Neulich auf dem Fahrrad

Gar mannigfaltig Volk treibt sich im Baumarkt, dieser, möchte schon sagen, spätsommerlicher Tage. Frühe Abende und kühle Morgen erquicken nicht nur der hitzemüde Seele, die Tage am Griff, seines Standes enthebend bedient der gehobene Gärtner ein Volant, geripptes Duroplast, sitzend auf kümmerlich gepolstertem, wetterfesten Sitze, des Mähers sind gezählt.
Des Sonnenlicht beraubt, neigt der Rasen nicht zu spriessen, wie dem Gärtner genehm; Gedacht, es reiche ihm zum Wohlgefallen, der Arbeit entlastet, trotzt er der Dringlichkeit und mit stoischer Regelmässigkeit wird die Kordel gezogen, der Schlüssel gedreht, der Rasen gemäht um des Mähens willens.
Müssiggang ist aller Laster anfang, zu richten der Zaun, zu dichten das Dach, zu streichen die Veranda; Des Samstags steigt ein jeder in die Überhosen, gibt sich bodenständig verwurzelt; Der Nussbaum möchte seine Früchte gewidert ob der Biederung frühzeitg von sich stossen.
Lässt sich das einst schöne Geschlecht heut auch nur noch locken mit dem schnöden Mammon, Männlichkeit definiert durch Nummernkonto und Visitenkarte, verwurzelt im Inneren noch Fred Feuerstein die Keule schwingt. Ein Mann fällt Bäume, treibt Nägel mit einem Schlag in die Wand und repariert sein Auto. Nicht der Mann, welcher Frau will, aber jener, welcher Frau begehrt; Frauenporno jetzt bei Weltbild in Wort und Traum.der-schwarze-wikingerKrawel krawel; Jetzt aber im Klartext.

Am schönsten ist es des Winters im Baumarkt. Wohl erstehen Hausfrauen ihre Bastelartikel, dann und wann ein verirrter Schlipsträger einen Akkuschrauber und man hat Ruhe bis zum ersten Schnee. Da zieht sich der Büropupser das eigens angeschaffte, wattierte Flanellhemd über, garniert das ganze mit einer gesteppten Thermoweste, das der füllfedergestählte Bizeps und Excel-geformte Unteram nicht beeinträchtigt werden, während er Leuchtschlangen an den First nagelt, Nikolaus samt Rentier und Schlitten aus dem Lexus-SUV zerrt, liebevoll auf dem Rasen anrichtet und mit Kunstschnee aus der Sprühdose bewirft.

Nun, heute wurden noch Gartenzäune, Schubkarren, Laubbläser und allerlei Go-On-Schnäppchen an die Jumbo-Kasse gekarrt, die my-one-Card ist für einmal die Platin-Ausgabe der Mastercard und jeder zweite Benutzer nimmt die Instruktion der Kassiererin in Anspruch.
Mittendrin stehe ich, mit leeren Händen in der unangenehmen Situation, ohne zu erwerbenden Artikel die Kasse passieren zu müssen.
Man kann nicht verdächtiger den Laden verlassen, als wenn man mit aller Gewalt den Späheraugen des Personals vermitteln möchte, man hätte leere Taschen. Geht man nun schulterzuckend, murmelt etwas in den Bart, oder meidet jeglichen Augenkontakt? Kleiner Einschub; Gestern im Lokal meiner Gewohnheit, ich weiss, in Fight-Club wurde die Thematik auch behandelt; Schrammt man so durch die Menschenmasse, geschoben, gedrückt und gezogen, Körperkontakt unvermeidbar, reibe ich nun mein Gemächt oder meinen Allerwertesten an den Körperpartien der anderen männlichen Besucher? Mir scheint stets beides verwerflich und ich bewege mich wie der Frontmann von Boney M.
Wie im Lokal meiner Gewohnheit, so auch im Baumarkt; Ich wurde nicht fündig und verliess mit leeren Händen die Räumlichkeiten.

