Urlaubsreif

Schon einmal einen Cluburlaub gebucht?
Also ich kann ja so gar nicht mitreden, dies übernehmen „Freunde“ in sozialen Netzwerken mit ihren Bildreportagen. Ihr wisst schon, die klassischen Fotos. Geschossen in liegender Pose auf dem Liegestuhl. Das eine Bein leicht angewinkelt, weil der Oberschenkel weniger drall erscheint, im Hintergrund der Pool und die Palmen zur linken. Oder man liegt wie ein aus dem Meer geschleudertes Säugetier auf der Club-Med-Liege und präsentiert die Bikinihose. Dies gibt Likes, nachdem die geifernden Bewunderer verzweifelt die Bikini-Bridge oder das vordere Hufende des Wüstenschiffs gesucht haben.

Und irgendwie machen mich diese Bilder, Bikini-Schlüpfer hin oder her, so gar nicht an. Vielleicht tue ich Thomas Cook unrecht und diese All-inclusive-Urlaub ist eine ganz tolle Sache, aber ich fürchte, meine Wenigkeit würde sechs Tage lang liegen, fressen und lesen, bis mir die Augen bluten. Von Zeit zu Zeit wird Paco der Animateur mich mit einem Spatel in den Pool schippen und am nächsten Samstag werde ich in den kleinen Bus verfrachtet und in die mediterane Abflughalle des nächsten Flughafens geworfen.
Wo warst du?
Auf Rhodos.
Oh, wie wars denn so?
Ach weisst du, irgendwie sind wir gar nicht aus dem Hotel gekommen…

Souvenirs, direkt aus Japan eingeflogen, werden von einem Costa Cordalis mit sächsischem Dialekt in der Lobby feilgeboten, an der Bar kriegt man Bluna und Spezi, das Buffet ist gutbürgerlich, sprich Schweinebauch in Tunke mit einem Feta-Salat für das regionale Flair und die Aufback-Brötchen liefert Aldi Süd. Müllers hat man morgens am Frühstückstisch nebenan, mit Meiers prügelt sich Papa jeden Tag um die Sonnenliege und Abends mischt man sich unter das einheimische Volk. Also, wird an der Hotel-Strandbar von Costa’s Bruder bedient, flankiert von Hubers und Krakauers.
Jeder Euro geht zu Thomas Cook und Griechenland vor die Hunde.

So was nennt man voreingenommen, nicht wahr?
Abgesehen davon, dass ich Hotels im Grundsatz – also ohne die Club-Sache – eine ganz tolle Sache finde, schätze ich den Camping-Urlaub in gleichem Mass.
Es spricht nichts gegen saubere sanitäre Einrichtungen und einen Shop in Badelatschen-Nähe, aber das wilde Campen ist noch eine Idee schöner. Einfach urtümlicher. Einfacher kann man dem Gefühl von Freiheit nicht näher kommen.
Und in der Schweiz ja so was von böse!
Die Schweizer haben stets ein Auge aufeinander. Wie nett, man ist füreinander da.
Ja, irgendwie schon, doch gründet die Aufmerksamkeit eher darin, Fehltritte gleich im Keim zu ersticken. Es ist weniger dieses „Hallo, kann ich dir helfen“, als der Blick durch die Gardinen und Frage an den Gatten „Darf der das?“.

In etwa sein Zelt auf öffentlichem Boden aufschlagen darf er nicht. In erster Linie, weil es in der kleinen, dicht besiedelten Schweiz – sogar Luftraum und Seeufer sind in Privatbesitz – nicht wirklich viel öffentlichen Raum gibt. Darüber hinaus, passt es nicht ins Gärtchendenken, wenn einer sein Zelt an einem Waldrand aufbaut. Nicht, dass man diese zwei Quadratmeter die letzten 36 Monate betreten hätte oder just an diesem Samstag Abend betreten wolle, es ist einfach so, dass einem diese handbreit Land gehört und auch nachts um 22 Uhr zugänglich zu sein hat. Vielleicht muss man spontan den Rasen stutzen, dies weiss man ja nie.

