Du bist Schaffhauser….

Ob heute in der Unterstadt ein feierlicher Anlass begangen werde, das sogenannte Unterstadtfest, wollte ein Benutzer wissen.

Geh googeln, so die erste Antwort.
Es stehe nicht drin. – verzeiht meine ungepflegten Sätze, ich gebe nur in Schriftsprache wieder, was die Benutzer in Schweizerdeutsch an die Pinnwand schreiben.

Richtig, ich bin im sozialen Netzwerk, meinen voyeuristischen Trieben nachgebend. Für die Abstinenten, ich schreibe ja nicht ausschliesslich für die zuckerbergsche Plattform, in facebook kann sich jeder selber präsentieren, Beifallsstürme aus seinem virtuellen Umfeld erhaschend, oder Gleichgesinnte schliessen sich zu Gruppen zusammen. Solcherlei Gruppen entwickeln dann eine gewisse Eigendynamik, woraus resultiert, dass die veröffentlichten Inhalte mit dem Titel nichts mehr gemein haben müssen. ‚Du bist ein Schaffhauser, wenn…‘ verkommt zum Arbeitstitel, heute könnte die Beschriftung zum Beispiel lauten ‚Seht, ich habe einen Flieger, eine Kamera und setze mich damit gerne in Szene‘. So wird ein und derselbe Acker aus vier Himmelsrichtungen und jedem zwanzigsten Grad dazwischen fotografiert. ‚…wenn weisch wo da isch‘, als Beschriftung

Die ersten 15 Kommentare loben den Fotografen. Schön, toll, grossartig und tolles Foto.
Dann schreibt der Erste, dass dies – meinetwegen – Guntmadingen sei. Der nächste schreibt Siblingen, der dritte Wiechs am Randen.
Wir wollen nicht vergessen, mir bricht der nackte Angstschweiss aus, wenn ich nicht weiss ‚…wo das isch‘, bin ich kein Schaffhauser! Glücklicherweise habe ich meine Steuern noch nicht beglichen, mir würde die Ausschaffung drohen.
Die Diskussion entbrannt, ob Wiechs am Randen denn zu Schaffhausen gehört, wobei der Name der Gruppe nicht explizit vorgibt, dass eine Fotografie in Schaffhausen entstanden sein muss, oder Schaffhausen zeigen sollte, ich muss nur wissen, wo dies sei, um als Schaffhauser anerkannt zu werden. An und für sich kann ich auch das Matterhorn posten. Posten nicht im Sinne von Schlendern mit einem Einkaufskorb, posten bedeutet, in der Überzeugung man diene dem Gemeinwohl, seine Meinung an eine virtuelle Pinnwand zu heften.

Der Künstler löst das Rätsel, es sei Guntmadingen und, was wirklich wichtig ist, dass er dies aus dem kleinen, gelben Flieger HB-haumichtot fotografiert habe.
Sofort erkennt einer, dass im Schuppen links früher ein Tante-Emma-Laden war, in welchem man in der guten alten Zeit für einen Rappen einen Lolly erstehen konnte. Und noch Geld zurück erhielt!
Ein anderer erkennt sein Elternhaus, dieser kennt den Köbi, welcher beim Ruedi die Zeitung einwarf und der Ruedi war eben im Turnverein mit dem Schwani und eben dieser Schwani hätte einen Cousin, dessen Schwager in diesem Haus mit der grossen, gelben Blume im Garten aufgewachsen wäre.
Worauf die Trudi schreibt wie lässig das wäre und wie klein die Welt doch sei.
Nach einem Tag und drei Stunden schreibt der Max, dies sei Siblingen. Der Peter meint Löhningen, der Arthur vermutet Diessenhofen, es müsse aber mit der Blende 345:59 abgelichtet worden sein, weil der Rheinfall auf dem Bild seitwärts nach oben fliesse.
Daraufhin wieder der Autor, es wäre Guntmadingen, kein Rheinfall und er habe die Blende 345:58 benutzt, aber gut erkannt. Und er habe das Bild aus seinem kleinen, gelben, einmotorigen HB-haumichtot geschossen.

Weil die einen ja und die anderen nein sagten, erkundigte sich die Maus, ob das Unterstadtfest wäre.
Erst nächstes Jahr.
Es wäre letztes Jahr gewesen.
Es wäre heute Albanifest.
John hat einen langen Schnurrbart.

Ihr erkennt, die Antworten müssen noch nicht einmal etwas mit der Frage gemein haben.

An welchem Datum Scafhusia 15 sei, er müsse eben frei eingeben.
Heute sei Albanifest. In Winti.
Es sei einmal Stadtfest, dann Unterstadtfest und einmal Scafhusia.
Albanifest hätte nichts mit dem Unterstadtfest zu tun.
Wann City-Fest sei?
Molesse bringt morgen wieder Cognac
Heute sei Albanifest.
Ja super, der eine sage nein, der andere ja
Es wäre kein Fest.

Nein, nicht nur ihr seit verwirrt, so liest sich dies wirklich.

Man solle bei der Stadt anrufen.
In Singen sei Stadtfest.Albanifest sei. In Winterthur.

Die Maus bedankt sich herzlichst für die Kommentare, was erahnen lässt, dass sie langsam den Kanal voll hat von den Benachrichtigungen, insbesondere, da die Frage vor 18 Stunden eigentlich schon beantwortet wurde, oder sie spätestens beim Einkaufen heute Morgen festgestellt hat, das keine Festlichkeiten im Gange sind.

Daraufhin schrieb der Stefan vor einer Minute, es wäre kein Unterstadtfest. Wetten, dass… hier noch zehn Antworten kommen?

