Durch Raum und Zeit

In zwei Stunden kann man ordentlich viel erledigen. Immer ein wenig in Abhängigkeit der Ansiedelung besagter zwei Stunden. Morgens in der früh reicht es zu gar nichts, nicht einmal für das Einräumen des Geschirrspülers, obwohl man sich diese Aufgabe in der samstäglichen Familiensitzung als vorbildliches Oberhaupt gleich auf den eigenen Ämtliplan notiert hat. Seht, selbst Papa packt mit an. Wenn man mit einem Schuh, offenem Hosenstall und anstelle der Strellson-Jackets in der gesteppten, silberfarbenen Winterjacke der Gattin durch das Dorf hetzt und auf die Gnade des Fahrers der ländlichen Buslinie angewiesen ist, fragt man sich, wo die zwei Stunden geblieben sind.
Während man ausser Atem auf den „Hello Kitty“-Schultornister in der linken Hand starrt und überlegt, ob die kleine Tochter nun mit Papas Aktenkoffer zur Schule geht.

Stolpert man jedoch an einem Sonntag über besagte 120 Minuten zu Besuch bei den Schwiegereltern, würden sie gefühlsmässig reichen ein Arche zu bauen. Begonnen beim Pflanzen der Bäume. Oder man lauscht Schwiegervaters Weltkriegsgeschichten. Alle beide. Mit allen Anekdoten, den Schützengrabenfuss in den blumigsten Bildern dargestellt, während man im Hochsommer lustlos an den verbliebenen Weihnachtskeksen knabbert und sich mit Incarom ein ordentliches Magengeschwür ansäuft.

Mir stand keineswegs der Sinn danach, heute zwei Stunden zu verballern. Nicht ich, der selbst im Llano Estacado von Winnetou nach dem Weg gefragt wird.
Ich beschloss mein Überzeit-Konto etwas zu füllen und startete daher zu nachtschlafener Stunde meine Heimfahrt. Um siebzehn Uhr.
Mit quietschenden Reifen über den firmeneigenen Kiesplatz. Vor Herrn Meiers VW Passat, der muss auf dem Sessel eingeschlafen sein, um diese Zeit ist kein Mensch mehr anwesend, auf die Hauptstrasse geflitzt und in den Verkehr eingefädelt. Wobei Verkehr wäre an sich etwas fliessendes, denke ich mir. Dieses, welches hier durch das Zürcher Oberland praktiziert wird, erinnert eher an ein Wettlauf beim Firmenpicknick. Auf bockigen Ziegen und störrischen Mauleseln. Mit zusammengebundenen Beinen. In Betonschuhen. Der Spass hält sich arg in Grenzen. Die wohlgelobten Kreisel sorgen bestenfalls dafür, dass man neben dem Treten der Pedalen nicht vergisst, auch gelegentlich am dem runden Zeitungsständer mittig der Fahrerposition zu kurbeln. Da in Unter-Wetzikon seit etwa sieben Jahren drei Quadratmeter Asphalt ersetzt werden wälzt sich der ganze Verkehr über Ober-Wetzikon. Ich nenne die Ortsteile einfach so, die werden wohl nicht korrekt benannt sein. Aber Zürcher leben auch in „Taglischwange“, „Wislig“ und „Adlischwil“, auf dieses Niveau will ich mich gar nicht begeben.
Selbstverständlich legen einem die Bahnbetriebe ausserhalb Pfäffikons eine Barriere in den Weg und die Autos stehen bis in die Ortsmitte. Durch eine Kreisel. Es ist nicht so arg wie bei der deutschen Bahn in Schaffhausen, doch auch hier legt man Wert darauf, dass die Automobilisten während fünf Minuten vor dem passieren der Lokomotive Löcher in die Landschaft starren.
Den Stau bei Winterthur langsam satt denkt sich der Fuchs hinterm Volant bei Illnau ich nehme einen Schleichweg. Eine Tafel warnt vor der erschwerten Ortsdurchfahrt in Effretikon, doch auf solche Hinweise gebe ich nie viel. Nicht aus Erfahrung, diese würde die Aussagekraft solcher Hinweise eher bestätigten, nein, aus einem unerfindlichen Grund denke ich stets, die seien nicht an mich gerichtet. Denke ich, bis ich zweimal zehn Minuten vor besagter erschwerter Ortsdurchfahrt stehe. Ein Lichtsignal bewacht hier einen Kreisel. Es ist wichtig, dass Lichtsignale vor Kreisel installiert werden, nur so kann der Verkehr vernünftig dosiert werden, damit dieser im Kreisel immer schön flüssig läuft.
Oder die Schweizer Baumeister haben im Kurs „Kreisverkehr statt Stau am Lichtsignal“ nach der Pause das Schulzimmer nicht mehr gefunden und bauen nun einfach konsequent beides.
Entweder stolperte Mario über das Kabel oder es war ein Fehler in der Programmierung, plötzlich wurde es grün und mit neuem Mut brauste ich nach Tagelswangen. Nach Nürensdorf und weiter nach Birchwil. Da wartet nicht direkt eine Baustelle, aber eine Schotterpiste, dass sich mein Automechaniker schon lüstern durch den Stossdämpferkatalog wühlt. Eine weitere Unsitte des Strassenbaus, dass man Privatwagen die Planierarbeiten übergibt. Die fahren ja sowieso hier durch und munter noch einen Eimer Rollsplit hingekippt.
In Birchwil dann der Wegweiser, dass die Strasse nach Embrach gesperrt wäre.

