Vive la france

Bisweilen bin ich doch ein sehr undankbarer Zeitgenosse.
Dabei, ich habe ja alles. Ein Auto, ein Zelt und zwei gesunde Beine.

Diese vier Dinge gedachte ich zu Nutzen, der Frühling Schrägstrich Sommer kündigte sich an, mein letztes Wochenende bevor ich Pikettdienst leiste und die Lust, mal wieder im Zelt zu nächtigen. Die spinnen, die Schweizer, machen luxusreduzierten Urlaub um sich zu erholen.
Eigentlich wollte ich Samstags früh los, erhielt jedoch Freitag Abend eine spontane Einladung auf ein Glas Wein in netter Gesellschaft, worauf sich meine Abfahrt etwas verzögerte.

IMG_0983Nein, nicht in die Karpaten, ins Elsass verschlug es mich; Alsace, so spricht Paris. Jeder vernünftige Mensch fährt über Breisgau, nur das Tom-Tom navigierte mich via Basel. Obwohl mir der Weg im Prinzip geläufig war, vertraute ich auf die elektronische Stimme und liess mich mitten durch ein deutsches Stadtfest geleiten. Zwischen Zuckerstangen und Kinderwagen, überholt von Rollatoren und der Wandergruppe Silberfuchs zwängte ich meinen Wagen einmal um das Karussell und an einem feurigen Tambouren vorbei auf eine Art Landstrasse, bis ich endlich den Fluss überquerte und fortan wieder auf Schweizer Boden unterwegs war.
Tom-Tom war der festen Überzeugung dies sei der schnellste Weg, ich hatte keine Lust zu streiten und der Saugfuss hielt für einmal an der Scheibe, was erfolgreich verhinderte, dass ich dieses Teil über den Asphalt schleifte bis der Zigarettenanzünder das Kabel und angehängte Gerät freigegeben hätte.
Keine Lust mehr auf Umwege, füllte ich den fahrzeugeigenen Kraftstoffbehälter an der Raststätte Pratteln mit flüssigem Gold und erstand eine Packung Bündnerfleisch für den schnellen Hunger.
Aber ich liebe ja die französischen Autobahnen, daher hat sich der Umweg über Basel schon gelohnt. Zudem wurde mir ja unlängst von Blog-Lesern nahegelegt, ich solle gefälligst die deutschen Autobahnen meiden, nachdem ich mich abschätzig über diese lieblos übereinander geworfenen Betonplatten, von der deutschen Verkehrsbehörde A-haumichtot genannt und vorwiegend zum Stau stehen genutzt, geäussert habe.

Ribeauvillé, was für ein malerisches Örtchen.

ribeauvilleAngesichts des Naturschutzparkes und meines zwanzig Kilogramm-Rucksacks – über fünf Liter Wasser, man weiss ja nie ob man auch alles kriegt was man braucht – verzichtete ich auf Wild-Campieren und suchte mir einen Campingplatz.camping
Wer, wenn nicht die Holländer wissen einen Campingplatz zu bewerten?
Angenehm erfreut stellte ich fest, ein Vier-Stern-Platz unterschied sich vom Standardplatz durch Klobrillen und zur Verfügung gestellten Papier an besagtem Örtchen.
Die Trennwände sind natürlich nach wie vor hauchdünn und man ist bei des Nachbars Bemühungen mit mindestens zwei Sinnen live dabei.
Im Grundsatz waren die sanitären Anlagen etwas verwirrend und ein Franzose wies mich darauf hin, hier wäre nicht der Platz zum Zähne putzen. Es war eine grössere Halle mit einer unüberschaubaren Anzahl Spühlbecken und wir waren zu zweit im Raum. Auf meinen Hinweis, Wasser sei Wasser wedelte er energisch mit dem Finger und versuchte, zweifelsohne eine Reaktion auf mein schlechtes Französisch, in einem Mix aus diversen europäischen Sprachen, mir klar zu machen, welchen Raum ich aufzusuchen hatte. Natürlich bedankte ich mich höflichst und suchte die Räumlichkeiten für Körperhygiene auf. Es sei mir nachzusehen; Erwartet man doch eine höher gehängte Pinkelrinne, an welcher sich Müllers und Hubers in Unterhemden und Badelatschen aufreihen, dieser mit der Zahnbürste in den Hängebacken, jener beim Versuch seinen Rasierer in die Dose zu würgen und der andere mit dem Waschlappen in seinen haarigen Achselhöhlen, da trifft man hier sauber aufgereiht, Kabine um Kabine. Links die Duschen, rechts ein Lavabo mit allem was dazugehört. Privatsphäre im Überfluss. Im Gegensatz zu den Toilettenräumlichkeiten lässt man hier kaltes und warmes Wasser aus einem Hahn laufen, das Prinzip mit den zwei Wasserläufen muss mir mal einer erklären.

