Zum Geburtstag der Eidgenossenschaft

Gott bewahre, dass mein kleiner Blog in die sogenannte rechte Ecke gleitet, es ist das aktuelle Tagesgeschehen, welches meine Texte formuliert.

Gemäss Nationalrat Thomas Hutter bin ich nur ein kleiner Neider, der sich hinter einer Larve von IP-Adressen und Proxy-Servern zu einmal absolut unschweizerischen Tun hinreissen lässt. Der freien Meinungsäusserung im World Wide Web.

Was wäre denn ein typisch schweizerisches Tun, frage ich mich. Aus den gesammelten regionalen 1. August-Reden, welche das Schaffhauser Intelligenzblatt freundlicherweise in der Montagsausgabe zur Nachlese bereitstellt, ist dies nicht klar ersichtlich. Respektive, der typische Schweizer soll wie eine Fahne im Wind flattern, mal hierhin, mal dorthin, ganz wie es den Herrschaften in Brüssel mal eben zu pusten beliebt.schweiz

Vergessen sei das Festhalten an Mythen, Sagen und Geschichten, nach deren Lehren der Ur-Schweizer sich gerne definiert. Mit grossem Engagement arbeitet man daran, die Schlacht bei Morgarten, den Rütlischwur, den Bundesbrief und den gesamten Geschichtsunterricht der Primarschule Jahrgang ’77 in die Tonne zu treten. Als aufgeklärtes Land hat man sich nicht an solch verstaubte Traditionen zu halten. Viel mehr soll in etwa die Einführung des Frauenstimmrechts und alsbald der Einzug des ersten eingebürgerten Eritreers in das Bundeshaus zu unseren Stützpfeilern werden.

Ist man nicht brav, steckt einem der Samichlaus in den Sack. Verschleppt einem in den dunklen Wald. Als kleiner Knopf blickt man diesem Tag des jüngsten Gerichts am 6. Dezember mit sehr gemischten Gefühlen entgegen. Bis man feststellt, dass der Opa immer am 6. Dezember, falle dieser auch auf einen Sonntag, Überstunden schiebt und erst später zur Familienfeier stösst, der Mann im roten Mantel dem betrunkenen Onkel Helmut ähnelt oder einem der grosse Bruder auslacht und das Geheimnis um den Bärtigen mit Sack und Rute lüftet.
Gewiss ist es nach neuen pädogischen Richtlinien äusserst fragwürdig, unter der Panikmache und Androhung entsetzlicher Konsequenzen die Kinder zu erziehen. Wohl haben der Struwwelpeter, die Gebrüder Grimm und Hans-Christian Andersen Generation von gut geratenen Menschen, wie Deine und meine Eltern, hervorgebracht. Geprägt von Zucht und Ordnung, mit einem Haarschnitt, nach dem man die Uhr richten kann. Aber dies ist mehr als überholt. Gott bewahre, dass man die Kleinen in ihrer Entwicklung beeinträchtigt, indem man sie anhält irgendwelche Regeln zu befolgen.

Der Samichlaus darf nur noch durch die Strassen ziehen, weil dies eben eine schöne Tradition ist. Und den Kaufhäusern Umsätze generiert, was letzten Endes dem Staat zugute kommt. Was aber nicht bedeutet, dass an dieser Tradition nicht gefeilt werden darf. Wir entsinnen uns, dass der niederländische Schmutzli, der Zwarte Piet, aufgrund seiner dunklen Pigmentierung plötzlich nicht mehr tragbar war. Weil politisch unkorrekt. Es sei dahingestellt, wie man dies einem kleinen Kind nun erkläre.

Bisher waren Traditionen ein alter Zopf, welcher wider jeglichem besseren Wissen seine Daseinsberechtigung hatte, weil Traditionen stets auch ein Stück Geschichte waren. Ein Stück Heimat. Eine Identifikation mit selbiger.
In den Augen der modernen, aufgeklärten Gesellschaft ist die Identifikation mit der Heimat nicht mehr nur ein Drahtseilakt, sondern ein offene Bekennung zum Rechtsradikalismus. Zumindest beschleicht mich dieses Gefühl, wenn ich die Reden unserer regierenden Damen und Herren lese.

Weil die Schweizer im 19. Jahrhundert aus wirtschaftlichen Gründen die Heimat verliessen, sei es umso wichtiger, dass wir heute Flüchtlinge aufnähmen. Denn Solidarität ist ein Markenzeichen der Schweiz. So Martina Munz.
Meines Erachtens verstösst es gegen das Gesetz, wenn wir Wirtschaftsflüchtlinge aufnehmen, aber die Auslegung und Anwendung des Gesetzbuchs zeigt sich in ihrer vollen Individualität und Flexibilität, sobald ein Ausländer betroffen ist. Wäre. Des weiteren wage ich zu bezweifeln, dass in New York die Stadtväter am Pier standen und jedem Ankömmling einen goldenen Löffel in den Mund steckten.
Glück sei das einzige, was sich verdoppelt, wenn man es teilt. Der Rückgriff auf die philosophischen Ergüsse der Zuckermühle Rupperswil zeugt nicht von rhetorischem Geschick, Frau Munz. Teile ich mit meinem Bruder den Lotto-Gewinn, bin ich bereit ihnen meine Zustimmung zu sprechen. Sprechen wir jedoch aller Herren Länder, einmarschierten Flüchtlinge und arbeitsscheuen Tu-Nicht-Guten Geld, welches meiner Altersvorsorge bitter fehlt, scheint mir das geteilte Glück irgendwie aus den Fugen geraten zu sein.

