Ein Tag im Leben von…

Es geschehen noch Zeichen und Wunder; Fortuna hat mich an ihren Busen gezogen und er fühlt sich gut an.

Wäre der Pikettdienst eine Frau, ich lebte in ständiger Panik einer ungeplanten Vaterschaft, ob des verschrobenen Zyklus. In der allgemeinen Verwirrung hat ein Kollege den Geburtstag der Oma verlegt, die Freundin vertröstet, die Blockbuster-Premiere ausgesetzt und die Hochzeit seines besten Freundes gecrasht, in der Meinung, der Stab würde dieses Wochenende schon an ihn weitergereicht.
Da es disponsorisch – das Erfinden eigener Wörter zeugt von Kreativität – unmöglich wäre, abermals alle Termine umzulegen, übernimmt er nun den Dienst, was mir ein freies Wochenende beschert, für welches er wiederum einen Gutschein erhält, welcher jedoch beim ferienabwesenden Kollegen einzureichen wäre. Ganz einfach diese Sache, man muss nur etwas flexibel sein.
Meine Wenigkeit dürfte wohl gerade in meinen Ferien wieder zum Handkuss kommen, was bedeutet, dass wieder einer einspringen muss und ich in ewiger Dankbarkeit meinen Erstgeborenen nicht auf den Namen Niklaas taufen kann.

Nun gut, das Wochenende habe ich mir verdient.
Als Ferienvertretung stieg ich in die Über-Überhosen – noch schmutziger als normalerweise – und war die letzten zwei Wochen im Tiefbau unterwegs. Mit dem entsprechenden Fahrzeug. Der Ferienabwesende übergibt es nicht gerne, die zwei sind in gewisser Hinsicht auch zu einer Einheit verschmolzen, dies geht so weit, dass ich das Gefährt bisweilen kaum Fleck bringe.
Der Wagen kann mit knapp siebenhundert Kilogramm beladen werden, mit dem Führerhaus in Normalbesetzung fallen somit keine fünfhundert Kilogramm mehr auf den eigentlichen Laderaum. Wäre an sich ganz ordentlich, hätte der gute Fahrer um der Organisation willen nicht einen Schubladenstock eingebaut. Wir sprechen hier nicht von einem Sortimo-Schrank von 37 Kilogramm, nein, Gott allein weiss in welcher Metallwerkstätte er diesen Massivschrank gefunden hat, drei bis vier Mann mussten ihn wohl in den Wagen hieven. Der Ford quittierte dies mit einem freudigen Hüpfer, ein kleines Abheben der Vorderräder und ein Zurückkippen in die herrlich entspannten Stossdämpfer. Überrollt man nun vorderrädig eine Ameise, schüttelt die höchstens erbost ihre kleine Faust und spaziert weiter.
Da solche Werkstattschränke nur bedingt für den mobilen Einsatz ausgelegt sind, die Schubladenarretierung irgend wann nur noch ein traurig gebogener Blechhaufen war, neigen die Laden dazu, mit ordentlich Getöse auf den schwermetallenen Schienen hin und her zu gondeln.
Nicht dass ihn dies aus der Ruhe gebracht hätte; In den Boden eine Schraube, an die Decke eine Bride, nun lässt sich wunderbar ein Staubsaugerrohr einklemmen, welches er dem örtlichen Schrotthändler aus seinen gierigen Fingern gerissen haben muss.
Gewiss, eine Frage der Gewohnheit vor der Abfahrt daran zu denken, meine Wenigkeit springt stets an der nächsten Kreuzung raus und fädelt nach dem Einsatz das depperte Rohr wieder in die patente Halterung.
Natürlich reichte die kleine Steigung und sanfte Kurve aus, dass zwei Schubladen aus der Schiene gesprungen sind und sich 38,5 Kilogramm Schlitzschrauben in die untenliegenden 435 M8-Muttern ergossen haben.

Man weiss nie, ob man auch alles hat was man braucht und gerade diese Schlitzschrauben, welche er gerade noch vor der Schmelze retten konnte, sind ihm ans Herz gewachsen.
Es ja so, dass die ganze Welt mit Torx oder zumindest Kreuzschlitz arbeitet, weil, und sind wir mal ehrlich; Eine Schlitzschraube war eine nette Idee, aber, ohne mit dem Finger auf jemanden zu zeigen, man hätte es besser machen können.
Deswegen hat der J.P Thompson in den 1930er Jahren die Phillips-Kreuzschraube erfunden, dass Maschine wie auch Mensch innnert rentabler Frist diese Schraube in das Werkstück drehen können.
Wohl während eines Urlaub des Abfallsupervisors entledigten sich in den 2010er-Jahren alle Mitarbeiter ihrer Schlitzschrauben.
Das Rätsel, warum dieser ökonomische Fauxpas nie zur Sprache kam, ist gelöst; Der Ford-Fahrer muss sämtliche Schrauben aus dem Alteisenbehälter gerettet haben und auf seinen Gnadenhof, Ford Aiderbichl verfrachtet haben. Fortan lebte er in Nostalgie und wann immer was befestigt werden sollte, fand eine Schlitzschraube ihre letzte Ruhestätte. Dort rostet sie genüsslich vor sich hin, bis eine Ferienvertretung wie meine Wenigkeit hinzustösst und selbige lösen sollte.
Mit einem passenden Werkzeug, wohlgemerkt, ebenfalls gerettet. Der normale Handwerker entledigt sich seines Schlitzschraubendrehers, so er von der Grösse vier auf die Grösse zwei, oder gar zu einer spitzen Aale mutierte.
Der Abfallsupervisor rettet daraufhin dieses Werkzeug – das ist noch gut, das kann man noch brauchen – bringt es in das Durchgangsheim unter dem Posttisch, worauf der Ford-Fahrer sich dieses Füllhorn an Arbeitsutensilien bedient und man über kurz oder lang, mit demselben Schraubenzieher sich an einer rostigen Schlitzschraube gütlich tut.
Mittlerweile haben wir begonnen, den Abfall zu verstecken. Abfalltrennung fällt daher leider flach, aber mindestens durchsucht keiner eine leere Buttermilch-Flasche nach zu rettenden Arbeitsutensilien.
Heute löste ich einen metallenen Kabelkanal mit dem Vorschlaghammer von einer Gartenmauer. Der Ford-Fahrer, er verfügt über eine unglaubliche Körperkraft, hätte die Schraube gewiss gelöst oder zumindest den Kopf abgedreht, ich kam mit dem Schraubendreher von achtzehnhundert Apfelschnitz Grösse vier mit Skallpell-feiner  Spitze nicht zum Ziel.

