Vierdaagse Nijmegen

Das letzte halbe Jahr war ich etwas eingespannt, worunter meiner Schreiberei litt.
This Boots are made for walking.
Welche Schuhe Frau Sinatra auch besungen haben mag, Kampfstiefel waren es nicht. Und ich weiss, wovon ich spreche. In den vergangenen sechs Monaten habe ich über 800 Kilometer darin absolviert. Lowa muss man zugute halten; diese Dinger halten wirklich was aus.lowaBlitzeblank, nicht wahr? Will sagen, da sieht man auf der Strasse Turnschuhe, welche kaum 10 Kilometer runter haben und aussehen, als würde ein stattlicher Kampfhund täglich damit spielen. Die Pflege der Schuhe ist mit eine dieser militärischen Lehren, welche man ins Leben mitnimmt. Respektive, mitnahm. Es ist entsetzlich, welch Kuschelverein aus dieser Lebensschule geworden ist.

Selbstverständlich würde ich kein Lowa mehr kaufen. Ist eine prinzipielle Sache. Lowa und Deuter haben das Silberfuchs-Siegel. Nichts gegen Silberfüchse, ist ja toll, dass die Alte Garde, Altpfader und Gesellen noch immer die Natur besuchen und sich bewegen. Doch Deuter sagt irgendwie; Ich trage einen Rucksack, weil man beim wandern einfach einen Rucksack trägt. Denn im Randenhaus warten sowieso Heidi und Jakob mit Kaffee und Kuchen. Lowa ist einfach der Mephisto-Ersatz, wenn vergangene Regentage vermuten lassen, dass fünf Millimeter Matsch am Boden liegen könnten.
Jack Wolfskin, um die Sache abzurunden, tragen die Welpen unter den Silberfüchsen. So schauts aus.

Obenstehender Lowa-Schuh war einfach die Alternative, welche die militärischen Anforderungen erfüllt. Die Fersen musste ich auspolstern, die Einlegesohlen ersetzen und die Füsse bandagieren um darin nicht völlig meine Gehwerkzeuge zu ruinieren.

Diese ganzen Strapazen nahm ich für die 4 daagse von Nijmegen auf mich. Am ersten Tag marschierten wir 44 Kilometer, am zweiten 38, der dritte gestrichen 40 und der vierte schlug mit 42 + 4 zu Buche. Da komme ich später noch drauf.
Es ist ein militärischer Marsch, was bedeutet; Man trägt neben Kampfstiefel den Tarnanzug – Hose, Jacke und Mütze – einen militärischen Rucksack von mindestens 10 Kilogramm, exklusive Regenschutz und Nahrung. Im Endeffekt sind es 13,5 Kilogramm. Dazu wird in einer Zweierkolonne marschiert, das Tempo liegt zwischen 5,5 und sieben Kilometer die Stunde.
Nach zehn Kilometern gibt es jeweils eine Pause von 10 Minuten, respektive eine ‚Mittagspause‘ von deren fünfzehn. Man ist so um die sieben Stunden herum unterwegs.

Für die 4-daagse muss man sich qualifizieren. Dies bedeutet 300 Kilometer Marschtraining in der Gruppe und man muss den Berner 2-Tagemarsch erfolgreich absolviert haben.

Der Nijmegen-Marsch feierte heuer seine 100-ste Durchführung. An sich waren der Tradition verpflichtet keine neue Gruppen zugelassen, doch die Schweiz hat seit jeher eine Sonderstellung beim 4-daagse.
Es starteten am Dienstag den 19. Juli 48’986 Personen, davon haben am Freitag den 23. Juli 42’557 Personen das Ziel erreicht. Unter den Marschierer waren 6000 Militärangehörige aus aller Welt, die militärische Schweizer Delegation war mit ca. 250 Personen vertreten und hatte lediglich einen Ausfall zu verzeichnen.

Der 4-daagse von Nijmegen ist die weltweit grösste Veranstaltung in dieser Form.

Soweit das Vorwort. Hier mein Bericht, welchen ich so für eine andere Stelle verfassen durfte.

Es wird geackert wie auf dem Bau

Montag Morgen, nach etwas über einem Tag anklimatisieren, galt es die Packung zu erstellen. Mit der Präzision von kolumbianischen Koks-Dealern werden Sandkörner abgewogen um exakt die zehn Kilogramm Gewicht zu erreichen. Eulen nach Athen tragen, oder eben Sand durch Holland. Wer das nette kleine Land kennt weiss, es entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Die Niederlande sind ja quasi auf Sand gebaut. Wir haben Sand in der Dusche, dem Schlafsack, jeder Ecke der Packung und in welchen Kleidungsstücken sich dieses Zeugs noch überall versteckt, werden wir spätestens während des Marschs erfahren.

