Wenn Ziegenhirten LKW fahren

Was immer einen Bulgaren namens Poporov trieb, seinen LKW von Sofia in Bulgarien auf die britischen Inseln zu fahren entzieht sich meiner Kenntnis. Gewiss ist, dass er von der Fahrt auf der falschen Strassenseite etwas überfordert war.

Im Grundsatz deucht mich der Linksverkehr nicht weiter verwirrend. Auf der Autobahn, den sogenannten Motorways, unterscheidet sich der Verkehrsfluss von der Schweizer Verkehrswegen nur darin, dass man auf der linken Spur tatsächlich 120 km/h fahren kann und je weiter rechts man gelangt, umso flotter voran kommt.
Informationen über das Tempolimit zog ich natürlich nicht ein, also orientierte ich mich am langsamsten und schnellsten Fahrzeug auf der Strecke, nahm den Mittelwert, ignorierte diesen und fuhr daraufhin etwas zügiger als das Schnellste. Nichts ist schlimmer als schleichende Touristen und ich wollte ja einen guten Eindruck hinterlassen.

Ich meine mich zu entsinnen, dass ich gerade ganz links fuhr, aber dies konnte kaum sein, denn plötzlich fuhr links ein Lastwagen an mir vorbei. Wobei, er fuhr nicht wirklich vorbei, ich wurde seiner Existenz erst gewahr, als er mit Hingabe begann meine neue Alufelge nieder zu raspeln, was sich etwas befremdend anfühlt wenn man mit 120 kmh dahingleitet. Daraufhin habe ich wohl die Geschwindigkeit geringfügig reduziert, denn er setzte sein zerstörerisches Werk am Kotflügel weiter, verformte die hintere Türe und entschied sich erst von meinem kleinen, schwarzen Wagen abzulassen, als er an der Fahrertür angelangt war. Poporov musste den französischen Fremdkörper an seiner Stossstange bemerkt haben, was ihn veranlasste, den linken Strassenrand anzusteuern. Ich setzte meinen Wagen vor ihm in den Strassengraben.

Im Grundsatz bin ich ein ausgeglichener Mensch und war in erster Linie einmal dankbar, dass mein Reifen nicht platt war, denn ein Reserverad führte ich selbstverständlich nicht mit. Der sportlichen Linie treu bleibend verzichtet Renault auf solchen Ballast und stattete meinen Wagen mit einer Flasche voller dichtender Flüssigkeit und einem kleinen Kompressor aus. Damit sollte ein Platten wohl behoben werden können, ob es bei einem aufgeschlitzten Reifen ebenfalls reicht, wage ich zu bezweifeln.
Poporov winkte hinter seiner Windschutzscheibe hektisch mit einer gelben Leuchtweste und so konnte auch ich meine Landi-Errungenschaft für 9.95 endlich sinnvoll einsetzen. Feststellend, als ich das Pannendreieck hervorkramte, dass mich die Firma Renault ebenfalls mit einer solchen ausgestattet hatte, wie auch einer Autoapotheke, welche ich somit ebenfalls überflüssigerweise in der Landi erstanden hatte.

Poporov verliess sein Führerhaus.
In einer blauen Adidas-Trainerhose, dazu harmonierenden Adiletten und einem knapp sitzenden Feinrippunterhemd, welches seine Figur betonte.
Leicht irritiert betrachtete er seinen Truck, fuhr sich mit den Fingern durch das strähnige Haar, betrachtete meinen Wagen und begann sich in seiner Muttersprach mitzuteilen. So sprachen wir aufeinander ein, ich in meinem wohlklingenden Cambridge-Englisch, er auf bulgarisch mit einem ganz fiesen Ziegentreiber-Dialekt. Beide überzeugt davon, wir müssten nur laut genug schreien, dann würde einem das Gegenüber schon verstehen.
Eine waagrecht ausgeführte Bewegung  seiner Hand liess mich vermuten, dass er mir nun entweder eine scheuern wollte, oder wir ein Unfallprotokoll aufsetzen sollten.

Ich begab mich in meinen Wagen, in der Erwartung gleich einen bulgarischen Truck mit durchdrehenden Reifen den Unfallort verlassend zu sehen und kramte ein europäisches Unfallprotokoll hervor. Dieses Ding, welches man ruhigen Blutes aufsetzen soll, kein Schuldgeständnis sein soll, aber mit der Unterschrift irgendwie trotzdem einem gleich kommt.
Nun galt es nur, das Ding richtig auszufüllen. Ich wollte mir seine sprachlichen Unzulänglichkeiten zu Nutze machen und seine Familie am liebsten über Generationen hinweg in meine Schuld stellen. Besiegelt durch seine drei Kreuze und dem Ziegenhirtenzunftsymbol.

