Body Positivity, halt doch Ansichtssache

Ob ich nun schöner als ein Affe sei, liegt wohl im Auge des Betrachters. Empfinde ich Affen im Grundsatz weder als unglaublich attraktiv, noch als extrem abstossend, sie sind einfach. Ich gestehe, ich habe mich nie mit dem optischen Reiz von Affen befasst und vergleiche von Menschen mit Tieren sind im Grundsatz doch irgendwie dümmlich.

Nein, ich stosse mich nicht an ihrem Vergleich denn im ersten Satz bringen sie die Sache gleich zauberhaft auf den Punkt.

Mit Männern kann man solche Vergleiche anstellen. Ich könnte nun sagen, Männer müssen mit sowas umgehen können, doch trifft es dies nicht ganz. Wir sind von der Natur insofern privilegiert, dass es den meisten unter uns einfach am behaarten Allerwertesten vorbei geht. Wo kämen wir sonst auch hin, für Männer gibt es keine Body Positivity Bewegung. Rasiert sich in der Werbung ein Mann, muss er dazu unbedingt mit Six-Pack vor den Spiegel stehen. Ein Anti-Schuppen-Shampoo ist nur wirklich glaubhaft, wenn der Schaum über muskelbepackte Schultern auf einen Adoniskörper rinnt. Wird die Zubereitung von Mahlzeiten oder ein Reinigungsmittel beworben, betont man gerne, dass dies sogar der Mann in seiner Rolle als dümmster anzunehmender Nutzer gebacken kriegt.

Herrlich unkompliziert, nicht? Oder fragen Sie sich selber; würden Sie ihren eingangs erwähnten Vergleich auch mit einer Frau anstellen?

Männer betreiben nach ihrer Vorstellung also die reine Selbstoptimierung, indem sie Eisen stemmen und Magerquark verspeisen. Ich muss sagen, beeindruckend wenn wir dieses Bild vermitteln. Selbstverständlich gibt es Sportfanatiker, unter beiden Geschlechtern wohl in gleichem Masse, aber es wäre nun ja nicht so, dass Männer sich nicht dem kritischen weiblichen Auge stellen müssen.

Doch es besteht ein feiner Unterschied.

Finden sich in Filmproduktionen Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts, welche dem klischeehaften Schönheitsbild entsprechen, wird auf diesen herumgehackt. Sie würden ein unnatürliches Bild vermitteln. Sie verletzen das Selbstwertgefühl anderer Frauen. Sie verbreiten schlechte Signale. Sie spiegeln nicht die Durchschnittsfrau wider. Andere Schauspielerinnen müssen her.

Männer hingegen dürfen von Jahr zu Jahr muskelbepackter, attraktiver und ewig jung sein. Ob dies nun in Ordnung sei oder nicht, ist sekundär. Denn der etwas unsichere Mann fordert nicht, Tom Cruise müsste eine Bierwampe über die Leinwand schwingen sondern fasst sich an die eigene Nase. Sie klemmen sich dieses unrealistische Bild an den Spiegel und gehen Eisen stemmen und Magerquark essen. Sie brauchen keine Body Positivity Bewegung. Ja, vielleicht wäre es bequemer, wenn einfach die ganze Welt umdenken würde und man jeder Frau welche ein Six-Pack als sexy und anziehend einstuft, mal ordentlich die Meinung geigen würde. Aber nur weil man nicht mehr sagen darf, ein muskulöser Körper sei attraktiv, heisst es nicht, dass man dies nicht denkt. Und so gewinnt ja niemand. Denn auch wenn die Bierwampe für gesellschaftsfähig und als neues Schönheitsideal erklärt wurde, hat man den definierten Körper nicht verboten und es wird nach wie vor Männer geben, welche diesen vorführen. Dank Bachelorette und diversen Bums-Insel-Sendeformaten gehen die Plattformen nicht aus.

Und hier sind wir bereits beim nächsten Punkt Ihrer Kolumne. Jordan Peterson findet den molligen Körper nicht schön. Es erschliesst sich nicht ganz, was ihnen nun sauer aufstösst; dass dieser nicht Petersons Schönheitsideal entspricht, oder, dass er es laut ausspricht.

Die Forderungen der Feministinnen gehen hier aber auch ein wenig sehr weit. Unbestritten; jede Frau soll den Körper haben, in welchem sie sich wohlfühlt. Und sie soll sich gewanden, wie es ihr beliebt. Und Mann hat weder über das eine noch das andere zu urteilen.

Bringt ein Mann jedoch zum Ausdruck „Mir gefällt dies nicht…“ dann sehe ich hier kein falsch. Es ist nichts anderes als ihre ureigene Klassifizierung, dass Affen in ihren Augen per se hässlich sind. Oder wollen sie ernsthaft Männern vorschreiben, was sie schön zu finden haben? Keinen ganzen Abschnitt nach ihrem Vorwurf, Männer schreiben Frauen vor, wie sie auszusehen hätten?

