Rab’s sick note

Im Grundsatz bin ich ja nie krank.
Weil krank sein einfach uncool und irgendwie schwächlich ist. Ein Ding, so klein, dass es auf einem Wassertropfen reitet, legt einen ausgewachsenen Mann flach. Wo gibt es denn so was. Dann kommt noch dazu, dass ich ein Mann bin, sprich, man kann die Symptome mal tausend nehmen. Wären Frauen so krank, wie Männer krank sind, wäre die Erde aus Sicht der Geschlechter bald sehr einseitig bevölkert.
So ist das nämlich.

Aufgrund des Auswurfs kann man bestimmen, ob der Infekt viralem oder bakteriellem Ursprung ist. Anhand der Farbe. Sagt Dr. Google. Da ich farbenblind bin, hilft mir dies nicht wirklich weiter und ich verzichte darauf Anschauungsmaterial zu veröffentlichen.

Dr. Google, eine tolle Sache. Nach spätestens dem dritten Link weiss man, dass man todkrank ist. Unrettbar verloren. Der Gang zum Arzt ist nur noch die unwesentliche Zweitmeinung.
Mayo Clinic ist ein tolles Beispiel. Mit rudimentärer Englischkenntnissen und ein wenig Kopfschmerzen hat man nach drei Klicks eine Meningitis. Das Internet irrt nie.
Natürlich bin ich kein Hypochonder. Bin Laden hätte sich auch nicht als Terrorist bezeichnet. Und auch ihr habt gewiss schon ein Symptom gegoogelt.krank
Bronchitis. Die Symptome sprechen dafür.Freitags hat es begonnen. Dieses dumme, trockene Hüsteln. Ihr wisst schon, diesen ekligen Tonfall, bei welchem man dem Typen im Bus zuschreien will, er soll mal richtig husten, ordentlich abrotzen und gut ist, anstelle diesem ekelhaft nervenden, verstohlenen Räuspern. Man hofft nur, dass die Ricola zuckerfrei einen guten Job machen und er an der nächsten Haltestelle, drei Stationen vor dem geplanten Ausstieg, mit zusammengekniffenem Gesäss den Bus fluchtartig, merkwürdig trippelnd verlässt. Hastig, doch jede Bewegung, speziell die Bauchregion betreffend, sorgsam durchdacht.

Begann so gegen vier Uhr. Ich weiss nicht, wie es bei Euch ist. Meine „Krankheiten“ – eigentlich bin ich ja nie krank – erhalte ich stets wie angeworfen. Von purlimunter bis mit einem Fuss im Grab innert drei Stunden.
Gegen Kratzen im Hals hilft Alkohol. Weiss ich nicht. Denn eigentlich ist Rum zu lecker, um ein Medikament zu sein. Aber er soll desinfizieren. Und trinkt sich besser als eine Flasche Jod. Wobei mir der direkte Vergleich fehlt. Auf Rum kam ich, als ich feststellte, dass dem Rum-Punsch der Migros ein entscheidender Inhaltsstoff fehlt. Das gewisse Etwas, was den Rum-Punsch erst geniessbar macht. Ich mische gerne 1 Teil Punsch, drei Teil Rum und vier Teile Wasser. Ungefähr. Hat in Mengen dieselbe Wirkung wie zu viele Ricola zuckerfrei. Aber da ich selten Bus fahre….

Gegen zehn begannen die Wechseljahre. Mal heiss mal kalt, schubweise. Muss an der Heizung liegen. Denn ich werde nicht krank. Nochmals einen Film auf Netflix gucken. Ist Freitag, man kann nicht um zehn ins Bett, dies würde dem Sinn des Wochenendes widersprechen.

Der Wasserboiler machte dieselben Mätzchen wie die Heizung. Heiss, kalt, heiss kalt. Stellte ich um Mitternacht fest. Bevor ich unter die Decke kroch. Immernoch die Sommerdecke, wohlgemerkt. Der Winter ist ja noch nicht gekommen.

