Wie man sich bettet… Im Norden, Teil 2

Ihr habt schon einmal den Komfort eines …; Ach was frage ich, ihr seid Globetrotter, natürlich seid ihr schon einmal in einem Motel abgestiegen!
Ich nicht.

Motels. Was machen wir mit dem Serienkiller im Zeugenschutzprogramm? Ach komm, wir geben ihm zu seinen 12 Identitäten noch einen weiteren Namen und ein Motel.
Was macht der Junge nachdem er seine Eltern gemeuchelt hat? Er führt ein Motel.
Dieser Typ, welcher mitten in einem Gebiet von Generationen der Inzest entsprungenen Rednecks als einziger noch nicht von selbigen gefressen wurde, er führt ein Motel.
Der sexuell verkorkste Sonderling, der sich daran aufgeilt, wenn Igel Kleiderbürsten begatten, führt ein Motel. Mit Gucklöchern in der Tapete und Tunnels in den Zwischenwänden.
Normal. Wollte man die perversen Auswüchse in der Kriminalstatistik senken, man müsste einfach Motels schliessen.
Aber da hätte Hollywood keinen Stoff mehr und hier haben wir auch den Übeltäter meiner verschrobenen Sicht auf Motels.

Das von mir angepeilte Blockhaus wurde nicht von einer Zwergen oder Bärenfamilie in Schuss gehalten, es gehörte einem Motelbetreiber. Mit Mütze und einem dicken Dodge Pick-Up.
Also nicht, dass er es in Schuss gehalten hätte, aber er kassierte das Geld dafür. Nicht Vogue, Bunte und die FHM sind Meister im Photoshop, nein, es sind Hotelbetreiber. Die Bilder sind fototechnisch derart verfiltert, gereinigt, verzerrt und geschmückt, dass nur noch die Zimmernummer mit der Realität übereinstimmt.
So wurde aus einem hübschen Blockhaus ein… nun, es blieb ein Blockhaus, da kann man nichts dagegen sagen.

Mit Stromanschluss, damit hat man schon einmal die Ingalls von unserer kleinen Farm überflügelt. Dieser Stromanschluss speiste unter anderem einen Kühlschrank. Sparsam, erst nachdem ich einen Kippschalter an der Stromleiste betätigt hatte setzte er sich surrend in Gang.
Ob er seiner Kühlfunktion nachkam weiss ich nicht, das kurze Öffnen erwies sich als grosser Fehler. Der Geruch suggerierte mir, dass darin bis vor kurzem nicht nur ein halbes Rentier gelagert wurde, sondern in besagtem Kühlschrank sein Leben ausgehaucht haben muss und nahtlos in den Verwesungsprozess übergegangen war.
Nun gut, ich brauche keinen Kühlschrank.

Die Speisung blieb erhalten, da an derselben Stromleiste ein kleines Kochfeld angeschlossen war. Ein funktionstüchtiges. Dies verriet mir die Gemüsebrühe, welche vor nicht allzu langer Zeit, drei Monate oder so, über die Pfanne ausgetreten sein muss und sich in jeder Kante und Spalte eingebrannt hatte.
Kann ja mal passieren und ich habe durchaus Verständnis, dass ein solches Ding unglaublich mühselig zu reinigen ist. Versucht haben sie es, davon zeugte der sich zersetzende, schimmelgraue Reinigungslappen neben dem Spühlbecken.

Auf der Platte stand eine Art Wasserkochkesseltopf. Oder wie die Dinger heissen. Ihr wisst schon, diese Krüge welche im Horrorfilm plötzlich pfeifen. Diese Gefahr bestand nicht. Der Ausguss hatte keinen Schnabel mehr und der Deckel war der in Form gebogene Boden einer alten Konservendose. Gemüsesuppe oder so. Irgendwie schien auch der Kocherkesseltopf von der Gemüsebrühe abgekriegt zu haben, er blieb widerspenstig an meinen Fingern hängen.
Ich kann ohne Kühlschrank, aber nicht ohne Topf, respektive Kaffee. Glücklicherweise hatte ich meine eigene Tasse dabei, weil meine geliebte Email-Tasse irgendwie immer in mein Reisegepäck fällt. So war ich davor bewahrt auf die in einer akribischen Präsenzliste festgehaltenen Sammlung von Altmetall und Keramikscherben im Hängeschrank zurückgreifen zu müssen. Der Illusion hingebend, dass sich jeder Keim abtöten lässt wenn man nur genügend Hitze darunter setzt, kochte ich den Topf aus, bis sich beinahe der Boden blähte. Mit Wasser, welches ich in einem 5-Liter Kannister im nahegelegenen Supermarkt erstand. Dazu später mehr.
Da war schon fliessend Wasser in der Hütte. Es roch nach Rost. Oder Blut. Kam jedoch irritierend untransparent, weisslich aus dem Wasserhahn.