„Schöne Frauen daten hässliche Männer“; solche und ähnliche Artikel sind in ihren Augen ein Versuch der Männer, ihre Unzulänglichkeiten zu kaschieren. Eine Entschuldigung, und Bestätigung, warum Mann im Gegensatz der Frau nicht dem Schönheitsideal entsprechen muss. Eine Dehnung der geltenden Normen. Sie schreiben ironisch von einer perfekten Selbstverteidigung der Männer.

Liebe Frau von Arx; ganz abgesehen davon, dass die Menge solcher Artikel doch eher überschaubar und die Hälfte davon gesponsert ist, benutzen die Frauen für genau diese Vorgehensweise einen ganz wunderbaren Ausdruck. Body Positivity.

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Wer hat eigentlich gewonnen?

Am 13. Mai zelebrierten wir den Overshoot Day. Nicht, dass uns dieser einen Grund zum Feiern gäbe. Obwohl, wenn ich es richtig überdenke, für Linke und Grüne schon, denn an diesem Tag können sie uns um die Ohren hauen, dass wir nun alle Ressourcen auf den Kopf gehauen hätten. Den Rest des Jahres leben wir auf Pump, wissentlich, diese Schulden nie zurückzahlen zu können. Es sei denn, wir würden vier weitere Erden finden, welche auszubeuten wären. Die Ressourcenverschleuderung für die Suche hingegen; es ist ein Rattenschwanz.

Dennoch, wenn wir von etwas auf der Welt zu wenig haben, dann sind es ressourcenverbrauchende Menschen. Sagen die Linken und die Grünen. Der Gedanke, dass jemand vor der ihm angedachten Zeit von uns geht ist ihnen ein Gräuel. Daher legten sie uns ans Herz, dass Teile von aus dem Leben geschiedene Menschen doch unbürokratisch wieder verwertet werden, um andere Menschen um jeden Preis am Leben zu halten. Ein ethischer Konflikt, bin ich mir bewusst, aber scheut man sich die Dinge beim Namen zu nennen erzielt man Resultate wie am letzten Sonntag.
Jeden Preis; da hebt vor allem auch die Pharmaindustrie das Cüpli-Glas.
Die Linken und Grünen können im Gegenzug ja wiederum gegen die Gesundheitskosten angehen und die Begleichung der Krankenkassenprämien an den Staat übergeben, welcher das Geld wiederum bei den Gutbetuchten holen soll. Manager von Pharmafirmen und so.
Es ist ein Rattenschwanz.

Doch wir dürfen die Hoffnung hegen, dass die Linken vielleicht etwas weniger Zeit zum politisieren finden. Erhält die Filmindustrie nun einen netten Zustupf. Bezahlt von uns sofasurfenden Netflixkonsumenten. Wir wollen uns nicht der Illusion hingeben, dass auf heimischem Boden nun die grossen Strassenfeger produziert werden und das cineastische Angebot auf Streamingportalen dank der Drittelquote eine unglaubliche Bereicherung erfährt. Aber die filmische Kleinkunstszene ist immerhin ein wenig vom Druck befreit, gewinnbringend, sprich kundenorientiert produzieren zu müssen und kann weiterhin vorwiegend sich selbst bedienen und damit die hochkulturelle und gebildete linke Klientel.

Den einzigen Abstimmungserfolg bescherte uns ironischer auch die linke Seite, welche sich gnadenlos in den eigenen Schwanz biss.
Fällt das Stichwort Europa, zeichnen sie uns stets Schreckensszenarien hinsichtlich des Schengener Damoklesschwert, welches an einem Haar von Faden über unserem Haupt schwebt. Nur im Fall Frontex war noch nie etwas so unverrückbar in Stein gemeisselt wie unsere Verträge mit der EU. Diese opportunistische Kehrtwende vermochte glücklicherweise nicht alle zu überzeugen. So reist Europa weiterhin barrierefrei in die Schweiz und stützt unsere Wirtschaft.
Den irgendwie müssen linke Hirngespinste ja auch in Zukunft finanziert werden.

