Wenn einer eine Reise tut

Um der Einsamkeit zu entfliehen, muss man sich vor den Menschen hüten.

Freitag ist an sich schon in Ordnung, an jenem Freitag, an welchem man das Pikett weitergibt fühlt man sich jedoch wie Jesus am Ostersonntag; Kreuz weg und so, jetzt mal tüchtig in die Hände gespuckt.
Klar ein wenig ein schlechtes Gewissen, man bindet die Fussfessel dem nächsten Trottel, nichts für ungut, um, aber jetzt galt es die Zeit zu nutzen. Habe ich ganze zwei Wochenende frei, bevor ich wieder für drei Wochen mit dem Firmenhandy in die Wanne steige. Ein merkwürdiger Zyklus, ich weiss, aber bisweilen muss sich das Arbeitsgesetz den Budgetvorstellungen beugen, wo keine Gewerkschaft da kein Kläger, wo kein Kläger da kein Richter und wäre da doch ein Kläger, dann stehen 3,1 Prozent potentielle Nicht-Kläger in den Startlöchern, so wird ein Schuh draus.

Piz Mitgel hiess das Ziel.
Um halb zehn Abends feierte mein Salewa einmal mehr Aufrichte. Im Schimmer meiner Stirnlampe und strömenden Regen trieb ich Heringe in den schlammigen Boden, etwas ungewiss, ob ich nun auf dem Campingplatz oder in Familie Caduffs Garten gelandet war.
Der Platzbetreiber erklärte mir telefonisch, ich könne mich morgen anmelden, die Ausführungen über die genaue Lage des Platzes oder der sanitären Einrichtungen auf selbigem wurde Opfer des atmosphärischen Rauschen im Mobilnetz.
Nun, da bin ich unkompliziert.
Dennoch drängte sich am nächsten Morgen der Wunsch nach einer Toilette in den Vordergrund. Gewisse Geschäfte lassen sich zur Not im Schutz der Dunkelheit auf des Nachbars Parzelle verrichten, für andere empfiehlt sich schon eher eine Keramikschüssel.
Nebenan war eine Art Hotel oder Asylantenunterkunft, so genau weiss man dies momentan nicht im Bündnerland, über eine Metalltreppe erreichte ich die obere Etage und eine Tür mit aufgeklebten Piktogrammen, klassische Weiblein-Männlein Figuren. Mit der Dynamik des Eintretens drehte ich auf dem Absatz und glitt wie eine Katze wieder aus dem Schlafzimmer.
Die Tür gegenüber war mit Waschküche beschriftet und, heureka, gar eine Toilette war vorhanden. Nicht sehr sauber, aber immerhin.
Mit wachsendem Druck glitt ich wieder über die Metalltreppe zurück auf den Campingplatz, um einen Sekundenbruchteil später, etwas verkrampfter aber mit einer Rolle Drei-Lagen-Deluxe Papier zwischen den Zähnen zurück zu sprinten.

Ein neuer Versuch an der Reception, den Öffnungszeiten zu Folge könnte es auch die Gemeindeverwaltung gewesen sein; Ein Schild verkündete mir, dass selbige zwischen zehn und elf sowie zwischen 16 und 17 Uhr besetzt sei.
Abermals wurde mir telefonisch versichert, ich könne Abends bezahlen, kein Problem. Es lag mir nicht daran Däumchen zu drehen, um 0815 startete ich in Richtung Berg, im Nacken drei kleine, alte Italiener.
Der Parkplatz wurde wegen Sanierungsarbeiten nach unten verlegt, der Zustieg verlängerte sich auf drei Stunden, so der Hinweis. Um zehn Uhr zurrte ich am Fusse der Wand den Klettergurt um die Hüften, die drei kleinen Italiener hatten mich bereits überholt, was mich kräftig wurmte. Aber die hatten gewiss auch keine Steigeisen im Rucksack und einen angeschnallten Eispickel erkannte ich auch nicht, wie es einem auf der offiziellen Homepage nahegelegt wurde, da der Gipfel noch überzuckert war. Dass sich die Savogniner einen Scherz erlaubten – da liefen gewiss Wetten, wieviele Trottel ihr Eisen hochschleppten – erkannte ich erst zwei Stunden später.piz-mitgel
Ich bin schon etwas ausser Übung, leiste wohl zuviel Pikett, und die Nervenstärke hat auch merklich nachgelassen.
Natürlich, man kann jetzt sagen; Klettersteig gleich Kinderspielplatz, pille-palle. Klar, es ist kein Klettern in Reinform, aber für Menschen ohne soziale Kontakte bietet sich nur Free-Solo – wenn ich mir dies so überlege, bietet sich dies GERADE für Menschen ohne soziale Kontakte an – oder eben Klettersteige an. Für Ersteres habe ich einen zu grossen Pendenzenberg auf dem Schreibtisch, es wäre unvernünftig ohne Sicherung zu klettern.

