Treffen der Generationen

Grosses Jammern und Wehklagen.
Mit einem verzweifelten Statement, triefend vor Frust und unübersehlich im Vollsuff auf einem Handy mit verklebter oder tränennasser Tastatur getippt, wendet sich Reni an die Facebook-Community.
Die Motivation, seine Behausung wieder zu vermieten, die Jagd nach Büsis und die aktuelle Auslastung des Lidl-Parkplatzes in Gailingen könne doch nicht das gesamte Potential dieser Gruppe sein. Bilder allerdings möchte sie auch nicht sehen. Eigentlich weiss sie gar nicht, was sie erwarte, einfach etwas anderes eben.

Seht ihr vor dem geistigen Auge auch das Kleinkind in der Migros vor dem Schokoladenregal? Schreit, als stäke es am Spiesse und wenn der überforderte Papa willens ist, in die Auslage zu greifen, verstummt der Kleine, erkennend, dass die ganze Geschichte eine Wendung genommen hat, auf welche er so gar nicht vorbereitet war. Analog dem Hund, welcher unter Einsatz seines Lebens versucht in die sich drehenden Reifen eines rollenden Fahrzeugs zu beissen und irgendwie aus dem Takt fällt, wenn das Auto steht. Schätze ich, da ich selten bis nie einen Parkplatz betrete, auf welchem Hunde genüsslich an Reifen knabbern.

Die Entwicklung der Gruppe finde ich unterhaltsam, wenn auch von einem steigendem Fremdschämfaktor begleitet.

Irgendwann hat man sie doch gesehen, die Fotos vom Bahnhof Neunkirch mit untergehender Sonne. Kein Grund dieses noch einmal zu präsentieren, auch wenn man dieses mal einen Blendenstern, was immer dies sei, verwendet habe. Und nochmals, dieses mal mit Brennweite 45, 564.
Ein Unding, diese digitalen Filter, welche aus jedem Besitzer eines Mobiltelephones einen Fotokünstler machen, lüstern nach Bestätigung, Anerkennung, aaaahs oooohs und Likes.

Ob wir uns mit Max freuen sollen, dass auf der Breiti wieder eine Metzgerei wäre? Wusste nicht einmal, dass dort jemals eine war, aber vielleicht ist dies der Lebensinhalt, welchen ich bis heute misste.
Eine Metzgerei ist etwas anderes denn eine Wohnung, da sich der gute Max über das Gebaren erbost, der Vermittlung von Mieträumlichkeiten über diese Plattform Vorschub zu leisten, auf den Punkt gebracht; Wer dies pflege sei schlicht kein Schaffhauser. Es widerspricht die soziale Liliane, welche hinter jedem Wohnungswechsel eine soziale Dramatik erkennt, eine gescheiterte Existenz und der letzte Versuch die Sohle eines Jammertals zu verlassen, sich nach der Sonne recken und unterstreicht die Wichtigkeit dieser Anzeigen.
Bestätige ich mit Amen, der Namensvetter verwechselt die Anzeige mit dem üblichen „Weisch wo“-Spiel und textet Kirchhofplatz, während die Jasmin gen der auf der Kanzel stehenden Liliane Beifall zollt.

„Wenn du au uf em ichauf wage vo de Migros geartet hesch und postet hesch“
Obwohl ich eher neben dem Wagen wartete, er einem Verkaufswagen ähnlicher als einem Einkaufswagen sah, die ganze Sache nicht irgendwie geartet war, sondern wir gewartet hatten, stimme ich dem Kontext der Aussage zu.
Dies Entbehren jeglicher Orthografie, mit Grammatik wollen wir nicht erst beginnen, ist nicht mehr Ausdruck unbekümmerter Schreibweise, es schmerzt einfach in den Augen und ich hoffe, dies spiegelt nicht die Sparmassnahmen in Sachen Bildung wieder.
Nichts desto trotz sind 87 Personen entzückt.

Auch auf dem Schaffhauser Flohmi bewege ich mich oft. Soziale Netzwerker verkaufen Schuhe, Lego, Stilleinlagen und wie es scheint, auch sich selbst. So präsentiert Mertcan ein Foto von sich, seiner Schwester oder Mutter. Die Sache ist etwas kompliziert, da es für den unzureichend assimilierten Ur-Schaffhauser nicht erkennbar ist, ob der Name Mertcan eher auf ein Weibchen oder doch ein Männchen schliessen lässt. Dies ist nicht rassistisch, ein ordentlicher Türke wird auch nicht auf Anhieb erkennen, ob der den Walter Peter nun mit Herrn Walter oder Herr Peter ansprechen soll.
Das Foto wird demzufolge mit Fragezeichen und „Öh“ mit anschliessendem Fragezeichen kommentiert, während ein weiterer Namensvetter, mein Name ist zu oft vertreten, ihn oder sie auf dem Bild gerne skalpieren würde, das Haupthaar hat es ihm angetan.

Die alteingesessenen Gruppenmitglieder sind von der modernen Technik des öfteren überfordert, da wird durchaus einmal auf die Vorstellungskraft der Nutzer gesetzt.fbDas Bild muss ich mir vorstellen und die Glocke aus der Erinnerung läuten lassen. Wunderprächtig.

