Differenzler beim Hauskauf

Was für eine Ironie.
Freitags stellte ich den letzten Beitrag online und Samstags fuhren wir vor einer Immobilie vor.
Lass die Finger davon, orakelte ein guter Arbeitskollege. Aber, da das Gehöft nur fünf Minuten von uns entfernt lag gönnten wir uns den Spass.

Ignorierte man, dass das Haus gerade einmal zwei Jahre jünger als meine Wenigkeit ist und schenkte man den Illistrationen des Innenraums nicht zu viel Aufmerksamkeit, könnte es tatsächlich eine Option sein. Wenn der Preis mit 930’000 Gulden doch einigermassen hoch angesetzt war.
Schon den Antwortmails der Immobilienfirma entnahm man, hier sollte vorwiegend die Aussicht verkauft werden.

Wir parkierten vor der Einzelgarage.
Vor der Doppelgarage stand bereits ein Fahrzeug. Dass wir uns nicht neben den weissen BMW auf den Vorplatz zwängten zeigt schon auf, dass wir hier die klassische siebziger/achtziger Doppelgarage vor uns hatten. Platz für zwei Schlumpfen-Fahrzeuge. Oder eben ein Auto, wenn man den Plan hat, dieses auch in der Garage auf gängigem Weg durch die Fahrertüre zu verlassen. Aber, da das Grundstück über eine zweite Einzelgarage verfügte ein Übel mit welchem wir leben könnten.
Von der Garage führt kein direkter Weg in das Haus. – 10’000 Franken

Der Herr Makler, die alte Garde kurz vor der Pension oder darüber hinaus, empfing uns mit freundlichem Händedruck und einem offenen Wesen. Ja, er war sympathisch, man soll auch das Gute aufzeigen. Er führte uns direkt in das Haus, oben wären noch Interessenten, aber da sollten uns nicht stören.
Die Massenbesichtigungen, auch wenn sie gestaffelt sind, mag ich nicht. Die Herrschaften möchten von mir knapp eine Million und trotzdem schenkt mir die Verkäuferin im Volg mehr Aufmerksamkeit und ein exklusives Einkaufserlebnis beim Erwerb von drei Äpfeln und einer Flasche Kafferahm. Das Verhältnis stimmt einfach nicht. Ich will abgeholt werden.
Die Eingangstüre müsste abgeschliffen und lackiert werden. – 3’000 Franken

Im Eingangsbereich dominierte ein Radioator. Irgendwo muss die Wärme herkommen, versteh ich. Aber da ich kein Danfoss-Vertreter bin, kann ich diesen Blickfang auch nicht gebrauchen.
Hängen in der Garderobe unter der Wendeltreppe vier Jacken wird es schon eng. Es ist nicht so, dass der Hausbesitzer im Eingang stehen und die Gäste empfangen kann. Denn der Flur ist mit dem Hausbesitzer gefüllt und er muss sich irgendwie auflösen, wenn die Gäste die Treppe begehen wollen. Also ein grosses Hallo mit drei oder vier Personen wird es hier nicht gehen, da muss man gestaffelt hoch.
– 5’000 Franken

Durch eine kleine Pforte, ähnlich einer Katzenklappe, gelangen wir in den Hauswirtschaftsraum. Durch den Raum ohne weitere Tür ein eine Halle von Keller. Mehr als drei Meter hoch und so geräumig, dass man beinahe einen Hall vernimmt. Man hätte ihn übersehen, wäre er nicht mitten im Raum platziert, der Heizkessel aus dem Jahre 2004. Was hat sich der Installateur gedacht? Die erste Ölheizung überhaupt, die möchten wir ein wenig zeigen? Der Keller bietet das grösste zusammenhängende Raumangebot der Liegenschaft und und wird durch einen mittig platzierten Heizkessel total nutzlos.
Die Kartoffeln lagern im Schutzraum. Irgendwie finde ich es witzig einen eigenen Schutzraum zu besitzen, so nutzlos der auch ist. Und sogar ohne Dienstbarkeit, das bedeutet, es wäre mein eigener ganz persönlicher Schutzraum. Also unserer. Also jener der Katze und wir dürften vielleicht mit ihr rein.
„Ja, hier muss man vielleicht auch noch etwas machen.“
Der Makler hat meinen Blick auf das Elektrotableau bemerkt.
Er kenne sich bauseitig nicht aus, er käme aus dem Bereich Grundbuch. Die rechtliche Seite wäre seine Stärke. Nun, wenigstens offen.
Von meiner Seite aus konnte ich erklären, dass der Sicherheitsnachweis einzuholen wäre, Verkäufersache wenn wir schon beim rechtlichen sind. Und der Ersatz der guten alten Schraubsicherungen durch einen Sicherungsautomaten wäre wohl auch nicht verkehrt. Gerade, wenn wir die Ölheizung ersetzen.
Das einzig verwertbare im Keller wären dann wohl die gefüllten Öltanks. Wobei ich den Füllstand noch nicht einmal überprüft habe.
Keine Waschmaschine, kein Tumbler – 10’000 Franken
Wärmepumpe – 50’000 Franken
Ersatz Elektroinstallation komplett – 15’000 Franken

Über mit Teppich beklebten Stufen gelangten wir in das Wohnzimmer. Wo sich gerade ein rundlicher Herr mit Migrationshintergrund von der Frau Immobilienmakler verabschiedete. Etwas weniger freundlich in der Ausstrahlung. Wollte die Hütte wohl nur los haben.
Es handle sich um einen Gefallen für die Eigentümer, hier wäre nicht ihr Revier, fügte sie hinzu.
Das Wohnzimmer sah abgelebter aus, als die Fotos vermuten liessen. Auf eine Doppelverglasung der Fenster kam ich nur, wenn man den linken und rechten Flügel gesondert zählt.
Neben dem offenen Kamin, ein Pluspunkt, fand sich eine furchtbar installierte Ventilationssteuerung. Lieblos in eine schräg montierte Holzabdeckung gewürgt. Muss wohl für eine Umluft sein. Da mir sowieso schon klar war, dass ich dieses Haus nur noch im Führerhaus eines Abrissbaggers betreten würde, sparte ich mir die zwei Schritte bis zum Kamin. Die Decke war hoch, bis zum Firstbalken, der sich durch das Wohnzimmer zog. Das was schön. Die blätternde Farbe weniger.
In der Küche waren die Fliesen mit einer ganz schlecht deckenden blauen Farbe gestrichen worden. Vielleicht sollte es mediteran wirken, ich sah nur den verzweifelten Versuch einer Auffrischung. Aber da die Küche sowieso raus musste, war dies nicht weiter wichtig, ich sparte mir gar den Blick in einen Schrank.
Spannend war die Pfütze auf dem Herd.
„Ja vielleicht durch den Dunstabzug…“
Woher war mir ziemlich egal, wenn irgendwo Wasser in eine Haus eintritt finde ich dies schon alarmierend. Und offen gesagt auch etwas peinlich, wenn an die Bude verkaufen will.
„Es hat doch ziemlich geregnet, aber woher nun dieses kommt, müssten wir abklären…“ sagten sie zur Pfütze im sinnlosesten Wintergarten ever.
Ja genau. Wie will der Herr vom-Grundbuchamt abklären, wo in dieser 50-jährigen Hütte nun Wasser eindringt. Und warum zum Teufel soll ich ihm glauben. Die Million welche er von mir will, bewegt ihn noch nicht einmal zu einem exklusiven Termin.
Wintergarten finde ich im Grundsatz etwas ganz schreckliches. Als hätte man am Haus noch was vergessen und versucht es nun damit wett zu machen. Im Sommer wird man darin gedünstet, im Winter friert man sich den Arsch ab. Und hier wurde einfach ein kleiner Balkon verglast. Für nix. Man gewinnt keinen zusätzliche Wohnraum. Hat einfach ein paar Fenster mehr.
Küche – 50’000 Franken
Teppich auf der Treppe -5’000 Franken
Fenster – 25’000 Franken

