Mutter pflegte zu fragen; „Brennt dich das Geld in der Tasche?“, wenn mein Bruder, der Beste von allen, und meine Wenigkeit im Kaufparadies der Region vor dem Regal standen und mit irgendwelchem Schrott liebäugelten.
Neue Spiele für den Game Boy zählten dabei direkt zu den guten Investitionen.
Nun gut, mehrheitlich. Man konnte auch daneben greifen.


Mein Bruder bewies da öfters eine bessere Nase, während ich dazu neigte, 65 Franken Weihnachtsgeld in ein Spielerlebnis zu investieren, welches hinsichtlich Spannungslevel einem Montag-Morgen-Teams-Meeting über Inklusion und Diversität Konkurrenz machte.
Ja, ein wenig brennt das Geld vielleicht schon und nicht zuletzt war es stets ein Traum von mir, dereinst eine Immobilie zu bewohnen, welche ohne irgendwelche Wegrechte, Dienstbarkeiten oder einfach physischer Hürden wie ein Zaun oder eine Hausmauer zu umrunden war, ohne dass ich meinen Grund und Boden verlassen müsste. Oder zumindest jenen der Bank.
Mit einem Hobbyraum, einem Grillplatz und vielleicht einer Garage.
Dafür habe ich mir stets etwas Geld zur Seite gelegt und gedenke dies eigentlich mit Hilfe der Bank wundersam zu mehren. So macht man dies heute und wurde damit auch vorstellig.
Einfach zehn Jahre zu spät.
Der Immobilienmakler lachte. Der Bankberater lachte. Die Katze lachte.
Früher konnte ein Handwerker Grund und Boden erstehen, einen Neubau errichten, darin leben und die Hypothek bedienen, ohne dass sich jemand nebenberuflich dafür prostituieren muss. Mit einem Zinssatz, welchen die Bank heute für den absoluten Worst-Case als Berechnungsgrundlage verwendet.
Die Zeiten haben sich geändert.
Karl-Heinz-Friedrich Meier und seine Frau Klara errichteten für 350’000 ein Eigenheim am Südhang, gleich unterhalb der Rebberge. Angrenzend an die Landwirtschaftszone.
Ein solides Betonfundament, draufgesetzt hat der italienische Saisonier ein Doppelschalenmauerwerk. Mit einem Zwischenraum von soliden 7cm. In diesen wurden alte Tageszeitungen, ein Schafffell, Bauschutt oder sonstigen Kram gestopft. Dies nannte man Isolation. War Karl-Heinz-Friedrich ein bünzliger Pedant, hat er vielleicht auf eine solide Steinwolle aus Flums bestanden. Diese hat sich über die Jahre komprimiert, der Marder welche drei Tage nach der Aufrichte eingezogen ist, hat seinen Beitrag dazu geleistet.
Die Isolation reicht heute noch knapp über die Sockelleiste, endet vor der Unterkante Steckdose.
Dämmung war kein Thema. Diese kompensierte man mit Öl, kostete ja nix.
„Klar, die Heizung muss man dann wohl schon mal ersetzen…“. Dies ist Maklersprache für; der Feuerungskontrolleur hat sie wohl nur nicht stillgelegt, weil er bei der periodischen Kontrolle unter der tropfenden Ölleitung ein kleines Couvert mit Trinkgeld gefunden hat. Und die Hütte sowieso abgestossen wird.
„Wärmepumpen sind mittlerweile sehr effizient“ bedeutet übersetzt; ja klar könnt ihrs ohne zusätzliche Dämmung und vierfach-Verglasung mit einer alternativen Heizmethode versuchen.
„So schlecht sind die Fenster gar nicht…“, aber mittlerweile muss ich wohl den Heimatschutz fragen, ob ich die Kasten-Doppelfenster ersetzen dürfte.
„Natürlich muss die Elektroverteilung neu abgenommen werden…“. Nachdem ich sie komplett saniert habe, weil im ganzen Haus nur drei einfache Steckdosen verbaut sind und eine Dachlatte den Sicherungsautomaten stützt.
Dies war notwendig, weil Karl-Friedrich irgendwo eine vierte Dose Aufputz installiert hat. Dafür hat man durch den soliden Parkett gebohrt. Aber nicht an der Stelle, an welcher er sich sowieso schon wölbt weil Hektor-Pascal, der niedliche Foxterrier, dazu neigte, in die Ecke mit der Topfpflanze zu pinkeln.
Das Doppelschalenmauerwerk musste natürlich gegen Oben abgeschlossen werden. Dafür setzte man auf ein Eternit Dach mit solidem Asbest. Nicht fehlen durfte eine Dachluke, deren einziger Sinn darin bestand undicht zu sein. Der ganze Dachstock ist nicht isoliert, dafür hat man eine Zwischendecke. Auf dieser liegt flüchtig verteilt der Rest der Dämmwolle. Und Marderscheisse.