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Heul doch

Berichte aus der Midlife-Crisis

Auf watson gibt es eine Beitragsserie, welche wirklich unterhaltend und witzig ist. Ja, ich habe zwei positive Attribute und watson in einem Satz verwendet. Profiliert sich dieses „News ohne blabla…“-Medium doch eher als linkes Propaganda-Blatt. Täglich findet sich eine Gender- oder Klimafrage auf der Startseite. Ich mag keine politisch ausgerichteten Zeitungen. Watson so wenig wie die Weltwoche. Natürlich, jedes Blatt spiegelt eine gewisse Meinung, eine Gesinnung wieder. Aber ich brauche doch keine Zeitung zu lesen, nur um meine eigene Meinung zu untermauern oder mich über komplett gegensätzliche Ansichten zu ärgern. Und hüben wie drüben ist man Gegenargumenten so verschlossen wie die Tore zu Moria. Dies schafft eine Gesellschaft, wie wir sie heute haben. Es gibt nur noch schwarz und weiss. Ich grilliere mit Holzkohle und jeder, der dies nicht tut ist ein kompletter Idiot. Was so dem kompletten Idioten auch mitgeteilt gehört. Unbedingt.
Als Landkind und mit einer starken Rechtsgesinnung wuchs ich auch mit einem Tunnelblick auf, pflege ihn noch heute, aber das Leben und Leben lassen hatte in unserem Alltag noch Raum. Heute ist dies total abhanden gekommen. Was der andere macht ist einfach Scheisse, es sei denn, er macht genau dasselbe wie ich. Punkt. Doch dies soll heute gar nicht das Thema sein.

Watson hat eine Serie, die nennt sich „Wein doch“. Dabei trinken die Protagonisten ein Glas Wein und beklagen sich über das Leben. Zum Beispiel über den Fluch, bei sonnigem Wetter immer raus gehen zu müssen oder den ganzen Sommer hindurch permanent sich mit Cuscus-Salat zu verköstigen. Scheint unter sozialen Menschen, welche öfters zum Grillplausch oder Badetag eingeladen werden ein echtes Problem zu sein. Die Rubrik ist wirklich witzig, nicke ich oft zustimmend dabei.

Wein vertrage ich keinen mehr und weil Morgen ist, heule ich eben beim Kaffee und nicht beim Bier.
Das alt werden entwickelt sich bei mir echt zu einem Problem. Ich fühle mich, als würde ich auf der rechten Spur einer Autobahn fahren, das Gaspedal bis zum Boden durchgetreten, die Nadel des Drehzahlmessers wickelt sich um den Anschlag und links überholen mich laufend Radfahrer. Auf alten Drahteseln mit 3-Gang Nabenschaltung. Lässig aufgerichtet, mit ihren alten Damenlenkern, und dabei scherzend und lachend. Es ist wie Homer Simpson so treffend sagt;

Egal was du tust, es gibt immer ungefähr eine Million Menschen, die es besser können.

Als ich das erste Mal auf Trekking-Tour ging, war man irgendwie noch Exot. Also klar, mit grossen Rucksäcken zogen alle los. Aber sie bereisten Städte und lebten in Hostel. Genauer gesagt, sie bereisten Australien. Während meiner Zwanziger war nicht die Frage, hast du einen Sprachaufenthalt gemacht, sondern, wann warst du in Australien. Speziell unter den Städtern. Dann und wann kam es vor, dass du eine Wohnung betreten hast und nicht aus dem Gedankgang heraus kamst „Was fehlt da…?“. Bis du dir gewahr wurdest, da hängt kein Vorsicht-Känguruh-Schild. Moment, warst du etwa NICHT in Australien? Wann gehst du?
Wie gesagt, mit grossem Rucksack waren schon einige unterwegs, aber wenige schleppten Zelt, Kochuntensilien und Nahrung mit sich. Dies hatte schon noch einen Oooh-Effekt bei den Zuhörern.

West Highland Way? Was ist das?
Und eines Tages dachten sich zwei Komiker, sie wandern diesen mit ihrer Filmcrew und heute kennt ihn jeder. Und das Trekking mit Zelt ist nichts besonderes mehr. Natürlich lebte ich ein wenig davon, etwas zu machen, was nicht alltäglich war. Nicht einer unter hundert zu sein, und dies alleine in meiner Strasse. Und heute kann man nicht in das World Wide Web ohne über einen Blog zu stolpern, in welchem nicht jemand seine gewanderten 5000 Kilometer in vier Monaten beschreibt. Gesponsert von North-Face und sonst wem, weil, nun da Trekking jedermanns Sache ist, sich eine unglaubliche Kundengruppe aufgetan hat.

Kürzlich las ich von Vanlife. Menschen die aussteigen. Abenteuerlustig, ungebunden und frei. Heute hier und morgen da.
Wenn ich so zurückdenke; Ich hatte die Europakarte. Auf einem Fresszettel notierte ich die grössten Städte zwischen hier und Rotterdam. Auf der Bank holte man D-Mark und Gulden. In der geschätzten Menge, weil unterwegs kein Bezug mehr möglich war. Kreditkarten waren solch ein Managerding, der normale Handwerker hatte dies nicht. Und dann fuhr man los. Das Höchstmass an Sicherheit für die Reisenden in einem 1400er, 50 PS-Renault war der ETI-Schutzbrief. Und ein ominöses TCS-Scheckheft, mit welchem man angeblich Werkstätten bezahlen konnte. Wir betrieben kein Vanlife. Wir fuhren einfach zum Camping nach Holland und schliefen auf Raststätten im Auto. Mit einem gnadenlos überladenen Renault 5 rast man eben gemächlicher.
Aber die Vanlifer in ihren klimatisierten Bussen mit Navigationssystem, welche dank Datenflatrate auch mit Google Maps ausserhalb des Vans den Weg zu den Hotspots finden und jeden Abend brav ihre Abenteuer auf Insta hochladen sind die Aussteiger und Abenteuerlustigen.