Ich weiss nicht, wieviele Schippen das Sandmännchen auf mein Kopfkissen warf. Jedesmal vor dem Einschlafen überkam mich ein Hustanfall und ich machte seine ganzen Bemühungen zunichte. Irgendwann strich er die Segel, hatte wohl noch andere Leute zu beliefern, und überliess mich meinem Schicksal.

Es galt ein Richtstrahl-Station-Stativ vor dem Umkippen zu bewahren. Zudem konnte ich mich nicht zu stark bewegen, weil links und rechts ebenfalls Richtstrahl-Stationen lagen und man diese nicht anstossen sollte.
Wenn mich das Fieber überkommt, bin ich stets in solch anstrengenden Situationen. Da ist natürlich an Schlaf nicht zu denken. Nach fünf Stunden harter Arbeit hatte ich einen Moment der Klarheit. Stellte fest, dass vor mir nur ein Kissen und links wie rechts eine verwurstelte Bettdecke lag.
Ich kochte einen Tee, lüftete den Igitt-Krank-Mief aus dem Schlafgemach, sah eine Folge Malcolm mittendrin und begab mich wieder unter die Decke. Sicherheitshalber liess ich das Licht brennen, damit sich die Bettutensilien nicht wieder in Güter der drahtlosen Signalübermittlung verwandeln konnten. Aber mit dem Schlaf war auch nicht weit her. Das Hirn konnnte mir keine Richtstrahlstationen mehr vorgaukeln, weil das Auge sich nicht täuschen liess.
1:0 für mich.
Es begann trotzig zu pochen. Pulsieren. Hämmern.
1:1.
Ich schmiss eine Tablette ein, nimm das!
2:1 für mich.
Das Hirn zwang mich an Lindorkugeln zu denken und ich spuckte die Tablette wieder aus.
2:2
Bin kein Drogendealer, mein Arzneilager ist begrenzt. Auch weil ich ja nie krank werde. Also ignorierte ich das Pochen. Habe zu ignorieren versucht.

Das erste Piepsen des Thermometers verpasste ich. Nach zehn Minuten begab ich mich aus der unnatürlich verkrampften Fiebermesser-in-der-Achselhöhle-halten-Stellung und startete die Messung erneut. 38 und noch was, die letzten Ziffern erkenne ich schlecht. Todkrank, kein Zweifel.

Das Husten fühlte sich mittlerweile an, als würde ich Lava schlucken. Nur eben umgekehrt. Bis auf die Tatsache, dass hinter dem Brustbein stets ein Vulkan am brodeln war.
Ich liess das mit dem Husten und beschränkte mich auf ein Röcheln. Solch ein rasselndes, wie ein durchschnittler Raucher-Teenie beim Treppensteigen. Nach der ersten Packung Zigaretten.

Der Kühlschrank war leer, also musste ich raus. Wieder unter die Wechselbad-Dusche. Badet ihr gerne? Soll ja das Wundermittel sein. Wobei man Fieber einfach fiebern lassen soll, sagt Doktor Google. Ganz unorthodox. Sprich nicht versuchen, es zu bekämpfen. Klingt logisch, wäre ja vergleichbar mit friendly-fire. Schliesslich ist der Körper ja im Kampf gegen Viren – oder Bakterien – da muss ich seine Bemühungen ja nicht wiederum bekämpfen. Also kein kühlendes oder wärmendes Bad.
Nur schon der Gedanke rund 140 – einhundertvierzig – Liter warmes Wasser in die Wanne fliessen zu lassen, deucht mich ein ökologischer und ökonomischer Blödsinn. Vor allem ersteres, ein Pfennigfuchser bin ich gewiss nicht. Hinsichtlich auf die Umwelt und ihre Ressourcen scheissen, kommt das Baden bei mir gleich nach dem Swimmingpool und noch vor dem Rasen wässern.
Dann legt man sich in selbiges und suhlt sich in der duftenden Brühe. Nach fünf Minuten ist man hundemüde und kaputt. Auf dem Rücken liegen ist doof, weil das Buch schwer wird. Auf dem Bauch hebt man die Füsse aus dem Wasser, es wird kalt und geht ins Kreuz. Auf der Seite geht nicht, weil man das Buch nicht halten kann und mit einem Nasenloch flüssiger Fichtenduft in die Lunge zieht. Sitzen ist unbequem und die Verschwendung des ungenutzten Wassers um einen herum wird noch offensichtlicher.
Irgendwann lässt man das Wasser abfliessen, weil es einfach keinen Sinn mehr macht. Wird gewahr, dass man 15 Minuten in der eigenen Schmutzbrühe gesuhlt hat und das Haupthaar auch darin getaucht hat. Weil man ja den Kopf unter Wasser halten und blubbern musste. Also duscht man noch. Die 20 bis vierzig Liter kommen zu den unsinnigen 140 noch dazu.