Immobilienmakler nennen dies „Ein Dachgeschoss mit Potential welches wunderbar mit kleinem Aufwand zu einem grosszügigen Studio oder Spielzimmer ausgebaut werden kann. So werden aus 4.5-Zimmer ein fünf-Zimmer-Wohnparadies.“
Sofern man den Zugang über eine Auszugsleiter im Flur mag, nicht grösser als 145 Zentimeter ist und auch dann nur mittig unter dem angefaulten Firstbalken stehen möchte.
Sagte ich 4.5 Zimmer? Wichtig bei Häusern aus diesem Jahrgang ist, dass der Raum mit einem IKEA Kura-Kinderbett bereits zu 65% genutzt ist. Hat man die Dreistigkeit, mit einem modernen Boxspring-Bett zu liebäugeln, verwandelt sich das „grosszügige Elternschlafzimmer mit praktischem Blick in das Nachbarhaus“ zu einer Matratzenlandschaft. Mehr Raum ist da nicht.
Ganz wichtig auch; zwei Zimmer sind einzig durch einen Einbauschrank getrennt. Einen ganz hässlichen Einbauschrank. Aus bauchigen Spanplatten mit merkwürdigem Geruch und fehlenden Tablarhaltern.
Deswegen schliesst der Makler bei der Besichtigung die Türen auch immer selbst, wohlwissend, wenn dies mit zu viel Schwung geschieht, hat er plötzlich nur noch ein 3.5 Zimmer-Haus im Portfolio.
Woraus er natürlich ein „Grosszügiges Elternschlafzimmer mit praktischem Durchgang zur Ankleide“ macht und den Preis 57’000 Franken höher setzt.
„Ein praktisches, durchdachtes Bad mit WC, Dusche und Badewanne“ gehört auf dieselbe Etage. Praktisch durchdacht heisst in der Maklersprache, dass der Raum viel zu klein für so viel sanitären Kram ist. Zähne putzen bitte nur mit kleinen Bewegungen, da man sonst den Ellbogen an die Duschwand schlägt. Im übrigen die solideste Wand im Haus. Was die Bauherren im Doppelschalen-Mauerwerk gespart haben, wird in der Dusche verbaut. Wo heute eine moderne, filigrane Glaswand steht, hat man damals einen zweiten Schutzbunker aus Stahlbeton mit Duschvorhang hingegossen. Und verfliest mit den dunkelsten Exponaten der Keramik-Manufaktur. Ein Blau oder Orange-Braun welches jedes Quentchen Licht zu absorbieren scheint.
Natürlich gehört auch ein Gästebad zum guten Ton. In der unteren Etage. Mit den Fliesen zieht man eine Linie durch, da kann man nicht mäkeln. Aber der zentrale Blickfang jedes ordentlichen Gästebads ist das Abflussrohr vom oberen Stockwerk, welches hinten links durch den Raum führt. Nicht etwa verkleidet, aber farblich angepasst. Mit aufschraubbarer Serviceluke. Das ganze Gästebad ist so klein, dass man am Besten bereits im Flur die Hose öffnet und mit dem Beinkleid in der Kniekehle rückwärts zur Toilette geht. Dann die Beine seitlich unter das Waschbecken schieben und die Türe schliessen. Nicht unschuldig am Platzmangel ist der Abort, dessen Spühlkasten in seinem ersten Leben als Wasserreservoir für eine Kleinstadt im amerikanischen Westen gearbeitet hat.
„Eine funktionale Küche, zum Essbereich offen und mit Blick in den Garten.“… durch ein Fenster, 25 x 70cm unter der Decke. Die Öffnung zum Essbereich entpuppt sich als Durchreiche mit Fensterflügel aus Butzenglas. Gleich auf der anderen Seite steht ein unvermeidbarer Eckbank, weil die Raumaufteilung auf einen Eckbank angewiesen ist um mehr als eine Person an den Tisch zu kriegen.
„Zeitlose Küchengeräte von Miele“. Mit Serviceaufkleber vom regionalen Fachgeschäft. Eine siebenstellige Telefonnummer und dreistellige Postleitzahl.
„Pluspunkt der Immobilie ist die praktische Garage“.
Noch besser gefällt mir in Beschreibungen die Doppelgarage. Welche voraussetzt, dass eines der Familienmitglieder mit dem Bobby-Car zur Arbeit fährt. Und das andere Fahrzeug maximal ein Peugeot 106 ist. Erste Generation, versteht sich.
„Ein kleines Naturparadies umrundet die Liegenschaft“ heisst übersetzt; der demente Karl-Heinz-Friedrich hat Ende 90er Jahre das letzte Mal eine Heckenschere benutzt und auch der Rasen bleibt seit fünfzehn Jahre mehrheitlich sich selbst überlassen. Das Moos hat sich die Gartenplatten zurückgeholt und im Kompost hat sich schon längst ein neuer Organismus entwickelt, der wahrscheinlich faucht und Gift spritzt, geht man zu nahe daran vorbei.
