State of the Union

Rechterhand, auf zwei Uhr, zickt mein Satellitenreceiver, dass die schnellen Bildformatwechsel beinahe meinen alten Plasma vom Sockel werfen.
Die Aussagen der Assis bei Britt sind noch unverständlicher, da er mir nur im zehn Sekundentakt Wortfetzen ins Wohnzimmer schleudert und bietet Gelegenheit, mir zum Sat 1-Ratespiel Gedanken zu machen.

„Womit reinigt man den Boden?“
– Staubs_uger –
(Vervollständigen sie das Wort)

Kann natürlich angesichts der Freitag-Nachmittag-Klientel bei Britts Talkshow durchaus eine Knacknuss sein.fliesentischGanz nebenbei erinnert mich diese zickende Ausgeburt der koreanischen Unterhaltungselektronik-Industrie daran, dass in drei Tagen wieder der Alltag los geht.

Soeben habe ich die Küche gereinigt, nachdem ich mir zum Mittagessen zwei leckere, diättechnisch korrekt panierte Pengasiusfilets an weisser Sauce mit einem Zitronenschnitz und gedämpften Spinat mit Zwiebelstückchen gegönnt habe. Liebevoll in Keramik angerichtet, auf einem Tischset mit einer orangen Serviette zur Rechten unter dem Besteck. Zum Abschluss des Mahls, wurde mir ein Nespresso Lungo im zertifizierten Nespresso-Geschirr und die Zeitung kredenzt.
Ab Montag stochere ich wieder mit einer Plastikgabel im der Mikrowelle entrissenen Tupperware-Geschirr herum, bestreut mit einer halben Pfeffer-Plantage, damit ich den pampigen Geschmack nicht mehr wahrnehme, Hauptsache den Magen gefüllt. Zum Abschluss ein Nespresso aus dem Pappbecher und da ich während der ganzen Aktion den Schreibtisch nicht verlassen habe, hat Hinz und Kunz das Gefühl, wenn er sowieso hier sitzt, dann arbeitet er auch, also belästige man ihn doch mit irgendwelchem Scheiss, welcher lustig noch vierzehn Tage Zeit gehabt hätte.

Gerade heute Morgen dachte ich wieder, Hausmann wäre schon ein toller Job. Zur Feier des letzten Ferientages besuchte ich das Fitness-Center in den Morgenstunden. Nachdem ich über die Leki-Ausstellung von dreizehn Paar Walking-Stöcke stolpernd das Innere des Centers betrat, wähnte ich mich nachmittags um halb drei in der Konditorei. Die Hausfrauen genehmigten sich eine kleine Auszeit bei Kaffee an der Theke.
Ein Gegackere wie in Huber’s Hühnerstall und obwohl man mengenmässig aus den fünf Hausfrauen gute zwölf hätte basteln können, sahen sie keinen Anlass, sich der körperlichen Ertüchtigung hinzugeben. Und sie fühlten sich gut dabei, dies war nicht zu übersehen.
Natürlich, ein gewisses Unverständnis, aber auch blanker Neid beschlich mich.

Es ist schon der pure Luxus, wenn ich tagsüber Einkaufen kann und nicht Abends um sechs zwischen den Regalen hindurch haste, das Altglas nicht zur Nachtstunde entsorge und das Bad nach Bedarf und nicht fix am Wochenende reinigen kann. Auch die Wäsche macht sich untertags einfach leichter als zwischen Samstag und Sonntag, diese Woche buck ich Krentenbollen – ein holländisches Gebäck -, mein eigenes Brot – da ich mein Idealgwicht schon mehr als erreicht habe, gestattet die Diät mir täglich zwei Scheiben Vollkorn-Brot und da ich der Nahrungsmittelindustrie nicht traue, mache ich es selber – und gestern fabrizierte ich über zwei Stunden lang Blätterteig, einfach weil ich gehört habe dies sei eine Herausforderung und mir danach war. Hat einen gewissen Spassfaktor, liegt jetzt im Gefrierschrank, denn essen darf ich ihn nicht.

krentenbollen
Selbst das Aufstehen ist ein gemütlicher Akt.
Gut, nicht viele Hausfrauen sehen wohl zum Frühstück die Yogi-Bär-Show.yogi-baer-showEs ist mir ein Rätsel, weswegen diese morgens um zwei gesendet wird, aber bei zwei von fünf Aufnahmedaten zeigte sich mein koreanisches Miststück gnädig, verrichtete seinen Aufzeichnungsdienst und gestattete mir in Shorts auf dem Sofa, mit 2,5 Esslöffeln Haferkleie in einem Schälchen fett-reduziertem legere-Joghurt eine kleine Zeitreise in die Kindheit. Manchmal sind es diese Inseln, diese Rückkehr zu den Wurzeln, welche das Leben bereichern, gar ausmachen.

