Tod im Rheinfall, ein Zwischenbericht

Es mag etwas anmassend sein, aber das muss doch einfach einmal gesagt werden. Vielleicht sollte ich das Buch zu Ende lesen, bevor ich eine Rezension verfasse. Aber wenn ich mich bereits über die Seite 66 zwingen muss und zeitgleich online nach ansprechenderen Werken suche, wollen wir eine Ausnahme machen.

Den Titel jenes letzten Buches, durch dessen Seiten ich mich in einer nahezu masochistischen Anwandlung quälte – einmal abgesehen vom Etudes française, dies war eher ein äusserer Zwang – zu nennen ist mir beinahe etwas peinlich.
Nur schon, weil ich mit dieser Lektüre erwischt wurde. Beinahe in flagranti.
Was fürchtet der Junggeselle, wenn er Damenbesuch hat?
Zum einen natürlich, dass sie dieses absolut gigantische Spinnennetz entdeckt, welches zweifelsohne unter magischen Einflüssen sich stets der tödlichen Saugwirkung des Heinzelmann-Saugblasers entzogen hat und sich daraufhin, also die Dame, den Rest des Abends etwas paranoid ihrer Arachnophobie hingibt und Schutz in der sicheren Sofa-Ecke sucht. Frauen folgen bei der Reinigung des Heimes gewiss einem Schlachtplan, welcher jede noch so winzige Amöbe gnadenlos unter Meister Proppers Schafott führt, während Männer eher kurz durchwischen. Was einem eben gerade ins Auge sticht. Wovon man ausgeht, dass es anderen auch ins Auge sticht und dann eben diese Ecken, welche aus hygienetechnischen Gründen keimfrei gehalten werden. Dies schliesst diese kleine Lücke im Wohnzimmer, zwischen Lampe Dachschräge, nicht zwingend mit ein.
Nebst einer Einstufung der Qualität im Umgang mit Putzlappen und Staubtuch, ist man selbstverständlich besorgt, das Schaufenster gut zu schmücken. Ein Mean’s Health liegt neben Kafkas ‚Verwandlung‘ unter dem gelben, breiten Textmarker neben der Steve Job-Biographie, mit der korrekten Anzahl Markier-Post-It. Nicht soviel, dass die Dame denkt, man sei ein Idiot welcher sich ohne Hilfe keinen zusammenhängenden Satz merken kann, aber doch genügend, dass der Eindruck entsteht, man hätte des Buch nicht einfach gelesen sondern studiert.

Doch alles verblasst neben der Panik, in einem unbeobachteten Augenblick könnte die Dame die Hülle der My-Fair-Lady Collectors-Edition-DVD-Box öffnen und bemerken, welch cineastisches Meisterwerk tatsächlich in die schon ordentlich ausgeleierten Plastikkrallen des zentralen Disc-Halters gepresst ist.

Was macht nun Bella? Sie schnappt sich in einer geschmeidigen Bewegung mit ihren schlanken, flinken Fingern meinen E-Book-Reader. Ich denke mir nichts dabei und freue mich über ihr Interesse, ja, beuge mich etwas vor und gebe eine flüchtige Instruktion hinsichtlich der Handhabung der Bibliothek, des Shops und dem Lesen im Allgemeinen. Man, respektive Frau, darf ruhig sehen, was ich lese.
Was ist denn dies? erklingt es mit einem Hauch Entsetzen in der Stimme.entfuehrt-von-einem-wikingerMan wünscht sich, sie hätte in die My-Fair-Lady Collectors-Edition-DVD-Box geguckt. Es war einer dieser Momente, in welchem die erbärmlichste Lüge glaubwürdiger als die aufrichtigste Wahrheit gewesen wäre.
Dieses E-Book war für einen Franken zu haben. Günstiger als ein zerlesenes Micky Maus-Heft auf dem Heilsarmee-Flohmarkt.
Es war die blosse Neugierde. Ganz ehrlich.
Niemand hörte Modern Talking und Bohlen war trotzdem Platten-Millionär, niemand guckt Casting-Shows und trotzdem dominieren sie das samstägliche Prime-Time-Fernsehen und keine Frau konsumiert diese Schmuddellektüre und dennoch füllen sie Doppelseiten im Weltbild-Katalog. Man kann nur kompetent über etwas lästern, das man kennt, also führte ich mir diesen Kopfkino-Porno zu Gemüte.
Wie die Kopie der Kopie einer Kopie eines dänischen Schmuddel-Streifens, erworben hinter einem thailändischen Fischstand und in der Ferienlektüre durch den Zoll geschmuggelt, muss man schon sehr viel Fantasie aufbringen um noch etwas zu erkennen.

Als er sich dicht zu ihr beugte, stieg ihr der würzige Duft seiner Haut in die Nase. Ein Hauch von Winter, von fremden Landen und ein sehr männlicher Geruch. Jetzt presse (ja, ohne ‚t‘) er seine Lippen auf ihren Nacken, und sogleich schoss heisse Glut durch ihre Adern, und ihr Körper horchte auf den verbotenen Ruf.

Nun ja, bei mir schoss da gar nichts. Aber ich bin auch offensichtlich nicht die Zielgruppe. Dann wäre mir auch nicht die sehr fantasievolle Auslegung der Komma-Regelung ins Auge gesprungen.
Fünfzig und eine Seite, dies arbeitet man bei einer leicht ausgedehnten Sitzung auf der Keramik doch lustig durch, jeder TKKG-Roman ist ausführlicher. Sollte man meinen. Ich schaffte es nicht, es war dümmlicher als dreissig Minuten Trovatos auf RTL.