Ja, eine Million und 50’000 wäre unsere Preisvorstellung. Wissen sie, die Lage…
Da Karl-Heinz-Friedrich in die Grube gefahren ist und Klara endlich ins Wohnheim zur schattigen Pinie übersiedelt werden kann, wollen sich die Erben für die Jahre des Wartens nun schadlos halten. Und gnadenlos abzocken.
In solchen Momenten muss ich schon an mich halten um den Makler nicht dem Ding im Kompost dem Frass vorzuwerfen.
„Ihr wisst schon, dass die Garage so ziemlich das einzige ist, was an diesem Haus zu verwerten ist? Und auch das nur, wenn man einen soliden, grossen Geräteschuppen will. Ein Auto, welches die letzten zwanzig Jahre vom Band gelaufen ist, kriegt man nur rein wenn man es von hinten schiebt und dann das Tor offen lässt. Woher nehmt ihr die Frechheit, einen solchen Preis anzusetzen?“
„Ja, die Lage…“
Und dies ist der Fluch am Häusermarkt.
- Du kannst die Lage kaufen, hast aber kein Haus.
- Du kannst ein Haus kaufen. Ist aber links und rechts noch eines angebaut. Und oben drüber.
- Du kannst einen Kompromiss mit der Lage eingehen, hast dann aber keinen Parkplatz.
Und einen Pausenplatz nebendran. - Du kannst einen Kompromiss mit dem Haus eingehen, investierst aber noch 300’000 bis es irgendwie bewohnbar wäre. Im Sommer. Ohne Heizung.
- Du kannst einen gemeinsamen Kompromiss mit Haus und Lage eingehen, hast danach aber 50 Minuten Arbeitsweg und einen Steuerfuss von 215 Prozent.
- Du kannst kompromisslos deinen Traum erfüllen, kannst ihn aber nicht geniessen, weil du für den Banküberfall oder Mord an der alten reichen Dame in einer Zelle einsitzt.
Ein neuer Treffer für dein Suchabo…
Hier einige Redflags, bei welchen ihr gleich die Flucht ergreifen sollt:
- Charmant
- Einzigartig
- Mit Potential
- Im Herzen von
- Raumwunder

Was der Makler sagt
Was der Makler meint…
Familenhaus zum Wohlfühlen
Wohlfühlen durch Kuschelfaktor. Gedrängte, kleine Räume, funktional oder kurz; wie bringe ich eine 5-köpfige Familie auf 90 Quadratmeter.
Charmantes Einfamilienhaus an ruhiger Lage
Sehr gewöhnungsbedürftiges Äusseres, hoher Sanierungsbedarf bevor man wagt Freunde einzuladen. Am Arsch der Welt.
Investoren-Highlight: Zwei Häuser – ein Kauf
Nicht zwei Häuser, sondern ein Haus mit Einliegerwohnung.
Einzimmer-Einliegerwohnung.
Einzimmer-Einliegerwohnung mit geteilter Waschmaschine.
Einzimmer-Einliegerwohnung mit geteilter Waschmaschine und Dienstbarkeit für 25 Nachbarn für einen Parkplatz.
Wohnen auf einer Ebene, Einfamilienhaus mit 4.5 Zimmern und Garten…
Kein Keller, die ganze Technik in der Garage, Waschmaschine im Bad und wer aufs Klo geht, bleibt trotzdem bei den Gästen, weil praktisch alles in einem Raum ist. Mit Trockenbau-Wänden.
Historisches Ein- oder Zweifamilienhaus im Herzen von
Kein Parkplatz. Der Ortsbild-Verantwortliche sucht die Farbe deiner Vorhänge aus. Sagt dir wann du was sanieren musst. Und was es kostet.
Grünes Paradies mit Bungalow am….
Vernachlässigter Garten, versiffter Pool.
Freistehendes Einfamilienhaus mit Potential
Ein an gnadenloser Selbstüberschätzung leidender Handwerker hat sich auf allen Ebenen und in allen Ecken versucht, aber nichts zu Ende gebracht.
Sonne, Ruhe und das Landleben geniessen
Ein Haus am Arsch der Welt. Und irgendwie nichts, was man positiv dazu erwähnen könnte.
Ein Zuhause mit Raum für Träume
Im Prinzip nicht bewohnbar, muss noch fertig gebaut werden
Wohnen im Einklang mit der Natur
Den Garten quasi im Haus. Allenfalls ein Erdloch. Mit viel Hippie-Flair.
Kleines Raumwunder im beliebten…
Man hat Platz für alles. Man muss es sich nur immer wieder sagen. Und spezielle Möbel haben. Weil keine glatte Fläche breiter als 70cm ist.
Ehemaliges Bauernhaus mit viel Potential und lauschigem Garten
Zentraler Kachelofen und kleine Elektroöfen aus dem Interdiscount in den Zimmern. Raumhöhe 175cm und Türzargen bei 168cm. Türen schliessen im Winter nicht richtig. Oder gehen nicht mehr auf.
Einzigartiges Mehrfamilienhaus
Hippiekommune. Braucht man nicht mehr zu sagen.
Altstadthaus an bester Passantenlage
Im Sommer Party bis 01:30. Jeden Abend.