Poporov schien eigene Pläne zu verfolgen, lud mich aufgrund des einsetzenden Regens ein, in seinem Führerhaus Platz zu nehmen. Wie der Unhold mit Lollys auf dem Kinderspielplatz lockte er mich mit vertrauensvollem Nicken in seinen roten Laster, sein Beifahrer nickte zustimmend und setzte ebenfalls zum einladenden Winken an. Also musste ich nochmals in meinen Wagen, meinen Kulturbeutel mit dem Bear-Grylls-Survivalmesser umhängen und begab mich in die Höhle des Lew.
Die Türen der Kabine sind wohl seit geraumer Zeit zum ersten Mal wieder geöffnet worden, der Geruch von einem ungemachten Bett, abgestandenem Kaffee, Zwiebeln und kaltem Rauch nahm mir den Atem. Poporov mag es wohl, stets ein Stück Heimat dabei zu haben. Der dümmlich nickende Copilot platzierte sich hinter mir in der Schlafkoje, Poporov selber nahm zu meiner rechten Platz, während ich mich hinter das Lenkrad klemmen durfte.
Die beiden tauschten sich in ihrem Ziegenhirtenslang aus, wohl ob sie mich mit dem Sicherheitsgurt oder doch professionell mit einer Garotte erdrosseln sollten, während ich meine Angaben in das Protokoll einsetzte.

Man kann über die Schweizer Bürokratie schimpfen, aber unsere Papiere sind so hübsch sauber und übersichtlich. Als ich Poporov nach seinem Ausweis fragte, legte er mir ein zerknülltes Stück Pappe vor. In kyrillischer Schrift. Von der 10er-Karte im örtlichen Kebabhaus bis zur Mitgliedskarte der Leihbücherei Sofia hätte dies alles sein können. Das Lichtbild, verschwommen und schwarzweiss, stimmte mit etwa drei Milliarden Erdenbürgern überein, Kinder nur ausgeschlossen, weil drei Viertel des Antlitz mit Bart bewachsen waren.
Auf meine Frage, was dies sein sollte, reagierte er mit einem nickenden Lächeln, als hätte ich ihm ein höfliches Kompliment gemacht. Daraufhin kramte er einen weiteren Zettel hervor. Kinder, welche Räuber und Gendarm spielten, hätten sich wohl wertigere Ausweise gebastelt.

Mein Hinweis, dass wir nun wohl nicht um die Polizei herum kämen behagte ihm gar nicht. Zumindest den Ausdruck Polizei schien er zu verstehen.
Unbeeindruckt verliess ich die Kabine, stellte mich auf die Strasse und winkte den Vertretern von Recht und Ordnung, welche sich glücklicherweise gerade auf der gegenüberliegenden Spur mit einem schrecklick zerknüllten Vauxhall Corsa auseinandersetzten.
Ich weiss nicht ob die Zeit der Bobby’s vorbei ist, es winkte mir ein moderner Gesetzeshüter zurück. Gross und breit wie ein Kleiderschrank, mit Schutzweste und bewaffnet bis an die Zähne. Noch etwas verunsichert, ob er nun Hilfe senden würde oder mich einfach als Fan der britischen Polizei eingestuft hatte, stand ich im Regen zwischen den Fahrzeugen, bis eine Dame in Leuchtweste mit meinem Pannendreieck winkend erschien.highway

Highway Agency nannte sich diese Eingreiftruppe im bunten SUV und sie interessierten sich nicht wirklich brennend für die Probleme von zwei Ausländern. Nachdem sie uns von der Autobahn heruntergelotst hatten, betrachteten sie ihren Job schon so ziemlich als erledigt.
Ich erklärte mein Problem mit dem Leihbüchereiausweis und der Kebabzehnerkarte des bulgarischen Ziegentreibers und kurz darauf versuchten sie sich mit rauchenden Köpfen an kyrillischen Schriftzeichen. Mein Bruder hat schon recht, Bulgaren sollten nur Traktor fahren und ihr unzivilisiertes Land zum Wohle aller nicht verlassen.
Der Schutzmann lag mir daraufhin nahe, ich soll die Papiere einfach fotografieren und meine Versicherung würde dies dann schon regeln. Aufmunternd, mit Daumen hoch und breitem Grinsen. Aus den Augen aus dem Sinn.

Es blieb mir wohl nichts anderes übrig.
Poporov machte sich daran mit Klebeband seinen geringfügig lädierten Truck zu reparieren, die Hilfssheriffs halfen ihm den Scania zu wenden und machten sich daraufhin fröhlich winkend und mit erhobenen Daumen vom Parkplatz. Alle waren glücklich.

Zurück blieb ich. Mit meinem demolierten Wagen. In der einen Hand meine ordentlichen, hübschen Ausweise, in der anderen ein europäisches Unfallprotokoll, mit welchem man ja überall durchkommt. Fein säuberlich ausgefüllt mit meinen Personalien und dem Schadensverlauf. Ohne Unterschriften so wertvoll wie das Papier auf welchem es gedruckt war.
Und es begann zu regnen.

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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