Ein beschwingtes Wochenende

Gewichtige Gründe haben mich bewogen, einer turnerischen Abendunterhaltung beizuwohnen, Chränzli wird dies in unseren Breitengraden genannt.

Da geben sich die turnerischen Vereine ein stell-dich-ein und präsentieren mit Enthusiasmus eine gut einstudierte Darbietung, mit Grimms Märchen als gemeinsamen Hintergrund.
Hänsel und Gretel führten als Pausenfüller mit schlüpfrigen Witzen durch den Abend, haben somit den roten Faden gesponnen und verschafften den Darstellern Zeit, das Bühnenbild zu erstellen. Später ergänzt von einem Herren im Zottelkostüm, welcher sich als Wolf vorstellte.
Um es richtig geniessen zu können muss man wohl Kinder auf der Bühne haben oder sonstwie mit dem ganzen Dorf bekannt sein. Über solch gestaltete Netzwerke verfüge ich nicht direkt, es bot dennoch Kurzweil und so das Bühnenprogramm nicht allzusehr fesselte, tauschte man sich mit den Kollegen hüben und drüben des Tisches aus. Insbesondere, wenn die Teenies hüpften und hüpfen liessen, einen lasziven Tanz vollführten und man sich als erwachsener Mann irgendwie komisch vorkam, auf die Bühne zu starren, ohne das Starren mit jedwelchen verwandtschaftlichen Bindungen zu rechtfertigen. Es beruhigte mich ungemein, dass nicht nur ich peinlich berührt war und so widmeten wir uns hingebungsvoll den staubtrockenen Bierflaschen, deren Nachschub wir vor der Darbietung nicht die erforderliche Aufmerksamkeit widmeten.
„Chasch mer mol dLuft uselo, Vreni“, wie der gemeine Chränzlibesucher zu sagen pflegt.

In der Pause wurde dieser Missstand behoben, ein Kollege orderte gar noch ein Pizzabrötchen und belohnte den Service, mehr oder minder unfreiwillig, mit fünfzehn Franken Trinkgeld.
Meine Wenigkeit widmete sich dem Glücksspiel und so badete ich bald in Losen für die adrett angerichtete Tombola vor dem Eingangsportal. Da mir weder in der Liebe noch im Spiel das Glück am Hacken klebt, erwarb ich zwei Couverts, da hat man mindestens zwei Preise auf sicher. Ich verbuche es gemeinnützige Ausgabe und Aufwendungen für meine Integration im Dorfleben, war auch bedacht, dass, ähnlich einer präsidialen Stimmabgabe in Nahost, mich auch alle sahen dabei.
Selbstverständlich hatte ich im maximum zwei Preise auf sicher und bin nun stolzer Besitzer eines Wella-Pflegesets für getöntes, naturlockiges und hüftlanges Haar, bestehend aus zwei Sprays, für einen ausserordentlichen voluminösen Haarschopf und einer Art Milch für die Haare, über deren Verwendung ich mich noch schlau machen muss.
Der zweite Preis war ein Zopfgebäck, passt ausserordentlich gut in meine Gesundheitswoche.

Während der Pause traf der Stargast ein und im zweiten Teil durfte ich mit reinem Gewissen auf die Bühne starren und mit Tunnelblick, äusserst fasziniert und verzaubert einer wunderbaren Tanzvorstellung folgen.
Ganz ohne Sarkasmus und Ironie. Bisher hatte ich für High Heels nicht besonders viel über, aber wie so oft, es ist augenscheinlich davon abhängig wer sie trägt.

Der Saal wurde wohl während der Vorstellung schon gelegentlich mit fluoreszierendem Licht geflutet – dies ist normal an sogenannten Chränzli, es finden sich stets solche Spezialisten im Publikum – aber da diesmal dazu applaudiert wurde, schlossen wir daraus, dass die Vorführung beendet sei.
Gleich neben den Toiletten wurde eine Apres-Ski-Bar betrieben, welche uns mit weiterem Bier lockte.
Die Klientel bestand zu 80 Prozent aus den Protagonisten der ersten Halbzeit, was wohl daran lag, dass Leute meines Jahrgangs im Hauptsaal sitzen bleiben, noch einen halben Liter bestellen und sich über ihre Familien, die Hinzes und Kunzes austauschen.
Die anderen zwanzig Prozent der Apres-Ski-Bar wären dann wohl eine Ausgabe meiner Wenigkeit in zehn Jahren. Soviel erdrückende Erkenntnis schrie nach Bier und etwas später hatte ich den Gesundheitstag mit zwei Liter Bier, sprich 1000 kcal, ruiniert.
Auf nahezu nüchternen Magen sorgte dies für ein kleines Unwohlsein; Schönheit muss leiden.
Um Mitternacht wurde die Bar geschlossen, im Hauptsaal stand eine weitere Attraktion auf dem Programm, da jedoch der Hauptact des Abends das Gebäude verlassen hatte, war meine Motivation, die Treppe erneut hochzusteigen, eher gering, wir warteten auf die Wiederaufnahme des Barbetriebs und übten uns im Nageln.
Beim „Nageln“ wird ein Drahtstift, Nagel, ganz leicht in einen Holzklotz getrieben und hernach versucht mit der Finne, dies ist der schmale Teil eines Hammerkopfes, mit möglichst wenigen Schlägen zu versenken. Dazu wird der Hammer an den Rand des Holzklotzes gehalten, ein Schlag ausgeführt und an den nächsten Spieler weitergereicht. Wer verliert, sprich den Nagel als letzten versenkt, hat für gewöhnlich eine Runde Tranksame auszugeben.
Ist ganz witzig, die Belustigung verhält sich proportional zum Alkoholpegel.