Bog sich meine Kreditkarte in Davos noch vor Schmerzen, stellte ein Kollege treffsicher fest, nun wissen wir wenigstens, wofür wir arbeiten.
Kann ich in Frankreich so nicht bestätigen, mit acht Euronen die Nacht stellte ich einmal mehr fest, Euro liegt wie Blei in der Geldbörse.

Wohl hatte ich nur gute drei bis vier Stunden Schlaf hinter mir, da es aber erst drei Uhr nachmittags war, beschloss ich das Dorf zu begutachten.
Und wenn ich schon im Dorf war, mich alle Touristen in meinen Salewa Alpine-Extrem Tretern befremdet studiert hatten, konnte ich auch gleich zur Ulrichsburg „aufsteigen“. Und wenn ich schon dort war hakte ich die zwei zugehörigen Ruinen auch gleich ab. Etwas unkoordiniert, so dass ich diverse Turnschuhtouristen wiederholt umrundete. Wie auch den schwitzenden Papa, welcher die Kinder mit der Aussicht auf ein Eis aus dem Dorf auf den Hügel gelockt hatte und nun etwas dumm da stand, da weit und breit kein Kiosk zu sehen war. Es war ein ganz netter Spaziergang, ohne weitere Herausforderungen.
Wieder unten im Dorf hätte ich gerne etwas zu essen gekauft, aber mit meinem horrenden Französisch im Feinkostladen ein Dukan-Konformes Menü zusammenzustellen war mir etwas zu komplex.

Dafür fand ich mich frühmorgens um acht feilschend im Camping-Shop. Nebensaison, Shop ist etwas übertrieben. Für eine Stunde öffnete sich ein Raum im Keller, in welchem einer der 148 ortsansässigen Bäcker von einer niedlichen Französin seine Ware feil bieten liess. Rechts ein Kühlschrank mit Butter und links ein paar Konfitüren.
Mit meiner Frage nach Honig brachte ich die Dame etwas durcheinander – vielleicht habe ich mich auch falsch ausgedrückt, aber ich schwöre, dass ich Honig wollte – und um weitere Konversationen im Keim zu ersticken griff ich auf Konfitüre zurück. Die Dame war wiederum verwirrt, da auf ihrer Registrierkasse wohl ein Button für Baguette, einer für Butter, einer für Süsswaren, aber keiner für Konfitüre zu finden war. Sie wäre sich nicht sicher, ob drei oder vier Euro für meinen Gesamteinkauf… Ich beglich die Rechnung mit fünf Euro und habe immernoch ein Schnäppchen gemacht, da man in der Schweiz dafür wohl nicht einmal die Butter aufs Brot kriegt.

Camping ist schon was Schönes.
Draussen liegen, ein Baguette zentimeterdick mit Butter und süsser Pampe beschmieren – da darf ich gleich das Titanium Outdoor-Besteck von Sea-to-Summit empfehlen, bevor sich dieses an der gefrorenen Beurre biegt, bricht dein Handgelenk – literweise Instantkaffee, zwischendurch immer mal wieder eine Zigarette – auf Campingplätzen rauche ich wie eine Lokomotive, muss wohl an Freiheit und Abenteuer liegen – und dabei das hausmütterliche Treiben der umliegenden Caravans betrachten.
An dieser Stelle muss ich noch auf meine neueste Errungenschaft hinweisen, der MSR-Kocher. Wohl bin ich überzeugter Campingaz-international-Anhänger – obwohl ich vom Anhängsel international noch nie profitiert habe, aber der interpretierte Gedanke, dass ich in der Antarktis bei einem Eisbären eine neue Gaskartusche kriege gefällt mir – nutzte ich den federleichten MSR ohne Piezozünder. Ist auch irgendwie rustikaler und Daumen hoch. Für Camping-Ausrüstung kann man nicht genug Geld ausgeben, ich bin zu arm um billig zu kaufen.
Die vorwiegend von Rentnern behausten Wohnmobile glänzten vor Sauberkeit. Die Dame hängt draussen Wäsche auf, wischt den Kunstrasen auf dem Rasen, fegt die Küche, bereitet dem Gatten Frühstück und ich frage mich, warum sie keinen Urlaub macht. Frage mich und starre weiter hin. Vielleicht fühlten sie sich von mir belästigt, aber während ich in der Morgensonne schon halbnackt mein Baguette schmierte, verzogen sie sich zum Speisen ins Innere ihres Campers, zogen die Plexiglasfenster in ihre Gummidichtungen und ich meinte gar zu hören, dass die Tür verschlossen wurde.
Es waren Schweizer.
Da waren die Franzosen schon angenehmer, welche draussen im Liegestuhl morgens um zehn eine Flasche Wein entkorkten. Überhaupt wird einem das Gefühl vermittelt, die Franzosen leben einfach. Die Wirtschaft mag am Boden sein, aber sie leben.

Kann man dies von uns Schweizern auch behaupten?

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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