Wer isch da? Wa tuet de? Wo ghört de ane?

Man müsste mich wohl ausschaffen, hätte ich nicht unter dem wehenden Schweizer Banner das Licht der Welt erblickt.
Meine Integrationsbemühungen fielen dieses Wochenende wieder einmal mehr als dürftig aus.

Das Dorf war eine Festhütte, mein Schlafzimmer quasi mittendrin. Was bietet sich anderes an, als sich mitten ins Getümmel zu stürzen?
Genau, im Keller mit der Dolby Digital-Anlage die lustigen Flippers im Hause nebenan zu übertönen.
Abgesehen davon, dass mir schon die minimale Anzahl an sozialen Kontakten fehlt um ein solches Fest standesgemäss zu besuchen, ist mein Gesäss nicht direkt für Festbänke ausgelegt. Links der Meier, rechts der Müller. Einmal T-Shirt Schützenverein, einmal Turnverein und eine Mütze des GVS. „Haha, der Heiri het e Chappe aa!“
Leicht vornübergebeugt, die Hand lässig um einen Plastikbecher mit alkoholversetzten Traubensaft gekrallt, wird belangloses Stammtischgeplänkel ausgetauscht.
„Und du? Wa tuesch? Wo ghörsch ane?“
Oder anders ausgedrückt, was macht dieser fremde Fötzel hier, der war noch nie am Fest, hat noch nicht einmal ein Vereinsshirt. Er hat schon recht, der Heiri, hier gehöre ich nicht hin, bisweilen wird man einfach zu solchen Sachen gezwungen oder fühlt sich genötigt mitzumachen.
Links der Meier, rechts der Müller, schon der richtige Einstieg in die 38,5 Zentimeter breite Lücke auf dem Festbank will gekonnt sein. Haut man nun dem Meier oder Müller die Füsse um die Ohren, wem drücke ich mein Gemächt an den Arm und von wem lasse ich mich rektal mit der Schulter penetrieren, eine Gretchenfrage. Wenn man irgendwie mit einem Hüpfer auf den Bank gelangen könnte, aber ich würde gewiss mit dem Knie die Metallstrebe des Tisches rammen, dass alle ihre Plastikbecher halten müssten.
„Hesch gseh, de Fremd isch an Tisch ghocket. Wer isch da? Wa tuet de? Wo ghört de ane?“festgelage

Hat man sich erst platziert, gilt es das Servierpersonal am Rockzipfel zu erwischen, dass sie einem Trauben oder Gerstensaft kredenzen möge. Sie kennt den Meier, sie kennt den Müller, der dazwischen geht einfach unter.
Ist man doch an die Tranksame gelangt, haben Meier und Müller mittlerweile festgestellt, dass man mit dem Typ überhaupt nicht ins Gespräch kommen kann. Er kennt niemand, wirkt nirgends mit und „was er tuet“ will er auch nicht wirklich sagen.
Auf der Bühne ist die Band sich am selbst verwirklichen. Im wechselnden vier-Farben-Spot geben sie Schlager zum Besten und wecken mit Steppenwolf und Bryan Adams zwischendurch den Rocker im Bauern. Wenn man ganz grosses Glück hat zischt noch eine Polonaise vorbei, nötigt einem mitzumachen. Ermuntert von Meier und Müller – nicht zuletzt, weil sie die 38.5 Zentimeter des Bankes gerne unter sich aufteilen möchten – fasst man ein Bierfass auf zwei Beinen an den Schultern, marschiert im Schunkel-Gleichschritt, bis die lustige Heidi feststellt, dass fünf Leute nicht ausreichen, die Peinlichkeit des Schunkeln durch die Anzahl mitgerissenen Festlatschis wett zu machen und unter peinlichem Lachen löst sich die Kette auf. Während die Teilnehmer verlegen kratzend und beschämt lachend in den Kreis ihrer Lieben zurückkehren, müsste ich feststellen, dass meine 38.5 Zentimeter tatsächlich unter Meiers und Müllers Gesäss verschwunden sind, mit etwas Glück steht noch die Bierflasche da.
Man tappst etwas planlos umher, stellt sich in eine Ecke und vermisst sehnlichst den Glimmstengel um sich daran festzuhalten.

Man muss wohl einfach dazu gestrickt sein um ein solches Fest zu geniessen. Oder sich ordentlich zuschütten.

Doch das ist nicht der einzige Part, am Sonntag darauf kann man gsunntiget (Im Sonntags-Gewand) durch das Dorf flanieren. Vereine und Organisationen sorgen für Allerlei Kurzweil und Köstlichkeiten. Leicht verkatert trifft der Meier den Müller und man sitzt – heute in Hemd und Hose, es sei denn man arbeitet, dann natürlich im Vereinsshirt – in die Raclettestube. Also wieder auf einen Festbank.
Man schlendert durch das Dorf, für eine Strecke welche man in drei Minuten zurück legen könnte, braucht man deren fünfundvierzig. Allenthalben stolpert man über einen springenden Balg, eine hinterherwetzende Mutter oder in die zugehörige Gruppe, sich austauschender Familienväter. Oh ja, ich darf so reden, war ich ein sehr gesittetes Kind, herumtoben in einer Menschenmasse wurde nicht geduldet, sei es nun das Dorffest oder die Migros.
Zur Linken kann man Heidis Fertigkeit mit dem Kartoffelstempel auf dem Jutesack bewundern, zur Rechten darf man Ziegen streicheln und drei Schritte weiter Bälle auf eine Mohrenkopfschleuder werfen. Alles ganz gewiss tolle Sachen, so man ordentlich einen Sitzen hat.
Es ist wie an Weihnachten, man muss wohl Kinder haben um dies so richtig auszuleben. So wird man also durch das Dorf geschoben und gezogen, geht man zu schnell wirkt man arrogant, weil man Friedas feil gebotene Stickereien nur mit einem flüchtigen Blick bedacht, zuckelt man zu langsam, fragen sich die Leute, wer dieser schleichende Typ sei. „Wer isch da? Wa tuet de? Wo ghört de ane?“
Über kurz oder lang sitzt man wieder an einem Festbank. Nuckelt wieder Bier, überlegt sich schon wo hier überhaupt die Toiletten sind, löffelt eine als Älplermakronen feil gebotene Masse aus einem Plastikteller und stellt fest, dass man wiederum keinem Gespräch folgen kann.
Wie bei der Integration, man muss sich schon etwas vorbereiten. Also den Meier und den Müller sollte man schon kennen und die letzten drei Monate an Dorfklatsch zumindest fragmentweise präsent haben. Man muss keine Titelstory aus dem Ärmel schütten, vom Hören Sagen lernt man Lügen; Eigentlich kann man zum Besten geben was man will, sofern man hinzufügen kann, der hats gesagt.
Sollte der einmal darauf angesprochen werden, muss dieser sich höchstens an drei Schlagworte erinnern, den Rest hat man dann eben sonstwo gehört. Letztendlich wird sowieso alles mit „Hä, isch halt scho e Dorf“ quittiert, also ist völlig irrelevant, was man hinzu dichtet, da dies jeder so hält.

Oh, ich verurteile die Leute nicht, keineswegs. Die Fragen sich völlig zu recht „Wer isch da? Wa tuet de? Wo ghört de ane?“, das ist ihre Welt, da gehöre ich nicht hinein.

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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