Schaffhauser, mit und ohne Hintergrund, im Sandkasten

Da will ich gar nichts schönreden, ich bin ein unverbesserlicher Ignorant. Irgendwann hat man die Berichte über sich prügelnde Kinder der Wüste gelesen, es verliert an Bedeutung. Dazu, gestehe ich auch, es ist soweit weg und wir haben hier schliesslich jede Menge First-World-Probleme.
Ich bin nicht stolz darauf, aber so ehrlich es zuzugeben.

Die Nahostkrise kurz erklärt, ich hoffe weitgehendst objektiv zu bleiben.

Da gibt es diesen kleinen Flecken Land, nennen wir es Israel, verschwindend klein. Dort lebte schon der fleissige Jude Ephraim, der stolze Römer Julius und der Wüstensohn Ali-Baba.
Zur Zeit des ersten Weltkrieg hatte dort Ali Baba sein Zelt aufgeschlagen und dachte es wäre eine gute Idee, dem deutschen Reich etwas zur Hand zu gehen. Die Briten als gegnerische Streitmacht waren darüber nicht so erbaut und da sie als Sieger aus dem ersten Weltkrieg hervorgingen und General Allenby sich sowieso gerade in Agypten die Sonne auf die blasse Haut schienen liess, spazierte er kurzerhand in Palästina ein. So hiess der Wüstenfleck zu dieser Zeit.
Einige Jahre später begann man in der westlichen Welt Ephraim und seine Söhne zu verfolgen. Da regte sich der Wunsch, es wäre doch nett ein eigenes Fleckchen Land zu haben, vor 2000 Jahren siedelte doch Urgrossvater Kishon in Palästina.
Die Briten finden dies eine hübsche Idee und da sie immernoch die Besitzer dieses Fleckchens waren, gestatteten sie den Juden, sich da heimisch einzurichten, worauf jeder Jude uneingeschränkt in das neue Heim einziehen darf. Doch Ephraim hat noch nicht einmal sein Köfferchen ausgepackt, als Ali Baba sich zu Wort meldete, nicht zu Unrecht, denn der selbe Flecken Land wurde schon ihm zugesprochen. Unbeirrt beginnen die Juden sich etwas einzuleben und bitten die Araber doch etwas zur Seite zu rücken. Dies wiederum behagt den Arabern so gar nicht, denn eigentlich waren sie zuerst hier und hätten niemandem Böses getan.
Den Briten wird das Ganze hin und her etwas unangenehm, sie ziehen sich zurück und bestellen die Vereinten Nationen auf den Platz ‚Bringt hier mal Ordnung in das Chaos, wir sind beim Tee‘. Die UN geht das Thema ganz rational an. Ephraim kriegt die eine Hälfte, Ali Baba die andere. Ephraim findet eine feine Sache und packt weiter aus, Ali Baba fühlt sich ungerecht behandelt und ruft seine Freunde aus den umliegenden Ländern um Hilfe an.
Kurzerhand erklärt Ali Baba dem Ephraim noch am selben Tag den Krieg.
Ephraim hat schon die Anzüge in den Schrank gehängt und so gar keine Lust wieder zu packen, also hebt er schon etwas sauer den Fehdehandschuh auf und erringt prompt den ersten Sieg.
Es folgen Kriege um Kriege, Israel behält die Oberhand und die Armeebestände der Palästinenser, also Ali Baba und seine Freunde, gehen langsam zur Neige, bis die gesamte Armee aufgerieben ist. Daraufhin greifen die Palästinenser auf den etwas günstigeren, aber eher unehrenhaften Terrorismus zurück.
Wie es so im Krieg halt läuft verliert man ob der Siege die Übersicht und plötzlich hat Ephraim mehr Land, als ursprünglich von der UN zugesprochen. Bevor ihm Ali Baba diese Errungenschaft streitig machen kann zieht er hurtig eine Mauer drum herum.
Mittlerweile hauen sich nicht mehr die Soldaten im offenen Konflikt die Schädel ein, man bewegt sich auf politischem Terrain.
Palästina soll sein eigenes Gebiet erhalten, so leben alle in Frieden, aber über den Anteil am Sandkasten sind sich Ali Baba und Ephraim schon wieder nicht einig.
Bevor das geklärt ist, macht Ephraim hinne und die Siedlungen schiessen wie Pilze aus dem Boden. Leider auf dem Land von Ali Baba, was er so nicht gutheissen kann. Man gibt sich wieder auf die Nuss.
Irgendwie muss man diesem Kriegstreiben einen höheren Wert verleihen. Man macht einen heiligen Krieg daraus. Schliesslich ist da Jerusalem, darin die Klagemauer der Juden und der Tempelberg der Muslime. Sofort haut man sich die Köpfe ein, wem diese Stadt nun gehören soll.
Zu guter Letzt sind da noch die palästinensischen Flüchtlinge, welche gerne nach Hause würden. Doch Ephraim passt dies wiederum nicht den Kram und baut allerlei Hindernisse in den Weg.

Ich bilde mir keine Meinung und ich will es nicht verniedlichen. Dies eigentlich auch nur als Einleitung.
Denn peinlich ist, dass die Schaffhauer mit Migrationshintergund und Ur-Schaffhauser nun beginnen, sich deswegen auch die Köpfe einzuschlagen, wenn auch mittlerweile erst verbal.

