Vorfreude auf den Valentinstag

Nicht vergessen, am Samstag zelebrieren wir die Enthauptung des Martyrers Valentin von Terni.
Seine Gebeine sind als Reliquien in mindestens 13 Kathedralen, Kirchen und Kapellen verteilt. Der Schutzpatron von Jugendlichen und Imkern, er wird angerufen bei Krankheiten wie Pest, Epillepsie und Wahnsinn. Und er hilft bei der Wahrung der Jungfräulichkeit bis in die Ehe.
Welch Ironie, diesen Heiligen als Schutzpatron für den Valentinstag zu ernennen.

Ja es ist Valentinstag.
Wir brauchen keinen Tag um uns zu sagen, wie lieb wir uns haben.
Oooooh. Mit Zuckerguss oben drauf.
Wir schenken uns auch einfach so etwas. Oft! Manchmal. Gelegentlich. Es kommt vor. Eigentlich nie.
Darum ist es gut, gibt es den Valentinstag. Des Menschen Alltag ist durchorganisiert, wir haben einen Tag, an welchem wir die Mutter besuchen, nach Terminplan bescheren wir Kinder und Partner, warum denn nicht auch einen festgelegten Tag, an welchem wir uns lieben? Pardon, die Liebe mit einem symbolischen Blumenstraus zeigen. Der Blumenstrauss kann gewiss die Küche öffnen, aber muss ja nicht sein, die Liebe geht viel tiefer, oder höher, als nur über das körperliche. Mit der Unterstützung von Valentin.valentinstag

In meinen Augen ist eine Partnerschaft nur die Anzahl der Kompromisse, welche wir einzugehen bereit sind.
Je stärker die Liebe, desto höher die Kompromissbereitschaft und die Liebe wird durch die Reize bestimmt, welches das Gegenüber auf uns ausübt. Während, zumindest behaupten Forscher dies und ich bin geneigt meine Zustimmung auszusprechen, Männer eher auf das Visuelle ansprechen, sind Frauen der Sicherheit zugetan.
Kaum ein Ding wird so oft verleugnet, wie diese Tatsache. Aus Angst, ein nicht sehr hübscher Charakterzug würde offen gelegt. Obwohl einige Milliarden Menschen seit tausenden Jahren in diesem Sinne agieren, schämt man sich immernoch dafür. Es stellt uns mit dem Neandertaler auf eine Stufe, harmoniert nicht mit unserer aufgeklärten Gesellschaft.
Hat der Mensch noch den Urtrieb des Fluchtinstinktes und die Intuition in sich, ist man stolz, diese wertvolle, schützende Eigenschaft bei aller Zivilisierung bewahrt zu haben. Assoziert der Mann eine attraktive Frau mit einem gesunden, starken Nachwuchs und sieht Frau in der Geldbörse des Gegenübers eine sichere, stabile Zukunft, empfinden Menschen dies als falsch.
Hach, diese dummen Menschen.

Ich begehre, was ich nicht haben kann. Möchte halten, was mir zu entgleiten droht.
Ist dies Liebe?
Glaubt man wissenschaftlichen Theorien, ist das nahezu psychotische Überbewerten des Partners, das Ausschalten von rationalem Denken wichtig zum Fortbestand der Spezies. Im Rausch der Gefühle wirft man Bedenken und Vorsätze über Bord, mitsamt Pille und Präservativ.
Die folgenden vier Jahre, das Angleichen der Hormonspiegel an nahezu vernünftige Werte, dient dem Erhalt der Familie, die Arbeitsteilung, bis der Nachwuchs auf eigenen Füssen steht, als eigenständiges Individum zu agieren beginnt. Bis man sich wieder mit dem Partner beschäftigen muss. Darf. Sollte. Könnte. Dies wäre dann die letzte Bewährungsprobe.

Soweit die Wissenschaft.
Ich wechselte von der Verliebt-Sein-Phase stets direkt in die Bloss-weg-Phase, daher sagt ihr mit Fug und Recht; Was verstehst DU davon??!!??
Gar nichts. Aber ich hänge mir soeben eine Bedienungsanleitung um den Hals und diese wünscht man sich doch bisweilen.
Sind wir mal ehrlich, gibt es etwas Schlimmeres als Schwiegereltern in spe? Etwas effizienteres um einen in die Flucht zu schlagen?

Plötzlich hat man eine Ecke mehr, an welcher man Weihnachten verbringen sollte. Nicht nur Weihnachten, sondern auch der 87. Geburtstag der Grosstante Kunigunde mit dem Seegrundstück. Der Partnerin ist es ausserordentlich daran gelegen, dass man an diesen Lustbarkeiten teilnimmt.

