Wort zum Sonntag; Schlafhausen und deine Lokale

Kürzlich suchte ich des Abends einmal mehr Betriebe der regionalen Wirtschaft im Bereich Verköstigung und Tranksame auf.
In der Schweiz nennt man dies landläufig, ‚in den Ausgang gehen‘, ’steil gehen‘ so man es etwas exzessiver zu begehen denkt, oder ‚eis go zieh‘ was von einem Tête-à-tête bis zu einem Feierabendbier alles beinhalten kann und eher den kleinen geselligen Rahmen über einen begrenzten Zeitraum beschreibt, für gewöhnlich unter der Woche, im Hinblick auf den anstehenden Arbeitstag. Bezüglich des Schluckes nach Feierabend unterscheidet man je nach Berufsgruppe zwischen Feierabendbier und After-Work-Party, einerseits in der Wahl der Lokalität, andernseits hinsichtlich des Dress-Codes. Meine Wenigkeit gehört da in die Clientel des Feierabendbiers und ich bin nicht unglücklich deswegen, da ich sonst in eine kleidungstechnische Verlegenheit geraten würde, ich doch nicht wüsste, wie ich im obgenannten Ausgang neue Akzente setzen könnte, wenn ich schon für das Feierabendbier –  respektive, in diesem Fall wäre es ja eine After-Work-Party – Esprit anstelle von Mascot tragen würde.
Das Feierabendbier dient dazu, den Arbeitsalltag aufzubereiten, zwischenmenschliche, arbeitsbedingte Risse wieder zu kitten und den neuesten Klatsch auszutauschen. Wie sagte schon Robert – welches Schweinderl hätten sie denn gern – Lembke; „Es gibt Psychologen, die in einer kurzen weissen Jacke arbeiten – hinter einer Bar“. Meine Psychologe wäre daher weiblich, irisch, in bunten XXL-Überwürfen und pflegt die Meinung, es gibt kein Problem, dass grösser als ein Guinness wäre und dafür mag ich sie.

So begaben wir uns also Freitag Abend in den Ausgang. Man ist bemüht, sich adrett zu kleiden, richtet sich die Haare, Frauen – gewiss auch einige Männer – legen Make-Up auf; Alles nur, um sich selber zu gefallen und sich wohl zu fühlen. Da ist schon etwas dabei, natürlich ist es dem Wohlfühlfaktor nicht abwegig, so man ein Kompliment erhält.
Sprach ich kürzlich mit der Ehefrau eines Bekannten, welche mir bestätigte – als wäre es das Selbstverständliche der Welt und dennoch wird es stets vehement bestritten -, dass der eigentliche Zweck eines ‚Frauenabends‘ sei, den eigenen Marktwert zu ermitteln. Ihr sei sehr daran gelegen, da sie letztendlich für ihren Gatten attraktiv bleiben möchte. Daraufhin stellte ich die Frage in den Raum, ob ihr Marktwert dadurch bestimmt würde, wieviel Männer sich bemühten ihre Aufmerksamkeit zu erlangen, oder wenn wir etwas weiter auf das Land gehen, sie anfrästen. Es ist unglaublich, dass man mit Ausdrücken wie ‚e heissi Chatz afrääse‘ einen Kontakt herstellen kann und trotzdem pflanzen sich die Landbewohner fort wie die Karnickel.
Die Dame gab unumwunden zu, dass mit diesem Faktor der Marktwert ermittelt wurde und bestätigte, dass dahingehend eine klassische Rollenverteilung vorherrschte, der Mann hätte um die Frau zu werben und nicht umgekehrt, worin wir uns einig waren.
Hier liegt doch der Hase im Pfeffer.
Die Damen pflegen also einen Frauenabend auszurichten, werden von fremden Männern angesprochen und kehren mit einem guten Gefühl nach Hause zurück. Dies finde ich absolut in Ordnung, würde es mir schmeicheln, so die Frau meines Herzens anziehend auf andere Männer wirkt – nicht zuletzt streichelt es mein Ego – und so man respektvoll und mit Anstand einer Dame die Aufwartung macht, erkenne ich nichts verwerfliches darin.
Die Problematik; Wird eine vergebene Dame umworben ist dies legitim, pflegt der gebundene Mann einen Herrenabend auszurichten und wirbt um andere Damen, nennt man dies verwerfliches Tun. Doch wie will denn nun der Mann seinen Marktwert ermitteln – um weiterhin für seine Partnerin attraktiv zu bleiben – so er wegen eben dieser Beziehung keine anderen Frauen ansprechen darf, selber jedoch aufgrund der klassischen Rollenverteilung nicht angesprochen wird.
Einmal mehr scheinen uns die Urtriebe das Leben schwer zu machen; Wie die Dame den gut betuchten Mann – = Sicherheit – sucht, ist es des Mannes Urtrieb, seinen Samen möglichst weit zu streuen.
Hüben wie drüben fällt man wohl steinzeitlichen Klischees zum Opfer.