Gehe zurück nach Los, ziehe keine 4000 ein.
Los steht für Bassersdorf und wirft mich im Zeitplan wieder 15 Minuten zurück. Mit einer Träne im Knopfloch fahre ich an meiner alten Arbeitsstelle vorbei um mich in den bestens bekannten Stau bei der Kreuzung Kloten einzureihen. Die Schleife über Embrach lasse ich bleiben und fahre auf die Autobahn in Richtung Bülach. Für drei Kilometer.
Der obligate Stau vor Eglisau muss sich ordentlich vergrössert haben, oder beim McDonalds Bachenbülach kriegt man gerade zwei für eins.
Bei allem Ärger vergass ich zu gucken, was den Stau verursachte, aber dies ist auch nicht ganz so einfach, da blickt der Laie nicht durch. Da wird schon einmal eine Spur geschlossen und die verbliebene Fahrbahn mit vier Verkehrsleitsystemen geregelt, damit Paco ein Gänseblümchen setzen und den Holunderstrauch schneiden kann. Über Monate hinweg. Die Schweizer arbeiten genau.

Der Eglisauerstau erwartete mich erst danach. Um halb sieben mittlerweile.
Beinahe flott ging es über deutsches Gebiet, mit atemberaubenden siebzig Stundenkilometern raste ich hinter einem silbernen Kleinwagen. Dessen Aufschrift, Studien- und Lebensbahn-Beratung oder so ähnlich, brachte mich direkt zum nachdenken.

Punkt sieben lenkte ich den Wagen vor den Dorfladen.
Autofahren macht dick, da ist schon was dran. Ich war zu träge, mir noch mein eigenes Brot zu backen, also kaufte ich den weichen, ungesunden Frischback-Schwamm. Die nette Dame vom Verkauf sprang nicht gleich zwischen den Regalen hervor, die Wartzeit reichte, um noch einen Packen Magenbrot aus der Quengelware zu greifen. Einfach weil sie dort stand und ich gefrustet war.
Triefend vor Selbstmitleid, griff ich noch nach der Packung „Schenkeli“. Gedankt sei der Herr, dass die Dame zur Kasse kam, bevor ich noch Hipps Babynahrung auf den Tresen legte, weil diese auch gerade in Greifnähe lag.

Ja, auch so kann man zwei Stunden verbringen

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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