Was für eine Ironie.
Freitags stellte ich den letzten Beitrag online und Samstags fuhren wir vor einer Immobilie vor.
Lass die Finger davon, orakelte ein guter Arbeitskollege. Aber, da das Gehöft nur fünf Minuten von uns entfernt lag gönnten wir uns den Spass.
Ignorierte man, dass das Haus gerade einmal zwei Jahre jünger als meine Wenigkeit ist und schenkte man den Illistrationen des Innenraums nicht zu viel Aufmerksamkeit, könnte es tatsächlich eine Option sein. Wenn der Preis mit 930’000 Gulden doch einigermassen hoch angesetzt war.
Schon den Antwortmails der Immobilienfirma entnahm man, hier sollte vorwiegend die Aussicht verkauft werden.
Wir parkierten vor der Einzelgarage.
Vor der Doppelgarage stand bereits ein Fahrzeug. Dass wir uns nicht neben den weissen BMW auf den Vorplatz zwängten zeigt schon auf, dass wir hier die klassische siebziger/achtziger Doppelgarage vor uns hatten. Platz für zwei Schlumpfen-Fahrzeuge. Oder eben ein Auto, wenn man den Plan hat, dieses auch in der Garage auf gängigem Weg durch die Fahrertüre zu verlassen. Aber, da das Grundstück über eine zweite Einzelgarage verfügte ein Übel mit welchem wir leben könnten.
Von der Garage führt kein direkter Weg in das Haus. – 10’000 Franken
Der Herr Makler, die alte Garde kurz vor der Pension oder darüber hinaus, empfing uns mit freundlichem Händedruck und einem offenen Wesen. Ja, er war sympathisch, man soll auch das Gute aufzeigen. Er führte uns direkt in das Haus, oben wären noch Interessenten, aber da sollten uns nicht stören.
Die Massenbesichtigungen, auch wenn sie gestaffelt sind, mag ich nicht. Die Herrschaften möchten von mir knapp eine Million und trotzdem schenkt mir die Verkäuferin im Volg mehr Aufmerksamkeit und ein exklusives Einkaufserlebnis beim Erwerb von drei Äpfeln und einer Flasche Kafferahm. Das Verhältnis stimmt einfach nicht. Ich will abgeholt werden.
Die Eingangstüre müsste abgeschliffen und lackiert werden. – 3’000 Franken
Im Eingangsbereich dominierte ein Radioator. Irgendwo muss die Wärme herkommen, versteh ich. Aber da ich kein Danfoss-Vertreter bin, kann ich diesen Blickfang auch nicht gebrauchen.
Hängen in der Garderobe unter der Wendeltreppe vier Jacken wird es schon eng. Es ist nicht so, dass der Hausbesitzer im Eingang stehen und die Gäste empfangen kann. Denn der Flur ist mit dem Hausbesitzer gefüllt und er muss sich irgendwie auflösen, wenn die Gäste die Treppe begehen wollen. Also ein grosses Hallo mit drei oder vier Personen wird es hier nicht gehen, da muss man gestaffelt hoch.
– 5’000 Franken
Durch eine kleine Pforte, ähnlich einer Katzenklappe, gelangen wir in den Hauswirtschaftsraum. Durch den Raum ohne weitere Tür ein eine Halle von Keller. Mehr als drei Meter hoch und so geräumig, dass man beinahe einen Hall vernimmt. Man hätte ihn übersehen, wäre er nicht mitten im Raum platziert, der Heizkessel aus dem Jahre 2004. Was hat sich der Installateur gedacht? Die erste Ölheizung überhaupt, die möchten wir ein wenig zeigen? Der Keller bietet das grösste zusammenhängende Raumangebot der Liegenschaft und und wird durch einen mittig platzierten Heizkessel total nutzlos.
Die Kartoffeln lagern im Schutzraum. Irgendwie finde ich es witzig einen eigenen Schutzraum zu besitzen, so nutzlos der auch ist. Und sogar ohne Dienstbarkeit, das bedeutet, es wäre mein eigener ganz persönlicher Schutzraum. Also unserer. Also jener der Katze und wir dürften vielleicht mit ihr rein.
„Ja, hier muss man vielleicht auch noch etwas machen.“
Der Makler hat meinen Blick auf das Elektrotableau bemerkt.
