Lasst uns kindlich ihm vertrauen

Ein Wochenende der Ernüchterung, möchte man sagen.
In politischer Hinsicht sei gesagt, dass die politisch Genervten weiterklicken möchten.

Freitags, respektive Samstag Morgen in der Wiederholung, verfolgte ich die Polit-Diskussion des Schweizer Fernsehen. Thema in der Arena war die Initiative “6 Wochen für alle”.
Für meine ausländischen Leser; In der Schweiz arbeiten wir 42 Stunden, erhalten 4 Wochen Ferien und 9 gesetzliche Feiertage. Zumindest in der Arbeiterklasse.
Die Initianten versprechen sich nun ausgeruhtere Sklaven Arbeiter und weniger stressbedingte Krankschreibungen.
Die Gegner sorgen sich um die Kosten ob Umsetzung dieser Initiative und möchten am alten System festhalten.
Ich möchte diese Geschichte nicht noch einmal von Beginn an aufrollen. Etwas hin und her gerissen tendiere ich immer noch zu einem “Prinzip-Entscheid” für die Initiative, erhoffte mir jedoch von der Arena eine Erweiterung der Sichtweise.
Satz mit X.
Die Parolen welche ich auf bereits behandelten Broschüren las wurden nun lediglich von Frau Rickli und Co. vorgetragen. Des weiteren, die klassische Arena, hieben sich die politischen Gegner Statistiken um die Ohren und ereiferten sich, welches Lügenkonstrukt nun stabiler sei. So hüpfte die Schweiz Arbeitsstundenmässig wie ein kleines Kitz über die Tabelle von der Fussleiste bis zur Kopfzeile, mit den Ferien verhielt es sich nicht anders, je nachdem wer die Statistik vorlegte. Wie heisst es so schön; Eine Statistik ist eine grosse Lüge durch eine Ansammlung von vieler kleiner Wahrheiten.
Weiterführend kamen die Studien, unterm Strich sind wir etwas zwischen stinkfaul bis ausgebeutet, was aufzeigt; Mit einer Studie lässt sich alles beweisen, was irgendwer bewiesen haben will.
Ergänzend, ein Novum in der Arena seit ich sie das letzte Mal verfolgte, wurde auf der Strasse das dumme Bauernvolk nach der Meinung über die Initiative gefragt. Unter den zehn zur Ausstrahlung gewählten Personen war ein Arbeitsloser, drei Pensionäre, drei Frauen von Pensionären, zwei Hausfrauen und ein Papa. Der normale durschnittliche Arbeiter eben, lediglich der Ziehharmonika-Spieler vor dem Neuhauser Postamt fehlte.

Da steh ich nun ich armer Tor, bin so klug als wie zuvor.

Ernüchternd hingegen empfand ich den Einwand des Herrn Ueli Leuenberger, Präsident der Grünen. Von den Grünen halte ich nicht sonderlich viel, die schlurfen in ihren Birkenstocks in einer anderen Realität als ich, haben Fantasien von einer Welt welche als solche nur im Marshmellow-Land existieren kann.
Der Herr Leuenberger erwähnte wiederholt, zum Leidwesen der anwesenden SVP und Arbeitgeber-Fraktion, vor der Lancierung der Initiative wurde im Parlament die Anfrage eingebracht, ob man sich über die Schweizer Arbeitssituation betreffend Ferien und Freizeit Gedanken machen möchte. Der Vorschlag wurde postwendend abgelehnt, es sei in Ordnung wie es sei. Sagen unsere Vertreter, die welche für die Wahrung unserer Interessen mit über 100’000 Franken entschädigt werden.
Die rechte Arbeitgeberfraktion dementierte nicht, dass ein solcher Vorstoss eingereicht wurde, waren aber geschlossen an diesem Tag nicht im Parlament. Kann ja mal vorkommen.

Ein bildungsreiches Wochenende, denn kurz darauf blieb ich bei der Rundschau hängen. Lobbying war das Thema.

Über Lobbys war ich bis anhin soweit im Bilde, wie man es von einem Proletarier erwarten kann. Die jüdische Lobby hat ein Hoch, dann wird ein Demokrat Präsident der USA und erhält den Friedensnobelpreis, oder die Waffenlobby legt zu, dann wird ein Republikaner Präsident der USA und marschiert in den Irak ein.
Relativ überschaubar. In der Schweiz wurde für mich das Lobbying erst durch dessen Verurteilung seitens des Ständerat Thomas Minder ein Thema.

