Wieder einmal Loriot

Eine topologische Ordnung scheint mir nicht möglich, doch gereicht es mir nicht zur Schande, eine gewisse mediale Enthaltsamkeit bestätigen zu dürfen.
Was war zuerst; Die Henne oder das Ei?
Hat sich das Fernsehen der Klientel angepasst, oder trägt selbiges in erschreckendem Masse zu deren Bildung bei. Gott behüte, dass ich mich zu einem Urteil über unsere nördlichen Nachbarn, dem grossen Kanton, hinreissen lasse, aber – Satzteile vor einem ‚Aber‘ können, dies als kleiner Einschub, getrost gestrichen werden, da sie zum Gesamtkontext bestenfalls in Form einer schmeichelnde Einleitung beitragen – obwohl das Zweite Programm nach letztjähriger Erhebung noch marktführend ist, folgt die RTL-Gruppe mit lediglich o,3 Prozent weniger Marktanteilen auf dem Fuss.
Dies beinhaltet Proletenbildung wie Reality-TV zu gleichen Teilen, Wer wird Millionär trifft auf Familien im Brennpunkt, ein charmanter Günther Jauch auf castingermittelte Laiendarsteller in der Verkörperung von schwangeren Teenies, eifersüchtigen Dritt-Ehemännern und arbeitslosen Messehallenkehrerinnen.

Ohne die Formate näher zu erörtern, wäre das Zielpublikum nicht vorhanden, würde die Sendung nicht ausgestrahlt. Das schnelle, einschaltquotenorientierte Handeln zeigte sich kürzlich in der Sat-1 Gruppe, als Schiffers Fashion-Show kurzerhand mit dem grossen Messer gekürzt und von der Prime-Time in die Nachtstunden verschoben wurde. Anlässlich Ausstrahlzeiten eine interessante Beobachtung zu einer Trendserie namens House of Cards. Unser gebührenfinanziertes, jährliche 1.2 Mrd Franken zu Handen der SRF-Produktionen, Fernsehen brachte es bereits zustande, dass eine Serie wie die Simpsons als unrentabel abgesetzt werden muss. Nun wollte das Schweizer Fernsehen mit der US-Politserie im Fahrwasser der ganz Grossen mitgleiten, exakt einen Tag und eine Stunde später, sprich Montags um Mitternacht, nachdem ORF und SAT 1 gestartet sind. Der Einkauf der Serie wird SRF 1 ganz gewiss Traumquoten bescheren.

Im Rahmen der zuschauerorientierten Programmgestaltung, man nehme Berlin Tag und Nacht oder Frauentausch, wird im grossen Kanton nahezu täglich ein Komiker, neu auch Comedian, aus der Gosse gespühlt.
Während der Clown mit roter Naser, weitgehend sprachfrei durch ungelenkes Auftreten sein Publikum amüsiert, frei nach Stephen King auch einmal verspeist, setzt der Kabarettist einen gewissen Bildungsgrad voraus und spielt mit humoristisch aufbereiteten politischen und gesellschaftlichen Aspekten.
Die Comedians versuchen beides zu vereinen, nur wird hier die Clownnase in etwa durch einen pinkfarbenen Trainingsanzug ersetzt und dem Verständnis der komödiantischen Einlagen wird ein gelegentliches Studium der Bild-Zeitung sowie der regelmässige Konsum des Unterschichtenfernsehen, die Trovatos ermitteln, vorausgesetzt.
Vielleicht liegt es daran, dass ich weder der Plattenbau-Trulla aus Marzahn, noch einem Mario Barth oder dem Ceylan Bülent etwas abgewinnen kann.

Meine Gedanken zu dieser Thematik regte soeben der Norddeutsche Rundfunk an, welcher einen toten Gaul über die Bühne schleifte. Asche auf mein Haupt, Loriot als toten Gaul zu bezeichnen, aber der gute Herr von Bülow hat ja keinen Einfluss auf die Verramschung seiner Werke mehr.
Da er diese Woche seinen neunzigsten Geburtstag begangen hätte, widmete ihm das Dritte Programm eine Sondersendung. Eine äusserst bemühte Schöneberger, ihres Zeichen Comedian, führt mit ihrem Sidekick Plasberg durch die Sendung, Gäste erwählen ihren Lieblingssketch, welcher in gekürzter Form zum Besten gegeben wird.
Der Charme Loriots, das Spiel mit den Worten, leidet unter der lieblosen Zusammenstellung der Einspieler und sinnentleerten Kommentare der Gäste auf der Couch. Der Vergleich primärer, geschlechtsbestimmender Gliedmassen, wer mit Victor von Bülow nun besser bekannt war, sich findend auf dem Nenner, dass ihn keiner der Anwesenden wirklich näher kennt als der Zuschauer auf dem Sofa und ambitionierte Wikipedia-Nutzer, ist nur noch das Zitronencremebällchen auf dem Mokka-Trüffel-Parfait.
Bereits letztes Jahr, ich wohnte einer Loriot-Vorführung im Stadttheater bei, sah ich den Zauber durch die Asbestdecke entfliehen, als die Schauspieler trotz der Darstellung der Sketche im exakten Wortlauten, durch die Einbringung von individuellen oder zu bemühten Betonungen, die Darbietung zu einem ländlichen Laienbühnenschwank verkommen liessen.

Vielleicht sollte man mit dem Auspressen der Zitrone innehalten und diesem grossartigen Künstler, Friede seiner Asche, die angemessene Plattform bieten.
Die Weihnachtssitzung im dritten Programm.

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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