Opas Bohrhammer

Es gäbe gewiss vielerlei Möglichkeiten meine traumatische Kindheit aufzuarbeiten, gewiss auch kassenbezahlte, aber warum nicht daraus Kapital schlagen?
Ein Küchentisch im Rheintal und der Duft von Incarom sind bestens geeignet, einen heftigen Flashback auszulösen.

Auszug aus „Einmal Weinland und zurück“

Lüstern streckte er seine Hände nach dem Hilti-Bohrhammer aus. Ein weiteres Utensil, welches ihm feuchte Träume beschert, welches ihm seine Gattin vergönnt, sie hockt auf dem AHV-Einkommen wie eine brütende Henne auf dem Ei und verteidigt jeden Franken unter dem Einsatz ihres Lebens.
Statt dessen hat sie ihm eine Schlagbohrmaschine gekauft. Aus dem Katalog. Schwarzer Schriftzug auf rotem Gehäuse ‚Westfalia Ultra-Bohrhammer KX 5600‘. Am ersten Backstein hat der 350 Watt-Motor seinen Dienst quittiert und statt dass die Rutschkupplung gegriffen hätte, fielen ihm diverse Kunststoff-Zahnräder vor die Füsse. Begleitet von einem widerlichen Schwefelgestank.
Sogar der Enkel war mit seiner kleinen Bosch-Bohrmaschine aus der Spielwarenabteilung im regionalen Kaufhaus erfolgreicher. Zwei AA-Batterien… Dazu muss ich noch etwas ausholen.
Selbstverständlich sind die Batterien nicht inlcluded, davon unterrichtet den geschätzten Käufer eine kleine Randnotiz auf der Packung. Nicht zu übersehen in Grösse 9, unten rechts, halb unter dem Preisschild. Die Verkäuferin wies Tante Kunigunde wohl noch darauf hin, aber diese sah in dem wertvollen Hinweis nur ein ganz unflätiger Versuch, einen bonusträchtigen Zusatzverkauf zu tätigen. Tante Kunigunde war nicht wirklich die Tante von irgendwem, alle, welche irgendwie eine Ahnung haben könnten, wie Tante Kunigunde zur Familie gehört, waren verstorben. Auf ganz natürliche Weise, dies mit ihrem Mann damals war nur Gerede. Auf jeden Fall schien in keiner Weise eine Blutsverbindung zu herrschen, aber Tante Kunigunde hatte da dieses alte, schwarze Telefon und auf selbigem erwartete sie regelmässig Anrufe, welche sich zu familiären Anlässen einlud und das Gerücht, dass sie ein kleines Grundstück am See besass, garantierte ihr auch die regelmässigen Anrufe. Von ihren unzähligen Kaffeefahrten an den Titisee hat sie vor allem eines mitgenommen; Keine Heizdecke, keinen Infrarotstrahler und keine Froschhaar-Matratze, nein, das Talent, jedem Familienmitglied die Aussicht auf eine Universalerbschaft äusserst glaubwürdig zu verkaufen.