Klettersteige waren da, aber niemand nutzte sie. Unter Sportkletterer und Bergsteiger gleichermassen verpönt. Für erstere war es wie ein Fahrrad mit Stützrädern an den Stützrädern und zweitere vertraten die Ansicht, dass damit alpines Geländer erschlossen wurde, welches eigentlich ihnen vorbehalten war.
Würde ich so sogar unterschreiben. Ein Klettersteig ist nichts anderes, als eine Leiter und Fixseile auf den Mount Everest. Ein alpiner Tourismus, welcher jeder verachtet und dennoch jährlich Zuwachs erfährt. Der Modern Talking-Effekt. Keiner hörte sie und dennoch wurden sie zum erfolgreichsten deutschen Pop-Duo aller Zeiten. Da verstehe ich einen Reinhold Messner durchaus.
Ich fand Klettersteige toll. Weil da niemand war. Und sich mir alpines Gebiet erschloss, in welchem ich nichts zu suchen hätte.
Gestern sass, nein stand ich auf dem Gipfel der Sulzfluh. Es war zu viel los umd gemütlich zu sitzen. Fünf Minuten. In dieser Zeit spuckte der Sulzfluh-Klettersteig etwa 15 Personen aus. Sportlich, dynamisch, nicht die Spur eines Schweisstropfens. Es erschien mir, als würde hier eine Rolltreppe hochführen. Es mag zu begrüssen sein, dass der Homo Sapiens der körperlichen Ertüchtigung frönt und die Natur geniesst, ich finde es einfach nur frustrierend. Kommst du von einem Klettersteig nach Hause, zufrieden mit dir selbst, und schaust in die sozialen Medien siehst du, dass Hunz Kunibert soeben drei K5 gemacht hat und nun noch sechs Stunden aufs Rad steigt um sich auszupowern.

Mein erster Klettersteig überhaupt war ein K3. Den Helm kaufte ich am Morgen noch in Cortina d’Ampezzo, weil ich nicht wusste, dass man einen tragen muss. Mein zweiter eine vier.
Und gestern brauchte ich bei einem K1 zwei Anläufe. Weil das Vertrauen in mich fehlte. Früher dachte man irgendwann, viel später, vielleicht daran, was alles hätte passieren können. Heute steht man beim Einstieg und denkt sich, ui ui ui, was wenn… und schon geht einem die Muffe. Obwohl man weiss, dass man ein Tau hochklettert, ohne dabei die Füsse zu benötigen. Weil ich diese Umwickel-Einklemm-Sache im Turnunterricht nie verstanden haben
Alt werden ist einfach scheisse.

Vorgestern schlug ich mein Zelt in den Bergen auf. Extra spät. Es war kalt, windig und allgemein ungemütlich. Und dennoch standen plötzlich zwei weitere Zelte in der Umgebung. Der Parkplatz war wohl einfach zu nahe. Mittlerweile appelliert der SAC an die Bevölkerung, diese Scheisse in den sozialen Medien zu stoppen. Jeder Honk schmeisst sein Zelt an einen Bergsee, posiert für ein Foto, bewirbt vielleicht noch eine Sonnencreme und teilt dies auf Instagram. Mit Ortsangabe. Ein geheimer Geheimtipp. Am Wochenende darauf sind schon zwei Zelte mehr und irgendwann schaut der Geheimtipp aus wie das Frauenfelder Open-Air am Sonntag Morgen.

Wer im Glashaus sitzt… auch ich teile gerne ein Foto von meinem Zeltplatz in den sozialen Medien. Brauche ich auch die Aufmerksamkeit. Aber meine 150 Follower bestehen zu 80 Prozent aus russischen Fakeprofilen welche ich noch nicht blockiert habe um überhaupt Follower zu haben und die restlichen 20 Prozent ticken wie ich, da ist es vertretbar. Und mit den Hashtags bin ich auch nicht so geschickt, dass Hinz und Kunz mein Foto finden.
Beeindruckend finde ich hier die Deutschen.
Nachdem der Gumpen am Königsbach zu einem Instagram Hot-Spot mutierte, richtete der Nationalpark Berchtesgarden sich an die Influencer, man möchte sich doch etwas zurück nehmen und die Natur sich erholen lassen. Versteht sich von selbst, dass sowas nicht fruchtet. Im Gegenteil. Nun ist der Gumpen gesperrt. Nicht bis im Herbst, nicht diese Saison. Nein, sage und schreibe 5 Jahre. Sowas finde ich schon sehr eindrucksvoll. Würde das Appenzell mit dem Äscher wohl auch gerne machen.