Er kenne sich bauseitig nicht aus, er käme aus dem Bereich Grundbuch. Die rechtliche Seite wäre seine Stärke. Nun, wenigstens offen.
Von meiner Seite aus konnte ich erklären, dass der Sicherheitsnachweis einzuholen wäre, Verkäufersache wenn wir schon beim rechtlichen sind. Und der Ersatz der guten alten Schraubsicherungen durch einen Sicherungsautomaten wäre wohl auch nicht verkehrt. Gerade, wenn wir die Ölheizung ersetzen.
Das einzig verwertbare im Keller wären dann wohl die gefüllten Öltanks. Wobei ich den Füllstand noch nicht einmal überprüft habe.
Keine Waschmaschine, kein Tumbler – 10’000 Franken
Wärmepumpe – 50’000 Franken
Ersatz Elektroinstallation komplett – 15’000 Franken
Über mit Teppich beklebten Stufen gelangten wir in das Wohnzimmer. Wo sich gerade ein rundlicher Herr mit Migrationshintergrund von der Frau Immobilienmakler verabschiedete. Etwas weniger freundlich in der Ausstrahlung. Wollte die Hütte wohl nur los haben.
Es handle sich um einen Gefallen für die Eigentümer, hier wäre nicht ihr Revier, fügte sie hinzu.
Das Wohnzimmer sah abgelebter aus, als die Fotos vermuten liessen. Auf eine Doppelverglasung der Fenster kam ich nur, wenn man den linken und rechten Flügel gesondert zählt.
Neben dem offenen Kamin, ein Pluspunkt, fand sich eine furchtbar installierte Ventilationssteuerung. Lieblos in eine schräg montierte Holzabdeckung gewürgt. Muss wohl für eine Umluft sein. Da mir sowieso schon klar war, dass ich dieses Haus nur noch im Führerhaus eines Abrissbaggers betreten würde, sparte ich mir die zwei Schritte bis zum Kamin. Die Decke war hoch, bis zum Firstbalken, der sich durch das Wohnzimmer zog. Das was schön. Die blätternde Farbe weniger.
In der Küche waren die Fliesen mit einer ganz schlecht deckenden blauen Farbe gestrichen worden. Vielleicht sollte es mediteran wirken, ich sah nur den verzweifelten Versuch einer Auffrischung. Aber da die Küche sowieso raus musste, war dies nicht weiter wichtig, ich sparte mir gar den Blick in einen Schrank.
Spannend war die Pfütze auf dem Herd.
„Ja vielleicht durch den Dunstabzug…“
Woher war mir ziemlich egal, wenn irgendwo Wasser in eine Haus eintritt finde ich dies schon alarmierend. Und offen gesagt auch etwas peinlich, wenn an die Bude verkaufen will.
„Es hat doch ziemlich geregnet, aber woher nun dieses kommt, müssten wir abklären…“ sagten sie zur Pfütze im sinnlosesten Wintergarten ever.
Ja genau. Wie will der Herr vom-Grundbuchamt abklären, wo in dieser 50-jährigen Hütte nun Wasser eindringt. Und warum zum Teufel soll ich ihm glauben. Die Million welche er von mir will, bewegt ihn noch nicht einmal zu einem exklusiven Termin.
Wintergarten finde ich im Grundsatz etwas ganz schreckliches. Als hätte man am Haus noch was vergessen und versucht es nun damit wett zu machen. Im Sommer wird man darin gedünstet, im Winter friert man sich den Arsch ab. Und hier wurde einfach ein kleiner Balkon verglast. Für nix. Man gewinnt keinen zusätzliche Wohnraum. Hat einfach ein paar Fenster mehr.
Küche – 50’000 Franken
Teppich auf der Treppe -5’000 Franken
Fenster – 25’000 Franken
„Wie sehr hört man den Schiesslärm?“ fragte meine Partnerin.
„Schiesslärm?“
„Ja, hier drüben ist ein Schiessstand.“
„Wo?“
Wollt ihr mich eigentlich verarschen? Wenn ich den Rasenmäher zu weit westlich schiebe fliegen mir die Kugeln um die Ohren.
Ihr wollt mir die Aussicht verkaufen, aber den bleiverseuchten Kugelfang einen Steinwurf entfernt habt ihr beim Gucken einfach übersehen?
„Ich glaube nicht, dass der in Betrieb ist. Müsste man bei der Gemeinde anfragen.“
Plusquamperfekt Konjunktiv II, werter Herr M., nicht Futur 1.