Kleiner Infoblock; Wie alle Klettervarianten, gibt es auch hier Schwierigkeitsgrade. Der Piz Mitgel erreicht, dank der überhängenden Passagen, einen K5, resp. ein E.

Schwierigkeit: extrem schwierig, da sehr anstrengend und äußerst kräfteraubend
Gelände: senkrecht bis überhängend; durchwegs ausgesetzt; sehr kleine Tritte oder Reibungskletterei
Sicherung: wie D, allerdings öfter mit Kletterei kombiniert
Voraussetzungen: viel Kraft in Händen (Fingern), Armen und Beinen, erhöhtes Maß an Kondition, Beweglichkeit, über längere Strecken kann die Hauptlast auf den Armen liegen
Ausrüstung: Klettersteigausrüstung obligatorisch, Seilschaftsverband gerade bei Touren mit Stellen ohne Sicherungseinrichtungen überlegenswert; Anfängern und Kindern ist davon abzuraten

Der Sturz ist nicht unbedingt empfehlenswert. Da man nicht dynamisch gesichert ist, erhält man einen Sturzfaktor 5, null wäre das doppelte Körpergewicht. Das hält kein Klettergurt und keine Wirbelsäule aus. Also gibt es spezielle Steigsets, welche durch eine sich ausziehende Schlinge die Geschwindigkeit bremst. Rutscht man also aus, gleitet man zunächst zwei bis drei Meter im freien Fall, Hossa, bis der Karabiner an der nächsten Seilsicherung greift. Dann wickelt sich die Bandschlinge ab, welche der ganzen Sache den Schwung nimmt. Dann hängt man mal, man sollte auch wieder hochkommen, ich weiss noch nicht einmal ob man an einer Schlinge prusiken kann… Wie auch immer, ich will es nicht versuchen.klettersteig

Wir wollen es nun auch nicht überspitzen, wie gesagt, man hat stets ein Sicherungsseil in Griffnähe welches man krallen kann und wie ihr seht, wird der Fels durch Griffe ergänzt. Ein gewisser Nervenkitzel bleibt, deswegen macht man es ja auch.

Kommen hier also die überhängenden Stellen.
In Sachen Technik habe ich nie einen elegenten Kletterstil verfolgt, es ist beileibe kein schöner Anblick.
Ziehe ich mich hoch, arbeite vorwiegend mit den Händen, bis ich mit dem beschissenen Pickelstil an den Felsen über mir stosse, was meinen Rucksack empfindlich nach hinten und mich von der Wand wegdrückt. Scheissgefühl. Schiebe mich in die Felsspalte, setze die Füsse ab und will mich dynamisch aufrichten, als die Karabiner in der Sicherung festhängen. Sich mit der eigenen Ausrüstung im Fels verkeilen, das passiert nur solchen Trotteln, welche den kompletten Hausrat mit sich schleppen. Oder der Homepage vertrauen. Einen hässlichen Augenblick lang verlor ich etwas die Nerven, schimpfte auf Gott, die Welt und Salewa sondergleichen, lasse mich hinuntergleiten und hänge einen zweiten hässlichen Augenblick lang einhändig zwischen Himmel und Erde, während ich mit der anderen Hand die Karabiner aus der Sicherung entwirre und mit äusserst beruhigenden Klicken wieder einrasten liess.
Dies war der Moment, als ich mir sagte, ich fahre nur noch Sessellift. Aber der ärgerliche Teil der Geschichte beschränkte sich auf dieses dumme Intermezzo und war ansonsten toll.
Der Gipfel, war leider nebelverhangen. gipfelVor mir zwei Kletterinnen auf der Senda Finala, welche über den Grat zum Gipfel führt und die Sendo Verticala und Sendo Diagonala vereint, welche meinen Sturm etwas ausbremsten. Nicht unangenehm, hatte mich mich fitter eingeschätzt und war froh über die Pausen, was ich so natürlich nie eingestanden hätte, schon gar nicht, als wir gemeinsam oben sassen.