Hat weniger mit meinem Alter zu tun, ist wohl ein Auswuchs des Zeitgeistes. Und dennoch hadere ich damit. Wäre ich jünger, würde mich diese Sache kaum stören, es wäre einfach normal. Als alter Sack habe ich nur den Gedanken, was fällt euch ein! Das wild campen ist unsere Sache. Zudem ist das, was ihr hier betreibt nicht campen. Kommt hoch mit 5 Ikea-Taschen und einem alten Coop-Harass voller Fressalien. Und eurer Scheiss-Bluetooth-Box. Einfach weil der Parkplatz zu nahe liegt. Könnt aus eigener Kraft keinen Rucksack über 5oo Höhenmeter tragen, aber präsentiert euch als Aussteiger und Abenteurer in piekfeinen Outdoor-Sachen.

Kennt ihr Beatrice Egli? Das Schlagersternchen, eine Mischung zwischen Berg und Fischer. Sieht wohl adrett aus, aber figurtechnisch eher in der Kelly-Family einzuordnen. Dies kompensiert sie mit der Berg-Masche. Schlampige Outfits treiben nicht nur den Sabber in den Mundwinkel sondern lassen auch über anderes hinwegsehen und hören. Dazu noch stets betonen, dass sie sich rundum wohl fühlt, voll und ganz Frau sei und bla bla bla, kennt man doch. Influenzer welche sich rundherum wohl fühlen wie sie sind erkennt man daran, dass Fotos stehts in einem Winkel aufgenommen werden, welcher Problemzonen ausklammert, das Hüftgold hinter dem Produkt verbergen oder das Holz vor der Hütte so ins Bild hängen, dass man nichts anderes mehr beachtet. Und natürlich jeden verklagen, der ein anderes Foto schiesst. In den Boulevard-Medien wird Egli regelmässig als Sportkanone präsentiert und geht nun auf das Matterhorn. Nicht, weil sie eine erfahrere Bergsteigerin wäre, sondern weil Mammut und Powerfood sie da hoch sponsern. Wie beim Mount Everest, wenn die Kasse stimmt wird jeder da hoch geschleift. Wobei ihre Motivation natürlich irgendwas mit Frauenpower zu tun hat.

Noch etwas weiter heulen; dieses Jahr geht wohl als mein aktivstes in meine Analen ein. Was nicht bedeutet, dass ich herausragende Resultate einfahre. Es ist mehr ein verzweifeltes Aufrechterhalten der einstigen Leistungsfähigkeit. Es ist ja kein Geheimnis, dass die Muskeln sich mit 40 beginnen zu verkrümeln. Dabei geht es mir nicht um das Abbild eines Adonis, sondern alleine die Tatsache, dass man, wie obenstehend beschrieben, einfach in allen Belangen überholt wird und ich damit nicht klar komme. Vor dem ersten kollektiven Marsch in der Gruppe habe ich über 900 Kilometer zusammengelaufen. Um nach dreissig Kilometer festzustellen, jeder der anderen ist fitter als ich und dabei sind solche, welche beinahe 20 Jahre älter sind und das bisherige Jahr vorwiegend sitzend und liegend verbracht haben. Da darf man schon ein wenig hadern. Und sich langsam fragen; in welchem Bereich kann ich mich noch profilieren, wenn mir überall der Rang abgelaufen wird?

Vor einigen Jahren war ich auf einem Stand-Up-Paddel auf Fuerteventura. Sich auf den Wellen des Antlantik zu behaupten, gerade für jemanden mit Hai-Phobie, ist eine tolle Sache mit immensem Spassfaktor. So habe ich beschlossen, mich der Sache etwas intensiver zu widmen.
SUP… Ja, schon gehört… macht das Spass? So der allgemeine Tenor damals.
Und heute? Beim Einwassern in Stein am Rhein muss man beinahe eine Nummer ziehen. Weil jeder Honk ein solches Bord hat. In Massen treiben sie den Rhein hinab. Und natürlich schneller als ich. Weil die Auswahl an Boards mit allen möglichen Eigenschaften immens ist und die Preise im Keller sind. Und sie wohl einfach kräftiger und schneller sind.
Irgendwie ist es nicht mehr toll, wenn es jeder macht. Und dabei noch besser ist.

Ich beginne mich zu fragen, ob ich damit beginnen soll, mich mit Shuffle-Board auseinander zu setzen. Oder der Alten Garde beitreten und fünf Kilometer-Wanderungen auf dem Randen unternehmen soll. Dann wäre ich der störende Junge, welcher den Alten ihre Sache weg nimmt. Aber wo soll das noch enden…

Bin für irgendwelche Tipps durchaus aufgeschlossen.

