Neulich im Wartezimmer

Von Zeit zu Zeit verlangen es die Umstände, dass man den Onkel Doktor aufsucht. Selbstverständlich war ich nicht krank, ich habe das Immunsystem einer bulgarischen Bahnhofshure. Ein Bagatellunfall und der Wunsch nach einem Arztzeugnis, dem ersten in meinem langen Leben, trieb mich in die Hände des Medizinmannes.

unser-doktorNur der Beste aller Doktoren darf seine Händen an den Tempel der mein Körper ist legen, dementsprechend steht man auch etwas Schlange.
Das Wartezimmer.
Man geht mit einem eingerissenen Fingernagel rein und kommt mit einer chronisch obstruktiven Lungenerkrankung in das Behandlungszimmer. So fühle ich mich zumindest. Das Betreten eines Wartezimmers ist im Grad der Peinlichkeit zu Vergleichen mit dem Abholen der DVD-Box Schumädchen-Report 1-13 in der örtlichen Postfiliale / Dorfladen. Unverpackt, in der ultimativen Fan-Box mit Papp-Aufsteller. Jeder Anwesende kann zum Kauf gratulieren und sich das Maul zerreissen.
Betritt man diesen kleine Raum mit den unbequemen Stühlen, sind da 7 Augen und eine Mullbinde auf einem gerichtet, man wird gescannt wie als Flugreisender mit Vollbart am JFK-Airport.
Nicht, dass ich mich diesbezüglich unterscheiden würde, kaum habe ich mich gesetzt, checke auch ich die anwesende Clientel und jeden Neuankömmling ab. Sind irgendwelche äusseren Anzeichen erkennbar? Humpelt er, kratzt sich, hält sich ein Körperteil? Ist dies nur ein Altersfleck oder doch eine aufgeplatzte Pestbeule?
Kriecht einer rein, blutüberströmt mit einem und einem halben Bein, verschwinden die Blicke schneller wieder hinter der Zeitschrift, als wenn ein offensichtlich kerngesunder eintritt.
Dann kann sein Problem nur psychischer Natur sein, oder irgend ein kleiner juckender Pilz an einer sehr persönlichen Stelle.
So hinke ich in einer oscarreifen Bestleistung zu meinem kleinen, harten, unbequemen Stuhl. Da sollen gar nicht erst merkwürdige Gerüchte aufkommen. Früher, als ich noch im Ort lebte, kannte man eine Dame aus dem Hägli-Quartier mit Entengang, ABM-Tasche und gelocktem Haar als wandelndes Tratschblatt, man konnte sich vorsehen. Heute weiss ich nicht mehr, wer der Lord Varys, der Meister der Flüsterer im Dorf ist.
Die beleibte Dame mit den ausgetretenen und abgewetzten Leder-Halbschuhen? Ihr kennt diese Schuhe, bei der das Oberleder aussenseitig irgendwie über die Sohle getreten wurde, welche ihrerseits auf der Gegenseite etwas aufsteht.
Eine Stoffhose, klassisch, etwas zu hoch am Bein, dafür etwas knapper am Gesäss und obliegend ein buntes Shirt. Ein wenig eingegangen, dass es nach jeder Bewegung wieder nach unten gezupft wird. Damit kein Mann einen Blick auf den teilweise abgelösten Spitzenrand des M-Budget-Slip – die Verführer-Linie im 10er-Pack – erhascht.
Nebensitzend ein Mädchen. Das Alter kann ich nicht schätzen, da ein Mann nur auf der sicheren Seite ist, wenn er die Augen ganz fest zusammenkneift und die Hand davor hält, sobald ein weibliches Wesen erscheint, dass nicht ganz offensichtlich bereits gegen die 40 zu geht. Man liest ja 20min und den Blick.
Jedenfalls hatte sie auf dem Schoss eine Handtasche liegen. Ein Handtäschchen, möchte ich sagen. Heute gibt es ja nur zwei Grössen von Handtaschen. Diese kleinen Etui-Taschen, welche man nach dem Einlegen des Kajalstiftes nur schliessen kann, indem man den Gucci-Heel mit den ganzen 45 Kilogramm Körpergewicht drauf stellt, oder Ledertaschen in praktischer Sporttaschengrösse. Diese Taschen, welche nach einem Jahr anmuten, wie ein faltbarer, plastifizierter Wassereimer.
Dieses Mädchen jedoch hatte eines dieser exotischen „Deine erste Handtasche, jetzt im neuen GIRL-Heft“ auf dem Schoss. Das Modell vom Typ ‚eigentlich weiss man noch gar nicht was reinpacken, weil die letzten 13 Jahre auch ohne gegangen sind, aber wenn man schon Lidschatten aufträgt, kann man auch keinen Bodybag mehr tragen‘. Mit Schnörkel, Kette und Riemchen. Die Achtziger kommen immer wieder.
Sie benutzte es vorwiegend zum verstauen ihres weissen iPhone. Es galt jedesmal einen Knopf zu lösen und einen Reissverschluss geräuschvoll zu öffnen. Und selbstverständlich zu schliessen.
Mutti zischte rüber, sie könne dies auch mal lassen, mir lag auf der Zunge „Das Mädchen kann knipsen und gucken so oft sie will“, verkniff es mir aber, da gewiss keiner der Anwesenden den Loriot-Sketch kannte. Zudem hätte dies auch sonstwie ausgelegt werden können, wer weiss, wofür ‚knipsen‘ im Jugendslang steht.
Wer von beiden Patient und wer Begleiter derstellte war nicht offensichtlich, auch das verhalten geführte Gespräch ‚ich so… dann sie so… dann ich so… dann sie so…‘ lieferte keine Antworten. Nur, dass sie schon eine Stunde warteten, was mich entmutigt zusammensacken liess und den Junkie zu meiner rechten in eine Meditationsstellung versetzte.

