Oh, diese Azubis…

Sie sind unsere Zukunft, unsere Stütze, der Mörtel im Zement des Fundaments, der Sand im Getriebe, die Bananenschale auf der Treppe, der Plattfuss an Oma’s Rollator – unsere Azubis.

Jährlich werden einige praktisch Bildungsfähige – politisch korrekter Ausdruck für geistig nicht zu gebrauchen – Jünglinge und Jünglininnen altershalber aus der Grundschule geschmissen.
Endlich Geld verdienen, endlich nicht mehr Schulbank drücken, endlich auch tagsüber rauchen. Und Berufsstolz erleben, vergessen wir den Berufsstolz nicht. Erklärte so ein Malermeister, in dessen wirren Illusion seine Auszubildenden in Schlips und Kragen auf lederbesohltem Lackschuh des Wochenende, den Pullover lässig über die Schulter geworfen, die Ärmel im Brustbereich locker verknotet durch die Stadt flanieren und in einem Moment der Stille auf ein Haus verweisen; Diese Fassade habe ich gestrichen. Beinahe scheu, etwas zurückhaltend, der Stolz schwingt mehr im Subtext mit, die nichtgesprochene Note der beiläufig und elementar gewichtigen Aussage; Diese Fassade habe ich gestrichen.
Die Oma knickt kurz über den Rollator, als sie ein Tränchen unter der gülden eingefassten Brille – musste das sein, dachte sich noch der Schwiegersohn mit kritischem Blick auf den Goldkurs – mit dem Initialen-bewehrten Seidentuch zu trocknen sucht. Der Vater, in Sacko und Pullunder, wirft sich in die Brust, das ist mein Junge, während der Opa mit dem vierzig Jahre +GF+ – Präzisionsdrechsler – geschulten Blick nach Farbnasen an den Ornamenten sucht.

Und dann pflückt sich jeder ein Traum-Marshmellow und sie setzen sich auf ein Wunschwölkchen, während Fortuna einen Hauch Goldstaub über Familie Ideal verpustet.

Ich versuchte es einmal mit dem Berufsstolz. Ein Spaziergang am Rheinufer, zur Linken die Häuserfront, an welcher ich ein kabelführendes Kunsttoffisolierrohr zum Dachstock im gefühlten 35 Stock gezogen habe. Wenn dir da der Schraubenzieher entgleitet, birst der Gehweg ob der Fallhöhe.
Ich, das habe ich gemacht.
Dieses krumme Ding? Sieht ja scheusslich aus.mother-of-god

So habe ich es künftig gelassen, is ja auch wahr.
Habe ich auf der Toilette eine wunderbare Arbeit verrichtet, lade ich auch nicht Freunde und Familie, reiche Snacks und jeder kann mal gucken.

Aber ältere Arbeitgeber, so die urchigen Handwerker, geben sich gerne der Illusion, ihre Arbeit seien vom gesellschaftlichen Standpunkt gesehen noch was wert.
Daher ist es selbigen auch völlig unverständlich, dass die Überhose der praktisch Bildungsbegabten vor lauter Stolz im Schritt eben nicht mehr kneift.

Für das Gewerbe zwingend von Nöten, zumindest bis eine vernünftige Sklaverei wieder eingeführt wird, lehrt man die geistig Bildungsschwachen, wie man korrekt auf Knien rutscht und welches Ende des Hammers auf den Nagel soll.

Erwählt man einen Azubi, welcher an drei Tagen in Folge ohne an der Hand genommen zu werden den Lehrbetrieb wieder findet, hat man schon einen ordentlichen Glücksgriff getan. Ansonsten neigen Azubis, ohne ständige Erinnerung, dass es der Fortbewegung im Grundsatz dienlich sei, einen Fuss vor den anderen zu setzen und im Zuge dieser Aktion mit den Zehen des hinteren Fusses sich etwas abzustossen, was eine eigendynamische Gewichtsverlagerung auf die Ferse des vorderen Fusses veranlasst, welcher sich dann für gewöhnlich auf dem Boden abrollt und die Aktion wiederholt wird, dazu, auf der Stelle zu treten oder plattnasig gegen eine Wand zu klatschen vor welcher sie nur noch unproduktiver sein könnten, wenn sie sich in besagte Wand selbst verwandeln würden. In einer ruhigen Minute erwische ich mich dabei, darüber nachzudenken, ob sich hinter diesen leeren Augen zwei geistige Affen kleine Krabbler aus dem Fell klauben, ein Esel mit dem Schwanz nach einer Fliege schlägt, oder einfach nur eine gähnende Leere sei.
Früher, da war… ich weiss, in jedem Jugend-verstehen-Seminar wird vom dynamischen, vertretergesichtigen Motivationstrainer in von Trägern gehaltenen Bundfaltenhosen auf einer, von einem Moment, der in exakt sieben Sekunden von einer kichernden Dame unterbrochenen Stille, gefolgten Folie der Satz des Sokrates betreffend der Jugend von heute präsentiert.