Bewegt sich in eine fremde Wohnung, muss ich nun die Schuhe ausziehen oder nicht? Die Schwiegermama hat das hübsche Kleid mit den grossen, blauen Blumen angezogen, der Schwiegerpapa seinen guten Anzug aus reiner Schurwolle mit einer zehnprozentigen Beimischung von Kunstfaser. Wohl bewegt man sich nur in den vier Wänden der schwiegerelterlichen Wohnung, doch steht ein besonderes Fest an, daher lümmelt man nicht in der Jogginghose. Im Anzug, mit dem Beinkleid welches man ein wenig reichlicher trägt, es sich mit dem Eintragen der Sitzfalte jedoch noch hebt, wirkt man etwas komisch in Strümpfen und dem Hosensaum unter der Ferse. Daher gleitet man im feinen, braunen Lackschuh über die Auslegeware.
Leider wurde mir kein Dresscode mitgeteilt „Sonntag um 12.00. Kannst auch früher kommen. Freu mich uh fescht“, weswegen unter der bequemen Jeans ein altes Paar Airwalk mit ablösender Sohle meine Füsse die 20 Meter vom Parkplatz zur Haustüre mehr als ausreichend beschuhen sollten.
Gehen wir noch aus, war meine verdutzte Frage auf das süsse Kleidchen und die hübschen, gewiss ganz fürchterlich unbequemen Schuhe der Partnerin, welche die Tür öffnete.
Natürlich nicht.
Wenigstens achtete ich auf tadellose Strümpfe, was nun ja hinfällig war, zumindest, dass alle Zehen gut verdeckt sein waren. Der Saum war zur linken mit einem Puma und zur rechten mit dem zweideutigen Kappa-Symbol geschmückt, aber dies sah ja niemand. Zumindest, wenn nicht noch ein Kneipp-Ritual zu den Festlichkeiten gehörte.

Kaum in der Wohnung angelangt, verriet mich die Partnerin auf das niederträchtigste.
Sie schickte sich an, ihrer Frau Mutter in der Küche zu helfen. Frau Mutter, welche kurz hektisch die Hände an der Schürze abwischte, sich höflich vorstellte, mich von oben bis unten taxierte, auf den Airwalk mit der ablösenden Sohle einen Tick zu lange verweilte und für den Bruchteil einer Sekunde mit dem Mundwinkel zuckte, um gleich darauf zu einem Lächeln, halb nachsichtig, halb tadelnd überzugehen.

Da steht man auf dem Läufer, bestellt und nicht abgeholt, völlig auf sich alleine gestellt. Ungewiss, darf man nun ins Wohnzimmer flanieren und sich in die Chesterfield-Sessel fläzen, hat man sich an den Esstisch zu setzen oder bleibt man einfach stehen. Während der Hund seine Schnauze nicht aus meinem Schritt nehmen will. Gedenkt man ihn zu steicheln, du Grundguter du (du verdammte perverse Scheisstöle, schnüffle an einem anderen Pullermann) zu murmeln, beginnt der Köter zu kläffen und jaulen, dass vom Schwiegervater über die Tochter bis zum Wellensittich alle der Überzeugung sind, du hättest dem allerliebsten Familienhund soeben min Inbrunst in die Seiten getreten.

Aus, komm her Fluffi, klingt es.
Geh weg von diesem, ungewaschenen, tierhassenden Kerl, schwingt unüberhörbar im Subtext mit.
Geh doch ins Wohnzimmer, hihihi, erklingt es aus der Küche.
Ich kann nicht, rufe ich zurück, mit Blick auf den süssen, zähnefletschenden Fluffi.
Aus, Fluffi!
Warum heisst es eigentlich immer ‚Aus‘? Ich meine, wenn man ‚Aus‘ rufen muss, ist das Kind bereits geschaukelt, oder? Dann bleibt nur noch der Drei-Tage-Bart als Nachweis, dass Thestosteron durch meinen Körper fliesst.
Den Drei-Tage-Bart, welcher der Schwiegerpapa in spe mit derselben Missbilligung betrachtet, wie meine gesamte Erscheinung. Dies ist er nun also. Sein Bett war vielleicht falsch ausgerichtet oder er hätte mehr rechts halten sollen, jedenfalls waren ihm nur Töchter beschert. Töchter mit einer ausgeprägten sozialen Ader – sonst hätte eine davon kaum ein Subjekt von meinem Schlag in ihren Schoss gezogen, schien ihm direkt auf die Stirn geschrieben – und er fürchtete ständig um die Nachfolge für seine Trikonagen- und Strumpffabrik, welche sein Urgrossvater eigenhändig mit nichts als guter Hoffnung und billigen Arbeitskräften aus dem Boden gestampft hatte.
Während ich überlegte, dass es nur angemessen wäre, er würde mir einen rauchigen Scotch kredenzen und eine Zigarre anbieten, sah er den Wert seiner Einrichtung bereits gemindert, indem so etwas wie ich hier drin nur atmen würde.
Widerwillig bot er mir mit einem festen Händedruck das Du an und mir wurde sofort klar, da steckte Frau Tochter dahinter, nachdem der gestrenge Papa wohl einige meiner Vorgänger bereits in die Flucht geschlagen hatte.
Und was arbeitest du?
Soso…, das ’nun gut, das muss ja auch jemand machen‘ stand unausgesprochen zwischen uns im Raum. Mittlerweile war ich so klein, dass ich fürchtete, beim Überschreiten der Schwelle in den Ess-Salon eine Trittleiter zu benötigen.