Der Herr Dubach erklärt kurzum Neunkirch zur Drehscheibe des Klettgaus und steht für die Neuorganisation der klettgauer Verkehrsanbindung ein.
Eine Geburtstagsansprache, so mein infantiles Denken, soll das Geburtstagskind würdigen, preisen und ein wenig über den Klee loben. Als Kern der Rede die Rechtfertigung der eigenen politischen Vorstösse zu wählen, scheint mir etwas gewagt. Auch wenn die Rede sich im Endeffekt um Kompromisse drehen sollte.

Der Herr Landolt nutzte die Gelegenheit, in Löhningen gegen Thomas Minder zu schiessen. Indirekt, versteht sich, indem er über den Gedanken von gerechter Lohnverteilung wetterte.
Die Abzocker-Initiative verunsichere die Wirtschaft. Wie die Einwanderungsinitiative auch, wenn man schon am Rundumschlag ist. Also weg von der Insel Schweiz zu einem offenen Stück Land, irgendwo in Europa, offen für alle und jeden.
Gewissermassen eine Ermahnung an das Geburtstagskind, der Schweiz, dass diese ganze Eigenständigkeit und Unabhängigkeit ein ausgemachter Blödsinn und die Zeit gekommen sei, sich wieder zu öffnen.
Diesem Geburtstagsredner würde ich den Hosenboden versohlen, so er mir am Wiegenfest nichts als Vorwürfe präsentierte.

Der Herr Raphaël Rohner übernahm dieses Jahr den Part, dem Schweizer die Scham ins Gesicht zu treiben. Falls ihr, liebe Freunde und Nachbarn, es vergessen habt, wir sind durch unseren Reichtum zur immerwährenden Demut verpflichtet.
Es mag euch vorkommen, dass der Schweizer mehr und gewissenhafter arbeitet als alle Länder um uns herum. Gar steckt eine kräftige Prise Tatsache in diesem Bauchgefühl, ganz gewiss sogar. Und dennoch sollen wir nicht vergessen, dass ausnahmslos jeder Schweizer mit einem goldenen Löffel, schon wieder, im Mund geboren wird. Natürlich, unsere Väter arbeiteten noch härter als wir und unsere Grossväter knieten sich noch eine Idee tiefer rein, aber dies bedeutet nicht, dass wir dieses Glück erabeitet oder gar verdient hätten. Nein, wir sollen demütig dankbar sein. Es wird einem allerdings nie klar gesagt, wem man für unseren Reichtum dankbar sein soll.
Vielleicht den Asylsuchenden im Friedeck, denn mit jenen sollen wir unseren Reichtum teilen. Diese, so Herr Rohner, wären froh, wenn sie nur ein Zehntel unserer Möglichkeiten hätten.
Nun, ich bin gewiss, manch Schweizer wäre auch froh, nur ein Zehntel der staatlichen Fürsorge zu haben, welche Asylbewerber erfahren.
Ob der Herr Rohner symbolisch seinen Mercedes gleich im Friedeck stehen liess und demütig nach Hause marschierte, entzieht sich meiner Kenntnis.

Beschliessen wir mit Herrn Hansueli Graf, welcher uns an die Abstimmungspflicht erinnerte. Gewissermassen auch ein Ausdruck der Dankbarkeit an die Freiheit, mitbestimmen zu dürfen.
Die hochgelobte Demokratie. Der Bürger darf seine Meinung kundtun, seine Entscheidung fällen. Einen Zettel mit seiner Ansicht in eine Metall-Urne werfen.
Dann hat es sich aber auch schon. Als ich jung war entrüstete mich der Satz „Die in Bern machen sowieso was sie wollen“. Stand für mich stets sinnbildlich für Menschen, welche zu faul waren, sich eine Meinung zu bilden.
Die Zeiten haben sich geändert. Heute kann man sich noch so engagiert in ein Thema einarbeiten, Diskussionen führen und pflichtbewusst den Gang an die Urne antreten. Es ist nicht so, dass sie in Bern machen, was sie wollen. Sie machen einfach nichts. Auf den ersten Blick. Der Bürger erkennt in erster Linie, das Entscheide nicht umgesetzt werden. Selbstverständlich sind die Politiker nicht untätig. Es gilt, den Volkswillen mit den Gesetzen aller umliegenden Länder abzustimmen, sich über die Grenzen hinaus für das Volk und die Demokratie zu entschuldigen und ganz nebenbei dem eigenen Volk zu vermitteln, dass man mit Hochdruck an der Umsetzung arbeite.
Wenn mittlerweile Initiativen lanciert werden um die Umsetzung einer Umsetzung einer Volksinitiative zu fordern, scheint es mir mit dem „letzten Wort beim Volk“ nicht mehr weit her zu sein. Und man möchte keinem einen Strick drehen, welcher Sonntag Morgen lieber die Füsse unter dem Frühstückstisch ausstreckt, als sich an die Urne zu begeben.

Meine lieben Damen und Herren Politiker.
Der 1. August ist keine Gardinenpredigt, keine Abmahnung und schon gar nicht das Hohe Gericht. Er ist das Fest der Eidgenossenschaft. Der Schweizer. Am Tage des Wiegenfests hat das Geburtstagskind stets eine gewisse Narrenfreiheit.
Vielleicht ist es nächstes Jahr möglich, dass wir alle ein wenig stolz auf uns sein dürfen, dass wir die politsche Korrektheit aussen vor lassen und einfach Ur-Schweizer sind. Welche in Kutte und Sandalen beisammenstehen, die Hände erheben und geloben, uns nicht von fremden Herren führen zu lassen.
Dass wir wohl ein kleines Land sind, aber dieses uns alleine gehört und jeder, welcher hier nicht reinpasst, dahin soll wo der Pfeffer wächst.
Dass wir nur an diesem einen Tag etwas nostalgisch sein dürfen. Patrioten eben.

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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