Die Situation ist etwas komplex, an sich hätte ich mich um solche Sachen zu kümmern, bin jedoch eher dürftig motiviert. Man könnte sagen, gebunden ohne vergeben zu sein, es ist mehr eine Herzenssache, denn ein gehaltloses Versprechen. Hat man einmal ein grosses Goldnugget gefunden, ist die Motivation, weiterhin nach Silber zu schürfen eher gering und sprechen wir offen; Schliessend daraus, was an der Oberfläche herumliegt, könnten weitere Bemühungen im besten Falle Eisenerz zu Tage führen. Natürlich, würde das Gold auf dem Mars in dreihundert Meter Tiefe verbuddelt liegen wäre es kaum unerreichbarer, als hier, wo es beinahe greifbar vor mir liegt; Dies ist eine Ironie des Schicksals und für mich keinerlei Argument, nach Geringerem zu streben.
Das kurzzeitige Betrachten eines schönen Gemäldes im Louvre, kann einem zweifelsohne die grössere Freude bereiten, als die Macramé-Eule im heimischen Wohnzimmer. Erfüllung geht nicht mit Besitz einher.

Nach dem obligaten Besuch im Güterhof, entschlossen wir uns aufgrund der mangelnden Stellgelegenheiten für unser Bier, nach dem Vorschlag des geschätzten Kollegen, wieder einmal den Cuba-Club aufzusuchen.
Diese Lokalität berücksichtigte ich schon länger nicht mehr, was ich in Erinnerung hatte war die eher ländlich geprägte Clientel und eine Fumoir-Wand, welche sich so oft verschob und der Club so oft den Namen wechselte, dass man Gefahr lief, nach einem Toilettenbesuch in einem anderen Restaurant wieder aufzutauchen.

Der Toilettenbesuch. Ein Abenteuer für sich; Hat man sich durch die Massen geschoben, gezwängt und gedrückt, landet man zwischen Küche und Bar in einem Séparée, welches hinter einer, jeglicher Schliessvorichtungen entbehrenden, Schwingtüre neben zwei Urinalen auch eine handelsübliche Toilette enthält. Nun würde es mir nicht einfallen, klammern wir einmal die ultimative Notsituation wie eine klassische Fondueüberfressung im Güterhof aus, in einem öffentlichen Lokal den grossen Abtritt zu pflegen. Wenn doch, dann bin ich doch sehr um Privatsphäre bemüht, am liebsten ein gemauertes Toilettenhäuschen mit richtiger Türe und Entlüftung. Nicht diese zwei Meter hohen Verschalungen, unten auf Distanzbolzen und gegen die Decke offen, welche weder Geruchsemissionen noch Geräuschkulissen Einhalt gebieten. Wenn ich, um die Geschichte abzurunden, noch unsere Firmentoilette hinzufügen darf, welche während der Mittagszeit gut besucht wird. Man sitzt, liest 20min oder spielt Angry-Birds, während, abgetrennt durch zwei Zentimeter Holz, über den ganzen Zeitraum hinweg, jeder der gefühlten fünfundzwanzig Auszubildenden sein Tellerchen und Becherchen ausspülen geht. Wie will man da zu einem vernünftigen Abschluss kommen.