Wo Wasser, da auch eine Waschgelegenheit. War vorhanden. Das Wasser floss in der Küche wärmer als im „Bad“, obwohl der Boiler gleich in der Dusche stand. Muss wohl an den komplexen Armaturen gelegen haben.
Ja, der Boiler stand, respektive hing in der Dusche. Denke es war ein Durchlauferhitzer. Mit Stromanschluss und allem was dazu gehört. Also auch einer offenen Steckdose. Gleich gegenüber, wir sprechen von 40 Zentimeter, eine Duschstange mit Brause. Selbstverständlich war ein Duschvorhang vorhanden, welcher aufgrund der unglücklichen Montage der Duschvorhangstange die Toilette auch gleich in die Duschparzelle mit einbezog. Verständlicherweise blieb da kein Platz mehr für eine Duschwanne. Vielleicht auch, weil Duschwannen vom Format 43 mal 38 Zentimeter nur in einer pygmäischen Obi-Filiale feilgeboten werden.
Anstelle derer war ein Loch im Boden mit einer schräg hängenden Kunststoffabdeckung. Ähnlich dem Blätterfang in einer Abflussrinne. 15 Zentimeter gross. Wenn man genau guckte, sah man in der dunklen Öffnung Pennywise Luftballons verteilen.
Zur räumlichen Vorstellung der komplexen Nasszelle; Man konnte sich seitlich in die Duschparzelle schieben. In der Front hatte man die Brause vor der Nase, im Kreuz den Durchlauferhitzer mit dem offenen Stromanschluss, zur Linken ein kleines Fenster, zur Rechten die Toilettenschüssel und nach selbiger den Duschvorhang für ein Hauch Intimität.
Um bei den Pygmäen zu bleiben, wer mit Oberschenkel von einer ordentlichen europäischen Durchschnittslänge ausgerüstet wurde, hatte keine Chance auf der Keramik Platz zu nehmen. Die Knie passten nicht zwischen die gegenüberliegende Wand und der Schüssel. Man nahm also eine leicht seitliche Position ein, glücklicherweise bot die im Rahmen etwas zurückversetzte Tür den erforderlichen Platz. In der Lage schon unbequem, war die Toilette lose auf dem Boden platziert. Also, da waren schon Schrauben. Oder zumindest Schraubenköpfe, der Teufel soll mich holen meine Finger an diese Dinger zu halten um den Sitz zu überprüfen. Die gesamte Sache war äusserst instabil und nur die Platzverhältnisse verhinderten, dass man mitsamt der Keramik seitlich wegkippte.
Die Papierrolle war zur Rechten neben dem Waschbecken und mit Vorteil beim Händewaschen zu entfernen. Diese einlagige Luxusseide neigte dazu, sich nur schon beim Geräusch von Wasser in nichts aufzulösen.
War die Rolle entfernt, empfahl es sich dennoch aufzupassen wie ein Heftlimacher. Gleich unter selbiger waren die offenen Schlitze der Elektroheizung. Man ging automatisch in einen sehr sorgfältigen Umgang mit dem Nass über.

Nun, ich pflegte eine Woche lang die Kultur der Katzenwäsche. Zum einen war ich sowieso nur in der Natur unterwegs, zum anderen musste ich im Flieger ja nicht neben mir sitzen.