Die Kinder von heute sind Tyrannen. Sie widersprechen ihren Eltern, kleckern mit dem Essen und ärgern ihre Lehrer.
Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität. Sie widersprechen ihren Eltern legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.

Ganz nebenbei; Es ist mir bewusst, dass verschachtelte Sätze verpönt sind, in der Anpassung des Schulstoffes an den weichenden Intellekt der Jugend bleibt kein Platz für das ansprechende Lesen noch das Schreiben, aber anerkennt es als Ausdruck meiner Verehrung an das geschriebene Wort, erfreut euch der beiläufigen Bildung neuer Synapsen beim Entschachteln derselbigen, oder zückt meinetwegen den Rotstift.

Ob Sokrates diesen Satz wirklich von sich gegeben hat ist wohl so hieb und stichfest belegt, wie der architektonische Einsatz von Ausserirdischen beim Bau der Inka-Tempel, nichts desto trotz ist er aus keinem Jugend – Unsere Zukunft -Seminar wegzudenken; Bringt er doch zum Ausdruck, was für unflexible, intolerante Beweggründe die gesetzteren Herrschaften zu erbosten Ausdücken über die Jugend von heute verleitet.

Und dennoch war es anders; Lehrjahre sind keine Herrenjahre sprachs, und schon kroch der Azubi unter Oma’s Fernsehtischchen und wechselte die Dose.
Bittet man den heute den Auszubildenden um die Ausführung erwähnter Arbeit, sieht er einem an, als hätte man ihn heissen, mittels eines Dreschflegels Körner aus einem Bund Ähren zu schlagen. In feinstem Mandarin gesprochen.
Nun kann man mittels Hand und Fuss, in einer der Jugend verständlichen Sprache versuchen, ihn verbal an die Arbeit heranzuführen, oder man erledigt es selber.
Wenn nicht gleich, dann spätestens, so er mit dem roten, isolierenden Kunstoffgriff des Schlitzschraubenziehers in hämmernder Weise eine Torx-Schraube zu lösen sucht. Es bedarf etwas Fingerspitzengefühl, man darf ihm nicht einfach sagen, dass der Schraubendreher zu wenden und zudem ein der Schraube entsprechender Kopf zu wählen wäre; Fühlte er sich doch dann als Trottel vorgeführt, schmollt den Rest vom Tag und die Tränchen in den Augen führen dazu, dass er erst in seinem wabbelnden Gang den Hohlkörper über der Halsöffnung gegen den Türrahmen rammt, sodann mit Oma’s Makramee-Eule vom Duttlieber-Häkelkurs ’78 um den Hals sich mit der Ferse im Hosenboden verfängt und Haupt voraus die Treppe runterstürzt.
Er sei gemobbt worden, hätte sich hernach die Treppe runtergestürzt und kann die folgenden Monate nicht arbeiten.

Fürwahr, unsere Zukunft zu bilden ist kein Zuckerschlecken.

Die, anstatt durch weise Lehren

Sich zum Guten zu bekehren,
Oftmals noch darüber lachten
Und sich heimlich lustig machten.

Ja, zur Übeltätigkeit,
Ja, dazu ist man bereit!

Menschen necken, Tiere quälen,
Äpfel, Birnen, Zwetschgen stehlen
Das ist freilich angenehmer
Und dazu auch viel bequemer,
Als in Kirche oder Schule
Festzusitzen auf dem Stuhle.

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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