„Wie sehr hört man den Schiesslärm?“ fragte meine Partnerin.
„Schiesslärm?“
„Ja, hier drüben ist ein Schiessstand.“
„Wo?“
Wollt ihr mich eigentlich verarschen? Wenn ich den Rasenmäher zu weit westlich schiebe fliegen mir die Kugeln um die Ohren.
Ihr wollt mir die Aussicht verkaufen, aber den bleiverseuchten Kugelfang einen Steinwurf entfernt habt ihr beim Gucken einfach übersehen?
„Ich glaube nicht, dass der in Betrieb ist. Müsste man bei der Gemeinde anfragen.“
Plusquamperfekt Konjunktiv II, werter Herr M., nicht Futur 1.
Hätte man müssen. Gehört zur Arbeitsvorbereitung. Wie auch das Wegwischen von allfälligen Pfützen auf dem Boden und Herd. Obwohl ich wohl dankbar sein müsste, dass sie es nicht getan haben.
Wertminderung durch Schiesslärm -40’000

Über eine kleine Erhöhung gelangt man zu den weiteren Räumen. Eigentlich war es eine Art Bungalow mit Stufe. Zu nieder um auf die Gäste herabzublicken, hoch genug um sich im Suff das Genick zu brechen.
Hinauf in die Teppichetage.
Die Zimmer waren… nun… klein, stickig und Sanierungsbedürftig. Irgendwie fragte ich mich immer mehr, wie die Herrschaften den Preis rechtfertigen wollten.
Im Bad flog ein Schmunzeln über mein Gesicht. Lichtverzehrende Fliesen in den dunkelsten Farben. Eine Dusche, welche dem Schutzraum Konkurrenz machte.
„Keine Toilette“, bemerkte meine Partnerin.
Ja, wir ergänzen uns perfekt. Das Bad wirkte so überladen und vollgestopft, dass ich keine Sekunde überlegte, ob hier etwas fehlen könnte.
Dies war damals nicht usus. Die wäre gegenüber des Flurs.
Na ja… Vielleicht in diesem Zwergenhaus nicht, aber wir haben noch keine Liegenschaft besichtigt, welche nur eine Toilette hatte. Ist für uns schon ein Killerkriterium. Wie auch Fenster in Bad und Toilette.
Hier hatte es einen dieser merkwürdigen Air-WC-Lüftern. Habe noch nie einen getestet, aber will ich nicht in meinem Bad. Alleine schon aufgrund der Dimensionen.
Bad und Toilette erneuern – 45’000

„Ist der Pool beheizt“? fragte meine aufmerksame Partnerin.
In der Doku stand ja, behielt ich für mich.
„Weiss ich jetzt nicht… müsste ich abklären…“ sagte Frau M, welche die Doku mit ihrem guten Namen signiert hatte und sich als Ansprechpartnerin zur Verfügung stellte.
Irgendwie peinlich, wenn der Käufer besser vorbereitet zur Besichtigung kommt. Wer will nun wessen Million?
„In diesem Zimmer hat sie gemalt. Und geklöppelt.“
„Hä?“
„Die Besitzerin. Sie war eine Künstlerin“
„Ä hä…“ und wie ist dies nun für irgendwen von Belang? Versucht sie mir neben der Aussicht auch Emotionen zu verkaufen? Sollte ich deswegen diesen Raum nicht streichen? Der erste Kübel Alpin Reinweiss würde in dieses Zimmer gehen.
Einen Eimer Dispersion – 35 Franken
Alle Teppiche rausreissen – 15’000 Franken
Alle Räume streichen – 7’000 Franken


„Möchten sie den Garten sehen“, löste Herr M. die peinliche Situation auf.
Der Garten war gepflegt. Ausser dem ausgetretenen Pfad zum Nachbarhaus. Wohl eine nicht eingetragene Dienstbarkeit.
„Der Koni ist eben nicht gut zu Fuss, drum darf er immer hier über…“.
Präteritum. Durfte. Eure dummen Gepflogenheiten kaufe ich nicht mit, wenn ich eine Million hinblättere.
„Wurde das Dach einmal saniert?“
„Nein“
„Asbest?“
„Müsste ich abklä…“
„Müssen sie nicht. Siebziger Jahre. Asbest war state-of-the-art. Haltbarkeit eines Eternitdachs 30-60 Jahre“
„Nein?!“
„Doch!“
„Oh!“
Eternitdach entfernen, Eternit entsorgen, Dachwinkel erhöhen, Isolieren, Ziegel – 130’000 Franken

Zurück im Inneren dieser kurze peinliche Moment. Wie verabschiedet man sich nun.
„Mol bestens, vielen Dank. Schös Wucheend.“

War ja gar nicht so schwierig. Kurzer Kassensturz.
Agseit 930’000
Erwarteti Koste 410’000
Differenz 520’000

Es gibt freundliche Immobilienmakler, zweifelsohne. Was ich gar nicht mag sind jene, welche mir unverfroren das Gefühl vermitteln „Ich will einfach nur deine Kohle. Eigentlich weiss ich nicht einmal, was ich hier verkaufe. Und überhaupt stiehlst du mir die Zeit.“
Normalerweise bleibe ich freundlich, entschuldige mich hundertfach für die Absage. Letztendlich gibt es nicht so viele Makler im Raum Schaffhausen, ich muss damit rechnen, dass ich wieder einen treffe.
Aber hier handelte es sich um Fremde. Hier freute ich mich auf die Absage. Besser noch. Ich wollte den Herrschaften sagen, was ihre Hütte wert ist.

Werte Frau M.
Sehr geehrter Herr M.
 
Herzlichen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, uns eine Führung durch den xxx in xxx zu ermöglichen.
Ihre offene Art und ehrliche Kommunikation hat uns sofort abgeholt, sie beschönigten nichts, sondern benannten die Dinge beim Namen.
 
Wie Sie bereits erwähnten, das Grundstück ist schön gelegen, mit dem Schiessstand könnte man sich gewiss auch arrangieren. Gewisse Gegebenheiten gibt es doch überall.
Die Liegenschaft selber ist da eher etwas herausfordernd. Die Problematik, welchen Anforderungen eine Liegenschaft heute über kurz oder lang entsprechen muss, ist für Sie gewiss kein Neuland.
 
Auf die Heizung haben Sie uns hingewiesen, eine Transparenz welche wir sehr schätzten. Ein Ersatz durch eine Luft-Wärmepumpe wird wohl unvermeidbar sein.
Der Austausch der Heizung, für sich alleine eine grosse Investition, drängt uns dazu, uns auch mit der Elektroverteilung zu befassen. Die Vorschriften besagen leider, dass nicht einfach eine Steckdose zusätzlich installiert werden darf, sondern alle davon betroffenen Komponenten den heutigen Sicherheitsstandards entsprechen müssen. 
Eine Neuinstallation der Sicherungsautomaten, FI Schutzschalter und der Leitungen sowie das Einholen des Sicherheitsnachweises ist leider keine Frage des Komforts, sondern eine Auflage.
 
Da wir leider, oder glücklicherweise je nach Blickwinkel, eine mangelnde Isolation nicht einfach mit ein paar zusätzlichen Liter Öl kompensieren können, wird ein Ersatz der Fenster unvermeidbar sein und ich fürchte, dass der effiziente Betrieb einer Wärmepumpe auch eine Aussendämmung mit sich zieht. Das Doppelschalenmauerwerk mit der Zwischenisolation stösst gerne an seine Grenzen.
Ein grosser Posten wird gewiss das Dach sein. Das Eternitdach, in den Siebzigern am Puls der Zeit, hat seine Dienste geleistet und ist nach 50 Jahren am Ende des Lebenszyklus. Was bedeutet, dass die Sonderentsorgung und Neu-Eindeckung mit zeitgemässer Isolation ansteht. 
 
