Neulich im Personalbüro

Es gibt Dinge, die sollte man gelegentlich wieder üben. Radfahren, Schuhe binden und sich gelegentlich irgendwo vorstellen.
Plötzlich müsst ihr und die zierliche Dame der Human Resources tritt euch mit ihren Lack-Pumps an die Wand. Da ist es besser, wenn man ein wenig vorbereitet ist. Zudem, wie oft haben einem, im übertragenen Sinne, diese HR schon trocken von hinten… ihr wisst schon. Da kann man getrost deren Zeit verschwenden, auch bei minimalstem Interesse an der Stelle.

Lüstern gucke ich auf die grosse Schale voller bunter Sugus auf dem Tresen.
„Bitte nehmen sie doch bei der Sitzgruppe einen Moment Platz, die Frau Hübeli wird gleich kommen.“
‚Das ist keine Sitzgruppe, dies ist eine Ansammlung von Stühlen. Und ein Tisch….‘
„Aber gerne“

Eine unfreiwillige Spur mit Sugus hinterlassend begebe ich mich zu den gewiss sündhaft teuren Plastikstühlen.
Der Wartesaal, oder wie man dies nennen soll, sollte doch eine Visitenkarte der Firma sein. Wie auch die Eule hinter dem Tresen. Eine zerlesene 20Minuten liegt da. Fühlt sich an, als wurde bereits ein Fisch darin eingewickelt.
Ein Drahtseilakt. Broschüren welche das Unternehmen präsentieren, liegen keine auf, die Absicht bereits beim ersten Sehen ein unglaubliches Interesse zu heucheln fällt ins Wasser.
Lese ich die 20min, hat die Frau von der HRM gar den Eindruck, ich hätte dieses Schundblatt selbst mitgebracht und würde meinen Schrott auf ihrem Tisch liegen lassen. Ich beschränke mich darauf, mit übergeschlagenem Bein, die Finger zu einem Zelt geformt, in aufmerksamer Haltung auf den Lift zu starren und den Paten zu mimen.
Und die Sugus aus der Tasche in meinen Kulturbeutel zu bugsieren.

Für die Leser welche mich nicht persönlich kennen; Selbstverständlich schleppe ich kein Necessaire mit mir rum, mein Kulturbeutel ist die männliche Erweiterung dieser Handtäschchen, welche sich gelackte, metrosexuelle Ostblocker mit gezupften Augenbrauen und Kajalstift umhängen.salewaGanz furchtbar praktisch.

Guten Tag, ich bin die Frau Hübeli.
Angenehm…
Die Liedschatten etwas verwischt und ausgedünnt, dafür neckisch den Kajal über die Augenwinkel gezogen. Absicht oder das Ende verpasst? Knochig. Gute vier Jahre jünger als ich. Die Zähne gebleacht, was die merkwürdige Zahnstellung betont. Ja, ich bin sehr oberflächlich und der erste Eindruck ist gegenseitig.
Es ist ein Fluch. Die HRM-Püppchen werden immer jünger und man kommt sich so minderwertig vor, wenn ein Mädchen, welches seine ersten Strümpfe noch nicht durchgelaufen hat, mitentscheidet, ob man eine Stellung erhält.
Lifte können nicht schnell genug hoch schiessen. Glücklicherweise leidet die ganze Schweiz an verstopften Strassen. Man lässt peinliches Schweigen gar nicht erst entstehen.
„Haben sie es gut gefunden?“
„Ganz wunderbar, das Signet strahlt ja über Kilometer wie ein Batsignal. Und dann ihre Beschreibung, einfach excellent. Ich würde mich schämen, es nicht gefunden zu haben“
Natürlich nicht so dick aufgetragen.

Den vom Batsignal hätte ich bringen können.
Im Büro sitzt die Dame vom HRM rechts. Also erst nahm sie gegenüber Platz, merkte dann an, dass dies doch etwas weit entfernt wäre und rutschte um die Ecke näher zu mir. Gegenüber der Herr Abteilungsleiter. Links Robert Downey Jr. Also nur seine Rüstung. Der Iron Man. Und eigentlich stand er.iron-manEs gibt wohl nur eine HRM-Schule in der Schweiz. Und einen Standardfragenkatalog.

„Was bezeichnen sie als ihre Schwäche?“
Beim letzten Gespräch schwieg ich volle drei Minuten. Und drei Minuten sind lang, wenn einem vier Personen anstarren.
„Es kann ja auch sein, dass sie keine Schwächen haben, hihihi“; Ein Eisbrecher…
„Ich befürchte, es läuft darauf hinaus. Will ich ihnen einen Dodge Ram verkaufen, beginne ich ja auch nicht damit, dass der säuft wie ein Loch, nicht wahr? Wobei, eine Schwäche habe ich; Sehen sie, ich bin Perfektionist. Es muss einfach immer alles perfekt sein, glauben sie mir, das kann ganz schön anstrengend sein.“
Wäre eine mögliche Antwort.

„Sehen Sie, ich sage einfach immer geradeheraus und offen was ich über eine Sache denke“
„Das muss ja nicht schlecht sein.“
„Was interessiert es mich, was sie denken, sie dumme Kuh?!?“
Auch möglich, aber ebenfalls nicht die ultimative Lösung.

Beim letzten Gespräch, ein erfolgreiches, half mir der Chef auf die Sprünge, indem er seine Vergesslichkeit aufführte. Eigentlich musste ich nur noch mit dem Zeigefinger symbolisch auf ihn schiessen, ein Auge zukneifen und „Katsching“ sagen.
Man sollte das negative immer positiv verpacken.
„Sehen sie, ich bin so vergesslich, dass ich jede Menge an Notizblöcken brauche um mir alles zu notieren.“
Warum bin ich eigentlich kein Bewerbungscoach?