So zog letzten Freitag eine Demo gegen die Israelis durch die Stadt. Allah wurde hochgerufen und gemäss Augenzeugen kleine Mädchen mit dem Schriftzug „Ich bin unschuldig – tötet mich“ geschwenkt.
Friedensfahnen in den Regenbogenfarben waren nicht erwünscht, es wäre, so Ohrenzeugenberichte, kein Demonstration der Homosexuellen.

Gemäss der Schaffhauser Nachrichten war daraufhin auch keine Friedensfahne zu sehen. Ein Langwieser Bürger erbostete sich über die Berichterstattung derart, dass er von der SN eine Korrigenda verlangte. Mit der Faust auf den Tisch! Prompt druckten diese ab, dass Fazer Aksoy mit drei Friedensfähnchen angereist war.
Obwohl die Mittwochsausgabe gratis war, hatte die SN den Herren aus Langwiesen anscheinend aus der Verteilerliste gestrichen. Da man aber den Redaktoren doch auf die Finger schauen musste, pilgerte der arme Kerl zur Tanke und löhnte 2.90 für die Gratisausgabe.
Und er hat gut getan! Denn der Herr heisst nicht Fazer Akoy, sondern Zafer Aksoy, woraufhin er der SN umgehend Bericht erstattete, dass diese die Korrigenda der Korrigenda drucken. Da er jedoch sein Abonnement dieser Zeitung gekündigt habe, er sei eben Schaffhauser mit türkischen Wurzeln, so die Begründung, muss der arme Kerl morgen abermals 2.90 zusammenklauben und abermals zur Tanke laufen. Kontrollieren, ob die Korrektur der Korrigenda, der SN vom Samstag nun korrekt erfolgte.
Wenn die SN-Verlagsleitung etwas wirtschaftlich denkt, kann sie dieses Spiel noch lange treiben.

Nun ist ein Aufstand nur halb so lustig, wenn zuhause nur der Teddybär zuschaut, deswegen begibt man sich in ein soziales Netzwerk.

Als Verfechter der Wahrheit, tritt er auf. Freiheit für seine drei Friedensfahnen im Regenbogenmotiv!
Natürlich muss er sich nun etwas Hähme anhören, denn auf den ersten Blick klingt es schon wie ein First-World-Problem, ob am 26. Juli des Jahres 2014 nun drei Fahnen im Regenbogenmotiv durch die Stadt getragen wurden oder nicht.
Oh, er hätte schon richtige Probleme, und fügt eine ganze Liste medizinischer Abteilungen an und giftet die Fragestellerin an, ob sie sich zu sehr mit Körperschmuck beschäftige, dass sie seine drei Friedensfahnen nicht gesehen hätte. Im Regenbogenmotiv.

Bei der ganzen Diskussion um Frieden, Fahnen und Regenbogen darf eines nicht fehlen. Oder eine.
Die Gruppe der Verschwörungstheoretiker.
Die Presse wolle uns alle manipulieren! Zafer hätte in Zeichen gesetzt, endlich kommt die Wahrheit ans Licht! Die ganze Presse sei mittlerweile unterwandert!
Drama pur!
Zur Erinnerung, wir sprechen nicht vom Sturz eines Regimes oder einer globalen Finanzkrise, es geht darum, ob an der zweihundert-Personen Demo im kleinen Schaffhausen zwischen unzähligen Hasstiraden nun drei Friedensfähnchen waren oder nicht.

Dann verliere ich etwas den Faden. Plötzlich geht es um die Symbolik von Hakenkreuzen – mal mit ck wie Bahnhof, mal ohne – über erhobene Arme auf dem Rütli, Gerichtsurteile und Nationalsozialismus im Allgemeinen.

Endlich ein Ruf, wir sässen doch alle im gleichen Boot. Und ein youtube-Link.
Doch statt ‚We are the world‘ ein weiteres Demonstrationsvideo. Über 5 Minuten. Ich verzichtete und folgte den Kommentaren weiter.
Zafer verzeichnet, dass er eigentlich weg muss und postet einen Kurzroman als Kommentar.
Kurz darauf, er wäre eigentlich schon weg, weist er noch auf ein zerstörtes Kraftwerk im Gazastreifen hin.
Und ein Spital…
Und einen Schmuggeltunnel…
Und, dass er die SN normalerweise gleich mit dem Altpapier bündelt.

Ja, ich habe den Überblick verloren. Aber wer will mir einen Vorwurf machen.
Eine interessante Wandlung der Gruppe. Vom harmonischen „Wo isch das“ und „Da bini ufgwachse“ wandelt sich die Gruppe zu einer Plattform für Politpropaganda.
Wäre es wenigstens regionale Politik.
Ich bin geneigt Steve Stuber Beifall zu zollen, welcher sich eine Tüte Pop-Corn griff und dem Sandkasten-Geplänkel folgte, – nicht zuletzt ziehe ich Blog-Stoff daraus – aber etwas peinlich finde ich die Entwicklung schon, insbesondere die Art und Weise des dekonstruktiven Austauschs.

So, ich werde wohl die Tage die dunklen Gassen in Schaffhausen meiden.

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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