Liberal auf den Mann geschossen

Nennen sie mir einen beeindruckenden Politiker.
Abraham Lincoln. So auf Anhieb.
Das Wirken eines Politikers lässt sich natürlich in gesteigertem Mass messen, so er eine Krise zu bewältigen hat und die Lorbeeren seines Stabes einheimsen darf. Ich würde meine Hand nicht ins Feuer legen, dass die neue, von Politverdruss geprägte Generation einen Abraham Lincoln kennt, da würde wohl eher der Name JFK fallen. Nicht zuletzt, weil das Kürzel markant, einprägsam und cool ist, wie das gesamte Erscheinungsbild des John Fitzgerald Kennedy. Mit dem Krönchen, als Märtyrer dahingeschieden zu sein.

Was hat der JFK denn bewirkt?
Ja… Der hat gesagt ich bin ein Berliner…. Wurde erschossen…. Ja eh…

Politik ist ein klein wenig wie Kindergarten.
Sei es nun Sandkasten oder Puppenecke – wenn einem Knaben nach wickeln und stillen ist soll er sich entfalten, wie Mädchen auch Sand baggern sollen – welcher einfach zu klein ist, als dass alle darin spielen könnten. Zudem werden die Bemühungen jedes Beisitzenden der grossen wie der kleinen Kammer mit einem Jahressalär vergütet welches der Kaderstufe eines Bundesangestellten entspricht, also im Endeffekt auch eine Budgetfrage. Ausserdem wird ein Rat nicht effizienter, indem man einfach mehr Personen in den Saal stopft.

Es will folglich wohl abgewägt werden, wen man als Interessenwahrer auf den politischen Spielplatz sendet und die Anwärter für den Posten als National- und Ständerat buhlen um unsere Gunst. Teilweise mit Argumenten, welche den Vergleich zum Sandkasten, respektive der Puppenecke, erst entstehen liessen.wahlkampf

Beginnend bei der Motivation.
Für Vertreter der Bourgeoisie war es ein wenig unverständlich, dass der Arbeiter sich gerne auf das politische Parkett begeben wollte, da die Klassengesellschaft eine Gott gegebene Tatsache war und diese sich doch über Jahrhunderte bewährt hatte. Für uns aufgeklärte Mitbürger ist es durchaus nachvollziehbar, dass der Kohlearbeiter in die Politik strebte um einen Umsturz herbeizuführen. Oder die Frauen sich stark machten um die Geschicke des Landes zum Wohle aller ebenfalls beeinflussen zu dürfen.

Die gravierenden Probleme fehlen in der schweizerischen Politlandschaft ein wenig. Mit grossem Engagement streitet man sich über die Höhe der Abgabe für Rundfunk oder Autobahnvignetten. Es ist eher eine Prestigesache, in Bundesbern den Heimatkanton zu vertreten.

So tritt die FDP Schaffhausen doch tatsächlich mit der Motivation an, dass ihnen als einer der drei grossen Partei ein Sitz zusteht. Hört ihr den kleinen Max, welcher eine gelbe Schaufel will, weil der Hans auch eine hat?
Von dieser Rechnung ausgehend, würden den Parteilosen – immerhin an die 93 Prozent der Schweizer Bevölkerung – 42 Sitze im Ständerat zustehen und selbst dann hätte man für die 0,2 Prozent zusätzlichem Sitz hin und wieder dem Nachbarn den Abstimmungsknopf zu drücken.motivation

Schaffhausen als kleiner Grenzkanton braucht eine starke Vertretung in Bundesbern, um sich für seine Anliegen das nötige Gehör zu verschaffen.

Wer will an einer solch schönen Aussage zweifeln. Streichen wir den Wortteil Grenz, kann zu Beginn des Satzes jeder Kanton eingesetzt werden. Ich behaupte kühn, dass jeder Kanton in Bern stark vertreten sein möchte. Die Verschaffung von Gehör ist die Kausalität welche so nicht unbedingt herausgestrichen werden müsste, aber der Satz stünde ohne diese Ergänzung nebst seiner allgemeingültigen Aussage auch in der physischen Präsenz furchtbar dünn da.

Ich glaube, dass ich diese Erwartungen aufgrund meiner Kompetenz und Regierungserfahrung erfüllen kann.