Heute fragte die Dame richtig provozierend, „Wollen sie sagen, sie sind perfekt?“
Mit aggressivem Unterton. Hoppla.
„Nein, aber vielleicht könnten sie die Frage etwas präzisieren. Es wird ja kaum von Belang sein, dass ich mich grundsätzlich in verheiratete Frauen vergucke, oder?“
Es war mir doch schon einige Minuten bewusst, dass die kostenlosen Sugus das Tollste an dieser Firma waren und sein werden.
Bumm, schweigen, ein bemüht unbeschwertes Lachen.
„Waschmaschinen, sie sagten mit Weisswaren kennen sie sich nicht aus.“
„Nun, ich kann eine bedienen, wenn ich davor stehe, aber – knick knack – da haben sie recht.“

„Welche besondere Erfahrung können sie vorweisen?“
„Nun, ich bin die perfekte Mischung aus jung und erfahren, das finden sie so nur auf dem bulgarischen Strassenstrich“
Ok, den habe ich nicht gebracht, ist auch geklaut. Schoss mir einfach als erstes durch den Kopf, als sie die Frage stellte.

Der Abteilungsleiter klinkte sich in die Unterhaltung.
Bla bla bla, bis zum Punkt, mit dem Team die Zielsetzungen erfüllen.
Musste ich nachhaken
„Na zum Beispiel Zubehör verkaufen. Wobei es da keine Richtlinien gibt“
„Aber wenn sie von Zielsetzungen sprechen, müssen sie ja ein Ziel setzen, nicht wahr?“
„Ja schon, es geht mehr darum, dass man sich bemüht“
„Und die Bemühungen messen sie woran?“
„An den Umsätzen“
„Und die sollten wie hoch sein?“; Ich sass einem Vollidioten gegenüber.
„Nun, wenn ein Team 200 umsetzt und ein anderes 4000, dann muss man wohl einmal nachhaken“
„Also 4000 ist das Ziel“
„Nein, nur als Annahme. Wir haben da keine bestimmte Zahlen“
Der denkt wirklich, er hat einen Trottel gegenüber. Die Iron-Man-Rüstung schien noch am gehaltvollsten zu sein.
„Aber sie verdienen ja nicht nur am Zubehör“; wer fragt eigentlich wen aus?
„Nein, natürlich nicht.“
„Vergleichen sie Team A mit Team B, hinsichtlich des Umsatzes?“
„Also da haben sie keinen Einfluss darauf, die Auftragserteilung geschieht durch die Disposition“
„Aber ich soll mit meinem Team die Zielsetzung erfüllen“
„Ja“
„Sie vergleichen doch bestimmt, wer wieviele Aufträge im Tag erfüllt“
„Ja aber nicht wertend.“
„Sondern?“
„Wenn ein Team 2 Lieferungen erledigt und ein anderes sechs, muss man natürlich nachhaken“
Meine Fresse, den Typen lockt man nicht aus der Reserve.
„Welche Ansätze haben sie denn?“
„Nun“, das war nun wieder sein Ding „Wir haben da unterschiedliche Pakete“
Teuer, Sau-teuer, Total überrissen; Schoss mir durch den Kopf, danke lieber Bruder.
„Eine Lieferung 129, Zusatzgerät +49“
„Zwei Leute, ein Lieferwagen, bis 2 Stunden Fahrzeit?“
„Ja. Wird natürlich quersubventioniert…“
Ich hasse solche Buchhaltermätzchen. Pauschalen, Geschenke, Quersubventionierung und am Schluss einen Sündenbock, welcher zuwenig Umsatz generiert.
„Bei grösseren Sachen gibt es natürlich eine Offerte, es liegt im Ermessen des Disponenten ob eine solche Notwendig sei.“
Na, dass klingt ja mal richtig sinnvoll und durchdacht. Bazinga.
„Eine Satelliteninstallation kostet pauschal 149.- bis zwei Anschlüsse“
„Quersubventioniert?“
„Quersubventioniert. Und sie müssen wissen, die Centerleiter können natürlich auch Aktionen machen. Vierzehn Tage alle Installationen gratis und so.“

„Darf ich zum Verständnis zusammenfassen?“
„Klar doch.“
„Korrigieren sie mich… Sie liefern zu Pauschalen, die Disposition bestimmt, wie lange man für eine Lieferung hat, wann eine Offerte angesagt wäre und Lieferungen können bei Bedarf, im Ermessen des Centerleiters welcher nicht nur eine eigene Kostenstelle sondern eine eigene AG hat, geschenkt werden“
„Ganz genau“
„Und die Abteilung Service soll rentieren, Umsatz mit Zubehör generieren und die Teams von je 8 Personen stehen im losen Wettbewerb untereinander.“
„Ja… so in etwa“
„Und Sat-Anlagen kosten pauschal 149.-„
„Genau.“
„Danke schön“
„Aber wir arbeiten mit Fachleuten; Nicht dahergelaufene Arbeitslose. Wir haben im Service Verkäufer, Elektriker, Sanitäre….“
Ich habe kein HSG-Diplom, aber habe etwas gesunden Menschenverstand.
Dieser riet mir, bevor seine Aufzählung beim Gemüsebauern endete; Lauf!!

„Welche Gehaltsvorstellung haben sie?“
Ich war nahe dran, etwas fünfstelliges zu fordern. Monatlich, versteht sich.
Blieb dann doch realistisch.

Bis nächsten Dienstag soll ich mitteilen, wie sehr sie mich für die Stelle begeistert hätten.
… bin doch nicht blöd.

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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