Samstags gegen sechs Uhr sind wir angekommen.
Die Carfahrt als entspannt zu bezeichnen wäre etwas vermessen. Der Raum in den Sitzreihen ist doch eher knapp bemessen, zudem war die Platzwahl neben der Toilette ein wenig unglücklich. Entsprechend der Menge Bier, welche von weiteren Marschgruppen in Basel verladen wurde, war auch dieser Abort von der Grösse eines Schuhkartons eine gern und oft besuchte Räumlichkeit.
Ein Zwischenstopp an der kleinsten Raststätte Deutschlands bot die Möglichkeit zu einem kurzen Stehimbiss und die weiteren Teilnehmern konnten ihre flüssigen Nahrungsvorräte auffüllen.
Es wurde so ziemlich jedes Klischee der Carreise bestätigt. Von „Der Herr im silbernen Skoda sollte sein Fahrzeug wegstellen“ bis hin zur Mikrofondurchsage, ob der Herr Giesebrecht hier wäre. Ebenso die wichtigen Leute, man erkennt sie an einem Zettel in der Hand, welche ständig zwischen Tür und Gehsteig hin und her springen, stets auf der Suche nach dem Herren Giesebrecht, unfähig zu bemerken, dass ihr Gehopse das augenscheinlich einzige Hindernis zum antreten der Fahrt darstellt, da Herr Giesebrecht schon hackedicht unter Sitz drei liegt.
Die augenrollenden Alten waren hier, wie die augenrollen verursachenden Jungen im Saufwettbewerb. Getreu dem Motto „De Völlst isch de Töllst“ wurde Quöllfrisch ein toller Umsatz beschert, die Mitreisenden mit Dancepop der 90er beschallt – irgendwo in einem Krachen der Zentralschweiz hört man tatsächlich noch Culture Beat und Dj Bobo – und mit unwesentlich jüngeren Witzen die Sau durch das Dorf, pardon, den Car getrieben.
Vielleicht bin ich auch einfach ein wenig unentspannt, sollte vor der Rückfahrt meine rollenden Augen mit Amstel beruhigen und denn Songtext von Mr. Vain lernen.

Das Camp Heumensoord ist beeindruckend. Die errichteten Zelte erinnern an eine Messe. Eine sehr grosse Messe im Stil der Olma mal zwei oder so. War nie an der Olma, aber mit Fussballfeldern, die gängigste Masseinheit, kenne ich mich noch weniger aus. Eine Zeltstadt für Militärs aus der ganzen Welt.camp1

Das Camping-Feeling lässt sich nicht leugnen. Man steht gibt sich bei der Dusche die Klinke in die Hand, ob das Nass eher kühlend oder siedend über den Körper fliesst basiert auf dem Zufallsprinzip. Vielleicht auch Tageszeit-Abhängig, die Meinungen gehen auseinander. Auch unter dem Aspekt, dass es durchaus während dem Duschvorgang die Aggregatszustände wechseln kann.
Die Toilettensitze findet man bereits vorgewärmt vor, es erwartet einem auch die ein oder andere Hinterlassenschaft in der Keramik. Während des Zähneputzens schwabbt der Auswurf des Nebenmannes an einem vorbei und an der Pinkelrinne entsteht aufgrund fehlender Trennwände ein unausweichliches Wir-Gefühl.
Die Komfortzone ist irgendwo zwischen Basel und Mannheim auf der Strecke geblieben, aber, es ist ok.
Zudem reissen sich die holländischen Heinzelmännchen ein Bein aus, den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten. Und völlig unkompliziert, sprich; Wenn man aus der Duschkabine – gebaut im Stile von Toi-Toi-Klos – springt, nackt wie Gott einem schuf, ist es absolut normal, wenn eine fleissige Reinmach-Fachfrau vor einem den Mob über das Parkett schwingt und sich in keiner Weise beschämt abwendet.
Auch die Verpflegung klappt ausgezeichnet. Natürlich, wir Schweizer erhalten nicht unser gewohntes Brot, fest und mit Kruste, aber dies gibt es ja nirgends auf der Welt, von einem Baguette abgesehen. Das für Holland typische geschnittene Toastbrot aus dem Beutel kann mit Marmelade, Erdnussbutter oder natürlich Hagelslag ergänzt werden. Dazu diverse zu mundgerechten Portionen verpackten, die Abfallberge müssen enorm sein, Aufschnitte und wer mag, Rührei oder gekochtes Ei. Der Kaffe ist heiss, stark und gut, es gibt keinen Grund zur Klage.
Ebenfalls die Abendmahlzeiten wissen zu schmecken, dazu steht einem permanent ein riesiges Sortiment an Obst zur Verfügung. Man kann den logistischen Aufwand nur erahnen, die Gastgeber bewältigen ihn mit Bravour und die Wartezeiten sind angesichts der tausenden Leute im Camp durchaus moderat.