So zuckelte ich hinten nach, fotografierte die Damen artig vor dem Gipfelkreuz und genoss noch eine halbe Stunde bei gefühlten 0 Grad die Aussicht von 20 Metern in die Nebelwand. Dafür steigt man auf 3159 Meter auf.

gipfelkreuz

Nach zwanzig Minuten Abstieg hatte ich die Damen wieder eingeholt, welche sich währenddessen dank der immer dichter werdenden Milchsuppe in der Geröllhalde verlaufen hatte. Ich mich auch, aber eigentlich gab es nur eine Richtung, runter und eher links.
Selbstverständlich konnte ich mir einen Spruch nicht verkneifen, von wegen Unterländer muss den Bündnern den Weg zeigen und ging guter Hoffnung voran.wegweiserLasst uns frohlocken und einen Reigen tanzen.
Nachdem die Seile wieder sichtbar waren empfahl ich mich höflichst, ich hatte einen Termin vor siebzehn Uhr an der Rezeption.
Die Geröllhalde, anstelle der Sendo Diagonala, gab meinen Knien ziemlich den Rest, der folgende Wanderweg wollte nicht enden, bis ich viertel vor fünf beim Wagen war.
Nicht mein Fehler, dass der SPAR-Markt noch offen hatte. Der Filialleiter, einen Tick zu sehr zuvorkommend, begrüsste mich wie einen alten Kumpel, wuselte hilfsbereit hinter mir her und hielt letztenendes noch den Verkehr auf, damit ich in die Hauptstrasse einbiegen kann. Entweder lag dies an meinem hautengen Salewa-Funktionsshirt, dessen animalischer Ausdünstung oder die Bündner sind einfach so touristenfreundlich.
Mit meinem Bier, Schokoriegel und Erdnüssen stand ich um exakt 16 Uhr 59 vor der geschlossenen Reception.
Dann eben morgen. Ein netter Deutscher verriet mir die Lage der sanitären Anlagen; Ein Traum einer Dusche, fürwahr.

Um das Zelt vor Kondenswasser zu schützen, schlief ich bei offener Plane. Ein toller Plan bei maximum 5 Grad am Morgen. Kondenswasser war kein Thema, Morgentau auf dem Schlafsack schon. Nichts desto trotz, sehr muggelig.
Ein zwei Kilometer Fussmarsch in die Bäckerei und zurück, derweil hielt die Sonne über dem Platz Einzug, draussen sitzen, frühstücken, Radio Grischa hören… Welches Hotel könnte mir dies bieten?fruehstueck
Zehn Uhr an der Reception. Kein Mensch.
Nun, könnte nun sagen herzlichen Dank, aber für solch unbeschwertes Zelten werde ich ihnen wohl was zukommen lassen.
Ob ich Camping Julia in Savognin empfehlen kann? Weiss nicht… Ich zweifle immernoch, dass ich auf dem offiziellen Campingplatz nächtigte, er war zu abgelegen von den Wohnwagen und dem Platz als solchen. Die sanitären Anlagen; Ich träume von einer solchen Dusche zuhause! Die Freundlichkeit am Telefon, absolut.
Savognin als solches… In der Bäckerei waren sie freundlich, im SPAR ebenso und der Dorfpolizist welcher bei strömenden Regen dem Unterländer den Weg zum Camping beschrieb eigentlich auch. Kann man geben.
Den Klettersteig, unbedingt!
Das Wandergebiet? Ich habe keine Ahnung. War im Wettstreit mit drei kleinen, alten Italienern, hatte keine Zeit zu gucken.
Sie kamen mir übrigens auf dem Gipfelgrat entgegen und waren schon lange weg, als ich zum Parkplatz kam, flinke kleine Mistkerle.
Das Wochenende, fern von allem? Absolut!

 

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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