Ich durfte neben der Partnerin sitzen, was mich dann doch etwas überraschte in diesem sittsamen Haushalt. Wenn sie dann zum sitzen gekommen wäre. Selbstverständlich ging sie schwebend und kichernd der Mutter beim Auftragen der Speisen zur Hand. Nun sass ich wohl, am Gefühl des deplatziert sein änderte sich nichts.
Den Regeln der Gastfreundschaft folgend, wird mir zuerst der Teller gefüllt.
Sagst einfach stopp, wenn es genug ist.
Eine verdammte Falle. Nimmt man nun genug, dass man satt ist, oder zelebriert man lediglich den Anschein einer Nahrungsaufnahme um die ganze Farce weiterzutreiben.
Von diesen Fleischstückchen, von der Grösse eines Chicken-Nuggets, könnte ich wohl problemlos die ganze Platte verspeisen, rechnete jedoch nicht damit, dass in der Küche noch mehr lagen. Die Gaben am Tisch reichten kaum für die Hälfte der Anwesenden. Ergänzt mit einem Gratin, dessen Genuss ich mich aus verdauungstechnischen Gründen auch nur bedingt hingeben könnte.
Ich wurde beim höflichen, oh so grossen Hunger habe ich gar nicht, vom protestierenden Grummeln des Magens gleich der Lüge bezichtigt.

Da hat aber jemand Durst, bedeutet wohl, dein neuster Fang hat doch ganz klar ein Alk-Problem, als mein Weinglas zum dritten Mal gefüllt wurde. Des Papas Augen rollten wie die Zahlen einer Registrierkasse, als er zweifelsohne das Loch errechnete, welches dieses asoziale, trinkende Subjekt in seinen Weinkeller riss.

Komm, wir machen vor dem Nachtisch einen Verdauungsspaziergang.
Was für eine nette Idee, würde die Sonne nicht in Strömen vom Himmel giessen. Das Angebot der Regenjacke in Gelb und Pink schlug ich aus und schlug die Kapuze meines Hoodies hoch, um wie ein nasser Hund in meinen löchrigen Airwalk neben der Familie herzutapsen. Jeder seines Standes gemäss.

Als man dann in trauter Gemeinsamkeit nach dem Nachtisch im Wohnzimmer sass, dachte die Mutter, es wäre doch nett, wenn man das Abendmahl auch gleich zusammen einnehmen würde. Nichts Grosses.
Mein Plan, mich nachher an der Tanke satt zu essen, wurde über den Haufen geworfen. Selbstverständlich war die Tochter begeistert, schloss daraus, dass ihr Subjekt, also ich, von der Familie akzeptiert war. Aufgrund des üppigen Mittagmahls, normalerweise schienen sie von Luft und ihrer Selbstzufriedenheit zu leben, wollte man das Abendessen jedoch etwas nach hinten schieben.
Sieht doch solange die Fotos an, klatschte die Mama freudig in die Hände.
Eine Europoolpalette, 1200 x 800, mit Doppelrahmen wurde ins Wohnzimmer gekarrt. Bildlich gesprochen. Diese Verpackungseinheit wäre von Nöten gewesen, würde man die fotografischen Familienerinnerungen dereinst umsiedeln.
Das Album zu 98 Seiten, zu je vier bis sechs Fotos, mit zweizeiliger Bildunterschrift. Hinter jedem Bild eine Kurzgeschichte.
Meine Mundwinkel schmerzten vom Grinsen, das Ja und Oh klang längst nicht mehr so beeindruckt und überrascht im alternierenden Rhytmus. Der Gratin durchwühlte und blähte geräuschvoll meinen Darm und Schwiegervater achtete mit Adleraugen, ob ich auch wirklich aufmerksam bei der Sache war.

Hach, das war ein schöner Tag, sprach die Dame mit Überzeugung. So richtig nett, nicht wahr? Das müssen wir bald wiederholen!

Unbedingt, sprach ich, unbedingt… und griff nach der Voltarensalbe um die Verspannung in meinen dauergrinsenden Gesichtszügen zu lösen.

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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