Presseschau zum Wochenende

Abteilung First World-Problems.

Die Schaffhauser Nachrichten widmet eine halbe Seite der Samstagsausgabe zehn leeren Weinfässern.
Illustriert mit drei Fotos.
Ein erschütterter kleiner Mann mit Hut, welcher in Knickerbocker und Kniesocken wie ein Säntis-Tourist aus dem grossen Kanton wirkt. Hätte er da nicht diese Rüschenbluse mit Pumpärmel unter der Weste und diesen unendlich traurigen Gesichtsausdruck über selbiger.

Da standen besagte Fässer in einem Keller einer anscheinend renovierungsbedürftigen Liegenschaft.
Oder wie es die Denkmalschützer und Ewiggestrige nennen; Ein um jeden Preis erhaltungswürdiges, zu schützendes Gemäuer und wir wissen, wenn ihnen etwas gefällt, nehmen Hobby-Historiker und die Denkmalpflege sich an den Händen und erklären es für heiliges Gebiet. Von einer Freske in der Rumpelkammer einer Kirche bis zu einem Haufen alter Fässer im Keller einer Wirtschaft. Von diesem Moment an ist kein Aufwand zu gross, dieses Zeugs zu erhalten. Wobei sich der Aufwand der Denkmalschützer darauf beschränkt Regeln zu erlassen. Man dürfe in der Nähe dieser Reliquien nicht einmal zu heftig atmen, nachdem man eine Pizza mit ordentlich Knoblauch vertilgt hätte und es hernach den Handwerkern obliegt, auf Samtpfoten um das Objekt zu schleichen.
Während also die Eigentümerin der Liegenschaft mit angehörigem Keller dem Bückiträger in Knickerbocker gestattete, den Keller jedwelchen Interessenten zu zeigen, bis dieser eben dem Umbau zum Opfer fallen würde, wollte dieser gleich einen Schritt weitergehen und die alten Bretter der Nachwelt erhalten. Wer sich immer mit Fuchsschwanz oder Laubsäge diesen Fässern nähern wollte, wäre ein Wahnsinniger ohne Bezug zu Schaffhausen, Geschichte und überhaupt.
Heute Bedarf es furchtbar wenig um, zumindest mental, ausgewiesen zu werden.
Unser Ritter im Zweireiher, Dr. Raphael Rohner, liess per elektronischer Brieftaube verlauten, dass keine unwürdige Hand diese Dauben berühren dürfe und wollte sich gleich mit den wichtigen Köpfen der Regierung kurz schliessen.

Der Amtsschimmel, derart in Bewegung versetzt, trifft sich nun bei der Liegenschaft.
Ein Abteilungsleiter des Hochbauamtes, ein Abteilungsleiter für Immobilien, ein Finanzreferent und ein Bückiträger mit Hut – der Stadtspräsident-Aspirant war leider im Ausland, sprich im Thurgau, aber im Geiste dabei – stehen also nun im Keller vor einem Haufen Cheminee-Holz und kratzen sich am Kopf.  Ein rasender Reporter des Intelligenzblattes macht sich Notizen und ein Fotograf lichtet die Szene ab.
Was war geschehen?
Während man auf der Verwaltungsebe – wir sprechen von fünf involvierten Instanzen, den Knickerbockerhosenträger nicht mitgezählt – noch auf dem Bleistift kaute weil ein elementares Mitglied der Denkmalpflege im Urlaub weilte und daraufhin das Schema F vollends durcheinander brachte, zückte Paco der Abbruchspezialist die Laubsäge und verfuhr nach erteiltem Auftrag.
Als die Schlipsträger sich eben den Schaum des Mittagskaffe aus dem Schnauzer tupfen und die ganze Angelegenheit staatskonform am liebsten auf die lange Bank schieben würden, stapelt Paco die mundgerecht verarbeiteten Fassdauben zum Abtransport. In der Privatwirtschaft wird man nunmal nicht für die blosse Anwesenheit, sondern für geleistete Arbeit bezahlt.
Paco wird als Wahnsinniger betitelt, der Bückiträger stampft wie Rumpelstilzchen, die Amtsträger zucken mit den Schultern und der mittlerweile, eigens angereiste, Stadtpräsident-Aspirant bemerkt trocken; Murphys-Law.