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Und schon wieder eine dieser Challenges…

Der Grundgedanke sogenannter „Challenges“ im Social-Media-Bereich hat sich mir nie klar erschlossen. Wobei sich die Bemühungen meiner Recherchen auch im Zaum gehalten hat, will ich fairerweise einräumen.

Dass sich die Grundidee solcher Challenges wenig verbreitet, liegt wohl auch an der gelungenen Selbstinszenierung durch im Rampenlicht stehende Personen. Sogenannte Prominente jeglicher Kategorie wollen ja stets auf ein bestimmtes Anliegen aufmerksam machen. Die dafür verwendeten Mittel, vorwiegend Titten und Ärsche (bewusst verwende ich die unflätige Wortwahl um aufmerksam zu machen) lenken jedoch vom Thema ab, dass zu guter Letzt hauptsächlich der Promi auf seine Person aufmerksam macht und damit die Challenge dem, wenn auch nur im Subtext genannten, eigentlichen Zweck zuführt.

Mitmenschen welche sich nicht konsequent den Promischlagzeilen entziehen erinnern sich daran, dass sich Helene Fischer im weissen Top mit Eiswasser übergiessen liess. Den Grundgedanken der Ice-Bucket-Challenge müssten wir googeln.

Inwiefern es Menschen mit Prostatakrebs zugute kommt, wenn ich mir im November einen stattlichen Schnurbart stehen lasse weiss kaum einer, aber sich einen Monat lang nicht rasieren und dies als Solidarität verkaufen ist doch eine gute Sache. Und ob wir nun Zimt fressen, planken, in kalte Seen springen, einen Schnaps mit einer Dose Bier auf ex runter spülen oder die Zehennägel wachsen lassen, unterm Strich ist es stets die Selbstinszenierung.

Nicht alle Nebeneffekte sind von übel. So motivierte mich mein guter Marsch- und Trekkingkumpane zur Gipfelchallenge 2021. Mit seiner ihm eigenen Art, mich mitzureissen.

„Ich mache die Gipfelchallenge 2021. Brauche eine Motivation den Arsch zu heben. Du?“

„Ok.“

„Gut“

Hätte ich ein „Nä“ geschrieben, wäre auch ein „Gut“ gekommen, eine Charaktereigenschaft, welche ich so sehr an ihm schätze. Wenn das Gegenüber Nein sagt, bedeutet dies einfach Nein und kein „Ich ziere mich jetzt ein wenig, was im Gegenzug bedeutet, dass du mich richtig beknien sollst und ich dann doch einlenke“.

Wenn der eine sagt, ich sehe die Hand nicht vor Augen, stapfe jetzt aber dennoch durch den Hüfttiefen Schnee zur Schwägalp und der andere meint „Nä“, muss hier nicht in der Brise von gefühlten -10 Grad diskutiert werden und ich stapfe einfach zurück zur behaglichen Gondel.

Der Grundgedanke der Challenge war, dass eine Marketingorganisation den grossen Reibach macht. Die publizierte Idee „Jeder Höhenmeter zählt!“. Wer schafft im Monat Februar die meisten Höhenmeter.

Man legte sich ein Ziel fest.

1000 Höhenmeter für den gelegentlichen Spaziergänger, die „Alltagsaufsteiger*innen“.

2962 Höhenmeter für die etwas Ambitionierteren, die „Zugspitze“. Die Zugspitze steht in Deutschland als synonym für das Dach der Welt.

3798 Höhenmeter für den „Grossglockner“ und ich müsste googeln, wo der steht. Vermute mal in Österreich.

4478 Höhenmeter für… komm, das wisst Ihr. Richtig, das „Matterhorn“.

5895 Höhenmeter für den „Kilimandscharo“ und zu guter Letzt,

8848 Höhenmeter für den „Mount Everest“.

Natürlich wählten wir letzteres, weil da einfach nichts Höheres mehr kam. Dies im Team. Was für mich ganz gut war, da ich im Sinne der Kameradschaft daran gehindert wurde, bei 5000 Hm einfach den Bettel hinzuschmeissen und des Kollegen Ambitionen im Sinne des Wettbewerbs durch meine Trägheit egalisiert hätte.

Wie erwähnt, war der Grundgedanke der Challenge, dass sich die W3 Marketing GmbH ein goldenes Näschen verdiente, und Marketingmenschen haben sich dann auch mit Höhenmeter auseinandergesetzt. Was Schweizer Wanderfreude aus dem FF berechnen sind Leistungskilometer. Dies, weil zum Beispiel die Überwindung eines Gefälles über 20% nicht einfach ein Sonntagsspaziergang ist und entsprechend in die Berechnung einfliessen muss. Hat die Marketingfirma nie davon gehört, es zählen nur Aufwärts-Höhenmeter.