Dies sind die Arbeiten, welche zwingend erforderlich sind und auch bei der Einschätzung durch die Bank ins Gewicht fallen. Die Liegenschaft soll für uns lange tragbar und finanzierbar sein.
Wir haben den starken Wunsch nach einem freistehenden Einfamilienhaus, möchten diesem Traum aber nicht alle Annehmlichkeiten opfern, welche uns die jetzige Wohnsituation bietet. So würde ein Ersatz der Teppichböden, der Küche, der Bäder, aber auch eine sanfte allgemeine Renovation der Innenräume ein bescheidener Luxus sein, welchen wir uns gönnen möchten.
 
Sie sind von Beginn an offen und transparent an uns herangetreten. Dass der Verkaufspreis der Immobilie im regionalen Vergleich eher hoch angesetzt ist, liegt letztendlich im Ermessen der Verkäufer und ist ihr gutes Recht. 
Angesichts des hohen zusätzlichen Investitionsbedarfs sind wir jedoch zum Schluss gekommen, dass die Liegenschaft zum ausgeschriebenen Preis nicht finanzierbar wäre.
Vorstellen könnten wir uns jedoch einen Kaufpreis von 440’000 Franken.
 
Diese Summe basiert auf ziemlich rationalen Überlegungen, doch könnte es für die Eigentümerschaft eine Option darstellen.
In diesem Fall würden wir uns über eine Kontaktaufnahme freuen.

Fühlt sich gut an.

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Neulich, beim Immobilienkauf

Mutter pflegte zu fragen; „Brennt dich das Geld in der Tasche?“, wenn mein Bruder, der Beste von allen, und meine Wenigkeit im Kaufparadies der Region vor dem Regal standen und mit irgendwelchem Schrott liebäugelten.
Neue Spiele für den Game Boy zählten dabei direkt zu den guten Investitionen.
Nun gut, mehrheitlich. Man konnte auch daneben greifen.

Mein Bruder bewies da öfters eine bessere Nase, während ich dazu neigte, 65 Franken Weihnachtsgeld in ein Spielerlebnis zu investieren, welches hinsichtlich Spannungslevel einem Montag-Morgen-Teams-Meeting über Inklusion und Diversität Konkurrenz machte.

Ja, ein wenig brennt das Geld vielleicht schon und nicht zuletzt war es stets ein Traum von mir, dereinst eine Immobilie zu bewohnen, welche ohne irgendwelche Wegrechte, Dienstbarkeiten oder einfach physischer Hürden wie ein Zaun oder eine Hausmauer zu umrunden war, ohne dass ich meinen Grund und Boden verlassen müsste. Oder zumindest jenen der Bank.
Mit einem Hobbyraum, einem Grillplatz und vielleicht einer Garage.
Dafür habe ich mir stets etwas Geld zur Seite gelegt und gedenke dies eigentlich mit Hilfe der Bank wundersam zu mehren. So macht man dies heute und wurde damit auch vorstellig.
Einfach zehn Jahre zu spät.

Der Immobilienmakler lachte. Der Bankberater lachte. Die Katze lachte.
Früher konnte ein Handwerker Grund und Boden erstehen, einen Neubau errichten, darin leben und die Hypothek bedienen, ohne dass sich jemand nebenberuflich dafür prostituieren muss. Mit einem Zinssatz, welchen die Bank heute für den absoluten Worst-Case als Berechnungsgrundlage verwendet.
Die Zeiten haben sich geändert.

Karl-Heinz-Friedrich Meier und seine Frau Klara errichteten für 350’000 ein Eigenheim am Südhang, gleich unterhalb der Rebberge. Angrenzend an die Landwirtschaftszone.
Ein solides Betonfundament, draufgesetzt hat der italienische Saisonier ein Doppelschalenmauerwerk. Mit einem Zwischenraum von soliden 7cm. In diesen wurden alte Tageszeitungen, ein Schafffell, Bauschutt oder sonstigen Kram gestopft. Dies nannte man Isolation. War Karl-Heinz-Friedrich ein bünzliger Pedant, hat er vielleicht auf eine solide Steinwolle aus Flums bestanden. Diese hat sich über die Jahre komprimiert, der Marder welche drei Tage nach der Aufrichte eingezogen ist, hat seinen Beitrag dazu geleistet.
Die Isolation reicht heute noch knapp über die Sockelleiste, endet vor der Unterkante Steckdose.
Dämmung war kein Thema. Diese kompensierte man mit Öl, kostete ja nix.
„Klar, die Heizung muss man dann wohl schon mal ersetzen…“. Dies ist Maklersprache für; der Feuerungskontrolleur hat sie wohl nur nicht stillgelegt, weil er bei der periodischen Kontrolle unter der tropfenden Ölleitung ein kleines Couvert mit Trinkgeld gefunden hat. Und die Hütte sowieso abgestossen wird.
„Wärmepumpen sind mittlerweile sehr effizient“ bedeutet übersetzt; ja klar könnt ihrs ohne zusätzliche Dämmung und vierfach-Verglasung mit einer alternativen Heizmethode versuchen.
„So schlecht sind die Fenster gar nicht…“, aber mittlerweile muss ich wohl den Heimatschutz fragen, ob ich die Kasten-Doppelfenster ersetzen dürfte.

„Natürlich muss die Elektroverteilung neu abgenommen werden…“. Nachdem ich sie komplett saniert habe, weil im ganzen Haus nur drei einfache Steckdosen verbaut sind und eine Dachlatte den Sicherungsautomaten stützt.
Dies war notwendig, weil Karl-Friedrich irgendwo eine vierte Dose Aufputz installiert hat. Dafür hat man durch den soliden Parkett gebohrt. Aber nicht an der Stelle, an welcher er sich sowieso schon wölbt weil Hektor-Pascal, der niedliche Foxterrier, dazu neigte, in die Ecke mit der Topfpflanze zu pinkeln.

Das Doppelschalenmauerwerk musste natürlich gegen Oben abgeschlossen werden. Dafür setzte man auf ein Eternit Dach mit solidem Asbest. Nicht fehlen durfte eine Dachluke, deren einziger Sinn darin bestand undicht zu sein. Der ganze Dachstock ist nicht isoliert, dafür hat man eine Zwischendecke. Auf dieser liegt flüchtig verteilt der Rest der Dämmwolle. Und Marderscheisse.
Immobilienmakler nennen dies „Ein Dachgeschoss mit Potential welches wunderbar mit kleinem Aufwand zu einem grosszügigen Studio oder Spielzimmer ausgebaut werden kann. So werden aus 4.5-Zimmer ein fünf-Zimmer-Wohnparadies.“
Sofern man den Zugang über eine Auszugsleiter im Flur mag, nicht grösser als 145 Zentimeter ist und auch dann nur mittig unter dem angefaulten Firstbalken stehen möchte.

Sagte ich 4.5 Zimmer? Wichtig bei Häusern aus diesem Jahrgang ist, dass der Raum mit einem IKEA Kura-Kinderbett bereits zu 65% genutzt ist. Hat man die Dreistigkeit, mit einem modernen Boxspring-Bett zu liebäugeln, verwandelt sich das „grosszügige Elternschlafzimmer mit praktischem Blick in das Nachbarhaus“ zu einer Matratzenlandschaft. Mehr Raum ist da nicht.
Ganz wichtig auch; zwei Zimmer sind einzig durch einen Einbauschrank getrennt. Einen ganz hässlichen Einbauschrank. Aus bauchigen Spanplatten mit merkwürdigem Geruch und fehlenden Tablarhaltern.
Deswegen schliesst der Makler bei der Besichtigung die Türen auch immer selbst, wohlwissend, wenn dies mit zu viel Schwung geschieht, hat er plötzlich nur noch ein 3.5 Zimmer-Haus im Portfolio.
Woraus er natürlich ein „Grosszügiges Elternschlafzimmer mit praktischem Durchgang zur Ankleide“ macht und den Preis 57’000 Franken höher setzt.

