Teambildender Anlass im Schnee

Vierzehn Tage, zwei Wochen, neunzehn komma vier Prozent oder einfach 1,5 Kilogramm beträgt mein diättechnischer Rückfall.doh

Die Lanze brach ich in der Ex-Bar mit einem Kaffee Baileys. Schlagsahne mit Schokostreussel auf eine süssen Kaffeemasse. Ganz nett, aber nun nicht die Offenbarung, welche ich mir vom plötzlichen Schokoladengenuss erhoffte.
Da arbeitete der Hotelkoch einiges effizienter.

Es hat seine Nachteile, wenn man die gesamte Organisation in fremde Hände legt, wenn man diesbezüglich überhaupt von Nachteilen sprechen darf. Beim Betreten der Unterkunft sah ich die vier Sterne Superior, ohne mir weitergehende Gedanken zu machen, das Wasser in der eben eingelassenen Wanne hatte auch keinen Goldschimmer und der bereit gelegte Bademantel war von Valser gesponsert.
Um sieben verabredeten wir uns zum Dinner und als ich so in Unterhose vor meiner Sporttasche stand bemerkte ich jede Menge Outdoor-Kleidung, aber kein einziges Teil, welches auch nur annähernd an eine angemessene Abendgarderobe heranreichte. Durch einen von Spiegel gefliesten Flur, traten der Herr in Tommy Hilfiger, ein Dux/Pkz-Modell, der Mann in sportlich/legerem Casual und dann noch ein frisch gebadeter, mit Cafe-Baileys und Monster-Energy Zero gefüllter Werbeträger von North Face, Salewa und Meindl. Die abschätzigen Blicke der geschlipsten und gülden bemanschetteten Herren waren mir sicher, die Damen in ihren leichten, teilweise einen Tick zu transparenten Abendroben schüttelten die bemalten Köpfe und kontrollierten, ob bei ihren Kinderchen auch der Kragen richtig sass; Schau ihn dir an Klaus, so sieht man aus, wenn man arm ist und das Hotel im Preisausschreiben gewinnt.
Der Kellner, welcher sich doch in höflicher Zurückhaltung üben sollte, fragte geradeheraus ob wir homosexuell seien. Nun, wohl nicht direkt, aber es stand im Raum und auch mit beschränkter Intelligenz war es ein leichtes zwischen den Zeilen zu lesen, als er nach der Frage, wo die Damen seien uns einen Prosecco schmackhaft machen wollte.

Gewisse weibliche Attribute will ich uns gar nicht absprechen; Nach fünf Minuten diskutierten wir über die herumsitzenden Gesellschaften, deren Zusammengehörigkeit nicht stets auf den ersten Blick erkennbar war, daher Raum für die wildesten Spekulationen bot und da wir platz- und auftrittsmässig schon auf dem Podest im Saal sassen, mühten wir uns auch nicht sonderlich um eine Beschränkung in der Lautstärke.
Ein Bündnerteller als Vorspeise, wieder einmal Brot essen, einen Wein trinken; Der Teufel in Kochmütze lockte mich in sein Verliess.
Eine excellente Kürbiscremesuppe und schon wurden wir höflich aufgefordert, das Salat-Buffet aufzusuchen. Wahrscheinlich warteten bessere Herrschaften im Foyer auf den Tisch, die Verköstigung musste zügig abgewickelt werden. Das Buffet war sehr ausladend, die Teller hingegen schrecklich klein. Es erforderte Geschick und Strategie, ihn so zu beladen, dass ich die Pracht mit der zweiten Hand nur leicht auf dem Teller zu halten brauchte, als ich ihn zu Tisch balancierte. Die Zwiebeln in der einen, die Croutons in der anderen Hosentasche.
Gemessen an meinem normalen Ernährungsplan, begonnen an einem Montag, war ich mit dem Verzehr des Salats in etwa bei Mittwoch angelangt.
Es folgte ein Fleischspiess, auf solch adrett klein geschnittenen Kartöffelchen, dass man unweigerlich eine köchersche Fingerkuppe suchte. Die Portionengrösse war auf Chanel und Boss-Passform-Kleider zugeschnitten, jedoch nicht auf einen ausgehungerten Dukanier. Ich war annähernd satt – dass sich der Magen beim Hungern verkleinert habe ich wiederholt als Lüge bestätigt – aber nicht so überfressen wie ich es erhofft hatte und die Kuchenstückchen, welche die umliegenden Herrschaften zum Dessert verspeisten und mit genipptem Kaffee spülten, schienen weder in Grösse noch Menge geeignet, an diesem Zustand etwas zu ändern.
Mein geschätzter Kollege gegenüber zerstreute meine Sorge und wies mich darauf hin, dass sich in meinem Rücken ein Dessertbuffet befinde.