A propos Vorstellungskraft, bisweilen muss man sein versautes Ich wieder zurückdrängen, in etwa, wenn die Zauberfee Perlen mit grossen Löchern oder die Karin einen Entfeuchter sucht.fb-flohmiLasse ich dir zukommen, sobald ich es geschafft habe, ein Paket von 8 Millimeter Länge und vier Millimeter Breite zu schnüren und dies mit einer Marke sowie Adresse zu versehen.

Gestern war ich ein Schaffhauser.
Wohl das erste Mal, seit meiner Aufnahme in die erlauchte Gesellschaft.
Ich hatte keinen Strom. Eine Bedingung, dass man ein Schaffhauser sei, gemäss Susanne. Und genervt sollte man sein. War ich nicht, aber würde ich schon hinkriegen, wenn es auf der Kippe stehen würde. Da brauche ich nur 38 Fotos von Pferdekutschen und Trams anzuschauen, sowie die zugehörigen „weisch no…“-Kommentare zu lesen.

Die Ja, habe Strom halten sich mit den Nein, habe keinen Strom die Waage, als Schuldige wurden vorbeugend die Beringer Laternen an das Kreuz genagelt.
Eine gewisse Dramatik entstand, als dem Jammern und Wehklagen das Aus drohte, weil die Handy-Akkus sich zu entleeren drohten. Ich meine, man kann damit leben, dass man keinen Kaffee aufbrühen kann, aber wenn einem dann noch die Möglichkeit verwehrt wird, diese schreckliche Erfahrung auf facebook zu posten; Nein, irgendwann hat es Grenzen. Es gibt schliesslich Menschenrechte.
Das ganze Spiel dreht sich um 180 Grad, jeder welcher vorhin anmerken musste, dass er keinen Strom hatte, bestätigt, dass er nun wieder Strom hätte.
Es dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein, bis eine Wolke von Eschenz bis Beggingen begleitet wird.

Habe eben eine Wolke gesehen.
Ui sorry, Foto, hihi

Ein Foto wird hochgeladen. Doch nicht etwa das Foto direkt, sondern ein Print-Screen des Handys, dessen Display das Foto zeigt, welches man eben geschossen hat. Nur eben mit Akkustandsanzeige, Netzanbieter, Feldstärke und so weiter.

Voll krass, die Wolke ist am Himmel! (34 gefällt mir)
Wo soll sie sonst sein?
Ey du bist so ein Arsch, freu dich doch einfach!!
Frag ja nur
Jetzt ist sie bei uns!! (3 Likes)
Wo?
Über dem Haus, stehe auf dem Balkon!
Ich meine wo?
Schaffhausen
Echt? Shiiiiit!
Hey, eine Wolke ist am Himmel

Der Max weiss mittlerweile, dass alle Menschen bei Stromausfall Geschlechtsverkehr praktizieren. Also bumsen nennt er es.
Da ich meine Behausung nur mit einem M&Ms-Teddy teile, lassen wir in stillschweigender Übereinkunft diese Art der Krisenüberbrückung bleiben und da weder Internet noch Notebook funktioniert, fällt auch das Alternativprogramm ins Wasser.

In einem nächsten Eintrag bemerkt Michael, dass man ein Schaffhauser sei, wenn man keinen Strom hätte.
Kaum zu glauben, aber die selben sinnentleerten Kommentare sammeln sich auch unter seinem Eintrag.

Dennoch eine Abwechslung, denn mal ehrlich; Irgendwann hat man es gesehen. Die 467 Fotos vom Rheinfall aus jeder möglichen Perspektive. Mal blau mal rot, mal nass mal trocken, bei Nacht und bei Tag. Jedes Foto schöner als das folgende und die Kommentatoren hauen sich die Superlative um die Ohren, als hätten sie dieses Wasserspiel zum ersten Mal überhaupt gesehen.
Dann eine alte Hütte, welche so leider nicht nicht mehr stehe. Der Max, weiss, dass hier ein Tram fuhr, der Köbi kennt den Kolonialladen und gegenüber wohnte der Gspässige mitem dem ledernen Lendenschurz.
Vielleicht für sehnsüchtige Frührentner ganz unterhaltsam, aber irgendwann wirkt es wie ein öder Museumsbesuch mit Tante Trudi am Sonntag Nachmittag.
Zumindest haben die Leute das Ablichten von Bahnübergängen eingestellt und auch die Luftaufnahmen von Kartoffelfeldern aus dem gelben Hubba-Bubba-Flieger sind erfrischend rückläufig.
Es folgen dreihundertachtzehn Fotografien vom Munot. Bei Sonnenaufgang, bei Sonnenuntergang, um die Mittagszeit, in der Nacht.
Zunehmend scheinen sich Leute im kleinen Schaffhausen zu verlaufen. Dann wird ein Stein fotografiert und verzweifelt mit der Überschrift „….wenn weisch wo ich bin“ online gestellt. Doch statt den verlorenen Seelen in die Zivilisation zu verhelfen, liest man nur Oh schön, so läss, will auch und eine Diskussion, warum das Räuberschloss nun Räuberschloss heisse.

Der Urs hat soeben ein weiteres Foto eines Tram online gestellt, der Vital einen Strommasten. Mit Sonnenuntergang. Traumhaft.
In diesem Sinne, ich bin mal weg,

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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