Sind sie der Aufgabe gewachsen?
Doch, ja, ich glaube schon.
Gut, wir melden uns bei ihnen.

Vielleicht wäre dann und wann ein Vorstellungsgespräch eine gute Übung, gerade für Politiker, welche um die Gunst der Wähler buhlen. Natürlich, die Aussage ‚Ich glaube‘ drückt eine gewisse Bescheidenheit aus, allerdings auch die Furcht vor einer verbindlichen Zusage. Dazu kommt, dass der Schaffhauser FDP-Kandidat nicht durch Rhetorik besticht. Es gibt eine Anzahl ‚ähm‘ welche in einer Rede tolerierbar sind, doch mit jedem dieser Verzögerungslaute fällt ein Teil der Sicherheit ab, welche auf den Zuhörer übertragen sein will. Möchten sie ähm einen Politiker, welcher öhm in Bern einmal hmmm sehen möchte, was sich ähm bewegen lässt?
Der Wähler ist realistisch genug, zu verstehen, dass kein gewählter Vertreter das Stöckli mal eben auf den Kopf stellt und mit dem Reisbesen tüchtig durchwischt. Doch dem Wähler gefällt die Vorstellung, dass ein Vertreter genau dies rigoroses Vorhaben gerne umsetzen würde. Das Hemd hochkrempeln und anpacken. Warum ist denn die SVP die stärkste Partei der Schweiz?

Ich weiss, wo den Kanton und die Gemeinden der Schuh drückt.

Wo? Linie 21?
Mich deucht, es wäre durchaus von Belang, ob ich als Wähler die gleichen Druckstellen spüre. Nicht, dass die Blasenpflaster am falschen Ort aufgelegt werden.

Immer mehr werden die politischen Weichen auf Bundesebene gestellt.

Wo wurden sie denn früher gestellt? Auf der Rütliwiese oder bei Morgarten? Eine interessante Aussage. Das Stellen der Weiche ist an sich nur das Ebnen des Weges für die vorbestimmte Richtung. Nicht mehr als das Umlegen eines Hebels oder Drücken eines Schalters. Die Richtung, so verstehe ich die direkte Demokratie, gibt das Volk vor. So zumindest die Theorie. Seit geraumer Zeit scheinen die Weichen etwas zu klemmen, weil stets irgendwelche Abkommen und Verträge mit anderen Ländern das Räderwerk blockieren. Welche Partei wähle ich nun, wenn ich wünsche, dass diese Mechanik frei von Fremdkörpern funktioniert?

Dabei droht der gesunde Menschenverstand unter die Räder zu geraten.

Die Arbeit mit Metaphern kann eine heikle Sache sein, sie lassen bisweilen grossen Spielraum bei der Interpretation. Man kann zum Beispiel zum Schluss kommen, dass es in den Augen des Kandidaten dem Wähler an gesundem Menschenverstand mangelt und er diesen Missstand beseitigen will.

Ich bin ein Vertreter liberaler Realpolitik, der aufgrund seiner Persönlichkeit und Verankerung auch Mehrheiten im Bundeshaus bilden kann.

Die liberale Realpolitik… Nein, ich auch nicht. Wie auch mit dem Ausdruck ‚bürgerlich‘ oder ’sozialdemokratisch‘ nicht.
Es gibt Leute, Wähler, welche sich mit solchen Ausdrücken intensiv befassen und gewiss auch Volksvertreter, welche ein klares Bild vor Augen haben.
Bürgerlich hat dieses bodenständige, dass sich der Büezer sofort angesprochen fühlt, wenn damit auch die Klasse über ihm gemeint ist. Daher würde das sozialdemokratische mit der Abschaffung der Klassen ihm doch eher gerecht werden, allerdings sind deren Vertreter Studenten und andere arbeitsscheue, selbstversorgende Sandalenträger, welche uns das Auto wegnehmen wollen.
Liberal klingt so nett. Nur nirgends anecken, mal hierhin mal dort hin, immer schön lächeln und mit allen Kaffee trinken. Dies beschreibt die Realpolitik. Diplomatisch auf die Bedürfnisse der breiten Masse abgestummen.