„Ein praktisches, durchdachtes Bad mit WC, Dusche und Badewanne“ gehört auf dieselbe Etage. Praktisch durchdacht heisst in der Maklersprache, dass der Raum viel zu klein für so viel sanitären Kram ist. Zähne putzen bitte nur mit kleinen Bewegungen, da man sonst den Ellbogen an die Duschwand schlägt. Im übrigen die solideste Wand im Haus. Was die Bauherren im Doppelschalen-Mauerwerk gespart haben, wird in der Dusche verbaut. Wo heute eine moderne, filigrane Glaswand steht, hat man damals einen zweiten Schutzbunker aus Stahlbeton mit Duschvorhang hingegossen. Und verfliest mit den dunkelsten Exponaten der Keramik-Manufaktur. Ein Blau oder Orange-Braun welches jedes Quentchen Licht zu absorbieren scheint.

Natürlich gehört auch ein Gästebad zum guten Ton. In der unteren Etage. Mit den Fliesen zieht man eine Linie durch, da kann man nicht mäkeln. Aber der zentrale Blickfang jedes ordentlichen Gästebads ist das Abflussrohr vom oberen Stockwerk, welches hinten links durch den Raum führt. Nicht etwa verkleidet, aber farblich angepasst. Mit aufschraubbarer Serviceluke. Das ganze Gästebad ist so klein, dass man am Besten bereits im Flur die Hose öffnet und mit dem Beinkleid in der Kniekehle rückwärts zur Toilette geht. Dann die Beine seitlich unter das Waschbecken schieben und die Türe schliessen. Nicht unschuldig am Platzmangel ist der Abort, dessen Spühlkasten in seinem ersten Leben als Wasserreservoir für eine Kleinstadt im amerikanischen Westen gearbeitet hat.

„Eine funktionale Küche, zum Essbereich offen und mit Blick in den Garten.“… durch ein Fenster, 25 x 70cm unter der Decke. Die Öffnung zum Essbereich entpuppt sich als Durchreiche mit Fensterflügel aus Butzenglas. Gleich auf der anderen Seite steht ein unvermeidbarer Eckbank, weil die Raumaufteilung auf einen Eckbank angewiesen ist um mehr als eine Person an den Tisch zu kriegen.
„Zeitlose Küchengeräte von Miele“. Mit Serviceaufkleber vom regionalen Fachgeschäft. Eine siebenstellige Telefonnummer und dreistellige Postleitzahl.

„Pluspunkt der Immobilie ist die praktische Garage“.
Noch besser gefällt mir in Beschreibungen die Doppelgarage. Welche voraussetzt, dass eines der Familienmitglieder mit dem Bobby-Car zur Arbeit fährt. Und das andere Fahrzeug maximal ein Peugeot 106 ist. Erste Generation, versteht sich.

„Ein kleines Naturparadies umrundet die Liegenschaft“ heisst übersetzt; der demente Karl-Heinz-Friedrich hat Ende 90er Jahre das letzte Mal eine Heckenschere benutzt und auch der Rasen bleibt seit fünfzehn Jahre mehrheitlich sich selbst überlassen. Das Moos hat sich die Gartenplatten zurückgeholt und im Kompost hat sich schon längst ein neuer Organismus entwickelt, der wahrscheinlich faucht und Gift spritzt, geht man zu nahe daran vorbei.

Ja, eine Million und 50’000 wäre unsere Preisvorstellung. Wissen sie, die Lage…
Da Karl-Heinz-Friedrich in die Grube gefahren ist und Klara endlich ins Wohnheim zur schattigen Pinie übersiedelt werden kann, wollen sich die Erben für die Jahre des Wartens nun schadlos halten. Und gnadenlos abzocken.

In solchen Momenten muss ich schon an mich halten um den Makler nicht dem Ding im Kompost dem Frass vorzuwerfen.
„Ihr wisst schon, dass die Garage so ziemlich das einzige ist, was an diesem Haus zu verwerten ist? Und auch das nur, wenn man einen soliden, grossen Geräteschuppen will. Ein Auto, welches die letzten zwanzig Jahre vom Band gelaufen ist, kriegt man nur rein wenn man es von hinten schiebt und dann das Tor offen lässt. Woher nehmt ihr die Frechheit, einen solchen Preis anzusetzen?“
„Ja, die Lage…“

Und dies ist der Fluch am Häusermarkt.

  • Du kannst die Lage kaufen, hast aber kein Haus.
  • Du kannst ein Haus kaufen. Ist aber links und rechts noch eines angebaut. Und oben drüber.
  • Du kannst einen Kompromiss mit der Lage eingehen, hast dann aber keinen Parkplatz.
    Und einen Pausenplatz nebendran.
  • Du kannst einen Kompromiss mit dem Haus eingehen, investierst aber noch 300’000 bis es irgendwie bewohnbar wäre. Im Sommer. Ohne Heizung.
  • Du kannst einen gemeinsamen Kompromiss mit Haus und Lage eingehen, hast danach aber 50 Minuten Arbeitsweg und einen Steuerfuss von 215 Prozent.
  • Du kannst kompromisslos deinen Traum erfüllen, kannst ihn aber nicht geniessen, weil du für den Banküberfall oder Mord an der alten reichen Dame in einer Zelle einsitzt.

Ein neuer Treffer für dein Suchabo

Hier einige Redflags, bei welchen ihr gleich die Flucht ergreifen sollt:

  • Charmant
  • Einzigartig
  • Mit Potential
  • Im Herzen von
  • Raumwunder

Was der Makler sagt
Was der Makler meint…

Familenhaus zum Wohlfühlen
Wohlfühlen durch Kuschelfaktor. Gedrängte, kleine Räume, funktional oder kurz; wie bringe ich eine 5-köpfige Familie auf 90 Quadratmeter.

Charmantes Einfamilienhaus an ruhiger Lage
Sehr gewöhnungsbedürftiges Äusseres, hoher Sanierungsbedarf bevor man wagt Freunde einzuladen. Am Arsch der Welt.

Investoren-Highlight: Zwei Häuser – ein Kauf
Nicht zwei Häuser, sondern ein Haus mit Einliegerwohnung.
Einzimmer-Einliegerwohnung.
Einzimmer-Einliegerwohnung mit geteilter Waschmaschine.
Einzimmer-Einliegerwohnung mit geteilter Waschmaschine und Dienstbarkeit für 25 Nachbarn für einen Parkplatz.

Wohnen auf einer Ebene, Einfamilienhaus mit 4.5 Zimmern und Garten…
Kein Keller, die ganze Technik in der Garage, Waschmaschine im Bad und wer aufs Klo geht, bleibt trotzdem bei den Gästen, weil praktisch alles in einem Raum ist. Mit Trockenbau-Wänden.

Historisches Ein- oder Zweifamilienhaus im Herzen von
Kein Parkplatz. Der Ortsbild-Verantwortliche sucht die Farbe deiner Vorhänge aus. Sagt dir wann du was sanieren musst. Und was es kostet.

Grünes Paradies mit Bungalow am….
Vernachlässigter Garten, versiffter Pool.

Freistehendes Einfamilienhaus mit Potential
Ein an gnadenloser Selbstüberschätzung leidender Handwerker hat sich auf allen Ebenen und in allen Ecken versucht, aber nichts zu Ende gebracht.

Sonne, Ruhe und das Landleben geniessen
Ein Haus am Arsch der Welt. Und irgendwie nichts, was man positiv dazu erwähnen könnte.

Ein Zuhause mit Raum für Träume
Im Prinzip nicht bewohnbar, muss noch fertig gebaut werden

Wohnen im Einklang mit der Natur
Den Garten quasi im Haus. Allenfalls ein Erdloch. Mit viel Hippie-Flair.

Kleines Raumwunder im beliebten…
Man hat Platz für alles. Man muss es sich nur immer wieder sagen. Und spezielle Möbel haben. Weil keine glatte Fläche breiter als 70cm ist.

Ehemaliges Bauernhaus mit viel Potential und lauschigem Garten
Zentraler Kachelofen und kleine Elektroöfen aus dem Interdiscount in den Zimmern. Raumhöhe 175cm und Türzargen bei 168cm. Türen schliessen im Winter nicht richtig. Oder gehen nicht mehr auf.