Samstag Morgen, der Kopf war mehr oder minder klar, aber der Hunger rumorte in meinem Rumpf.
Ich wog zwei kleine Scheiben Zopf à 50 Gramm ab, bestrich sie mit je 4 Gramm Floralp-Butter und je 13,5 Gramm fett- und zucker-reduzierte Marmelade.
Was war ich pappsatt hernach.
Schlug etwas auf die Laune, da ich mir für gewöhnlich am Samstag ein ausgiebiges Frühstück gönne. Aber im Rahmen der Gesundheitswochen war die Butter und Marmelade schon ein Hochgefühl. Von Nichts kommt bekanntlich selbiges.
Nun zum Coiffeur, Gala lesen, einen gefühlten Liter Wasser um den Nachbrand zu löschen und nebenbei plapperte ich anscheinend zu viel.
Meine Coiffeuse hat mit einer Bekannten das Heu nicht auf derselben Bühne, was mich jeweils in eine unangenehme Mittendrin-Situation befördert; Man will niemandem auf die Füsse treten, was eine gewisses Mass an Opportunismus bedingt. Ist einem als Scheidungskind nichts Fremdes, wenngleich es dadurch nicht angenehmer wird.
Mir scheint ich hätte was gesagt, was ich nicht hätte sollen oder sonstwie falsch reagiert, jedenfalls, wurde mir leicht vorwurfsvoll zugetragen, flogen danach zwischen den Parteien die Fetzen.
Im Gegensatz zum Scheidungskind welches diplomatisch entscheiden muss, wo es das Weihnachtsfest feiern wolle – wobei mir diese Entscheidung stets abgenommen wurde und in meinem Sinne, zu meinem Besten, stets von höherer Instanz bestummen wurde, in welches Wohnzimmer ich geschubst wurde – kann ich in dieser Situation relativ unbekümmert sagen, dass mir doch alle die Kimme küssen mögen.

Da ich schon in Downtown war, stand ich mir mit der gezogenen Nummer 97 einen gefühlten Nachmittag lang im Swisscom-Shop die Beine in den hungrigen Bauch.
Da war vor mir der Kunde, in Kurzmantel und mit Schal, welcher mit gekreuzten Beinen lässig an den Tresen gelehnt dem Verkäufer seinen Job erklärte, die Oma, welche einem weiteren Angestellten ihre Telefondose als eckig, ins Runde gehende und weiss mit einem Stich ins beige beschrieb und mit der Nummer 96 ein Päärchen, welches für den Enkel/Neffen das beste Handy der Welt suchte und sich jedes in jeder Einzelheit beschreiben liess. Dazu natürlich noch jeden möglichen Vertrag und ob es nun günstiger wäre wenn er die Option „free flow“ mit dem Angebot „via hopsassa“ sowie die 25’000 Gratis-SMS buchen würde.
Endlich kam auch ich an die Reihe, bestellte meinen Früchtekorb, lehnte dankbar Swisscom-TV ab und biss mir nachträglich in die Zunge, dass ich erwähnte, ich sei zufriedener Satelliten-Kunde. Die Billag (GEZ) ist schliesslich eine Tochterfirma der Swisscom und letztendlich ist für meinen Haushalt bei selbiger nur ein Radio angemeldet, da, ich informierte bereits, ich kürzlich gelernt habe, dass ein Internetanschluss auch ein Radio sei.
Nun, so genau werden sie dies nicht nehmen, ich gehe davon aus, die Verkäuferin muss einfach Verträge für Swisscom-TV abschliessen.

Zuhause gab es endlich zu essen. Ganz lecker Suppe, einen ganzen Liter. 260 kcal. Was war ich satt.
Danach widmete ich mich der Backkunst, Zimtsterne, Mailänderli, Brunsli, Vanille-Gipfel… einfach weil es mir langweilig war, da soll mal eine sagen, ich wäre kein patenter Ehemann. Essen darf ich keine, Gesundheitswoche, dafür eine Dose Thon mit einem Sprenkel Mayonnaise.
Was war ich pappsatt.

Heute habe ich den Ernährungsplan ziemlich auf den Kopf gestellt. Aufgrund einer Trainingseinheit wurde das Katzenfutter der Thon zum Mittagessen vorgezogen und die Suppe auf den Abend gelegt.
Freue mich beinahe schon auf die nächste Woche, da bringe ich etwas Unruhe in den Speiseplan und gönne mir anstelle von Suppe fünf mal Ceasar-Salat zum Mittagessen.

Hach ist das ein Leben.

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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