Nun, ich kann dem Baden also nichts abgewinnen.

Mit Fieber soll man nicht autofahren. Sagt Google. Aber ich war ja nicht krank.
Habe nur einen Randstein mitgenommen, ist nur die Winterfelge, und das Pfeifen meines Wagens verhinderte, dass 250 Pferde einen Smart aus der Parklücke schoben. Der Kopf pochte im Takt dazu.
Dieser war auch schuld, dass ich in der Migros kurz die Nerven verlor. Denn ansonsten bin ich die Ruhe selbst. Wenn ich nicht gerade in einer Kolonne stehe.
Ihr kennt dies. Steht mit dem Korb und einem Sechser-Pack San Pellegrino an der Kasse. Aus Prinzip keinen Wagen, man hat ja einen Single-Haushalt. Und sowieso nie 2 Franken im Sack. Und die Wagenmünze von Jumbo sieht am Schlüsselbund einfach scheisse aus. Vorne legt jemand seine Einkäufe aufs Band. In einer Linie. Nicht nebeneinander, einen Artikel nach dem anderen. Mit zehn Zentimeter Abstand. Die Arme werden immer länger, während der Trottel nie fertig wird. Dann endlich ein Trennbalken. Einen halben Meter Abstand. Der Typ in der Jogginghose legt sein Cola hin. Wieder dreissig Zentimeter Abstand, dann der nächste Trennbalken. Die Trennbalken werden von der Kassiererin natürlich erst entfernt, wenn die Transaktion beendet ist. Inklusive Natel aufladen, mit Cumulus zahlen und die Diskussion über die Kleberaktion.
Es geht nicht vom Fleck. Meine laute Frage, ob die nicht zu meisternde Herausforderung des Belegens eines Transportbandes die Erklärung sei, warum sie als Erwachsene Schuhe mit Klettverschluss trügen, wurde entweder hinsichtlich der Quintessenz der Schlussfolgerung, oder der Sprache wegen nicht verstanden. Ich war in Neuhausen. Irritierte Blicke waren die Antwort.

Den Rest des Wochenendes siechte ich dahin.
Montags stellte sich natürlich die Frage, Arbeit oder nicht.
Wenn man kein Wochenende hatte, respektive kein erholsames, sollte dies eigentlich kompensiert werden dürfen.
Aber ich bin ja Schweizer. War dankbar, dass die Krankheit auf das Wochenende fiel. Zog los mit einem Kanister voller Tee. Dachte stets, in einem Grossbetrieb mit Nummern statt Menschen fiele es mir leichter, bei Krankheit zuhause zu bleiben. Das Arbeitstier ist nicht tot zu kriegen. Dies, liebe Politiker, dies ist das Schweizer Erfolgsrezept! Nicht weil wir reich sind, nicht weil wir mit dem goldenen Löffel im Mund zur Welt kommen, nein; Weil wir auf Knien noch arbeiten gehen! Gut, machen die Japaner auch, aber das kriegt man halt weniger mit, weil es so viele gibt.

So. Nun habe habe ich vergessen, worauf ich eigentlich hinaus wollte und darum gehe ich nun zu Bett. Morgen ist Arbeit.

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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