Einen Unterschied, ob diese nun durch hüfttiefen Schnee, auf einer Asphaltstrasse, auf dem Stepper im Fitness oder gleich mit E-Bike und Seilbahn bewältigt werden machen sie auch nicht. Obwohl sie nach unserer Rückfrage die eingesandten Daten genauestens analysieren!

Unterschiedliche Kategorien sucht man ebenfalls vergeblich. Profisportler, welche Zeit und Musse fanden, im Schnitt angeblich täglich 3600 Höhenmeter (am 28. mal eben 7094) hinzuwerfen traten gegen berufstätige Hobbywanderer an.

Die Zahlen wurden selber eingetragen und durch einen Screenshot von der App, der Uhr oder einem Eichhörnchen am Wegesrand bestätigt. Letzteres wollte ich zu gerne versuchen, fürchtete aber die Disqualifikation des Teams.

Das Ganze war also sehr intransparent, ich möchte durchaus von unlauterem Wettbewerb sprechen. Als würden die Formel-1-Teams jeweils ihre Rundenzeiten bekannt geben, eine Stoppuhr fotografieren und darauf wird die schnellste Runde und der Tagessieger ermittelt.

Unter den Zweier-Teams fanden sich richtig illustre Namen. Straight to the top. Mountain Addicts. Running Girls. Speedteam. International Spirit 4 um nur einige zu nennen.

Als Kontrast zu all diesen kraftvollen, motivierenden und pushenden Ausdrücken, wohlklingend respekteinflössend und teamgeistfördend, hatten die Schweizer Vertreter, also wir, auf dem Trikot den klangvollen, bodenständigen Namen „Wurst mit Brot“.

Geht auf einen Emil-Sketch zurück.

Wir hatten nichts weniger zum Ziel, als diesen Namen in der Siegerehrung zu hören und arbeiteten uns unter Einhaltung aller Regeln kontinuierlich vor. Es reichte für das Stockerl, auf einem grandiosen 3. Platz, so würden Schweizer Ski-Kommentatoren berichten, beendeten wir die Challenge. Nicht, dass wir etwas davon gehabt hätten. Ausgezeichnet wurden die werbeträchtigen Profis, welche den Februar vollumfänglich in den Dienst des Events stellten.

Rückblickend bleiben doch einige positive Aspekte.

Die körperliche Fitness hat keineswegs Schaden genommen und ich stellte fest, gar meinem Seelenheil ist es zuträglich, jeden Abend den Hügel vor der Haustür hochzusteigen. Diese Stunde Auszeit um drei bis vierhundert Höhenmeter und fünf bis sieben Kilometer im dunklen Wald zu gehen, verlieh dem Tag den Sinn, welchen die tägliche Arbeit vermissen liess.

Manchmal agierten wir tatsächlich als Team.

Nahe der Herisauer Psychatrie marschierten wir sechsmal über den Hügel mit der Burgruine Rosenburg und zurück um Höhenmeter zu sammeln. Eigentlich rechneten wir fest damit, dass bei der zweiten Umkehr freundliche Herren in weiss bereitstehen würden, die ausgebüxte Klientel wieder in sichere Obhut zu bringen.

Nichts dergleichen geschah und so konnten wir uns eine Woche später am Hohen Kasten versuchen, bis die Schneemassen uns zu verstehen gaben, nun wäre es auch wieder gut. Kein Grund, um nicht auf halbem Weg die Richtung zu ändern und auf der anderen Seite nochmals hochzusteigen. Jeder Höhenmeter zählt.

Die Definition von Wahnsinn sei, etwas stets aufs Neue, dieselbe Weise zu versuchen und sich ein anderes Resultat zu erhoffen. Daher waren wir am letzten Wochenende am Kronberg zu gange. Mit grossen Rucksäcken, ausgerüstet für ein Biwak. Der eine wintertauglich, der andere etwas weniger. Das letzte Wochenende im Februar sollte ein versöhnlicher Abschluss der Challenge werden.

Nach dreihundert Höhenmeter drohte der Abschluss alles andere als versöhnlich zu werden und wir entschlossen, die Wetterlage auf dem Gipfel zu checken.

Kurz mit der Bahn hoch und uns an der Nebelsuppe den Kopf gestossen. Es gibt Zeitgenossen, welche sich von solchen Widrigkeiten auf das Sofa treiben lassen und andere, welche erst richtig herausgefordert werden.

Im Team und „Wurst mit Brot“ waren beide vertreten.

„Bis zur Gabelung Schwägalp – Jakobsbad komme ich mit, da treffe ich eine Entscheidung.“

„Gut“, lautete die Antwort und ich trotte dem Kollegen hinterher. Im Instrumentenflug.

