Von Pendler zu Bundesrat

Liebe Frau Bundesrätin Leuthard

der Eindruck mag entstehen, ich hätte mich auf Sie eingeschossen – leichtes Zusammenzucken beim Nachrichtendienst.
Der Anschein trügt, der Zufall wollte es, dass Sie gleich zwei Departementen vorstehen, welche meine Wenigkeit in letzter Zeit beschäftigten.

Kennen Sie dies nicht auch? Wenn man morgens vor 5 Uhr nicht mehr schlafen kann und wirklich froh ist, dass man zur Arbeit darf. Was bitte soll man sonst in der toten Zeit vor des Hahns Krähen anstellen.
Die morgendliche Bettflucht scheint ein schweizweites Phänomen zu sein, Sie können sich nicht vorstellen, was sich morgens um halb sechs schon auf den Strassen tummelt. Früher war die Zeitung nach dem Aufstehen wie von Zauberhand im Briefkasten, heute warte ich neben selbigem und biete der Dame vom Zustelldienst höflich einen Coffee-to-go an.

Das Radio spielt noch das Nachtprogramm, keine Moderation unterbricht die willkürliche Titelauswahl, fröhlich mitsummend mit der Sonne im Herzen reihe ich mich auf der A1 hinter einem Migros-Laster ein. Während der nächsten viertel Stunde rolle ich parallel mit Herbert aus St. Gallen. Herbert steht auf diesem Teil der Strasse, welcher in verblassten TCS-Magazinen noch Überholspur genannt wurde.
Etwa auf der Höhe Winterthur Wülflingen, die Uhr hüpft auf 15 Minuten nach der sechs, tauschen wir durch die Seitenscheiben in der erquickenden Morgenluft unsere zerlesenen Zeitungen aus, schliesslich gilt es noch die paar Meter, oder halbe Stunde, bis Winterthur Töss zu überbrücken.

Ein Kaffee und Croissant wäre ganz nett, aber nun verlangt der Verkehr meine gesamte Aufmerksamkeit.
Im Schritttempo gilt es die Ausfahrt Effretikon anzupeilen, möglichst ohne den Motor abzuwürgen. Der Duft einer glasig geschliffenen Kupplung zerstört den idyllischen Morgen. Was braucht es noch, damit die Autobauer umdenken? Wir benötigen keinen langen fünften und sechsten Gang, geschweige denn PS im mittelhohen dreistelligen Bereich. Nein, die gute schweizerische Nationalstrasse erfordert einen Schildkrötengang. Eine Tempomat für solch zarte Geschwindigkeiten, dass wir innerorts von entnervt klingelnden Rollatoren-Piloten zum beschleunigen genötigt werden.

Die 90 Minuten „Fahrt“ vergehen im Nu und die Vorfreude auf den Feierabendverkehr lässt uns kaum ruhig arbeiten.
Sie sehen, das Pendeln ist eine feine Sache. Haben wir Arbeitswegfetischisten bisher nur hinter vorgehaltener Hand zugegeben, aber Sie kamen uns auf die Schliche. Ihnen machen wir nichts vor.

Mit dem Pendlerabzug, welcher auf 3000 Franken limitiert wurde, wollte man uns züchtigen. Zugegeben, dies schmerzt schon ein wenig. Die Benzinkosten werden damit nicht gedeckt, geschweige denn solch merkwürdige Dinge wie Versicherungen, Kupplungen und neue Reifen.
Daraufhin sprach ich bei meinem Arbeitgeber vor, doch obwohl unser beider Löhne aus demselben Säckel kommen, habe ich leider keinen Anspruch auf die pauschale Vergütung von 4’640 Franken pro Jahr. Welche meine Auslagen nicht vollumfänglich decken würde, aber ein netter Zustupf wäre. Ich denke, einen kostendeckenden Betrag würden wir erreichen, wenn auch ich pro viertel Stunde über 90 Minuten Arbeitsweg 22.50 Franken Entschädigung erhielte. Zu zwei drittel steuerfrei, versteht sich, sonst würden wir uns ja in den eigenen Schwanz beissen.
Sie müssen wissen, umziehen reizt mich nicht besonders; Wer schraubt sich schon freiwillig eine ZH-Nummer an das Fahrzeug. Daher erwägte ich den Hotalaufenthalt. Aber auch hier gibt es Bundesangestellte und Bundesangestellte. Die Übernachtungsentschädigung von 180 Franken ab einer Distanz zum Wohnort von 10 Kilometer gilt nur für Parlamentarier.