Nebst mehreren Zentner Schrauben finden sich unzählige Stecker in diesem Schubladenstock. Drei Ausgaben von jedem erdenklichen Stecker, welcher seit den siebziger Jahren in je einem Kabelnetz irgendwo auf der Welt verbaut wurde.
Summa-Summarum kommt man ohne entsprechendes Zusatzgewicht auf der Vorderachse nur noch bei sehr klebrigem Asphalt vom Fleck.
Um den Truck vollends zum erliegen zu bringen, besitzt die Firma einen Anhänger um Kabelrollen zu transportieren.
Dieser ist dem Albtraum eines Konstrukteurs entsprungen und daher ein Einzelstück. Der obere Teil kann gekippt werden um die Rolle aufzunehmen. Mittels eines Stahlseils über einen Umlenkmechanismus kann diese Tonne Kupfer hochgehievt werden. Könnte.
Der Griff der Kurbel kann zur Verbesserung der Hebel-Wirkung ausgefahren werden. Wäre er nicht ganz nahe an der Winde festgerostet. Dies reduziert wohl die Zahl der Umdrehungen, der Kraftaufwand ist dadurch aber erheblich grösser. Man muss den Griff fest packen, was aufgrund seiner abgebröselten Isolation zu Rostflecken an der Innenhand führt, welche bestenfalls mit der Bircherraffel wieder komplett entfernt werden können. Das Stahlseil fiel derselben Korrosion zum Opfer, fasert sich leicht auf, es ist nur eine Frage der Zeit, bis ein kleiner Azubi vom reissenden und ausschlagenden Seil in der Mitte geteilt wird.
Aber das ist noch gut, das kann man noch brauchen.
Damit die Tonne Rolle in der Kurve nicht schlenkert, wird sie mittig fixiert. Von einer Art Klemmblöcke, welche auf der tragenden Stange links und rechts befestigt werden. Also eigentlich ist es nur eine überdimensionale Unterlagsscheibe, etwa 5cm stark, einseitig aufgeschnitten und mittels einer Schraube zusammengezogen. Es gibt zwei Stellungen. Lose rutschend oder Nimmer-mehr-auf. Nimmermehr gibt es natürlich nicht wirklich, man schafft es einfach nicht ohne blutige Finger, weil man mit dem Imbusschlüssel aus der mittlerweile kantenlosen Schraube unweigerlich abgleitet und an der Rolle entlangschrammt.
Aber die ist noch gut, die kann man noch brauchen.
Vielleicht habt ihr schon einen Hänger angehängt. Man fährt über die autoseitige Kupplung, eine Kugel, und senkt den Deichsel mittels einer Kurbel bis zum aufsetzen auf die Kugel herunter. Fertig.
Dieses Spezialmodell von Hänger jedoch, lässt sich gar nicht so hoch hinaufkurbeln, obwohl der Ford aufgrund der Zuladung seinen Allerwertesten quasi über den Asphalt schleift. Man schiebt ihn also hinter das Fahrzeug, greift kräftig zu und hebt ihn auf die Anhängerkupplung.
Mittlerweile haben es alle im Rücken.

Den Hänger erstmal am Heck und vorne keine 200 Kilogramm in der Führerkabine, nimmt dem frontgetriebenen Wagen den letzten Gripp. Ein Dukanier mit Lehrling kommt kaum vom Fleck.
Wird das Zusatzgewicht geladen, leidet dafür die Kupplung.
Aus der Not eine Tugend machend, hat der übliche Chauffeur einen ganz eigenen Fahrstil entwickelt. Das Gas durchdrücken und die Geschwindigkeit mit der Kupplung regulieren. Gut, riecht etwas, die Leute schauen merkwürdig, aber was verstehen die schon davon…

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
Dieser Beitrag wurde unter He works hard for the money, Pub, Vom Leben und gelebt werden veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Time limit is exhausted. Please reload the CAPTCHA.