Fahrradkette ist das Stichwort.
Ich habe mich vorbereitet, die alte Kette gar ausgemessen. In der Länge.
Selbige versagte ihren Dienst, als ich vor geraumer Zeit an der Vordersteig ordentlich in die Pedale trat. Einem Wunder gleich hämmerte ich die Klöten nicht an den Fahrradrahmen, als die Pedale, ihrer Last befreit gen Astpahlt krachte, nahezu galant federte ich die Energie ab.
Kein Mensch fährt mehr ein Gary Fisher, dennoch bin ich meines stets am sanieren.
Stehe also vor dem Regal, 132 cm misst meine Kette. Jumbo bietet genau einen Kettentyp feil, Marke Shimano, neun Gang und die Ziffer 116. Brachte mich so spontan unglaublich weiter. Gut, man hätte nun Fachpersonal herbeiziehen können, doch dies ist im Jumbo so eine Sache.
Fragt man bei den Farben den nächsten Angestellten, ist dieser für den Holzzuschnitt zuständig. Bei den Betonplatten im Gartencenter findet man den Teppichmann, bei den Kreissägen den Elektrofachmann und an der Reception den Verkehrskadetten; Ich werde den Verdacht nicht los, sie erlauben sich einen Scherz.
Natürlich, sie bemühen sich. Mein doch nicht ganz günstiger Dachträger mit der bereits geöffneten Verpackung – Rücknahme nur in tadelloser Verpackung – sollte gemäss der Verkäuferin schon auf meinen Renault Menu (ja, sie sagte Menu) passen und was noch wichtiger war, wenn der Skiträger neben der Schiene im Regal lag, dann wird er wohl schon dazugehören. Ich fühlte mich richtig fachmännisch abgeholt und kompetent beraten. Eine gute Kollegin musste wohl dasselbe Kompetenzcenter auf zwei Beinen erwischt haben, in ihrem Keller lagert ein Fahrradständer, welcher nach fachkundiger Auskunft hundertprozentig auf ihren Wagen passt, welcher sich folglich – wer zweifle an der Fachkompetenz der Jumbo-Angestellten – als Unikat in einer Reihe von über hunderttausend vom italienischen Fliessband gerollten Fahrzeugen herausstellt.

Nebst knackigen Radlerhosen führt der Athleticum glücklicherweise auch Fahrradersatzteile. Hier fand ich sechs Sorten Shimano-Fahrradketten, allesamt mit der Ziffer 116 aber unterschiedlichen Preisen. Ich bin zu arm um billig zu kaufen; Ganze 27 Franken löhnte ich und bin mir durchaus bewusst, dass ihr Kohlefaserrahmen-bewegenden Sportler mich nun hänseln werdet.
Einen Moment hielt ich mich noch bei den Sonnenbrillen auf; Etwas, was ich noch weniger gern kaufe als Jeans. Erstens ist dank der androgynen Entwicklung unserer Jugend in Sachen Brille für den Laien keine eindeutige geschlechterspezifische Trennung der Artikel möglich, zweitens fühle ich mich wie ein Clown im Schaukasten, wenn ich mit meiner abartigen Kopfform vor einem Mikrospiegel mitten im Raum stehe und dunkle Gläser mit den Dimensionen von Taucherbrillen aufsetze.

Die Kette war gute zwanzig Centimeter länger. Länger ist immer besser, sagen die Frauen.
Nun, dieses gute Stück hing zwischen vorderem und hinteren Zahnrad traurig durch, der Wechsler verkrümelte sich irgendwie Himmelwärts ohne die Kette zu spannen. Man musste sie wohl doch kürzen. Ein Holzbrett als Unterlage, ein Gabelschlüssel, Hammer und einen abgewetzten Zweier-Schlitzschraubenziehr, mehr brauchte ich nicht. Zwischen Vaters geliebtem Oldtimer und der Garagenwand hämmerte ich auf den Schraubenzieher um den Stift durch die Kette zu treiben, während dieses schlüpfrige Ding stets in alle Himmelsrichtungen davon glitt.
Ganz unmännlich konsultierte ich die Gebrauchsanleitung und las von einem Spezialwerkzeug.
Zurück durch den Stau in den Jumbo. Ein Tool, welches ich wohl nie mehr brauchen würde, aber wer A sagt muss auch B sagen. Mit einem Kettengliedstiftaustrennwerkzeug und einem Pack Guinness, der Falken Getränkemarkt liegt praktischerweise im Untergeschoss, und einem Duftbaum Alpenbrise zurück. Einkauf fünf Minuten, Stau stehen sechzig Minuten. Nur noch etwa 1800 Tage, dann haben wir einen Tunnel.

Es ist ein blödes Gefummel, aber an sich eine patente Sache. Die Kette ist tatsächlich drauf, sie dreht sich und mit einer Probefahrt via Schweizersbild und Büsingen habe ich gleich auch noch meine Radlerhose getestet.
Nein, keine welche meinen Genitalbereich in ein Spandex-Schaufenster hängt, eine Bikershort, zweiteilig. Die äusserste Schicht bequem schlabbernd. War ich bisher ob der Schmerzen etwas in Sorge betreffend der Funktionalität meiner… ihr wisst schon. Diese Shorts sollte Abhilfe schaffen. Beim ersten Probeversuch hatte ich nach drei Kilometern einen Platten, trotz selbstreparierenden Reifen. Nun, dies mögen sie machen, aber sich wieder aufblasen packen sie nicht, was für ein Konstruktionsfehler.
Beim zweiten Versuch riss die Kette. Also, das Gehen und Laufen funktioniert in diesen Hosen tadellos.
Was das andere betrifft; Mit meinem fehlenden Rückgrat wäre auch zu erwarten, dass ich ich Rosinenklöten hätte, aber irgendwie… Nun, bin nicht überzeugt, oder einfach zuwenig abgehärtet.

Und was die Zahl 116 bedeutet, ich habe immernoch keine Ahnung.

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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