Jogginghose in die Oper geht und wenn wir gemeinsam losziehen, möchte ich ihr nicht zumuten, dass wir wie Esmeralda und Quasimodo durch die Stadt wandeln. Humpeln.

Sitze ich also da, zwinge mich meinen Blick von ihr zu lösen und erkenne die Nachtschattengewächse um mich herum und was noch schlimmer ist, die balzende Männerschar. Alle, wohl eher plus als minus, in meinem Alter und ich frage mich; Erreicht man irgendwann den Punkt, an welchem die optische Erscheinung derart in den Hintergrund rückt, dass einem nur noch an der Gesellschaft an sich gelegen ist?
Sind Frauen ab einem gewissen Alter nicht mehr darauf bedacht, mit äusseren Reizen zu verführen und bestellen sich bequeme Wanderhosen in Passformgrösse 38-46 und die Männer sehen generös darüber hinweg, weil sie einfach dazu bereit wären, den Zigarettenautomat zu bespringen, so dieser weiblich Attribute wie etwa eine darauf abgelegte Jacke aufweisen würde.
Natürlich kann man nun die inneren Werte ins Feld führen, aber ein Delikatessengeschäft betritt man ja auch nur, wenn eine verlockende Auslegeware im Schaufenster dazu einlädt. Oder man vernimmt durch Mund-zu-Mund-Propaganda davon, doch meiner Erfahrung nach ist den Frauen nicht sonderlich daran gelegen, dass man durch Mund-zu-Mund-Propaganda auf sie aufmerksam wird.
Kommt also irgendwann der Punkt, an welchem man, Männlein wie Weiblein, einfach resigniert und alleine den praktischen Punkt einer Vereinigung sieht? Man muss das Gegenüber weder reizvoll noch anziehend oder interessant finden, es hat sich einfach so ergeben, dass dieser verbeulte Deckel zufällig auf jene durchgekochte Pfanne passt und man praktischerweise weder das Eine noch das Andere auf den Müll werfen muss, worauf man beides noch ein paar Jahre verwendet, ohne dabei wirklich Freude zu empfinden.

Es mag nicht der vortrefflichste Charakterzug sein, aber ich hoffe, mir meine Oberflächlichkeit noch ein wenig zu bewahren.
Und, um sicher zu gehen, mir Bella noch ein paar Stunden ihrer Zeit schenkt.

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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