Ehret die toten Geister

Was macht diese Schraube hier?

Man muss die Augen leicht zusammenkneifen, den Blick fokussieren und man sieht sie liegen. Von der Grösse eine Stecknadel liegt sie leicht schräg auf dem Empfangstresen. Für den einen ein Ding, welches man während eines Telefonats zwischen den Fingern zwirbelt, irgendwo wieder liegen lässt und bei Gelegenheit dem Abfall zuführt, für den anderen der berühmte Tropfen, welcher das Fass zum überlaufen bringt. Morgens um drei Minuten nach halb acht. Offizieller Arbeitsbeginn wäre um Punkt acht.

Die Temperamentenlehre mag wissenschaftlich überholt sein und dank ihrer Eingängigkeit Waldorfschultauglichkeit aufweisen, ich finde sie dennoch nicht verkehrt, zumal man in einem Betrieb doch alle vier antrifft.

temperamentenlehreDen Sanguiniker, welcher während eines Telefonats mit besagter Schraube seine Finger beschäftigt, trifft dabei auf den Choleriker; Eine unsäglicher Zusammenprall der Elemente. Der Sanguiniker weist derab vermehrt melancholische Verhaltensweisen auf, was das Human Resources-Management in eine eher phlegmatische Position treibt, um das althergebrachte Gleichnis zu vollenden.

Es war schon immer so.
Umstrukturierung, den Mitarbeiter in Prozesse einbinden, Verwantwortung übertragen, leistungsabhängige Entlöhnung, teambildende Anlässe; Der modernen Betriebsführung werden jede Menge Werkzeuge in die Finger gelegt um eine dynamische Firma auf dem Markt  und Arbeiter bei der Stange zu halten.
In gewisser Weise möchte man die menschliche Komponente fördern, vom Grillnachmittag mit Drei-Bein-Rennen bis zum Abschiedsapero für Paco den Speditionsesel.
In gewisser Weise steht die menschliche Komponente dem Fortschritt im Wege, denn bei jeglicher Bemühungen dem Betrieb die jugendliche Dynamik einzupflanzen, mit flacher bis keinerlei Hirarchie eine Gspürsch-Mi Atmosphäre zu schaffen, wird immer ein kleiner Raum mit einbezogen. Kein grosser, vielleicht ein oder zwei Personen breit. An diesem Raum hängt ein Schild „Das haben wir schon immer so gemacht“.
Dieser Raum ist nicht etwa im Keller, nein, er bildet den Nucleus und der gesamte neuorientierte, dynamische Betrieb rotiert um selbigen, um dem simpelsten physikalischen Gesetz Rechnung zu tragen, man geht den Weg des geringsten Widerstandes.
Bleiben wir bei den Griechen, einen Choleriker ruhig zu halten, ist die reinste Sisiphus-Arbeit oder in etwa so einfach, wie einer kleinen Katze eine Pille zu verabreichen. Je mehr man auf ihn zugeht, desto nichtiger werden einfach die Gründe, welche ihn zum totalen Ausrasten veranlassen.
Wenn ihr nun denkt, eine Schraube verquer auf der Theke wäre schon ein arges Vergehen und rechtfertige den Supergau, so darf ich anmerken, dass man durchaus auch durch die Decke gehen kann, wenn ein Arbeitsauftrag versehentlich doppelt auf Papier erscheint, weil zwei unabhängig agierende Personen zur gleichen Zeit denselben Gedanken verfolgten und die Print-Taste betätigen. In einer jugendlich dynamischen Firma kein Ding, kommt einer eben auf den Makulaturstapel, aber weil im Jahre des Herren 1956 mittels Matrizendrucker ein bläulicher Erlass verfasst wurde, wer des Morgens die Aufträge druckt, ist es eben dennoch ein Fauxpas par excellence.
Man hat es eben schon immer so gemacht.

Man könnte das tote Fleisch natürlich einfach entfernen. Nur weil ein hölzerner Pfosten seit Jahrzehnten in derselben Ecke liegt, hat man sich vielleicht an den Anblick gewöhnt, aber für die Statik des Gebäudes ist er so entbehrlich, wie das Kalenderblatt des Juli 84 mit dem erregenden Konterfei eines BU508, Transistor des Jahres.
Aber dieses Gewohnheitsrecht, man hat es eben schon immer so gemacht.
Der ist schon immer hier gewesen. Man muss ihn nehmen wie er ist. Er macht es ja schon richtig.
Die Intensität der Suche nach Argumenten für die Billigung seines Tuns steht im perversem Kontrast zum Vorwurf der Unflexibilität zu Handen der neuen Generation.

Die Das-haben-wir-schon-immer-so-gemacht-Eisenbahn fährt führerlos, gezogen vom Triebwagen der toten Geister im Passagierteil. Sie fährt einen Bogen um Metropolen und hält in Geisterstädten. Die Wagen rollen von der Schuster-Stadt durch das bleib-bei-deinen-Tal in die Leisten-Stadt.
Er fuhr schon immer dadurch, da soll er bleiben und im Schutz der Nostalgieblase bleiben seine Insassen geschützt.
Auf diese Bimmelbahn kann keiner mehr aufspringen, die Neuzugänge kurbeln auf der Draisine, Gefahr laufend, bei mangelnder Dynamik vom Toten-Geister-Express von den Schienen geworfen zu werden.

Man kann sich noch nicht einmal beschweren; Die Zahlen untermalen es.
Es ist schwarz auf weiss bewiesen; Die Bimmelbahn fährt Rendite ein, die Draisine vermag kaum das Fett für die Achswelle einzufahren.

Ein beinahe philosophischer Ansatz; Macht man das Falsche im richtigen Umfeld, oder das Richtige im falschen Umfeld.

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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