Drei Boote auf einem See.
Die Bürgerlichen legen sich gleich in die Riemen. Dem Takt des Trommlers folgend, flitzt man mit kräftigen Ruderschlägen über die See. Mit dem Kopf durch die Wand, ohne Rücksicht auf Verluste. Sollte die Richtung noch unklar sein, schaut man auf die Sozialdemokraten und paddelt dann einfach in die entgegengesetzte Richtung.

Die Sozialdemokraten halten sich erst an den Händen und legen einen Ablöseplan fest. Jeder darf mal trommeln und jeder soll einmal rudern, weil keiner über dem anderen steht. Die FSC-Zertifikate prominent an den Bug gehängt, fährt das Love-Boat – Galeere klingt so böse – in die Richtung, welche die natürliche Strömung vorgibt, die Ruder dienen nur kleiner, intensiv besprochener, Korrekturen.

Die Liberalen stehen erst einmal in der Mitte, beobachten die Tribüne und halten den feuchten Zeigefinger in den Wind. Die Neigung des Volkes gibt hernach die Stossrichtung vor, man hängt sich an das Heck des Love-Boats oder der Galeere, im Zweifelsfall fährt man einen angedeuteten Zickzack.

Insbesondere im Ständerat sind beide Schaffhauser Vertreter in der SVP-Fraktion. Das ist einer zu viel, wobei Hannes Germann als SVP-Ständerat für mich gesetzt ist und wieder gewählt werden sollte.

Und dies ist der Ausschlag für meinen Text.
Man will nicht gegen den Mann schiessen. Man möchte nicht Thomas Minder aus dem Stöckli werfen, sondern einfach den zweiten Sitz neben Hannes Germann erobern. Was unterm Strich dasselbe ist, aber weniger böse klingt.
Weil Thomas Minder eben so wenig für Schaffhausen macht.
Ich habe noch nie gehört, was er zu erledigen versäumt hat. Welchen Auftrag er nicht umgesetzt hat. Oder was im Gegenzug Hannes Germann für Schaffhausen geleistet hätte, was ihn so viel besser dastehen lässt.
Weder auf die Eine noch die Andere Frage habe ich je eine Antwort erhalten. Es scheint mehr ein individuelles Empfinden zu sein. Aber mit ‚Ich habe das Gefühl, er mache zu wenig für Schaffhausen‘ geht man nicht in den Wahlkampf, im Gegensatz zur Motivationsrede ist man hier konsequenter. Weil eben die anderen Parteien auch so sprechen.
Metapher; Ist Emma Watson eine gute Schauspielerin? Wenn kümmert es. Sie ist einfach ein unglaublich hübsches Mädchen, da guckt man auch einen Bibelfilm in Überlänge.
Kristen Stewart hat doppelt soviele Filme gedreht und eine Vielzahl an Preisen abgeräumt. Was den Menschen bleibt ist ihre sexuelle Orientierungslosigkeit, ihre düstere Miene und Gammelkleidung bei öffentlichen Auftritten. Da muss man die Filme gar nicht erst sehen um sie bewerten zu können.
Hannes Germann ist im Kanton verwurzelt, in einer Partei, er ist everybodys darling. Er ist im inneren Kreis, er muss nicht Zeugnis seiner Qualifikation ablegen.
Thomas Minder ist der mit der Zahnpasten-Fabrik in Neuhausen. Im Gegensatz zu Hannes Germann auch unter Proleten in der ganzen Schweiz bekannt und hat sich einen Namen gemacht, indem er unter Beweis stellte, dass auch ein Klein-Aktionär den Grossen ordentlich in die Suppe spucken kann. Wenn man so will entspricht er dem Archetyp des walisischen Kohlebergwerkarbeiter, der in das Parlament will und es schafft.
Aber er schneidet vielleicht zuwenig rote Bänder durch und schüttelt im kleinen Paradies zu selten Hände. Auch flaniert er nicht mit Frau und Kind am Unterstadtfest oder tauft Hasen beim Kleintierverein.
Sagen wir doch kurz, er tut nichts für Schaffhausen.

Aber vielleicht bringt ein schüchterner, nach Worten ringender Jurist ja die Wende in Bern.
Ansonsten sind einfach die Umstände schuld.

 

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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