Die untere Hälfte der Seite 17 wird einer ZHAW-Studentin zur Verfügung gestellt. In den Schaffhauser Nachrichten darf sich zur Sauren-Gurken-Zeit und überhaupt immerdar jeder präsentieren, welcher die Meinung lebt, er hätte etwas von globalem Interesse zu berichten. Abgesehen von Walter Vogelsanger’s witzigen Anekdoten werden uns moralische Vorträge gehalten. Pentti Aellig pflegt eher zurückhaltendes, konservatives Gedankengut, während die Linken und Grünen mir ein ewiges Leben im Fegefeuer predigen, wenn ich meine Hecke vogelfeindlich zurückstutze, oder meinen Rasen in einem englischen Stil halte und die Ringelnatter ihres natürlichen Lebensraumes beraube.

Studenten nutzen gerne ihre freie Zeit um in die Politik zu gehen. Der arbeitenden Bevölkerung zu erklären, wie der Alltag so funktioniert.
Dreizehn Wochen Ferien und noch keinen Handstreich zum Bestreiten des eigenen Unterhalts getan, weiss Sereina Fürer ganz genau, wie sich postferiale Depression anfühlt. Weil der Campari im eigenen Garten eben anders schmeckt als im italienischen Strandkaffee.
Beim Geniessen desselbigen kommt man als Grüner schon auf die Idee, es wäre eigentlich toll, wenn keine Autos fahren würden und man direkt an den Rhein sitzen könnte. Vielleicht würde man das EW auch gleich abreissen, denn seit dem Wasserstau guckt ein Fisch nahe Stein am Rhein immer so unglücklich. Selber hat man den Strom aus der Steckdose und sowieso das GA, eigentlich braucht man kein Auto.
Vielleicht könnte man eine Demonstration anzetteln, überlegt sich die offensichtlich gelangweilte, am Campari nuckelnde Studentin. Eine Vision von zehntausend durch die Altstadt und am Rhein entlang zuckelnden Schaffhausern formt sich im postferialen, depressionsgeplagten Geist.
Würde dies keinen Erfolg haben, könnte man sich auf der Rheinuferstrasse zum Campari-Nuckeln treffen und den Autos einfach die Durchfahrt verwehren. Diese Aktion wäre dann zu wiederholen, bis man seinen Kopf durchgesetzt hat, niemand mehr Auto fährt und Frau Fürer nach dem Verlassen des Zug keine postferialen Depression mehr verspürt.

In welcher Welt leben diese Studentenpolitiker eigentlich.
Dass zehn Zimmermänner morgens gegen 5 mit einem Firstbalken auf den Schultern losmarschieren, um ohne Automobil auf der Baustelle zu sein? Oder der Dachdecker eine Palette Biberschwanz-Ziegel zu den Bürogummis in den städtischen Bus stellt und bei der Haltestelle Herbstäcker wieder aussteigt?
Bohnen von glücklichen Kaffeepflückern wird auf einem Eselchen geliefert und die Schafe kommen in den WWF-Shop um geschoren zu werden.

Vielleicht sollten Politiker grundsätzlich ein Praktikum in der richtigen Welt absolvieren, ihren Unterhalt im Schweisse ihres Angesichts verdienen, bevor sie dem Volk ihre Version von einer heilen Welt mit Marshmellow-Wölkchen, singenden Schäfchen und einer einzig grossen Party mit tanzenden und Poncho-tragenden Hippies aufs Auge drücken wollen.

schlaraffenland

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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