Die Stimmung war gelöst, der Papa hat sich mit Schwiegermutters Weihnachtspunsch die Feier so richtig schön gesoffen und so sassen gefühlte fünfundzwanzig Leute in der kleinen gemütlichen Stube mit dem Querbalken, an welchem sich jeder, der nicht den Appenzellern entsprang oder anderweitige Halblinge in seinem Stammbaum hatte, unweigerlich den Schädel einschlagen musste. Damit nicht genug, der Opa trennte sich nur schwer von seinem Handwerkszeug und obwohl er fünfundvierzig Jahre lang an einer Stanzmaschine im GF stand, hält er seine bauernständische Abstammung hoch – ungeachtet der Tatsache, dass er das Bauernhandwerk nur von Carigiet’s Bildern kannte, aber dies durfte man keinesfalls erwähnen – und hat allerlei Heurechen, Sensen und Schleifsteine an das altehrwürdige, Täfer gehängt.
Schwiegermutters Weihnachtspunsch, drei mal Schädel stossen am Querbalken, die latente Todessehnsucht sobald man bei den Schwiegereltern geladen war und allerlei Gotthelf’sches Todeswerkzeug an der Wand waren eine sehr gefährliche Kombination.
Als sich Papa mit einem erneut gefüllten Punschglas, er trank stilvoll aus einem kleinen, gläsernen Elchkopf welcher ihn bei jedem Schluck dämlich angrinste und beim Hochheben ‚Stille Nacht‘ zu dudeln begann, weswegen er ihn gar nicht mehr absetzte, auf das Sofa setzte, leicht schwankend mit einem zufrieden belämmerten Gesichtsausdruck in die illustre Runde hirnloser, angeheirateter Verwandten guckte, machte sich der kleine Junge gerade daran, Kunigundes Geschenk zu öffnen. Verpackt in das Extra-Abendblatt einer Zeitung welche von der Reichskristallnacht berichtete, Kunigunde lebte wohl schon über ein Jahrhundert und konnte einfach nichts wegwerfen. Während Papa noch überlegt, wieviel ein leicht beschränkter Neo-Nationalsozialist dafür hinlegen würde und ob er dies, rein rechtlich gesehen, bei ebay versteigern könnte, hat der kleine Junge mit einem Ruck das wertvolle Blatt zerrissen und den Spielzeug-Bosch-Bohrhammer zu Tage gefördert. Ein grosse Hallo in der Runde, Opa schien gar ein wenig erregt, was aber kurz darauf in wütendem Geschrei unterging. Weder die kleine rote Lampe leuchtete, noch waren die simulierten Bohrgeräusche zu hören, welche die Packung in einer grossen Sprechblase in Aussicht stellten.
Batteries not included.
Kunigunde erklärte, mit erhobenem Finger und leicht hysterischer Stimme, früher hätten sie mit Stöcken und Steinen gespielt und der Opa zückte sogleich seinen Phasenprüfer, machte sich an dem Transformator des Weihnachtsbaum zu schaffen, was ihm von Oma einen Schlag mit dem grinsenden Elchkopf-Punschglas einbrachte, welcher daraufhin begann ‚Oh du Fröhliche‘ zu dudeln.
Papa sah seine Chance.
Er hielt sich an der Ständerlampe fest, zog sich hoch, schwankte leicht hin und her und erklärte mit schwerer Zunge, er würde Batterien besorgen. Bevor jemand Einspruch erheben konnte oder noch schlimmer, seine Begleitung anbieten würde, war Papa mit einer Behändigkeit aus dem Wohnzimmer geflüchtet, welche man ihm nach acht Stück Weihnachtsbraten, ersäuft in fettiger Sosse, dass der Tellerrand kaum mehr zu sehen war, nicht zugetraut hätte. Ganz zu schweigen von dem Liter Weihnachtspunsch den er intus hatte.
Hinaus in die Kälte.
Man konnte ihm nie nachweisen, ob er im Rausch des Alkohols oder in böser Absicht die Haustür von aussen verriegelte und den Schlüssel stecken liess, aber er konnte sich sicher sein, dass ihm niemand folgte.

Die freundlichsten Polizisten fänden sich im St. Galler Rheintal, dies wurde ihm so weisgemacht, da hätten sie bestimmt auch nichts dagegen, wenn er an Heiligabend leicht berauscht in der Familienkutsche auf Batterienjagd ging.
Eine leichte Fröhlichkeit überkam ihn, als er auf der A13 in Schlangenlinie das Heidiland ansteuerte und das Heck bewusst schlingern liess. Gut möglich, dass ein Tankstellenshop gleich in der Nähe war, aber lieber auf Nummer sicher gehen.