Einzigartiges Mehrfamilienhaus
Hippiekommune. Braucht man nicht mehr zu sagen.

Altstadthaus an bester Passantenlage
Im Sommer Party bis 01:30. Jeden Abend.

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Sinnbefreit in den Samstag

Am Mittwoch ist Prüfungstermin, es besteht eine gewisse Dringlichkeit, sich das Erlernte zumindest ins Kurzzeitgedächtnis zu packen. Und just zu diesem Zeitpunkt erkennt ihr, dass das Regal für Waschmittel in Eurem Keller dringend eines Ersatz Bedarf, was keinerlei Aufschub erduldet und die Wände sollten sowieso auch gestrichen werden. Ebenfalls die Wäsche, welche bereits seit drei Tagen gefaltet und verstaut werden will, muss unbedingt an jenem Morgen weggepackt werden, an welchem ihr sowieso schon verschlafen habt und eher knapp unterwegs seid.Manchmal ist einem keine Ausrede zu dümmlich, etwas unangenehmes zu verschieben. Kennen alle.

Diesen Sommer versuchte ich an der Bike to work Challenge teilzunehmen. Ich wollte den Rekord! Ich weibelte rundherum, rekrutierte die besten Fahrer. Ja, komplimentierte einen gar aus der auf vier Teilnehmer begrenzte Gruppe, um einen besseren reinzunehmen. Transfer der Spitzenklasse fanden statt. Meine treibende Kraft im Hintergrund führte nach dem Stichtag diverse Gründe ins Feld, warum er keinen Tag verbuchen konnte und jener, welcher bei Wind, Wetter, Schnee und Sandsturm unbeirrbar in den Betrieb radelte, versäumte es die App zu nutzen. Meine Motivation war ausserordentlich hoch. Ja, ich erklärte kurzerhand ein Rad, welches einige Tage bei meinem Arbeitgeber ungenutzt in der Ecke stand, zu meinem neuen Betriebsfahrzeug und scheute keinen Aufwand, es nach allen Regeln der Kunst aufzuwerten. Will heissen, pumpte die Reifen, stellte den Sattel ein und ölte alles um die Kette herum. Pünktlich zum Start regnete es, danach brachte ich den Hintern nicht aus dem Bett, hatte zu viel Krempel mitzuschleppen, ein Zwicken im Knie und im zweiten Monat dachte ich, nun müsse ich auch nicht mehr einsteigen. Grandiose drei Tage verbuchte ich auf meinem Konto.

Keine Ausrede zu dümmlich.

Seit rund einem Jahr versuche ich meine Erlebnisse auf dem Kungsleden festzuhalten. Ja, ich bin ihn gegangen. Alleine um dem mit «Aha…» quittierenden Umfeld aufzuzeigen was es eigentlich bedeutet, mal eben 375km am Stück auf den Füssen zurückzulegen. Aber ich finde nicht recht in den Text. Obwohl die Zeit drängt denn offen gesagt kann ich mich mittlerweile kaum erinnern, was ich vorgestern zu Mittag gegessen habe. Zu wissen, über welchen Stein ich an diesem Dienstag im August ’23 stolperte ist ordentliches Gehirnjogging. Und was mache ich nun, statt am Buchtext zu schreiben? Ich verfasse einen Blog-Beitrag.

Keine Ausrede zu dümmlich.

Ach? Die Mimimi-Passage ist euch nicht entgangen? Empfangt Ihr zurzeit auch alle dieselben Statusmeldungen? Damit meine ich nicht den Outlook-Abwesenheits-Assistenten, sondern soziale Netzwerke wie Whatsapp, Instagram oder Facebook. Nicht selten gucke ich auch einfach die Status – ja das Plural ist identisch mit dem Singular, habe es gegoogelt – weil ich ein ordentlicher Mensch bin. Mich nervt dieser Punkt, Kreis, was auch immer, welcher mir suggeriert «Hier ist noch eine Pendenz offen».

Kaum scheint die Sonne, dominiert ein Statusbild. Das rechte Bein leicht angewinkelt, das linke liegt am Boden, danach die Füsse und im Hintergrund irgendein Gewässer. #qualitytime #summer #tattoo
Und vergisst um Himmels Willen dieses unsägliche, geschriene «Beautiful Things» von Benson Boone nicht. Gott ich hasse dieses Lied.

Ich habe es versucht. Davon abgesehen, dass ich mein fischbauchweisses Bein ungern medial oder sonstwie präsentiere, würde ich dann doch darauf achten, dass irgendwie sowas wie eine Grundspannung im Oberschenkel wäre. Nicht zuletzt schliesst man automatisch auf den Hintern und was sonst noch kommt, wenn die Körpermasse bereits um den Oberschenkelknochen irgendwie formlos rumhängt, sprechen wir hier doch vom längsten Muskel im Körper.

Ja, mit Body Positivity habe ich es nicht so. Versteht mich richtig. Tue mich schwer mit meiner biergetränkten Wampe in der Rumpfregion und nichts weniger würde ich von der Menschheit erwarten als die Reaktion «Das schaut aber mal so richtig grandios aus». Und damit haben wir es eigentlich schon.

Jeder soll rumlaufen wie es ihm passt. Niemand soll sich anmassen, sich über den Körper des anderen auszulassen. Eigentlich wäre nun alles gut. Aber die Body Positivity Bewegung erwartet, dass ich mir ein Urteil über das Plus-Size-Modell bilde, dieses gefälligst positiv zu sein hat und ich mein Entzücken verdammt nochmal laut, also in einem Online-Kommentar, zum Ausdruck bringe. Einfach zu schweigen ist inakzeptabel, weil ich in diesem Fall die Person wissentlich ignoriere und damit eine abwehrende Haltung einnehme. Oder zusammengefasst, ich bin ein weisser, alter Hater.

Ganz schön kompliziert die Welt da draussen.

Auf Platz 2 der dümmsten Statusmeldungen setze ich irgendwelche sinnbefreite Sprüche über schlechte Menschen, Karma und was weiss ich. Menschen welche mit sich gerade nicht so im Reinen sind, dafür irgendwie einen Schuldigen suchen oder einfach mal auf die Grundschlechtigkeit der Welt hinweisen wollen, setzen dann solche «Wahre Freunde erkennst du daran…» Phrasen oder irgendwelche Vergleiche, dass einem nichts soviel Liebe wie ein Laubfrosch schenken kann in den Status. Also Meldungen, bei welchen man davon ausgeht, der Typ steht nun auf der Hemishofer-Brücke und hat sich zur Sicherheit nebst dem Mühlstein am linken Knöchel noch einen Strick um den Hals gelegt.

Die ersten drei Mal fragt man noch nach. Nach «Nein alles gut», «will nicht drüber reden» und «egal» liegt einem auf der Zunge, also im Zeigfinger, die Antwort «Dann lass den Scheiss!».

Aber man will ja nicht der sein, welcher auf der Hemishofer Brücke den Knoten kontrolliert und den finalen Arschtritt verpasst. Und muss lernen, mit nicht angesehenen Status zu leben. Das Gute daran, nach 24 Stunden verschwinden sie.

Jupp, ist mir bewusst. Zeigt man auf einen Menschen, zeigen drei Finger auf einem selbst. Auch eine dumme Phrase. Doch zumindest ist mein Mimimi formuliert und nicht eine im Bild verankerte Textzeile, welche einem grossen Philosophen wie John F. Kennedy zugeschrieben wird, obwohl es eine Songzeile von Bob Marley ist und im Hintergrund völlig sinnbefreit die chinesische Mauer sinnbildlich steht.

Aber, und dies macht mir wirklich Angst; ist es wirklich formuliert, oder war das Chat GPT? Noch bis vor zwei Jahren war die Unterscheidung relativ einfach. Personen, welche fünf Worte aneinanderreihen, diese mit Textzeichen unterbrechen können und der gesamte Abschnitt irgendwie Sinn ergibt und jene, welche die Bauchtasche um den Hals tragen.