Hätte man müssen. Gehört zur Arbeitsvorbereitung. Wie auch das Wegwischen von allfälligen Pfützen auf dem Boden und Herd. Obwohl ich wohl dankbar sein müsste, dass sie es nicht getan haben.
Wertminderung durch Schiesslärm -40’000
Über eine kleine Erhöhung gelangt man zu den weiteren Räumen. Eigentlich war es eine Art Bungalow mit Stufe. Zu nieder um auf die Gäste herabzublicken, hoch genug um sich im Suff das Genick zu brechen.
Hinauf in die Teppichetage.
Die Zimmer waren… nun… klein, stickig und Sanierungsbedürftig. Irgendwie fragte ich mich immer mehr, wie die Herrschaften den Preis rechtfertigen wollten.
Im Bad flog ein Schmunzeln über mein Gesicht. Lichtverzehrende Fliesen in den dunkelsten Farben. Eine Dusche, welche dem Schutzraum Konkurrenz machte.
„Keine Toilette“, bemerkte meine Partnerin.
Ja, wir ergänzen uns perfekt. Das Bad wirkte so überladen und vollgestopft, dass ich keine Sekunde überlegte, ob hier etwas fehlen könnte.
Dies war damals nicht usus. Die wäre gegenüber des Flurs.
Na ja… Vielleicht in diesem Zwergenhaus nicht, aber wir haben noch keine Liegenschaft besichtigt, welche nur eine Toilette hatte. Ist für uns schon ein Killerkriterium. Wie auch Fenster in Bad und Toilette.
Hier hatte es einen dieser merkwürdigen Air-WC-Lüftern. Habe noch nie einen getestet, aber will ich nicht in meinem Bad. Alleine schon aufgrund der Dimensionen.
Bad und Toilette erneuern – 45’000
„Ist der Pool beheizt“? fragte meine aufmerksame Partnerin.
In der Doku stand ja, behielt ich für mich.
„Weiss ich jetzt nicht… müsste ich abklären…“ sagte Frau M, welche die Doku mit ihrem guten Namen signiert hatte und sich als Ansprechpartnerin zur Verfügung stellte.
Irgendwie peinlich, wenn der Käufer besser vorbereitet zur Besichtigung kommt. Wer will nun wessen Million?
„In diesem Zimmer hat sie gemalt. Und geklöppelt.“
„Hä?“
„Die Besitzerin. Sie war eine Künstlerin“
„Ä hä…“ und wie ist dies nun für irgendwen von Belang? Versucht sie mir neben der Aussicht auch Emotionen zu verkaufen? Sollte ich deswegen diesen Raum nicht streichen? Der erste Kübel Alpin Reinweiss würde in dieses Zimmer gehen.
Einen Eimer Dispersion – 35 Franken
Alle Teppiche rausreissen – 15’000 Franken
Alle Räume streichen – 7’000 Franken
„Möchten sie den Garten sehen“, löste Herr M. die peinliche Situation auf.
Der Garten war gepflegt. Ausser dem ausgetretenen Pfad zum Nachbarhaus. Wohl eine nicht eingetragene Dienstbarkeit.
„Der Koni ist eben nicht gut zu Fuss, drum darf er immer hier über…“.
Präteritum. Durfte. Eure dummen Gepflogenheiten kaufe ich nicht mit, wenn ich eine Million hinblättere.
„Wurde das Dach einmal saniert?“
„Nein“
„Asbest?“
„Müsste ich abklä…“
„Müssen sie nicht. Siebziger Jahre. Asbest war state-of-the-art. Haltbarkeit eines Eternitdachs 30-60 Jahre“
„Nein?!“
„Doch!“
„Oh!“
Eternitdach entfernen, Eternit entsorgen, Dachwinkel erhöhen, Isolieren, Ziegel – 130’000 Franken
Zurück im Inneren dieser kurze peinliche Moment. Wie verabschiedet man sich nun.
„Mol bestens, vielen Dank. Schös Wucheend.“
War ja gar nicht so schwierig. Kurzer Kassensturz.
