Tick tack, tick tack

Uns laufen die Deutschen davon, Herrgott nochmal, was ist denn da passiert?blick-deutscheErstaunt mich nun doch. Nichts gegen Deutsche per se, aber für gewöhnlich geben sie doch den Ton an, fühlen sich gleich zu Hause, sei dies nun in Griechenland, Frankreich oder Holland. Wie mühsam müssen denn da erst die Schweizer sein, wenn sich der Deutsche nicht mehr wohl fühlt bei uns.
Die ganze Sache lässt sich wohl etwas relativieren. Wohl wanderten knapp 16’500 Deutsche wieder aus, allerdings leben zurzeit rund 275’000 Deutsche in unserem kleinen Land. Vor zehn Jahren hielt es noch 127’000 deutschstämmige Einwanderer in unseren Gefielden und rund 6’700 zog es wieder nach Hause. Ich würde sagen, eine stabile Quote, aber warum nicht ein wenig Wind darum machen.

Erstaunlicher ist die Panik der Arbeitgeber, sie verlören qualifizierte Arbeitskräfte. Sind die Schweizer eigentlich ein Volk von Idioten? Gebildete Leute haben wir keine, wir sind augenscheinlich auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen.
Praktisch bildungsfähige Trottel haben wir auch keine mehr, niemand will mehr einen handwerklichen Beruf erlernen, die Proleten gehen uns aus.
Wir studieren nicht, wir arbeiten nicht; Was zur Hölle treibt der Schweizer den ganzen Tag?

Was machen den ganzen Tag; Mein Bruder geht in ein paar Wochen wieder auf Wanderschaft, der hat ein Ziel. Ich habe mit dem heutigen Tag noch genau drei Monate um mir ein Ziel zu setzen, so der Gedanke.
Mein Fluch ist meine Beständigkeit, diese Konstanz. Wohnt seit achtzehn Jahren an derselben Stelle, seit dreissig Monaten denselben Beziehungsstatus, seit über zehn Jahren denselben Job, seit zehn Jahren dasselbe Fitness-Center; Der Boden zu meinen Füssen ist schon so durchgelatscht, dass ich wohl bald einbrechen muss.blick-mann-tot
Dachte sich wohl auch dieser Trottel. Springt von einem Dach. Sowas will doch geplant und sauber durchgezogen sein! Gut, er hat nochmals Glück gehabt, aber die Chance, dass man in einem Rollstuhl landet, seinen eigenen Sabber nicht mehr halten kann und die nächsten 50 Jahre pürierten Sonntagsbraten von einem Plastiklöffel lutscht scheint mir doch recht gross. Könnt ihr Blutspuren erkennen? Fühle mich stark an Luxor erinnert.blick-luxorWenn wir schon beim Tragischen sind, ein kleiner Einschub. Auch ich überfliege die Todesanzeigen in der Tageszeitung.todesanzeigeFriede Ihrer Asche.
In diesem Moment, da man seine Todesanzeige selbst aufgeben muss, hat man wohl den höchsten Level von Forever Alone erreicht.

Gerade aus Sicht von Drittpersonen; Diese Beständigkeit, die Konstanz hat natürlich auch seine Vorteile. Man weiss wo er wohnt, man weiss wie er seine Freizeit verbringt, man weiss wo man ihn findet, dies kann sehr praktisch sein.
Im Gegenzug wird es auch langweilig. Ist der Reiz des Neuen einmal verflogen und da kein neuer Kick erfolgt, findet man plötzlich eine Tasche mit seinen Habseligkeiten vor der Tür und weiss, wieder einmal ist eine erzwungene Änderung eingetreten.
Nicht, dass ich da anders wäre, so ist der Mensch nunmal.

Nun natürlich der Fluch meines Alters; Beginnt man die Beständigkeit zu durchbrechen, hört man gewiss schon Dinge wie Midlife-Crisis, was uns bestätigt, man muss kein Leben haben um eine Midlife-Crisis zu haben, es ist eine reine Alterserscheinung.

Noch drei Monate.