Etwas Drama kommt auch hinzu, dies verleiht jeder Gruppe die nötige Würze, einen gewissen Tiefgang.
So war ich gestern nur Schaffhauser, wenn ich wusste, was ein Hubschrauber über dem Rhein suche.du-bist-schaffhauser
Elf Personen wussten es nicht, aber bestätigten zumindest mit einem sogenannten Like, einem Daumen nach oben, dass ihnen die Frage, was ein Helikopter über dem Rhein suche sehr gefalle und den Tag versüsse. Respektive den Abend.

Der erste tippte auf Zürcher Grenzkontrolle, ein ganz heisses Eisen! Bei dramatischen Themen steht man bei falschen Antworten mit einem Fuss stets im Shitstorm.
Daraufhin folgt auch gleich, dass es nicht witzig sei, es wäre die Rega. Imfall! Franco wollte gerne einbringen, dass er am Rhein lebe und tat kund, dass vor seinem Anwesen der Fluss „abglüchtet“ werde.
Der Marco trägt nicht viel zum Thema bei, aber erwähnt in diesem Zusammenhang, dass er in Aarau wohne, was der Dani mit einem Like belohnt.
Franco’s liveticker verkündet, dass die Suche abgebrochen wäre und es hoffentlich nicht dies sei „was die meischte denked“. Dass der Pilot mal schnell für kleine Jungs musste? Zwei Leuten gefiel dies ausserordentlich. Die ursprüngliche Fragestellerin erkundigte sich, ob sie es wüssten.
Marco, der aus Aarau, verneinte, aber er fahre jetzt nach Schaffhausen. Warum weiss niemand, daher auch kein Like.
Langsam steigert sich die Communitiy rein, es werden Transparente gebastelt, Kerzen ins Fenster gestellt und die Trudi organisiert einen Trauermarsch.
Rahel ist soeben aufgewacht, zwei Likes, – wir haben nun Mitternacht – und klinkt sich ein. Sie hoffe es sei nichts tragisches, weiss eine Minute später schon, dass jemand verunglückt sei.
Der Heli sei weg, weiss Thomas.
Maurice, ein Insider, zitiert die Polizei, es sei eine Suchaktion, alles andere wäre geheim.
Wir sind froh um diese Info, dies lag nun wirklich nicht auf der Hand, wenn ein Hubschrauber mit Scheinwerfer über dem Rhein schwebt. Trotzdem kein Like.
Rahel vermutet ein Selbstmord. Gefällt auch niemandem.
Tanja weiss nun, dass es ein Mann sei, Jasminka sagt ‚Uhhh‘ und erhält ein Like.
Anno Nymus bricht in Tränen aus, bekundet dies mit einem bekümmerten Smiley.
Polizisten leuchten auf den Rhein, ein wildes Gefuchtel müsse dies sein.
Der grosse Auftritt der Insiderin Dara! Sie wüsse es! Ihr Mann wäre dabei gewesen. Sei sehr tragisch!
Ohje.
Oh nein.
Dara wolle nicht mehr sagen, sonst hätte sie die Polizei am Hals.
Was ihre ganze Aussage eigentlich zur Farce erklärt, aber den Charakter von facebook aufzeigt, man will sich einfach präsentieren. Drei Likes.
Nun den nächsten Wink mit Mahnfinger; Dara will noch immer nicht plaudern, aber gibt uns den Tipp, nicht zuviel Alkohol zu konsumieren. 5 Likes.
Ein Link zu Radio Munot wird gepostet. Für alle, welche zu dumm zum klicken sind kommentiert Verena „E vermiesti Person!“. Sei meinte es sicher nicht böse.

Mittlerweile stellte sich heraus, dass zwei Schwimmer den Rhein durchquerten und der eine, statt am Ufer auf seinen Kollegen zu warten, davon spazierte.

Rahel traut der Sache wohl nicht, sie möchte aufhören zu spekulieren und auf das Beste hoffen. Ein Like.
Tanja freut sich.
Tanja finde den Beitrag nicht.
Rahel hatte eine schlaflose Nacht.

Aus die Maus.
Kein Selbstmord, kein Alkohol und kein Haifisch. Wie öde.

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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2 Kommentare zu Du bist Schaffhauser….

  1. André sagt:

    Schlicht grossartig! Ein dickes Lob an den Schreiberling, der treffend vor Augen führt, wie absurd unsere ach so vernetzte Gesellschaft sich selbst ins Abseits manövriert. Und nein, dieses Abseits hat nichts mit der aktuellen WM zu tun. Ueber die Doofheit so mancher Mitbürger kann man wirklich nur noch den Kopf schütteln und möge hoffen, dass bald wieder ein Meteorit einschlägt wie damals vor 65 Millionen Jahren als die Dinos bachab gingen, damit diesem virtuellen Treiben ein Ende gesetzt wird. Danke für den Text, ich habe mich köstlich amüsiert, aber auch fremdgeschämt.

  2. RAB sagt:

    Hallo André,

    herzlichen Dank für Deinen Kommentar!
    Es ist beileibe eine merkwürdige Gesellschaft, in welcher wir leben; Getrieben vom Geltungsdrang hat die Weisung unserer Ahnen „vor dem Sprechen Gehirn einschalten“, jegliche Bedeutung verloren.
    Diesem Handeln entsprungene Statusmeldungen und Kommentare in sozialen Netzwerken kann zu einem Amüsement bis hin zu, wie Du treffend bemerkst, fremdschämen führen.
    Bisweilen kann ich glücklicherweise genügend Abstand wahren, die Sache mit einem gewissen Zynismus betrachten und mich daran erfreuen, wenn selbiger bei den Lesern Anklang findet.
    Der Zyniker weiss, dass die Erde unweigerlich zugrunde geht, begegnet der Tatsache jedoch täglich mit einem Lächeln.

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