Das Schweizer Zelt hebt sich durch seinen Kiosk ab. Während das Betreten der Unterkünfte anderer Nationen untersagt ist, finden sich beim Kiosk mit Wirtschaftsbetrieb der Schweizer Delegation alle ein. Schwyzer oder Appenzeller Bier mundet auch den Wikingern, die Norweger sind unüberseh, unüberhörbar und es spricht für die Qualität der Bierbänke, dass das Inventar nicht zu Staub zerbröselt. Daneben versuchen sich die deutschen an Kafi Luz und die Amis trinken Appenzeller.

Nebst dem Schweizer Kiosk steht noch das Bierzelt. Eine grosse Partyhalle, mit Frittenbude, Pizza-Ofen und Live-Entertainment.
Wer es noch etwas grösser mag, begibt sich nach Nijmegen. Genau genommen, ist es eine Pflicht, nach Nijmegen zu gehen. Die Stadt ist im Ausnahmezustand. Bereits bei der Anreise blieben die Menschen auf den Gehsteigen stehen, jubelten dem Car zu, als würde die Oranje-Nationalmannschaft einrollen.
Es ist diese den Holländern eigene Herzlichkeit, welche einem sofort in Beschlag nimmt. Ohne, dass sich der Gast ausserordentlich bemühen oder gar anbiedern muss, nehmen sie einem sofort auf, reissen einem mit. Obwohl der 4-daagse bereits zum hundertsten Mal durchgeführt wird, zeigen sich die Einheimischen nach wie vor beeindruckt, wenn jemand die vier mal vierzig Kilometer zu absolvieren gedenkt. Ich versuche dies nicht als schlechtes Omen zu deuten, hinsichtlich der Herausforderung, welcher wir uns zu stellen gedenken. Dem flachen Gelände möchte ich eine beruhigende Wirkung zuschreiben, die Tatsache, dass man bereits beim Bewegen im Camp in TAZ und Kampfstiefel kleinere Schweissausbrüche hat, bietet hingegen einen unangenehmen Vorgeschmack auf die anstehenden Strapazen.

Nijmegen ist eine riesige Partymeile. Bühnen mit Livebands zwischen Markständen und Restaurants. Durst muss keiner leiden, stets flanieren Kellner mit Bier zwischen den Massen, äusserst aufmerksam sind sie wieder zur Stelle, kaum hat man sich den Schaum vom Mund gewischt. Wer die Herausforderung nicht scheut, hat die Möglichkeit, die Belastbarkeit des Magens auf den Fahrbahnen zu prüfen.

Um die kulturellen Aspekte nicht zu vernachlässigen, besuchten wir die Stevenskerk. Für vier Euro, die müssen ja auch leben, durften wir den Turm besteigen und erhielten einen tollen Ausblick über die Waal und die Stadt. Ein Stadtbild, welches man oft in Holland trifft. Da ein hübsches Klinkersteinhaus und weil die Holländer nichts von Vorhängen halten, sieht man von der Strasse durch das Haus auch gleich, was die Kinder im Garten treiben.

Daneben eine architektonische Monströsität, ähnlich Legosteinen, welche möglichst unterschiedlich in Form und Farbe abenteuerlich aufeinander gestapelt wurden.

Wie bereits einmal erwähnt, ist es ein spezielles Erlebnis, in Uniform durch eine Stadt in einem fremden Land zu streifen. Unsere Marschgruppe fällt auch auf, die einzigen, mit komplettem Tenue A, jawohl mit Sakko. Mit Krawatte. Korrekt, bis auf das Beret. Auf Erfahrung der Veteranen zurückgreifend, ist diese Kopfbedeckung eine begehrte Trophäe der Holländerinnen und zeitgleich ein unabdingbares Utensil, um am letzten Tag beim Defilee mitmarschiern zu dürfen. Diese zwei Dinge sind schlecht in Einklang zu bringen.
Ja, Defilee hat diesen Hauch von Russland und Machtdemonstration, aber hey; Der König wird zugegen sein! camp-2Nun haben wir zwei Tage genossen, uns anklimatisiert und wider allen Verführungen der Braukunst versucht, die hart erarbeitete Form nicht komplett in den Sand zu treten. Mit welchem Erfolg, werden die kommenden Tage zeigen, gewiss ist eines, wir sind richtig heiss, endlich zu marschieren. Wir und die Kampfstiefel, welche einem Backofen alle Ehre machen.

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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