Wunderbare Arbeitswelt

Noch nicht lange her, referierte ich über die peinlichen Seiten meiner Arbeit. Nun gut, wohl arbeite ich, was mich geringfüg von den Neuhauser Herrschaften abhebt, welche täglich zwei Dosen Bier und eine Packung Marlboro beim Grossverteiler – dem mit dem Alkohol – erstehen und selbige vor dem Eingangsportal zwischen Packungen voller Torf-Erde und den Setzlingen zu sich nehmen.
Nun, zumindest planen sie den Tag selber.

In meinen Schmutzklamotten war ich in den Landi-Arbeitsschuhen wieder einmal am Strassenrand zugange. Nicht irgendein Strassenrand, nein, an der einzigen Verbindungsstrasse in den Klettgau, an der Kreuzung, an welcher jeder Klettgauer eine halbe Stunde seines Tages verbringt, die Strasse, welche wohl neunzig Prozent meiner Bekannten befährt.
Nicht genug, dass ich dort wie das Mädchen mit den Schwefelhölzern in einer Wasserlache stand; Plötzlich waren auch die Sicherheitsvorschriften von Belang, also wurde mir eine Leuchtweste übergezogen, ich schimmerte wie die schönste Bordsteinschwalbe im Xenonlicht der passierenden Autos.
Mit leichtem Tunnelblick ignorierte ich alle vorbeifahrenden Autos, doch gar heute, nahezu eine Woche danach, wurde ich von völlig Unbekannten im Fitnesscenter auf meine unglaublich schicke Leuchtweste und dem Knien im Dreck angesprochen.
Meine Vorstellung – Doktor Jose Rodriguez, Chirurg im Kantonsspital – kann ich wohl nicht mehr bringen.
Dafür lernte ich ein neues Berufsbild kennen.
Neuhauser Verkehrskadett.
Auf ihren Jacken steht wohl Polizei, aber ein unbewaffneter Pseudo-Schutzmann ist entweder Inspector Columbo – Friede seiner Asche – oder eben ein Verkehrskadett.Dieser erschien, um einen schmalen Streifen der Strasse verkehrsfrei zu halten, dass mir keiner über die Beine fuhr, so ich mit dem Oberkörper in einem Schacht verschwand.
Mich deuchte, es war Herr Meier der im Opel Zafira ohne Blaulicht auf dem Dach heranfuhr. Herr Meier mag Ortsansässigen ein Begriff sein, er lehrte uns im Kindergarten die Strasse überqueren, inspizierte in der Primarschule unsere Fahrräder, nahm uns die Fahrradprüfung ab – Theorie fünfzehn Fehler, praktische Prüfung null, ich war damals schon dumm wie Brot – und wurde erst in der Sekundarstufe durch den Dorfpolizisten ersetzt, welcher uns weismachte, dass der Joint eine Einstiegsdroge war und unweigerlich zur Nadel führte. Meine Wenigkeit wuchs auf dem Lande auf, bis zum zwanzigsten Altersjahr dachte ich wirklich, Joints seien böse.
Wohl müsste der Herr Meier heute etwa 90 Jahre alt sein, aber richtig alt wird man beim Staat wohl nicht, er schien noch unglaublisch frisch.

Da wir bereits eine Stunde untätig am Strassenrand standen hatte ich mittlerweile kühle Zehen, und anerbot mich zum freiwilligen Aufstellen der Sperren.
Da bin ich dem Herrn aber ordentlich auf die lackierten Fretzman getreten. Dies sei eine heikle Aufgabe, dies erledige er besser selber.
Mit Elan flogen die Pylonen aus dem Heck des Zafira, dazu noch ausgefeiltere, klappbare Markiersäulen, welche er mit geübtem Griff grob platzierte.
Anschliessend folgte die Feinjustierung. Millimeterarbeit par excellence, passgenau wurde der Stellplatz der Säulen an die unterschiedlichen Fahrzeugbreiten angepasst.
Wir bräuchten nicht soviel Platz, wagte ich einzuwenden. Doch, doch, doch…
Er brauchte in etwa fünf Minuten um festzustellen, dass es keinen Sinn macht, nach jedem Lastwagen die Breite der Fahrbahn dem folgenden Fiat 500 anzupassen. Als er mit seiner Arbeit zufrieden war, schlug er sich die Zeit mit einem Spaziergang tot.

Eine tolle Arbeit!

Doch bin ich für die Polizeischule schon zu alt, zudem würde mich mein Vater wohl enterben, so ich ein unformierter Wegelagerer würde.
A propos, der Herr Bundesrat Schneider-Ammann sprach letzte Woche zur Stellung der Berufsbildung in der Schweiz. Irgendwo da Zwischendrin, ich frage mich, was es da zu referieren gibt.
An und für sich hätte ich gerne zugehört, angesichts der hundert Zuhörer hätte ich offene Türen eingerannt, aber erstens sah ich das kleine Inserat erst am Morgen des besagten Tages in der Zeitung und zweitens wurde der Anlass von den KV-Schulen ausgerichtet. Nichts für einen dummen Handwerker.
Einer nachfolgenden Berichterstattung entnahm ich, wie unglaublich wichtig eine Berufslehre sei, aber heute unabdingbar, eine weiterführende Schule zu besuchen, so man nicht als jammernder Blogger von fünfundreissig Jahren enden möchte, nur noch einen Anruf von der Anschaffung einer Katze entfernt, um auf sechs Beinen in den Lebensabend zu wanken.
Wahre Worte Herr Bundesrat, aber einmal mehr frage ich mich, was soll der unsinnige Umweg über die Berufslehre. So ein Kleinkind mit 10 Monaten bereits zu gehen beginnt, drückt man es zu Boden und erklärt, es hätte erst noch 4 Monate auf Knien zu kriechen? Die Dauer des Krabbelns sind reine Annahmen, ich vermag mich nicht mehr zu entsinnen, wann ich meinen ersten Schritt machte.

Ooooooooooh

Im Nachhinein ist man immer klüger, in meinem gesetzten Alter stelle ich fest, ein Tick mehr Aufmerksamkeit in der Schule, hätte das Leben vielleicht nachhaltig verändert.
Nach meinen sonntäglichen Google-Recherchen – Foren wie ‚Willkommen am Ende des Lebens‘, ‚Halbzeit und noch nichts erreicht‘, ‚Das Licht am Ende des Tunnels kann auch der einfahrende Zug sein‘, oder Zukunftperspektiven wie ‚Theologe auf dem zweiten Bildungsweg‘ – stellte ich fest, dass man gar um auf die Kanzel zu stehen eine Matur haben muss. Kein Scherz, Lehrer oder Pfarrer, dies würde ich wählen, so ich noch einmal dreizehn Jahre alt wäre. Wenn ich meinen Lebenswandel anschaue, würde es wohl gar zum Priester reichen.
Jedoch, angesichts der Tatsache, dass der nächste Studiengang für Idioten ohne BM erst in zwei Jahren startet, schieb ich diesen Gedanken auf die lange Bank und halte mich an die Weisheit:

Egal wie gut du irgendetwas kannst, es gibt immer ungefähr eine Million Leute die es besser können. Und was lernen wir daraus? Man soll es gar nicht erst versuchen…

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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