Agseit 930’000
Erwarteti Koste 410’000
Differenz 520’000
Es gibt freundliche Immobilienmakler, zweifelsohne. Was ich gar nicht mag sind jene, welche mir unverfroren das Gefühl vermitteln „Ich will einfach nur deine Kohle. Eigentlich weiss ich nicht einmal, was ich hier verkaufe. Und überhaupt stiehlst du mir die Zeit.“
Normalerweise bleibe ich freundlich, entschuldige mich hundertfach für die Absage. Letztendlich gibt es nicht so viele Makler im Raum Schaffhausen, ich muss damit rechnen, dass ich wieder einen treffe.
Aber hier handelte es sich um Fremde. Hier freute ich mich auf die Absage. Besser noch. Ich wollte den Herrschaften sagen, was ihre Hütte wert ist.
Werte Frau M.
Sehr geehrter Herr M.
Herzlichen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, uns eine Führung durch den xxx in xxx zu ermöglichen.
Ihre offene Art und ehrliche Kommunikation hat uns sofort abgeholt, sie beschönigten nichts, sondern benannten die Dinge beim Namen.
Wie Sie bereits erwähnten, das Grundstück ist schön gelegen, mit dem Schiessstand könnte man sich gewiss auch arrangieren. Gewisse Gegebenheiten gibt es doch überall.
Die Liegenschaft selber ist da eher etwas herausfordernd. Die Problematik, welchen Anforderungen eine Liegenschaft heute über kurz oder lang entsprechen muss, ist für Sie gewiss kein Neuland.
Auf die Heizung haben Sie uns hingewiesen, eine Transparenz welche wir sehr schätzten. Ein Ersatz durch eine Luft-Wärmepumpe wird wohl unvermeidbar sein.
Der Austausch der Heizung, für sich alleine eine grosse Investition, drängt uns dazu, uns auch mit der Elektroverteilung zu befassen. Die Vorschriften besagen leider, dass nicht einfach eine Steckdose zusätzlich installiert werden darf, sondern alle davon betroffenen Komponenten den heutigen Sicherheitsstandards entsprechen müssen.
Eine Neuinstallation der Sicherungsautomaten, FI Schutzschalter und der Leitungen sowie das Einholen des Sicherheitsnachweises ist leider keine Frage des Komforts, sondern eine Auflage.
Da wir leider, oder glücklicherweise je nach Blickwinkel, eine mangelnde Isolation nicht einfach mit ein paar zusätzlichen Liter Öl kompensieren können, wird ein Ersatz der Fenster unvermeidbar sein und ich fürchte, dass der effiziente Betrieb einer Wärmepumpe auch eine Aussendämmung mit sich zieht. Das Doppelschalenmauerwerk mit der Zwischenisolation stösst gerne an seine Grenzen.
Ein grosser Posten wird gewiss das Dach sein. Das Eternitdach, in den Siebzigern am Puls der Zeit, hat seine Dienste geleistet und ist nach 50 Jahren am Ende des Lebenszyklus. Was bedeutet, dass die Sonderentsorgung und Neu-Eindeckung mit zeitgemässer Isolation ansteht.
Dies sind die Arbeiten, welche zwingend erforderlich sind und auch bei der Einschätzung durch die Bank ins Gewicht fallen. Die Liegenschaft soll für uns lange tragbar und finanzierbar sein.
Wir haben den starken Wunsch nach einem freistehenden Einfamilienhaus, möchten diesem Traum aber nicht alle Annehmlichkeiten opfern, welche uns die jetzige Wohnsituation bietet. So würde ein Ersatz der Teppichböden, der Küche, der Bäder, aber auch eine sanfte allgemeine Renovation der Innenräume ein bescheidener Luxus sein, welchen wir uns gönnen möchten.
Sie sind von Beginn an offen und transparent an uns herangetreten. Dass der Verkaufspreis der Immobilie im regionalen Vergleich eher hoch angesetzt ist, liegt letztendlich im Ermessen der Verkäufer und ist ihr gutes Recht.
Angesichts des hohen zusätzlichen Investitionsbedarfs sind wir jedoch zum Schluss gekommen, dass die Liegenschaft zum ausgeschriebenen Preis nicht finanzierbar wäre.
Vorstellen könnten wir uns jedoch einen Kaufpreis von 440’000 Franken.
Diese Summe basiert auf ziemlich rationalen Überlegungen, doch könnte es für die Eigentümerschaft eine Option darstellen.
In diesem Fall würden wir uns über eine Kontaktaufnahme freuen.
Fühlt sich gut an.