Dank der Rundschau angeregt zu flüchtigen Recherchen wurde mir bewusst, dass seit geraumer Zeit der Volkeswille nur noch Fassade ist.
Politik wird in der Wandelhalle gemacht. In besagten Räumlichkeiten wandert der National- und Ständerat, umworben von Interessenwahrern aus der Wirtschaft. Selbige motivieren die Räte, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Die Abstimmung wird überwacht, im Ständerat wird durch Hand hochhalten und nicht etwa elektronisch gewählt, und so der Wirtschaftsabgesandte nicht korrekt wählt, muss er den Wirtschaftsvertretern hernach Rechenschaft ablegen, was er sich dabei gedacht habe.
Liest sich wie Mario Puzo, nicht wahr?
Ich zeigte mich weniger über die Art des Politisierens überrascht, als über die Tatsache, dass so offen darüber gesprochen wird. Anscheinend muss man sehr naiv sein, wenn man darüber nicht schon lange Bescheid weiss. Dank dieser Erkenntniss weiss ich nun auch, was es mit dem Job der Nathalie Rickli im Kommunikationswesen auf sich hat. Sie ist eine Lobbyistin welche praktischerweise gleich im Nationalrat einsitzt. So sehen Firmen das Lobbying gar als ihre Aufgabe; Etwa die Firma Furrer.Hugi & Partner AG welche das wandelhallerische Interessenwahren als Geschäftszweig anbieten.

“Kein Lobbying für die eigenen Anliegen und Interessen zu betreiben hiesse, auf ein demokratisches Recht und – vielleicht wichtiger – auf unternehmerische Sorgfaltspflicht zu verzichten.”

Ganz stark im Business ist die Dachorganisation, der Verband der Schweizer Unternehmen. Der Präsident von economiesuisse, Pascal Gentinetta in, einem Interview der BZ:

Es gibt Situationen, in denen Ihre Lobbying-Anliegen möglicherweise nicht im Interesse der Allgemeinheit sind. Ist Ihnen das bewusst?
Das kann man nicht so darstellen. Was heisst Allgemeinheit? Wer kann von sich behaupten, er nehme die Interessen der Allgemeinheit wahr? Es gibt natürlich immer Partikularinteressen. Aber wir nehmen die gesamtwirtschaftliche Sicht ein, das kommt allen zugute.

Ernüchternd, nicht wahr? Ich schäme mich beinahe etwas ob meiner Blauäugigkeit. Doch eigentlich liegt es auf der Hand.
Schon früher behauptete ich, dass ein Mandatsträger nicht den Bürger vertreten kann, etwa der Herr Christian Heydecker aus Schaffhausen, welcher nahezu als sicherer Ständeratskandidat galt. Obwohl mir M. aus G., Kantonsrätin und SVP-Sektionschefin, versicherte “Ihn musst du wählen er ist im Fall schon ein guter” machte zuletzt der parteilose, mandatsfreie Lobbygegner Thomas Minder das Rennen.
Überlegen wir ganz kurz; Ein gut vernetzter Geschäftsmann stellt sich zur Wahl und hofft dank der vielen Strippen auf eine glamouröse Wahl. So das offizielle Statement. Und vielleicht weil er ein Guter ist.
Doch wie dereinst die Mafia John F. Kennedy zu Wahlstimmen und der Präsidentschaft verhalf, ist es wohl eher das Netzwerk, welches den Kandidaten stellt. Und dies kaum um den Wunsch des Sanitärinstallateurs nach mehr Ferien umzusetzen, sondern um die eigenen Interessen politisch gesichert zu wissen. Eigentlich logisch. Deswegen wird auch kaum einmal ein Zimmermann Nationalrat. Der Toggenburger Landwirt sei die Ausnahme, möchte man sagen. Nicht direkt, er nutzte einfach eine andere Art Netzwerk. Die Strippen waren an Hand, Kopf und Fuss befestigt, das Holzkreuz am anderen Ende bewegte ein alternder, Zürcher Milliardär. Mittels dem unbekümmerten Bauersjungen welcher Sonntags direkt von der Olma ins Wahlstudio bugsiert wurde, dem bis anhin jüngsten Nationalrat, sicherte sich die Partei des kapitalistischen Mittelstandes die Stimmen der jungen Proletarier. Sie konnten sich mit dem Blondschopf aus dem Stall identifizieren.

Eine faszinierende Sache diese Politik, ein ausgefuchster Krimi. Behaftet mit dem Beigeschmack, dass diese Interessenswahrer über mein Schicksal bestimmen.

Rundschau vom 22.02.2012

Rundschau vom 22.02.2012

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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