Gerade Freitags hatte ich wieder viel Zeit, mir Gedanken über das wie, wann und wie lange noch zu machen.suchlaufWährend wir im Wohnzimmer standen – ein Kunde, ein Lehrling, meine Wenigkeit und ein kleiner Hund, welcher sich am Bein des Lehrlings verlustierte, was ihm in dem Masse peinlich war wie es mich erheiterte – und gebannt, bis auf den Hund, auf einen Fortschrittsbalken starrten, überlegte ich mir, wieviele Stunden ich im Leben schon auf solche Balken gestarrt hatte.
Während der Lehrzeit benötigte dieser neu eingeführte automatische Sendersuchlauf in etwa zwanzig Minuten, was exakt fünf Minuten länger war, als ich von Hand gebraucht hätte, was wiederum meinen ordentlichen deutschstämmigen Lehrmeister dazu animierte, mich zur Schnecke zu machen.
Heute sind die Fernsehgeräte nicht mehr anderweitig zu programmieren, mein damaliger Lehrmeister hat den Kittel mittlerweile an den Haken gehängt, und man steht gut sechzig Minuten vor dem Bildschirm, bis man mit der Sortierung beginnen kann.
Glücklicherweise haben wir eine gewitzte Disponentin und ganz nach dem Grundsatz „eine Frau hat neun Monate um ein Kind auf die Welt zu bringen, wie lange haben neun Frauen?“, stellt sie einem einen Azubi zur Seite und reduziert die einkalkulierte Zeit um die Hälfte.
Peinliches Schweigen kann nur verstärkt werden, indem man die Anzahl Personen erhöht, folglich müssen mindestens drei Augenpaare auf den Flatscreen starren. Der Kunde sieht vor dem geistigen Auge Geldscheine flattern, während wir nur hier stehen, Däumchen drehen und ab und wann die Haltung ändern. Die einen stinken etwas vor sich hin, den anderen grummelt der Bauch vom Mittagessen und jene dienen dem kleinen Hund als Ersatzbefriedigung, aber summa-summarum bezahlen Herr und Frau Hübeli beinahe zweihundert Schleifen dafür, dass Fremde Leute auf ihren Fernseher starren. Erstaunlich wie man sein Geld verdienen kann.

Solche sinnentlehrten Arbeiten machen mich agressiv, in etwa so produktiv, als würde der Maler der Farbe beim Trocknen zusehen. Also wollte ich andere Arbeiten vorziehen, dem Kunden vorschlagen, Abends nochmals reinzuschauen, bis dann hätte diese holländische Krücke vielleicht die Sender gefunden.
Der Kunde hatte die Meisterleistung vollbracht, sich während der Totenstille, bis auf das lüsterne Hecheln des Hundes, unbemerkt davon zu schleichen, was mich noch agressiver machte, obwohl ich die Abwesenheit von Kundschaft für gewöhnlich sehr schätze. Nach fünf Minuten ergebnisloser Suche kehrte ich ins Wohnzimmer zurück, ignorierte den zufriedenen, erschöpften Hund und ergoss mich gegenüber meinem hosenreinigenden Azubi in höchst unflätiger Weise über den Kunden, welcher just in dem Moment als das Wort Arschloch fiel, auf zauberhafte Weise wieder vor mir stand. Beschissene Ninjas.
Meiner Erkenntnis, dass wir gegen Entgelt eine Stunde Löcher in seinen Bildschirm starren wohl keinen glücklich macht, stand er zustimmend gegenüber und er nahm meinen Vorschlag sehr freudig an.

Also befriedigten wir zwischenzeitlich weitere Kundschaft, deren englisch noch schlimmer als meines war und es wohl meinem Hundeblick zu verdanken war, dass diese Leute schlicht jeden Zettel unterschrieben hätten, welchen ich auf den Ikea-Tisch knallte.
Es reizt mich offen gesagt von Tag zu Tag mehr, einmal die Grenzen auszuloten.
Kunden unterschreiben Arbeitsrapporte ohne Kopien zu erhalten, als Cableguy – my name is Carl, ich bin Experte – kommt man in jede Wohnung, jeden Keller, jedes Haus, man muss sich noch nicht einmal legitimieren, das Wort genügt; Soviel Naivität schreit doch danach, dass man Profit daraus zieht.

Nun, eine Stunde später trafen wir bei Hübelis daselbe Bild.
„Tja, was haben sie erwartet, ist ein Philips. Dies begegnet uns Tag für Tag“, hätte ich wohl sagen sollen, statt dessen predigte ich das gewohnte „Dies habe ich nun noch nie erlebt, kann man sicher mit einem Software-Update beheben“.
Unter uns Pastoren-Töchtern; Ich behaupte äusserst Gott gefällig zu leben – kein Scherz, mal vom neunten Gebot abgesehen – aber so ich einst vor Petrus stehe, habe ich ordentlich Erklärungsbedarf, da ich die ungeschriebene Branchen-Order „Jeder Fehler ist ein erstmals aufgetretener, unglaublich schwieriger und teurer Einzelfall“ vor das göttliche Gebot dem Lügen zu entsagen stelle. Vielleicht hilft es, dass ich stets die Finger kreuze und schon übelste Knorpelschäden bis zur totalen Finger-Fehlstellung davon getragen habe. Ein Opfer vor dem Herren für meine Untaten.zehn-gebote

Nun, glücklicherweise hat der Kunde seinen, zugegeben sehr hübschen, Flat beim grossen Händler mit dem gestreckten Daumen und den vier Buchstaben erworben, mit gehässigem Lachen erklärte ich, dass der zusätzliche Aufwand selbstverständlich kosten würde. Da, unterschreiben. Jetzt.

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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