Ich weiss nicht ob es ein Junkie war. Ein weiblicher. Sah zumindest aus wie ein Junkie. So ein wenig verbraucht, mit dem Gesichtsausdruck, für einen Fuffi mache ich alles. Widerstrebend und mit Verachtung, aber alles. Mit unglaublich schlechter Dauerwelle. Also als neuen Aspekt. Die Dauerwelle unterstreicht höchstens, dass auch der Freier alles macht und keinen Abscheu kennt.
Rutschend und zuckend, als hätte sie Reisszwecken auf dem Stuhl. Der Magen machte Geräusche, wie man sie von keiner Frau hören will. Ich bin da etwas traumtänzerisch, wenn es nach mir geht, haben Frauen keinen Verdauungstrakt, weil das einfach das Gesamtbild stört. Frau Junkie klang, als käme sie gerade von einem Chilli-Wettessen, oder als würden kleine Aliens da drin ein Nest bauen.

Sie verliess als erste das Wartezimmer, ohne Anzeichen von Hinken oder sonstigen körperlichen Gebrechen. Abgesehen von der Dauerwelle.

Ich vertiefte mich im Nebelspalter. Kicherte bisweilen ein wenig, was mir erstaunt-erboste Blicke der Wartensgenossen einbrachte. Es wird im Wartezimmer nicht gekichert, ein Artbesuch liefert keinen Grund zu Heiterkeit.
Wer entscheidet über die Auswahl der Zeitschriften im Wartezimmer? Ich habe die Wahl, irgendwelche anatomischen Abartigkeiten eines ugulu-Stammes im tiefsten Kongo in Hochglanz und Farbe zu bestaunen, indem ich das Geo zur Hand nehme, oder den Nebelspalter zu lesen. Das wars. Neben der aktuellen Tageszeitung.
Zudem, wer hatte diese Zeitschrift vorher zur Hand? Die Pestbeule?
Wäre ich Arzt, wären da die gesammelten Lustigen-Taschenbücher. Die komplette Edition. Liest jeder gerne, von 6 bis 70. Und Frauen haben ja ihr Smartphone. Knipsen und gucken.

Nicht einmal das Spielen mit den Bauklötzen war eine Option, auf dem kindsgerechten Stühlchen setzte sich gerade eine weitere Patientin.
Mit der klassischen 20 Jahre MaryLong extra aus Überzeugung-Reibeisenstimme bemerkte sie, es gehe schon hust hust, sonst würde sie eben nach draussen gehen, als meine neue Sitznachbarin ihr den Stuhl anbieten wollte.
Einen kurzen Moment überlegte ich, ob die Höflichkeit gebieten würde, meine Sitzgelegenheit ebenfalls zur Verfügung zu stellen, kam jedoch zum Schluss, dass meine Quasimodo-Darbietung beim Betreten des Zimmers zur Farce verkommen würde und ich niemenden von meinen Qualitäten als Gentleman überzeugen musste. Zudem, wenn man als zweiter, respektive schon dritter, den Sitzplatz anbietet ist es schon ins peinliche gekippt. Oder die Dame nimmt das Angebot an, nur damit nicht noch ein vierter sich bemüht.
Auf den kleinen Holzschemel hatte ich so gar keine Lust.

Zumindest war ich so freundlich, dass ich mich bei Mutter und Tochter, welche schon einen Stunde warteten, entschuldigte, als ich als nächster aufgerufen wurde und das Behandlungszimmer betreten durfte.

Tja, seit 37 Jahre Kunde und der pflegeleichste sowieso.
Ich finde, da wäre bald ein Geschenk fällig. Eine Stunde mit dem Röntgengerät. Mein heimlicher Wunsch.

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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