Die Tellerchen schienen noch einen Tick kleiner, Herausforderung akzeptiert.

dessert

Ein Gedicht, jedes einzelne davon. Die Blicke bei den zwanzig Metern Walk-of-Shame vom Buffet zum Tisch waren mir sicher, ich würde behaupten, die Hälfe neidvoll, ganz gewiss die der wohlerzogenen Kindern, welche von den Eltern zum massvollen Umgang mit Süssspeisen angehalten wurden.
Dukan sei Dank, da ich die Kalorienbombe mit flachem Bauch an den weitgehend gut genährten Herrschaften vorbei balancierte, gönnte ich mir, diese Prozedur mit langsamen Schritt und einem selbstgefälligen Grinsen zu absolvieren.

Zur Bestellung des Espressos wurden wir von einer netten Kellnerin aufgesucht, welche beim Abtragen des Geschirrs anmerkte, ich dürfe gerne noch eine Portion holen, gerne würde sie mir neues Besteck reichen. Höflich lehnte ich ab, ohne den Vorschlag erst überdacht zu haben. Die Kollegen bemerkten, beim Espresso würde mir gewiss ein neues Löffelchen gereicht und so hantierte ich bereits wieder mit den filigranen Zangen und Schöpfwerkzeugen des Buffets, als die Kellnerin mit meinem gebrauchten Teller an mir vorbei tänzelte.
Mit freundlichem Lächeln erhielt ich neues Besteck, da es wohl offensichtlich war, dass ich mit dem süssen Espresso-Besteck der Menge an Nachtisch keineswegs Herr werden würde.

Es war das einzige Mal, dass wir zum Dessertbuffet gebeten wurden, tags darauf wurde die Süssspeise in der Küche portioniert.

Ein ausgedehnter Spaziergang, verbunden mit der Suche nach einer Lokalität um die Kehle zu befeuchten, schaffte wieder Platz.
Entweder wurden die Leute Päärchenweise eingelassen oder die Amüsierplätze waren aus gutem Grund leer, so dass wir letztendlich in der Piano-Bar des Hotels landeten. Das Keyboard auf dem Flügel erinnerte etwas an einen Hochzeits-Alleinunterhalter, die Lasershow wirkte fehlplatziert, aber die Stimme hatte er von Lionel Richie, das musste man zugestehen. So umdudelte er uns mit Frank Sinatra. Der Kellner versuchte verzweifelt, mir seinen  900-Franken Single-Malt einzuflössen, aber das Ergebnis einer Riechprobe an der Flasche, liess meine Geldbörse nicht auf den Tisch springen und ich gedachte das eingesparte Geld dafür einzusetzen, dass ein Kollege den Pianisten um das Spiel „Die Hex ist tot“ bittet.

Wurde ebenfalls nichts daraus und so labte ich weiterhin Lagavulin und der Barmann organsierte derweil eine Schubkarre um meinen Bedarf an gerösteten und gesalzenen Erdnüsse abzudecken.

Die halbe Nacht löschte ich den nachhaltigen Brand mit dem ungeniessbaren Wasser aus der Leitung, bis ich mich in der Früh an die Minibar erinnerte und horrende Preise für homöopathische Dosen an mit Sprudel versetztes Valser Quellwasser entrichtete.

Daumen hoch für den ersten Abend.

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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