Wie weit sich die Grenzen von Vals erstrecken kann ich nicht sagen. Gewiss gäbe die Karte Auskunft. Mit Bestimmtheit weiss ich, dass ganze drei Schilder von der Grösse einer ordentlichen Tischplatte einem darüber informieren, dass im Gemeindegebiet das Campen verboten sei. Die erste in der Kurve vor der Ortschaft, die zweite bei den Bergbahnen und die dritte auf der Höhe der Kappelle über dem Zerfreila-Stausee. Warum ich gerade diese Region ausgesucht habe? Da gibt es hübsche Seen, mit dem Auto nicht zugänglich, und ich stellte es mir nett vor, dort zu nächtigen.
Ein praktischer Gedanke trieb mich, es galt ein neues Zelt, eine neue Schlafmatte und einen Kocher zu testen. Ja, Papa hat seinen Lohn wieder einmal direkt an Campz.ch überwiesen. Zudem musste ich für meinen 160-km-Marsch nächste Woche noch einen Rucksack eintragen.
Am Guraletschsee nächtigen und frühmorgens auf das Fanellhorn zu steigen, so der Plan.

Es war die reine Völkerwanderung. Die Zürcher haben die dicken Offroader zur Kappelle gejagt, gar ein gelber Lamboghini fand Platz, und viele kleine Mammuts wuselten am Hügel rum. Scheiss-Outdoor-Trend.
Spontane Planänderung, der Butzeggen am Zefreilahorn war wohl genügend weit vom Restaurant entfernt, als dass sich die Helden der Wildnis um diese Zeit dort noch herumtreiben würden.
Zwei Oberländer, also Uster’ner oder Wetziker, fragten mit Blick auf meinen grossen Rucksack und die Uhr, wo ich denn noch hin möchte. Geht euch einen Scheiss an, lag mir auf der Zunge, begnügte mich jedoch mit einem Nix-verstehen-Schulterzucken. Es war nicht die Frage an sich, die Art der Fragestellung brachte mich auf die Palme. Dieses breite Zürchern mit diesem arroganten ‚Wir sind schon zum dritten Mal hier, wodurch das zürchersche Gewohnheitsrecht greift und dies unser Hügel, Weg, Himmel und sowieso ist‘.Ich neige stets dazu, mit einer gewissen Demut auf fremden Terrain zu gehen, beginne nicht krampfhaft peinlich zu Bündnern, trete Mutterkühen wie deren Hirten gleichermassen respektvoll gegenüber und komme gut zurecht. Da geht es mir auf den Sack, wenn ein paar Unterländer den Platzhirsch markieren und alle anderen ungefragt in diesen erbärmlichen Topf reissen.

Nach diesem Pärchen stiegen nur noch die Bergsteiger zu Tal, welche nicht bemüht die Konversation suchten. Bis auf jenen, welcher vom Bach herauf rief, ob nach mir noch jemand käme. Er würde sonst ein Bad nehmen und etwas Wäsche waschen.
Endlich normale Menschen.
Ob er auch hier oben bleibe, rief ich zurück.
Er hätte seinen Camper auf dem Parkplatz, ob ich mein Zelt dabei hätte?
Meine Antwort quittierte er mit einem Daumen hoch.
Jenseits von Gardinen und Gartenzaun können Schweizer auch locker, will ich festhalten.

Ein wunderbarer Platz, zwanzig Meter neben dem Gebirgsbach zwischen ein paar Steinhaufen.
Hingebungsvoll stocherte ich mit dem Pickel in den Ritzen, kippte Platten, pfefferte kleine Steine in die Spalten; Ja, ich habe panische Angst vor Schlangen, was mich eigentlich als Naturbursche disqualifiziert. Diese beinlosen, unberechenbare Geschöpfe mit dem Mund voller Gift und der Absicht, dieses aus reiner Boshaftigkeit einzusetzen.