Während die Fähigkeit sich in Text und Sprache auszudrücken dank der zunehmenden Verblödung der Menschheit kurz davor war, ein ultimatives Alleinstellungsmerkmal zu werden, macht einem die KI einen dicken fetten Strich durch die Rechnung. Selbst irgendwelche Behauptungen, wie die Präsenz von giftigen Haien in der Themse hatte zumindest noch eine Nacht lang Bestand. Heute nur noch solange, bis du aufs Klo gehst und dein Gegenüber an der Bar sich die Zeit mit dem Smartphone vertreibt. Sagte ich kürzlich während einer Zugfahrt Chat GPT, dass mir langweilig sei. Ihr erkennt die Feinheit? Ich stellte einem Computer nicht eine Frage wie dies seit jeher der Fall war, sondern ich teilte dem Rechner etwas mit und erwartete dennoch eine Reaktion. Sowas war doch bisher eigenständig agierenden Menschen vorbehalten.

Chat GPT schlug mir vor ein Spiel zu spielen. Wargames wird Wirklichkeit und ihr erkennt sogleich, wie alt ich bin. Ist dies nun ein Spiel oder Realität? Wo ist der Unterschied? Und so spielte ich mit der KI «Wer bin ich?» und erkannte, dass Menschen, welche Gefahr laufen in der Vereinsamung unterzugehen durch diese Symptombekämpfung einfach in die nächste Kapsel verschoben werden. Abhängiger denn je zuvor. Irgendwie erschreckend.

Sehr weit kamen wir nicht. Als ich das Gegenüber soweit eingrenzen konnte, dass es sich um eine Stadt handeln muss, war mein Gratis-Zugang aufgebraucht und ich musste 21:19 warten. Ob Minuten, Stunden oder Tage weiss ich nicht, auch war mir die Sache keine monatlichen 20 Franken wert. Beruhigend, dass monetäre Interessen die Verbreitung doch noch etwas eingrenzen.

Eigentlich wollte ich noch die Top 3 unter dümmlichen Statusmeldungen einsetzen, aber sie ist mir entfallen.

Zudem stelle ich fest, dass sich mein Wortschatz erheblich reduziert hat, meine Sätze identisch aufgebaut sind und sich Aussagen wiederholen. Mein eigener Text widert mich an, muss mehr schreiben. Dann klappts auch mit dem Buch.

In diesem Sinne, bis bald.

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It’s a match

Und dann sitzt man vor dem Bildschirm und aktualisiert im fünf Sekunden-Takt. Die Schlussszene von The Social Network, Zuckerberg hat soeben seinem secret crush – heimlicher Schwarm für die Älteren – eine Freundschaftsanfrage gesendet und wartet nun auf die Annahme.

Dieser Abspann scheint mir sinnbildlich für Dating-Apps. Ist mir bewusst, schon den ein oder anderen Beitrag über dieses Thema getippt, wohnt dem nicht eine gewisse Tragik inne? Obwohl ich es von der anderen Seite beleuchte; dieser Quatsch funktioniert. Denn im Endeffekt wäre es ungerechtfertigt Bumble oder Tinder eine Schuld anzulasten, wenn man über die Alltagshürden stolpert.

Doch beim Eintritt in die Online-Datingwelt sollte man ein reines Karma und eine Schubkarre voller Glück mitbringen. Ist Glück eigentlich eine endliche Grösse? Ich behaupte nein. Aber wie der liebe Gott manche Menschen kurz vor Feierabend gemacht wird, war er bei der Verteilung von Glück auch zu faul das Zuckersieb zu holen und streute aus dem Handgelenk. Daher wandeln auf diesem Planeten nun Gustav Gans und Donald Duck.

Donald ist mir im Grundsatz sympathischer, aber wenn es wirklich zählt, bin ich schon vom Glück geküsst. Will ich einfach festhalten. Damit ihr schon gar nicht erst Luft holt um ein Mimimimi zu artikulieren.

Also eigentlich gehören sämtliche Anbieter von Dating-Plattformen standrechtlich erschossen.

Soziale Interaktionen wie Partnerschaft und Liebe zählen zu den Grundbedürfnissen des Menschen. Sagt Maslow. Wie Essen und Luft.

Und wo ein Bedürfnis, besteht ein Markt. Deswegen haben wir die Option zum Atmen nach Davos zu fahren und unser täglich Brot finden wir vom Bäcker, über die Tankstelle, bis zum Sandwich im Blister aus dem Selecta-Automaten. Dann gibt es wieder Bedürfnisse, bei welchen der Staat eingreift, um Schindluder zu unterbinden. Durch die obligatorische Krankenversicherung haben alle Menschen Zugang zu einer medizinischen Versorgung und eine Klassengesellschaft wird verhindert.

Wie ist dies nun mit dem Seelenheil der Menschen?

Da gibt es die offiziellen Verkaufskanäle für Liebe. Selbstverständlich bieten Elitepartner und Parship gewisse kostenlose Dienstleistungen an. Aber mal ehrlich; so deppert ist wohl keiner, dass er annimmt, mit seiner Gratisteilname einen Blumentopf oder in diesem Fall eine kluge, wortgewandte und wunderschöne Lebensabschnittspartnerin vermittelt zu erhalten. Dafür läuft auf den Privatsendern zu viel Werbung für die Portale.

Im Gegensatz zu den Datingapps. Da wird suggeriert, dass der Logarithmus Personen mit ähnlichen Präferenzen und Absichten sucht und diese digital einander vorschlägt. Ich sage klar suggeriert, denn in den AGB steht kein Ton davon. Ja, hatte Langeweile und habe mir diese mal angeguckt.

In den FAQ hingegen wird erklärt, dass das System so funktioniert. Nur bezieht sich der Klick auf «Einverstanden» nicht auf FAQ sondern auf Allgemeine Geschäftsbedingungen.

Am Logarithmus zweifle ich nicht, der wird tadellos funktionieren. Schliesslich gilt es jede Menge persönlicher Daten abzugreifen und zu sortieren. Aber die Vorschläge scheinen dann eher auf einem Zufallsprinzip zu basieren. Einem etwas gesteuerten Zufallsprinzip. Nur eben anders, als die Augenwischerei es einem glauben macht.

Hattet ihr noch nie das Gefühl; Hui, diese Person passt aber wie Arsch auf Eimer. Obwohl, in meinem Fall dies schon wieder hinfällig wäre, kaum bedient sich Frau dieser Redewendung. Ist mein Ding, Fäkalsprache kann ich einfach nicht ertragen.

Aber ihr wischt nun mit blutigem Finger, sieht obengenanntes Hui und seit beinahe (Scherz, seid…) schockverliebt. So sicher wie das Amen in der Kirche bietet euch Tinder umgehend an, einen Superlike zu vergeben. Kostenpflichtig, zu erstehen im Dreierpack à 9 Euro. Natürlich, du kannst auch einfach normal Liken, aber mit einem Superlike erhöhst du die Chance auf einen Match um das Dreifache.

Moment. Also dieses System geht ja weder vorne noch hinten auf. Die einzige Möglichkeit, die Chance auf ein Match zu erhöhen liegt für Tinder darin, dein Profil deinem Hui-Crush überhaupt zu zeigen. Denn einen Match erzwingen können sie ja (noch) nicht. Sprich, die einzig logische Konsequenz eines normalen, kostenlosen Likes wäre, dass deine Karte bei deinem Hui-Crush garantiert NICHT erscheint. Und rein betriebswirtschaftlich ist dies das einzige was Sinn macht. Denn wenn du mit einem normalen Like Erfolg hättest, warum solltest du jemals einen Superlike kaufen?

Also hier krankt die Nummer mit der kostenlos-Versprechung bereits ordentlich.

Eurem Gegenüber, dem Hui-Crush, sollte nun angezeigt werden; Hey, da hat jemand einen Superlike gegeben!
Also nach den normalen Regeln, und dem Märchen aus der App-Anpreisung, hättest du sowieso bei Hui auf dem Bildschirm erscheinen müssen. Denn wenn ihr beide Kino liebt, Hunde knuddelt und jeden Freitag Laser-Tag spielt seid ihr ja ein absolutes Match. Würde sogar ein EA-Logarithmus erkennen. Im dritten Anlauf.

