Reine Schurwolle kunstfaserverstärkt

Das ist die neue Herbstkollektion.
Sportlich im Schnitt, gefällig in der Form; Pariser Masskonfektion.

Für gewöhnlich darf ich mich rühmen, eine ausgezeichnete Einkaufsberaterin an meiner Seite zu wissen. Heikorn reibt sich die Hände und ESPRIT eilt den guten Kartenleser aus dem Keller zu holen, wenn wir das versiffte Parkhaus Gambrinus verlassen um in die Einkaufspassage zu biegen.

Ohne meine Beraterin setze ich keinen Fuss in dieses ehrwürdige deutsche Schnäppchenparadies.
Dennoch rief die Situation nach einem Beinkleid, weil dieses von Zeit zu Zeit eben ersetzt werden muss und da meine Begleitung nicht zugegen war, begab ich mich ganz alleine in das städtische Kaufhaus. In einer kaufwilligen Euphorie, als würde ich meine Steuern entrichten.

Eine kompetente Begleitung und Beratung hat gleich mehrere Vorteile. In welche Stoffe sie einem auch einwickelt, so dümmlich man sich auch fühlt, man weiss, dass es zumindest ihr gefällt und man kann die Verantwortung hübsch abschieben.
Reklamationen bitte an die Dame zu meiner Rechten, ich bin nur ein Kleiderständer.

Yes or No. Definitv ein Nein zur Hausmarke der Manor-Gruppe. Natürlich, kombiniert man es mit einem Victory-Schuh und einer Clockhouse-Jacke kann man das schon tragen. Weil es dann einfach keine Rolle mehr spielt. Und nach drei mal waschen kann man es immer noch generös dem kleinen Jungen der Nachbarn vermachen. Nach dem fünften Waschgang verweigert jedoch gar Texaid die Annahme.
Im Grundsatz setze ich schon auf Markenartikel, nicht zuletzt, weil die Massangaben am Bund eine verlässliche Grösse sind. Die Kinder in Bangladesch arbeiten immer mit derselben Schablone. Dachte ich.

Das Logo des Hauses Levi’s ist euch geläufig? Das ‚two-horse-brand‘? Zwei Pferde, welche sich an einer Zerreissprobe der Jeans beteiligen.
Nun, im Jahre 1886 mag dies noch möglich gewesen sein. Eigentlich auch noch vor zehn Jahren. Mittlerweile würden sich die Pferde abmühen, der Stretchanteil würde über kurz oder lang dazu führen, dass die fülligen Hinterteile über dem Kleidungsstück gegeneinander klatschen.

31/32, trage ich schon einige Zeit. Meine 512 sitzt locker lässig. Quetscht keine primären Geschlechtsorgane, ich kann ein Portemonnaie einstecken ohne, dass die Kreditkarte die Rundung des Gesässes annimmt und gelange an die Hausschlüssel, ohne die Hose ausziehen zu müssen.
Also ziehe ich eine 514 mit dem selben Mass aus dem Regal und steige hinein. Schon bei den Oberschenkeln wird es prekär. Mit Gewalt kriegt man sie über selbige, hebelt sie zu und blickt in den Spiegel. Etwas zwischen Clown, Sanduhr und diesen Skihosen aus den 70ern mit den Wülsten über den Knien.
Bin ich wirklich so merkwürdig aufgebaut? Mit diesem gebärfreudigem Becken? Bin ich etwas voll in den Hüften mit kurzen Armen?
Oder liegt dies wirklich nur daran, dass die Jeans an den Oberschenkeln sitzt wie eine Sport-Leggings.

Bund passt und Beinlänge auch, also muss diese Jeans wohl so aussehen.
Also raus, eine andere geholt, da sind noch viele Nummern.
Da man nicht einfach in der Unterhose raus spazieren kann, muss man wieder in seine eigene Hose, Jacke an, Schuhe an, Anwesenheit der Utensilien wie Geldbörse & Co. überprüfen und zurück an das Regal.
Schon einfacher, wenn man eine Beratung hat, welche gleich mehrere Grössen über den Vorhang werfen kann.

Jedesmal muss ich einige Stapel Hosen zur Seite räumen um an meine Grösse zu gelangen. Natürlich zu oberst auf dem Regal.

„Chan ich ihne helfe?“, während ich mit einem Hosenbein in khaki den Schweiss von meiner Stirn tupfe.
„Nei nei, goht scho“. Kann der Dame schlecht sagen, dass sie ein ganz bescheuertes Lagersystem hat. Die Beinlänge 36 in Bodennähe, die 30 auf dem obersten Regal.
Da ist mir die Jeansarena in der AFG-Arena schon sympathischer. Nicht zuletzt, weil ich mit Du angesprochen werde und mich nicht so uralt fühle.

Wieder mit zwei Hosen in der Umkleide.
Leichtfüssig gleite ich in die Hose. Verdächtig leicht. Zupfe am Bund und stelle fest, dieser lässt sich mehrere Zentimeter dehnen. Wie auch der Stoff am Oberschenkel. Der Wade.
Wer zur Hölle zieht sowas an? Abgesehen von dem Typen in der Schaffhauser Vordergasse mit dem Vokuhila und der 70er-Schenkelbürste auf der Oberlippe. Ihr wisst wen ich meine und sonst geht eifach den 80s-Partys nach, ihr werdet ihn sehen. Oder hören. Er trägt einen grossen Schlüsselbund mit Fuchsschwanz an der Gurtschlaufe.

Verdammte androgyne Jugend, mittlerweile fürchte ich, in der Damenabteilung nach Hosen zu wühlen.
Die aufmerksamen Verkäuferinnen, kann ich helfen zum dritten, zerstreuen diesen Eindruck nicht. Würden sie einem überhaupt mitteilen, dass man sich gerade durch die High Waisted-Jeans wühlt?
In Sachen Empfängnisverhütung läuft diese Jeans mit Knopfleiste bis ans Brustbein den Croc’s den Rang ab.
Aber Frauen und Jeans ist wieder eine Sache für sich. Seit der Wrangler-Werbung ging es nur noch bergab.hosen-2Respektive; Irgendwann kam der Punkt, an welchem Frau nicht das Spiegelbild zu Rate zog sondern sich dadurch definierte, welche Grösse man noch irgendwie zu kriegt und da ist die Geschichte aus dem Ruder gelaufen.

Weiter im Text. Ehrlich, nichts gegen Punks in Röhrenjeans und Springerstiefeln, aber da muss sich doch ein normales Beinkleid finden lassen.
Bin kein Fan der 501, aber die werden wohl kaum das Urmodell mit Stretchanteil verschandelt haben. Mit Doppelfaden in der Knopflochverarbeitung.
Mittlerweile gehe ich zum fünften Mal mit zwei Paar Hosen in die Umkleide. Die passen irgendwie, doch bei der Optik muss man Abstriche machen. Die abgetragene Version scheint ausser Mode zu sein. Da gibt es schwarz, ein ganz süsses Babyblau und dann noch diese dunkle Casual-taugliche Jeans.

Drüben, bei Pepe Jeans, wäre die richtige Stufe von abgetragen zu finden, aber das ganze Spiel wieder von vorne…
Zwei Paar Jeans, zwei im Frust gekaufte Shirts und jede Menge schlechte Laune standen nun an der Bezahlstation.

Nun, dann beginne ich mit dem eintragen der Sitzfalte.
Einfach chic.

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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