Ein Zelt, kein Kilo schwer. Zu leicht um kompetent zu sein. Natürlich, man muss kein Spatz aus gewachstem Segeltuch, zehn Kilo der Quadratmeter, und Stangen aus Kruppstahl mit sich schleppen, aber man balanciert dieses Häufchen Plane schon skeptisch auf dem kleinen Finger.
Fühlt sich an wie ein Robidog-Sack. Unwillkürlich möchte man sich Seidenhandschuhe überziehen um das Material durch Unebenheiten der Haut nicht zu zerfetzen.
Aber, welchem göttlichen Kriechtier die Firma Nordisk dieses Garn auch aus dem Hintern gezogen haben mag, das Teil ist ordentlich robust. Ich habe den Boden weder ausserordentlich aufmerksam von Steinen befreit, noch den Rucksack extrem liebevoll in die Behausung drapiert. Es soll ja Leute geben, welche den Rucksack nachts im Vorzelt lassen. Ich könnte damit leben, morgens einen schlafenden Murmel aus der Packung zu schütteln, aber bei meinem Glück würde eine boshafte Kreuzotter an meiner Hand hängen.
Das Zelt war wirklich in Ordnung. Bis auf die Tatsache, dass ein ausserordentlich glatter Zeltboden, eine porenfreie Ultraleicht-Schlafmatte und ein voll synthetischer Schlafsack in einem leicht bergwärts platzierten Zelt eine nächtliche Schlittelpartie mit sich zieht. Eben noch ausgestreckt, findet man sich in einer Embryostellung im Fussteil des Zeltes wieder.
Aber ohne diese Rutschpartie wäre ich wohl nicht auf die Idee gekommen, mal eben einem Bedürfnis nachzugehen und hätte den unglaublichen Nachthimmel verpasst. Ohne Lichtverschmutzung der Zivilisation kann man die Sterne praktisch greifen und den Planeten winken.

Der Kocher war eine spezielle Herausforderung.
Der nächsten Trekking-Herausforderung angepasst bin ich auf Benzin umgestiegen. Es spricht nichts gegen Gaskocher, aber sobald man fliegt, muss man in der Zieldestination den Gaskartuschen nachjagen. Samstag’s um sechs Uhr Abends eine Herausforderung. Benzin findet man überall, wenn ich auch neugierig bin, wie der Tankwart reagiert, wenn ich mal eben einen halben Liter Kraftstoff tanken möchte.

Mit ein wenig Respekt nahm ich die Sache in Angriff. Im Gegensatz zum Gaskocher, halte ich nicht das Streichholz hin und öffne den Hahn, einen Benzinkocher muss man erst einmal im kostbaren Nass ersäufen.
Es ist normal, dass die Flamme am Anfang die Grösse eines Fussballs hat, sagt die Gebrauchsanweisung.
Also pumpte ich Druck in die Flasche, liess das Benzin sprudeln wie ein Ölscheich und entzündete mit gehörigem Abstand den Brenner. Wenn wir was falsch gemacht haben, macht es jetzt Buff!
Eine tolle Flamme, irrer Gestank, schwarzer Rauch steigt zum Himmel und nach einer Minute war der Zauber vorbei.
Fünf Minuten warten, bevor man erneut anzündet, sagt die Anweisung.
Ich wartete noch fünf mal fünf Minuten, bis ich den Respekt verlor und den Brenner in Benzin ersäufte. Endlich auch die grosse Flamme, endlich reduzierte sie sich, endlich konnte ich dezent Benzin einspritzen und plötzlich funktionierte das Ding.
Es ist schwarz, voller Russ, riecht ein wenig – was so eins-zu-eins auch auf meine Hände zutraf – aber es ist so richtig männlich. Spassfaktor hoch zehn und man fühlt sich ein wenig wie ein Neandertaler.
Wir haben uns gefunden, der MSR-Brenner und ich. Abends kochte er nach dem Nudelgericht auch noch einen Kaffee, morgens ebenfalls, dazu noch ein warmes Müsli aus der Tüte, tadellos. Bis auf den Russ, unterscheidet er sich nicht vom Gasbrenner.P1020037Das Zelt ist ok, aber mein Salewa wird auf die Reise kommen. Jupp, für einmal habe ich mich schlau gelesen und auf dem Vulkangestein Islands können man ohne Hilti-Bohrhammer keine Heringe platzieren, weswegen man mit Steinen die Schnüre abspannt. Da bin ich mit der 83%-selbsttragenden Konstruktion von Salewa besser bedient.
Die Matte werde ich noch entsprechend präparieren um auch bei Gefälle ruhig zu liegen. Für Trinkwasser müsse man auch einmal auf Schnee zurückgreifen; Mit meinem neuen Brennstoff ist auch diese Sorge aus der Welt.
Es geht nichts über eine solide Vorbereitung.zerfreila

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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