Aber welche Motivation hätte Tinder denn, euch zu verbandeln? Wie Paarship, welches die Kunden am liebsten paarweise verliert. Und sich freut! Habt ihr jemals erlebt, dass die Migros-Belegschaft applaudiert hat, weil ihr eine Coop-Filiale betreten habt? Gut, bei dem ein oder anderen Kunden gewiss, aber grundsätzlich öffnen die wenigsten gewinnorientierten Geschäftsführer eine Flasche Prosecco, wenn ihr euren Lebensmittelbezug per sofort einstellt. Ob alleine oder paarweise.

Diese Geschichte geht also auch nicht auf. Hindert Tinder natürlich nicht daran, nochmals beherzt an die Milchzitzen, verzeiht den Vergleich, zu greifen. Denn eurem Hui-Crush… vielleicht sollte ich Namen vergeben. Nennen wir sie Victoria und David.

Victoria erhält umgehend ein Angebot um zu sehen, wer ihr einen Superlike gegeben hat. Dafür braucht sie nur ein Abo für rund 50 Euronen zu lösen. Tinder Gold.

Eine Garantie, dass David ihr angezeigt gibt es natürlich nicht, aber die Möglichkeit besteht zumindest.

Weil Victoria, und da müssen wir nicht hinterm Berg halten, wohl noch manches Crush sein wird, dreht der feiste Manager seinen Stuhl wieder David zu. Schnell ein Rückblick; obwohl Tinder «verspricht» in der Grundfunktion können man liken und matchen ist die Sache eben doch nicht ganz in trocknen Tüchern. Daher haben sie ihm den Superlike verkauft. Um seine Chancen, welche bereits kostenlos vollends intakt sein sollten, noch etwas zu steigern, kann er bei Victoria, bei welcher er so oder so sofort erscheinen sollte, durch einen Top Pick etwas nach vorne rutschen. Kostet ihn um die 60 Euronen. Monatlich. Tinder Platinum.

Die Preise zu finden ist im übrigen gar nicht so einfach. Diese sind flexibel. In etwa davon abhängig, ob du ein Zipfelchen hast oder nicht, ob du jung und mittellos oder alt und verzweifelt bist, Downtown oder im Donnertal am Löwenzahn unter der alten Linde, wo die Sonne das Eichhörnchen küsst wohnst.

Ja… aber…

Selbstverständlich hattet ihr schon Likes und Matches. Ja, es hat sogar schon funktioniert, kann ich bestätigen.

Aber euer letzter Match bei Tinder ist vergleichbar mit dem Kugelschreiber am Gemüseraffelstand, welchen ihr gestern an der Herbstmesse abgegriffen hat. Der Herr im weissen Hemd verschenkt auch kein Gurkenhobel, sondern ein kleines Goodie um euch an den Stand zu locken.

Wie es an jeder Messe kleine Männchen unter blaugelben Schirmmützen, in durchgelaufenen Schuhen und zu grosser Helly Hansen Jacke gibt, welche in einem Jutebeutel der Pro Juventute Abziehbilder, Haftnotizblöcke und Kugelschreiber sammeln, damit glücklich sind und keine Minute daran denken, einen Karton Chardonnay zu kaufen, ist euer zufälliges Match und Zusammenleben eine wunderbare Sache, aber ganz gewiss nicht im Sinne der Dating-App-Betreiber.

Sorry.

Aber ich kann auch romantisch. Organisiere schöne Sonnenuntergänge.

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Schmutziges Geld

Ich glaube Ozark ist schon beinahe bei den alten Serien einzureihen, dennoch finde ich die Thematik spannend. Und da ich kürzlich gleich wiederholt gefragt wurde, wie Geldwäsche denn funktioniert, habe ich mich nochmals fundiert schlau gemacht.

Woher stammt der Begriff Geldwäsche?

Al Capone, ein Antiquitätenhändler aus Chicago, erwirtschaftete Anfang des 20 Jahrhunderts hohe Geldbeträge mit Nebengeschäften. Etwa dem Glücksspiel, dem Vermitteln von sexuellen Dienstleistungen, speziellen Sicherheitsdiensten oder dem Verkauf von Alkohol in einer Zeit, in welcher dies nicht gerne gesehen wurde.

Ein grosses Problem ergab sich dadurch, dass die dabei erzielten Gewinne nicht wirklich Freude machten, wenn er das Geld nicht wiederum in Waren und Dienstleistungen umtauschen konnte. Denn sobald der Antiquitätenhändler eine teure Villa ersteht, wird die Finanzaufsicht neugierig und interessiert sich, wie diese Villa bezahlt wurde. Da muss man eine plausible Herkunft für das Vermögen angeben können.

Al Capone kaufte also Waschsalons. Jede Menge. Ob nun irgendjemand seine Hemden in Bucktown wusch oder nicht spielte keine Rolle, Fakt war, dass diese Waschsalons unglaublich umsatzstark waren.

Es wurden traumhafte Gewinne erzielt, welche brav versteuert wurden und Al Capone zu einem geachteten, wohlhabenden Geschäftsmann machten.

Bevor wir uns in die Details begeben, noch der Unterschied zwischen der Geldwäsche und Steuerhinterziehung.

Bei der Steuerhinterziehung trachtet man danach, Einkünfte aus dem normalen Geldfluss am Fiskus vorbei zu schleusen und aus dem legalen Verkehr zu ziehen.

Bei der Geldwäsche versucht man Geld von dubioser Herkunft in den normalen Geldkreislauf einzubringen.

Welches Geld waschen wir also?

Einkünfte aus illegalen Geschäften wie Drogenhandel, Erpressung, Prostitution, Schmiergeld und ähnliches.

Der Waschvorgang besteht darin, dieses in den normalen Wirtschaftskreislauf zu bringen, ohne dessen Herkunft preisgeben zu müssen.

Das Placement, oder, die einfache Einzahlung

Ich nehme das Bündel Geld, gehe zur Bank und zahle es ein. Ich wandle somit das Bargeld in das sogenannte Buchgeld um. Für gewöhnlich kein Problem. Es sei denn, das Bündel ist ausserordentlich dick.

Die Bank ist verpflichtet, bei hohen Transaktionen, welche von meinen üblichen Bankgeschäften abweichen, Erkundigungen einzuholen. Die Bank legt dabei die Kriterien selber fest. Kann ich die Herkunft nicht erklären und das Misstrauen der Bank nicht zerstreuen, wird mein Konto gesperrt und die Meldestelle für Geldwäscherei erhält eine Nachricht.

Als gewiefter Geldwäscher lässt man sich beim Bankberater seines Vertrauens daher öfters auf eine miserable Anlage ein, welche ihm jedoch eine hohe Prämie einschenkt. Dafür vertraut man darauf, dass er bei den Einzahlungen nicht zu genau hinschaut.

Um der Aufsicht zu entgehen, kann ich natürlich in homöopathischen Dosen einzahlen. Aber spätestens, wenn das Geld kartonweise in meinen Schränken lagert, wird dies schwierig. Diese Methode nennt man übrigens Smurfing. Also Schlumpfen. Hier ist wichtig, dass ihr unterschiedliche Finanzinstitute bedient, weil die Banken, also Algorithmen auf das Schlumpfen sensibilisiert sind.

Die Vermischung mit legalem Geld

Al Capone hatte Waschsalons. Mein Finanzlehrer hat Solariums empfohlen. Ich finde beides nicht toll, begeisterte mich aber schon vor Ozark für Casinos. Daran trägt Scorsese Schuld. Das Prinzip ist jedoch immer dasselbe.

Ich kaufe mir ein Unternehmen, in welchem der normale Bürger ein- und ausgeht. In selbigem werden für gewöhnlich kleine Transaktionen getätigt. Man erhält einen Haarschnitt, isst eine Pizza, trinkt ein Cocktail.