Also, wir waren im Cuba-Club, wo man also während der Sitzung jeden Urinalbesucher per Handschlag begrüssen und nebenbei bei jedem Öffnen der Tür seinen Kollegen an der Bar zuwinken konnte.
Mittlerweile standen drei Urinale darin, das Klosett war verschwunden, doch für Trennwände zwischen den Schüsseln hatte es nicht mehr gereicht. Nicht, dass ich mich verstecken müsste – harr harr harr – aber es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass stets ein Urinal zwischen den Urinierenden unbesetzt bleibt, so ein Schwarzer dort steht, nach Möglichkeit zwei, was nichts mit Rassenhass am Hut hat, es geht lediglich um den Schutz des eigenen Egos und gereicht dem Farbigen zur Ehre. Hier jedoch schienen diese minimalen Richtlinien über den Umgang mit Menschen keine Bedeutung zu haben, und in einer Gspürsch-mi-Umgebung, Schulter an Schulter, stellten wir unser Bier ins Urinal.
Das Becken zum Händewaschen besticht immernoch durch seine kompakte Bauform, ein Schwall Wasser auf der Hose beinahe nicht zu vermeiden. Die Reinigungsstelle wurde jedoch durch ein, an einer Kette hängendes Deodorant aufgewertet, was wohl ein Resultat der rauchfreien Lokalität ist.

Das Fumoir befindet sich im Bereich der Spielkästen und Dartscheibe, ein Holzverschlag mit plexiglasverkleidetem Guckloch.
Die augenscheinlichste Neuerung fand sich jedoch hinter dem Tresen. Wohl kann ich mich nicht entsinnen, jemals vor oder hinter der Bartheke einen Blickfang erhascht zu haben, aber von vier Männern bedient zu werden befremdet schon.
Mit ungepflegtem Äusseren in verschwitzten T-Shirts versuchen sie sich als Brian Flanagan, alias Tom Cruise, und lassen Gläser wie Flaschen durch die Luft wirbeln. Man muss ihnen zugute halten, dass sie die zu Boden fallenden Gläser – immerhin 75 Prozent der wirbelnden Behälter – gleich in die Spülmaschine packten, aber nach dreissig Minuten fühlte ich mich Alkohol getränkt wie ein Whiskeyhuhn und hätte dem schnüffelnden Herrn Schutzmann wohl des langen und breiten erklären können, ich hätte nichts getrunken.
Vor mir sprühte also der breit grinsende Quadratschädel Spirituosen durch das Lokal, hinter mir wurden innert fünf Minuten drei Gläser Bier über Tisch, Boden und Beinkleider ausgegossen. Ebenfalls von einem Herrn Polizist, in Zivil mit einem roten Drink in der Hand.
Im Allgemeinen scheint das Lokal immernoch der Place to be für Leute unterhalb Beringens zu sein, daher wurden wir angegafft, wie die Leute von einem anderen Stern. Nichts desto trotz bot es kurzweilige Ablenkung; Der grinsende Tänzer in rot, welcher abging wie Schmidts Katze auf Speed, oder das Weibsbild zu meiner Linken, welche zum klassischen Anfräsopfer des Herrn Polizisten Bollinger – ups – wurde, dessen Balzgebaren sich durch wiederholtes Stupsen mit dem gestreckten Zeigefinger auf der gesamten Körperoberfläche der Damen manifestierte. Solange sie es mit Lachen und Quieken quittierte, führte er seine Annäherungsversuche fort und sie quiekte lange, was unweigerlich auch mir den ein oder anderen Stupser einbrachte. Beim ersten lachte ich nicht, beim zweiten quiekte ich nicht aber beim dritten setzte es einen gestreckten Faustschlag in seine Kauleiste.

Natürlich nicht, aber etwas nervig war es schon.
Daher überlegten wir uns, ob man die Tour de Schaffhausen noch via Hänger-Domino und Sardinendose-Tabaco weiterführen sollte, oder ob heimische Gefilde aufzusuchen wären.
Wir kamen zum Schluss, dass der Nostalgie genüge getan war und beschlossen den lustigen Abend.

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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