Zwei Etagenbetten und ein Doppelbett füllten den Hauptraum, welcher doch eine gewisse Gemütlichkeit ausstrahlte. Das haben Blockhütten nun mal so an sich. Nackte Matratzen und unbezogene Decken. Beides nicht sehr anmächelig, da lobe ich mir eine in Plastik geschlagene Schaumstoffmatte.
Ob ich Bettwäsche benötige, wurde ich gefragt. Und Handtücher. Sehr gerne. Würde er vermieten, der verdammte finnische Pfennigfuchser.
Es blieb beim würden. Die Motelrezeption war stets verschlossen, wollte ich ihn erreichen, musste ich mit meinem mobilen Telephon ein Ferngespräch führen. Von der Vortreppe durch eine Holztür in die Küche dahinter. Er gab vor, stets in selbiger zu sein.
By the way, ob ich zum Frühstück jeweils rüberkommen wollte. Die hygienischen Zustände in der Blockhütte vor Augen winkte ich beinahe überschwänglich ab.

Natürlich war auch ein Schlafsack in meinem Gepäck. Ein Cats meow von North Face. Warum die ihre Schlappröhren miauende Katzen nennen weiss der Geier, jedenfalls war ich sehr glücklich über selbigen. Ja, auch Salewa bietet Mumien-Schlafsäcke an, es ist nicht so, dass ich untreu geworden wäre. Nur zapple ich gerne ein wenig im Schlaf, packe auch mal die Kleider rein und bei Salewa-Mumien ist der Name Programm.

Achtung Bildungsauftrag:
Beim Kauf von Schlafsäcken stösst ihr auf drei Temperaturen und kein Schwein weiss, was das soll.
Also: Die Komfort-Temperatur gibt an, bei welcher Aussentemperatur eine Standardfrau gerade noch nicht friert. Die europäische Standardfrau mit der EN-Nummer 13537 ist 25 Jahre alt, 60 Kilogramm schwer und 160 Zentimeter gross.
Die Limit-Temperatur gibt an, bei welcher Aussentemperatur der Durchschnittsmann – 25 Jahre, 70 Kilogramm und 173 Zentimeter gross – gerade noch nicht friert und die Durchschnittsfrau gerade noch überleben würde.
Die Extrem-Temperatur wäre dann so die beidseitige Schwelle zum Erfrierungstod.
Ob ihr Kunstfaser oder Daunen wollt ist eine Komfortfrage. Daunen sind immernoch der Inbegriff für furchtbar muggelig, natürlich und diesen Hauch Dekadenz, man hat Geld. Meine Wenigkeit trägt ungerne eine tote nasse Gans durch die Landschaft, weswegen ich auf schnell trocknende Kunstfasern setze.

Weiter im Text; Der miauende Katzenschlafsack der Nordwand in Verbindung mit meiner klimabedingten trockenen Haut sorgte beim reingleiten für ein knisterndes Nordlicht. Eine beinahe kindliche Freude zeigte ich an diesem fluoreszierenden Reissverschluss, wohlwissend, dass er wohl nuklear beschichtet war.
Erholsamen Schlaf finde ich bei 4 Grad unter einer leichten Sommerdecke. Mit dem Klima nicht so vertraut, wählte ich aus meinem Sortiment den Schlafsack mit der Limittemperatur von -7 Grad. Um Mitternacht kühlte ich meinen überhitzten Organismus und tanzte in der Buxe im Schnee.

Am nächsten Tag erstand ich ein Leintuch – ich meine die heissen immer noch so – um über der versifften Matratze eine illusiorische keimfreie Zone zu schaffen und entwickelte eine Methode, einen Mumienschlafsack zur Decke umzuwandeln.

Nun, ich benötige 24 Stunden, oder eine Nacht, um meinen Körper an eine hygienisch bedenkliche Umgebung anzupassen. In etwa Camping-Plätze, Drei-Stern-Hotels, Zivilschutzunterkünfte oder an Motels angehängte Blockhäuser. Und Unmengen an Küchenpapier. Ich denke, mein Umgang mit der Panik vor Kreuzkontamination wäre eine äusserst unterhaltsame Situationskomik, Monk lässt grüssen.
Aber, mit erhobenem Finger, dies bezieht sich nur auf den Umgang mit durch Menschen verunreinigte Oberflächen. In der Natur holt man sich keine Krankheiten, so schauts aus.

Dies war die Hütte. Auf Einbauschränke gefüllt mit russischen Nahrungsmitteln, oder nuklearen Abfällen, in Koservenendosen oder die ausgelegten Läufer und Teppiche will ich gar nicht eingehen. Ich habe diesen Mikrokosmos und Tummelplatz von Dermatophyten erfolgreich eine Woche verdrängt und will nun keine schlafenden Hunde wecken.

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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