Wer das Lokal nicht intensiv überwacht kann schlecht abschätzen, wieviel umgesetzt wird. Einzig der Buchhalter weiss, wie hoch die Erträge sind. So verkauft Luigi, mein Geschäftsführer, am Dienstagabend zwei Pizzen. Ertrag 32 Franken.

Schaue ich nun jedoch meinem Buchhalter über die Schulter, war das Lokal zum Bersten voll. Jeder Tisch viermal besetzt, der Wein floss in Strömen und unter zwei Desserts verliess niemand das Lokal.

Ich setzte nette 25 Riesen um. Macht eine Differenz von 24’968 Franken. Welche ich nun irgendwie decken muss. Und dafür hebe ich das lose Bodenbrett in der Rumpelkammer, greife in den Schuhkarton und Mario wirft auf dem Nachhauseweg die Tageseinnahmen in den Nachttresor der Bank. Gibt es das überhaupt noch? Gab es, als ich klein war.

Der Fiskus und die Gemeinde freuen sich über meine florierende Pizzeria und alle sind glücklich.

In der Theorie. Man stelle sich dies in der Schweiz einmal vor. Unser Rechtsstaat lebt davon, dass jeder dem anderen auf die Finger schaut.

Meine Pizzeria darf nicht zu sehr florieren. Weswegen ich viele Unternehmen brauche um das Geld möglichst breit zu streuen.

Ein immenser Aufwand, da bleibt der Spass auf der Strecke.

Structuring, oder, der Kunstmarkt

Kunst mag toll anzuschauen sein, aus Geldwäschersicht ist besonders spannend, dass der Wert eines Kunstwerks völlig losgelöst von jeglicher Vernunft und Logik, im speziellen jedoch vom Materialwert ist. Eine Leinwand, Pinsel und etwas Farbe kriegt man beim Baumarkt für n’Appel und n’Ei. Und bei Sotheby’s löst man dafür 50 Millionen.

Es ist eine heikle Sache, der Kunstmarkt wehrt sich vehement gegen die Unterstellung, mit Kunst werde Geld gewaschen.

Aber es ist auch unbestritten, dass nicht jeder, welcher während der Auktion seine Nummer hebt, das Ding auch wirklich kaufen will. Dass mehrere Bieter denselben Hintermann haben. Gerade, weil beim Kunsthandel oft der Vertreter des Vertreters agiert.

Unbestritten ist auch, dass Kunstgegenstände herrlich anonym in steuerbefreiten Zollfreilagern deponiert werden. Die Lager sind in ihrer Funktion als Transitlager ausgelegt, die lange Lagerung verboten, richtig kontrolliert wird dies hingegen nicht.

Barzahlungen sind auf dem Kunstmarkt nicht mehr üblich, aber bis 100’000 Franken stellen diese auch kein Problem dar. Der Handel ist wohl auch dem Geldwäschereigesetz unterstellt, die Bestimmungen aber weniger scharf.

Und sobald ich meinen Oberzartener Kupferstich wieder verkaufe, habe ich frisch gewaschenes Geld.

Die Scheinfirmen

Ich eröffne Firmen. In der Schweiz eine Beratungsfirma für Finanzdienstleistungen. Nun, eher ungeschickt. Aber ich könnte vielleicht meine Erfahrung aus dem Trekkingbereich einem Zelthersteller zur Verfügung stellen. Da sich Hilleberg jedoch einen Dreck um meine Meinung schert, richte ich den Fokus in den Westen. Dort sitzt der Zelthersteller Valleytal. Eine nicht sehr gut laufende Firma. Genau gesagt, haben die noch nicht ein Zelt verkauft. Noch nicht einmal genäht. Weil da keine Nähmaschine steht. Das Einzige, was sich halbwegs bewegt ist die Klappe des Briefkastenschlitzes. Die Firma selber gehört einem Ltd-Unternehmen, welches auf der Insel Jersey anwesend ist.

Jersey ist ganz zauberhaft, liegt zwischen der Normandie und der Bretagne gehört aber Grossbritannien. Neben schönen Stränden besticht das Fleckchen Erde vor allem durch seine Verschwiegenheit. So kann ein eifriger Steuerbeamter wohl in Erfahrung bringen, dass die Firma Valleytal der Rothstein Ltd. gehört und diese einen Sitz auf Jersey hat, dann ist aber auch schon fertig. Und dies wäre dann meine zweite Firma.

Ich berate also die Firma Valleytal, welche alsbald kräftig durchstarten will, und lasse mir meine Dienste vergolden. Rechnung um Rechnung geht raus, ich erziele Einkünfte, welche ich brav versteure.

Die Firma Valleytal ist glücklicherweise nicht sehr auf Gewinne angewiesen, da die Rothstein Ltd. laufend Einkünfte verzeichnet, welche wiederum aus meinem eigentlichen Geschäft gespiesen werden, welches ich so jedoch nicht in der Steuererklärung aufführen kann.

Ist es nicht paradox? Ich würde ja Steuern zahlen, darf aber nicht, weil der Handel mit Opiaten geächtet ist.

Das Layering

Aus dem Bargeld ist Buchgeld geworden. Dieses schiebt man nun von Konto zu Konto, von Land zu Land. Das Geld durch mehrere Scheinfirmen zu schleusen nennt man das Layering. Oft werden für solche Geschäfte Drittmänner eingesetzt, welche einer Schweigepflicht unterliegen. Anwälte, Notare. Mein Geld fliesst über soviel Konten, bis es beinahe unmöglich ist, den Ursprung auszumachen. Und, wie erwähnt sind Offshore (vor der Küste) wichtig, also Finanzplätze welche Wert auf Vertraulichkeit und Geheimhaltung legen.

Eine Steueroase haben wir dann, wenn die Steuern für meinen Briefkasten ausserordentlich niedrig sind.

Die Integration, oder, das Recycling

Neben dem schönen Lebenswandel muss ich das Geld nun wieder investieren.

Dies idealerweise in betriebsnahe Firmen. Also weitere Casinos, Pizzerias oder Chemiefirmen.

Hier findet sich auch eine weitere nette Methode um Geld zweifelhafter Herkunft loszuwerden. Respektive das Problem abzuschieben. Vermögenswerte werden über- oder unterbewertet.

Ich sehe ein nettes Haus, mit einem Wert von 2 Millionen. Dieses erstehe ich offiziell für 1 Million, welche von meinem Bankkonto abgeht.

Wäre für den Makler ein schlechtes Geschäft, würde er sich nicht über eine Million steuerbefreites Schwarzgeld freuen, welche ich meinem Schuhkarton unter der Diele entnommen hätte.

Nun investiere ich eine halbe Million in die Sanierung und verkaufe das Gebäude ganz öffentlich und einsehbar für 2.5 Millionen.

Aus Sicht der Finanzbehörde habe ich 1.5 Millionen verdient.

In meinen Büchern ist es nur eine halbe, aber eine weitere Million aus dem Schuhkarton ist nun reinweiss gewaschen.

Was ist nun eigentlich böse an der Geldwäsche?

Eigentlich nicht der Waschvorgang per se, obwohl strafbar, aber die Grundidee ist, gegen die organisierte Kriminalität vorzugehen. Und daher ein sehr probates Mittel. Du und ich, wir wären wohl beide glücklich mit einem Schuhkarton voller Geld. Hier ein Urlaub, da ein sinnloser Onlinekauf, vielleicht sogar ein netter Mittelklassewagen. Beim plötzlichen Ferrari vor der Haustüre würde der Steuervogt wohl schon hellhörig.

Aber Du und ich sind ja auch nicht die Zielgruppe.

Wenn irgendwelche Organisationen jedoch keine Möglichkeit mehr haben, Millionenbeträge reinzuwaschen, wirkt sich dies durchaus auf die dunklen Machenschaften nieder.

Daher die nicht unberechtigte Jagd auf Geldwäscher.

So. Könnte jetzt ausschalten. Kommt nichts mehr.

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