Nun sitze ich wieder vor einem zähen Machwerk. Also eigentlich liege ich, denn im Sitzen lese ich nur auf besagtem stillen Ort. Zu viel Information? Astrid Lindgren schrieb am liebsten im Bett. Will man sich Astrid Lindgren im Bett vorstellen? Tja, schon passiert.

Das aktuelle Buch schenkte mir meiner Mutter zu Weihnachten. Trotzdem eines ihrer besseren Geschenke. Doch ich will ihr keinen Vorwurf machen. Wir kennen uns einfach zu wenig um uns sinnvoll zu beschenken. So weiss ich nicht, ob sie meine jährlich dreimal angelieferten Pralinen überhaupt mag und sie hat mich noch nie in einem geschenkten Kleidungsstück gesehen. Aber es geht ja um die Geste, nicht wahr? Ich würde ja basteln, doch fehlt mir einfach die Zeit dazu. Und die Lust, der Karton und Leim.
Achthundert Worte, noch keines an die Rezension verschwendet und ihr seid immernoch da. Ich sollte Politiker werden.

Walter Millns ‚Tod im Rheinfall‘.
Das Titelbild zeigt selbigen. Also den Rheinfall. Diesen Wasserfall, dessen Anblick man dank Hobbyfotografen in sozialen Netzwerken als Otto Normalo schon langsam überdrüssig ist. Der Tod ist eher eine Sehnsucht, welche einem beim Lesen beschleicht.
Ein Zeitungsjournalist findet in einer verlassenen Neuhauser Liegenschaft den Leichnam einer einigermassen einfallsreich hingerichteten Person. Daraufhin werden unterschiedliche Charaktere vorgestellt. Der Journalist, klassischer Stereotyp. Kettenrauchender Blomkvist-Verschnitt, unzufrieden mit Chef und Job, könnte viel mehr, würde man ihn nur lassen. Sitzt zuhause, irgendwie vergammelt, aber gerade an der Grenze schrammend, dass er noch cool wirkt. Selbstverständlich mit tragischer Vergangenheit und einer aufbegehrenden Tochter. Ich verwette meinen e-book-Reader, dass selbige noch entführt wird und Papa sich ein Bein ausreisst, sie wieder zu kriegen.
Vielleicht vom Sektenguru. Dick, ständig schwitzend, der klassische Marionetten-Mann. Die Marionette eines korrupten Politikers.
Dazu noch die Mörderin, welche gerne in der KSS zu schwimmen scheint und ein Polizist, welche sich gewiss über Regeln hinweg setzen wird um total unkonventionell und trotzdem völlig erwartet den bösen Früchtchen das Handwerk zu legen.

Soweit so gut. Klar, ein guter Krimieinstieg liest sich anders, aber wollen wir tolerant sein. Mich nervt der Aspekt, welcher wohl alle Schaffhauser entzückte.
Hey, da steht Vordergasse. Huh, jetzt fährt er durch Neuhausen. Hey, dies könnte dieses Haus sein. Oh, in den Klettgau.
Zu bemüht.
Also ehrlich, ich will unbedingt einmal Maine besuchen, obwohl mir Stephen King nicht jeden einzelnen Pflasterstein beschrieben hat. Und den links davon. Und das Pasta-Rezept der Nonna des italienischen Gastarbeiters, welcher ihn gesetzt hat.
Ich kapitulierte bei James Joyce‘ Ulysses, fühlte Bloom’s Gang durch das mir unbekannte Dublin dennoch intensiver als Cobb’s Autofahrt durch Neuhausen.
Die Charaktere sind nach wenigen Seiten in Gut und Böse festgelegt, es wird kaum mehr eine überraschende Wendung statt finden, wie sie in etwa ein Joël Dicker bis zum Ende des Buches hinauszögert.
Vielleicht doch, dann besteht immer noch doch das Dilemma, dass der Leser über die ersten hundert Seiten geschleppt werden soll, um die Überraschung der Wendung noch zu erfahren. Doch der Erzählstil erinnert an einen Primarschul-Aufsatz. Und dann sind wir…. Und dann hat er… Plötzlich sah er…. So überraschend wie die Erfahrung, dass ein Regentropfen nass ist.

Das Buch findet, oder fand, sicher seine Fans. Mein Vater würde sagen, Menschen, welche sich nur in einem Radius bewegen, dass die Kirchturmspitze stets in Sichtnähe bleibt.
Neuzeitlich wohl Personen, welche sich in einem sozialen Netzwerk Sonnenuntergänge und Eisenbahnbrücken zeigen. Da wir nicht Unmengen Eisenbahnbrücken haben und täglich nur ein Sonnenuntergang stattfindet, kann man sich auch als Nicht-Mitglied vorstellen, wie bescheiden das Spektrum sein muss.
Ein Krimi, welcher auf den knapp 300 km² spielt, welche auch zehn Generationen vor uns nie verlassen haben, was will man mehr?

Gewiss bin ich keine Referenz. Während andere bei Stefan Schwarz‘ Familien-Erzählungen nur den Kopf schütteln, falle ich vor Lachen aus dem Bett. Was verstehe ich von Literatur.
Nun, ich lese weiter. Es war mir nur gerade nach schreiben.

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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