Was ich in diesem Zug noch fragen wollte; Erhalten Sie Ihre Mahlzeitenentschädigung von 115 Franken pro Arbeitstag pauschal, oder müssen Sie dafür Belege sammeln? Und hat das Bundeshaus eine Kantine, bei deren Benutzung sie eine kleinere Entschädigung erhalten, analog meinem Abzug in der Steuererklärung?

Zurück zu dem leidigen Verkehrshindernis. Diese Pendler kleben auf der Strasse wie Zecken in der Kniekehle. Vielleicht müsste das RAV umdenken. Anstelle von vier Stunden zumutbarem Arbeitsweg, sollte man die Limite kehren. Wer so dreist ist eine Stelle anzutreten, welche mehr als 20 Minuten Arbeitsweg voraussetzt, sollte per sofort auf Staatskosten in einen Sondersetting-Urlaub gesteckt werden, dass ihm solche Flausen ausgetrieben werden.

Doch ihr Clou ist auch nicht schlecht. Die Sache mit dem Radar bei Winterthur Wülflingen schien wohl schon durch das Laden der Akkumulatoren ein Verlustgeschäft, bei 15 km/h Durchschnittgeschwindigkeit lässt sich kein Batzen verdienen.
Daher ist es nachvollziehbar, dass die Pendler doch einfach für’s stehen zahlen sollen.
Wenn der Arbeitnehmer schon nicht bereit ist, nur von zehn bis 14 Uhr zu arbeiten, soll er für seine morgengrauende Bettflucht auch dem Staat etwas entrichten. Kennen wir von der Erbschaftssteuer, eine Steuer muss nicht zwingend eine staatliche Leistung voraussetzen. Manchmal steht dem Staat einfach Geld zu, das müssen wir nicht verstehen, erscheint mir nichts als fair. Und abends gleich nochmals zur Kasse, was stellt der sich auch erst um 18 Uhr auf die Autobahn.Wenn sich dieses Pendlertum nicht abwürgen lässt, kann man zumindest die Staatskasse sanieren.

Kürzlich, etwa Höhe Wülflingen gleich bevor die Spuren baustellenbedingt aufgeteilt werden, tauschte ich mich mit Herbert über die aktuelle Thematik aus. Er sieht dies mit anderen Augen.
Herbert ist auch schon ein paar Jahr älter, lebt ein wenig in der Vergangenheit. Mit „es war einmal“ wollte er mir weismachen, früher war da noch keine Baustelle bei der Tössbrücke. Und, verzeihung, die Bauarbeiter sollten endlich die Finger aus dem Arsch nehmen.
Ein kleiner Igel spazierte stinkfrech und zügig auf dem Mittelstreifen zwischen unseren Fahrzeugen durch, worauf wir ein wenig fasziniert die Bauarbeiter vergassen.
Welche Bauarbeiter eigentlich? Meine Vermutung, dass diese Baustelle schon immer da war kommt nicht von ungefähr. Wenn ich morgens durchfahre ist noch kein Betrieb und wenn ich abends auf dem Rückweg bin, keine Werkstätigkeit mehr. Vorausgesetzt, da herrscht überhaupt einmal ein Treiben, da mich deucht, die Bagger und Dumper setzen bald Moos an.
Unter uns gesagt; Jede Volg-Filiale hat mittlerweile Schichtbetrieb, würde auf diesen Baustellen wirklich gearbeitet, dann doch sicher nicht nur zwischen 9 und 16 Uhr.
Nein nein, warum auch immer Streifen umgelegt, Abschnitte gesperrt werden und die Höchstgeschwindigkeit auf Schritttempo gesetzt wird; Dies muss andere Gründe haben, die verstehen wir kleinen Bürger nur nicht.

Nun, liebe Frau Leuthard, ich bin neugierig, welche Entwicklung diese Pendlerbesteuerung nimmt. Und wie sie umgesetzt wird.
Momentan muss ich wie ein trotzendes Kind wirken, welches seine Grenzen auslotet. Welche Hürden muss man diesem notorischen Pendler noch in den Weg stellen, bevor er endlich davon abrückt, täglich beinahe 13 Stunden für seine Werkstätigkeit aufzuwenden und wie jeder vernünftige Menschen stempeln geht.

stau

 

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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