Das Personal und drei Taxifahrer feierten den Weihnachtsabend. Wie zur Prohibition die weissen Kunststofftassen mit einer sehr wässrigen, klaren Form von Kaffee gefüllt, unterhielt man sich angeregt, als Papa über das ‚Caution wet floor‘ Schild stolperte und mit Schwung in den Duftbaumständer rauschte.
Duftbäume warten mit einer unglaublich innovativen Idee auf, eine technische Meisterleistung. Markierungen auf der Packung leiten einem an, wie weit selbige aufzureissen wäre um sich nicht zu vergiften und ordentlich lange Freude an dieser Tanne zu haben. Jede Woche ein Stück mehr und man hat über Monate stets eine frische Bergbrise im Fahrzeug. So die Theorie, denn man weiss auch, dass die Verpackung ohne eine Schere nicht zu öffnen ist. Natürlich, man hätte eine Schere in seinem Taschenmesser, eine Schere in der Bordappotheke – ein Firmengeschenk anno 1989 anstelle der Gratifikation, welche der Chef für die Organisation ‚Ölheizungen nach Nigeria‘ oder so ähnlich im Namen der Mitarbeiter in eine Trust-Fond gespendet hatte – und dann wären da noch mindestens drei Seitenschneider im Bordwerkzeug. Der Originale, etwas schwächliche, im Lieferumfang vom Renault-Bordwerkzeug beinhaltet, der Neue günstige, welcher den Originalen etwas schwächlichen im Falle eines Falles ersetzen würde, und den ganz Neuen, welcher im Angebot war und die Vorgänger ersetzen sollte, wenn man nur die Zeit fände, sie aus dem Koffer zu nehmen.
Aber, die Packung des Wunderbaumes hat wohl nicht direkt eine Perforation, aber dennoch eine Linie, welche die Aufreissstelle markierte, das muss auch ohne Werkzeug gehen.
Ratsch.
Die Tüte wird also irgendwie wieder über den Baum gezogen, der Schlitz geht runter bis zur Woche sechseinhalb, und man fährt die nächsten zwei Wochen mit Kopfschmerzen aufgrund einer solchen Überdosis Bergbrise, dass der Innenspiegel blind wird und sich die Armaturenabdeckung rollt.

Papa erhebt sich und unter Entschuldigungen bewegt er sich an den Tresen. Duftend, als wäre er in Vanille-Erdbeer geschwommen und hätte sich mit einem Lavendelbusch angelegt, im Schritt einen halb abgelösten ‚Hans on tour‘-Aufkleber.
AA, stammelte er über die Theke, die Verkäuferin reicht ihm den Toilettenschlüssel.
Nein, nein, AA-Batterien, bringt er zustande und zeigt auf den zwinkernden Duracell-Hasen.
Nach zwei Tassen klarem Kaffee mit den Taxifahrern, zwei Packungen Batterien, einem Duftbaum und einem Koffer nigelnagelneuen Schneeketten, waren im Angebot, verliess er die Tankstelle, während Mariah Carey ihm nachträllerte, dass sie ihn sich zu Weihnachten wünsche, was sein Kopfkino in merkwürdiger Weise Karussell fahren liess.
Nach einem kleinen Abstecher ins Glarnerland, die Abfahrt Sargans ist aber auch verborgen, schaffte er es zurück in das Rheintal, von näheren Ortsangaben wollen wir absehen, und ohne auch nur einen Gartenzaun mitzuschleifen auf die Weihnachtsfeier zurück.

In der Annahme, dass sich alle mittlerweile schlafen gelegt hatten lag er leider falsch, es wurden gerade die untertassengrossen Weihnachtskekse gereicht und die Tassen mit Incarom nachgefüllt.

Die Bemühungen des Jungen, die kleine Bosch mittlerweile mit Batterien bestückt, an der Wandtappete und am Stoffbezug des Sofas waren durchaus von Erfolg gekrönt. Der Sicherheit Rechnung tragend, nicht…

Dies muss genügen, ich will ja letztendlich noch das Buch verkaufen…

Die Geschichte ist etwas ausgeschmückt, die zeitlichen und geografischen Begebenheiten ein wenig verwischt und die Personen willkürlich gewählt, aber das grobe Konstrukt steht auf Tatsachen.
Und bevor Mutmassungen aufkeimen, möchte ich festhalten, dass mein Vater keine Mariah Carey-Songs hören würde und ganz gewiss keine Schneeketten an einem Tankstellenshop kauft. Es ist also ausgeschlossen, dass ich an dieser Stelle meinen Vater in die Geschichte einfliessen liess.
Ob er mal eben für eine Packung Batterien vom Küchentisch im Rheintal ins Heidiland gefahren wäre; Ja, dies würde ich ihm zutrauen. Nur wäre er zurück gekommen und hätte mit Unschuldsmiene verkündet, der 365-Tage/24-Stunden Shop hätte geschlossen gehabt.
Ein grossartiger Mann und dies ohne jegliche Ironie!

incarom

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
Dieser Beitrag wurde unter He works hard for the money, Hossa, Pub veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Time limit is exhausted. Please reload the CAPTCHA.