Natürlich war ich auch noch etwas im Schnee.
Gerade dies macht den Charme eines Ferienhauses aus. Wenn ich warm will, muss ich Holz spalten, schleppen und ordentlich feuertechnisches Geschick an den Tag legen, um das Haus nicht in eine Räucherkammer zu verwandeln. Fünf Grad im Schlafzimmer sind in Ordnung, man vergisst sonst gerne, dass eine Bettdecke nicht einfach ein stylisches Accessoires ist.
Ein Entschleunigen welches ich nicht missen möchte, oder seid ihr schon einmal ab der eigenen Stimme erschrocken? So geschehen, als ich in der Migros an der Kasse feststellte, dass ich seit Tagen mit keinem Menschen verbal kommuniziert hatte, ohne mir eines Verlustes gewahr worden zu sein.
Gut, ganz alleine war ich ja nicht.gemseLeistete mir aus der Ferne Gesellschaft, als ich Kaffee kochte.kaffeeAuf Luxus verzichten bedeutet nicht Komfort aufzugeben. Glaubt mir, man muss ordentlich Schnee schmelzen um eine Kanne vollzukriegen und ein Bunsenbrenner bei minus 10° möchte gehätschelt werden, damit er seinen Dienst verrichtet. Aber es ist halt doch realer, als wenn man es auf DMAX verfolgt und langfristig entspricht es eher meinem naturell, in der Stille des Schnee die kalten Hände zu reiben, als mich an die Theke einer Apres-Ski-Bar zu krallen.

zerfreilaVielleicht bin ich langsam asexuell, aber dies gibt mir einfach mehr, als der Descente-verpackte Hintern eines bemützten Apres-Ski-Hasen.

Nun hat mich also der Alltag wieder, sogar die Zeitung traf heute wieder ein. Viel verpasst habe ich nicht. Die Alternative Liste Schaffhausen (AL) wünscht das Stimmrecht für Ausländer, welche bereits 5 Jahre in der Schweiz leben.
Bringt gewiss Schwung in die Abstimmungen, arbeite ich doch mit einem Neo-Schweizer mit Migrationshintergrund. Regelmässig übersetze ich den Initiativ-Text in eine ihm verständliche Sprache – deutsch ist bei der Einbürgerung nur bedingt ein Kriterium – und erkläre was er auf den Stimmzettel zu schreiben hätte.
Letztendlich lassen Herren Frick und Keller gewiss auch die Gäste entscheiden, wie sie ihre Wohnräume einzurichten haben.

Man könnte die Uhr nach ihr stellen; Es sind wohl wieder drei Monate ins Land gezogen, Natascha Kampusch brachte sich wieder in die Medien.
Oh, man darf nicht böse reden, war ja ein ganz armes Mädchen, hat ein Trauma hinter sich. Und setzt alles daran, dass dieses Trauma nie ganz aus den Köpfen – ihrem wie unseren – verschwindet und der Geldstrom nie aussetzen möge.
Nahezu erfrischend berichtete der Tages-Anzeiger über die spezielle Form der Trauma-Bewältigung.

kampusch

Des weiteren habe ich wieder einmal die Weltwoche erstanden, da Herr Minder vom Cover strahlte.minder-weltwocheEin tolles Portrait, welches ich hier leider nicht wiedergeben kann, da die Weltwoche keine Gratis-Online-Ausgabe bietet.
Sie war allgemein inspirierend, so auch der kritisch-witzige Bericht über die Walliser. Wer erinnert sich nicht gerne an den Militärdienst, in jeder Truppe waren ein paar aufmüpfige Walliser, welche dafür sorgten, dass der Alltag nie langweilig wurde. Touristen, fremden Fötzel, gegenüber sind sie zwar ausserordentlich unfreundlich – so meine Erfahrungen, aber vielleicht lag es auch an mir  – trotzdem finden alle die Walliser – gerade wegen ihrer Art und der merkwürdigen Sprache – irgendwie cool. Sie sträuben sich aus Prinzip gegen jeden Bundesbern-Entscheid. Macht sie soweit noch sympathisch, würden sie nicht im Gegenzug jährliche Ausgleichszahlungen und Subventionen in der Höhe von 0.8 Milliarden von den niederen Üsserschwiizer beziehen.

Wer also die Tage einmal an der Kasse im Coop bei der Quengelware steht, die Kassiererin gerade das Gemüse für die schusselige Oma abwägen geht und der Assi nicht fertig wird mit Münzen aus den Taschen klauben; Greift ruhig zur Weltwoche, welche da über dem Förderband feil geboten wird.

So, dies waren meine letzten zwei Wochen im Zeitraffer.

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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