Der Wegweiser kam überraschend früh. Angesichts der Tatsache, dass ich kaum die Hand vor Augen sah, im Schnee stapfte und geländeunkundig war, beschloss ich, den Rückzug zur Bergstation anzutreten, während mein Kollege zur Schwägalp weiterziehen wollte.

„Gut.“

„Tschau.“

Und während ich so in der Gondel sass, bemerkte ich schon die Kratzer an meinem Stolz. Nach dem Abzweiger „Herisau – Schwägalp“ wendete ich mein Fahrzeug und fuhr auf die Schwägalp hoch. Mal die Gegenseite checken.

Mein Kollege hatte sich mittlerweile entschlossen das Biwak aufzuschlagen, nachdem jeder Schritt Buddelarbeiten im Schnee erforderte.

So ganz alleine wollte ich ihn doch nicht lassen und beschloss, von der Schwägalp aufzusteigen.

Der Akku meines GPS war bei den letzten Strichen und da es sich abzeichnete, dass es ein reiner Instrumentenflug werden sollte beschloss ich die Batterien zu wechseln. Um festzustellen, dass die Ersatzakkus, seit Finnland 2020 nicht mehr gebraucht, leer waren. Stellte ich natürlich erst fest, als ich die Schuhe geschnürt hatte und losmarschiert bin.

Ab ins Hotel Säntis, dort ist ein Shop, welcher mir bestimmt Batterien verkaufen würde. Hätte vielleicht, wäre er nicht dank Corona geschlossen gewesen.

Zähneknirschend gab ich auf und fuhr zurück.

Bis mir in Urnäsch die Coop-Filiale quasi vors Auto sprang.

Mit neuen Akkus zurück auf die Schwägalp, der Salzstreuwagen bremste mich ungünstig aus. Noch eine Stunde und zwanzig Minuten Tageslicht, meldete das neu zum Leben erweckte GPS.

Einem Handyzombie gleich, stapfte ich mit dem Display vor Augen durch Schnee und Nebel. Eigentlich war das Tageslicht nicht weiter massgebend.

Noch rund 1.5 Kilometer lagen zwischen uns, ich hätte nun absteigen sollen. Worauf ich so gar keine Lust hatte.

Wir sind beide grosse Jungs, können auch alleine schlafen.

Am nächsten Morgen ergab es sich, dass wir doch noch zusammen den Frühstückskaffee einnehmen konnten. Bei gefühlten minus zehn Grad, aber bei Sonnenaufgang und einer grandiosen Aussicht auf das Nebelmeer.

Auch wenn das gesteckte Leistungsziel für das letzte Wochenende, zumindest meinen Anteil betreffend, nicht ganz erreicht wurde, fand die Challenge doch einen versöhnlichen Abschluss. Und es zählt ja die Teamleistung.

Der teaminterne erste Platz, ergebnisbereinigt, geht an Fabian mit 13434.4 Höhenmetern und ich trug 10895 bei.
Dafür legte er eine Wegstrecke von 324 Kilometern zurück, ich brachte es auf 200.

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An Tagen wie diesen…

Jeder ist dann und wann davon betroffen. Behaupte ich. Es gibt einfach diese Tage. Tage, an deren Vorabend die Tür einer Anstalt nicht richtig verschlossen war und sich in der Folge dessen nun eine Unmenge an kognitiv eingeschränkten Personen in der freien Wildbahn herum treibt. Oder einfach nur jede Menge Honks. Honk ist ein wunderschöner Ausdruck. Er klingt nicht so hart wie „Du Arschloch“, vereint die Unzulänglichkeiten des Gegenübers jedoch wunderbar in einem Wort. Honk sagt einfach alles. Das grösste Mass an Verachtung, man würde der Person nicht zutrauen, einen Eimer Wasser auszukippen. Mit einem Arschloch kann man abends ein Bier trinken und der Groll verfliegt wieder, ein Honk ist man einfach auf Lebenszeit. Dies wäscht man nicht wieder rein, oder klärt es im Gespräch, in welchem man auf Zettel schreibt, was man an der anderen Person schätzt. Ein Honk beginnt wieder ganz unten, indem er versucht, eckige Klötzchen in das runde Loch zu stecken, dabei monumental scheitert und nie über diesen Punkt hinaus kommt.

Die Menge Honks um mich herum erfährt eine konsequente Steigerung.

Und so begann es damit, dass ich versuchte meinen Parkplatz zu verlassen. Ich lebe in einer ländlichen Umgebung, einem Dorf. Die Quartierstrasse ist so breit, dass problemlos zwei Lastwagen kreuzen können, was sie von den gängigen Dorfstrassen unterscheidet, auf welchen man sich schon auf dem Dreirad fühlt, als würde man durch ein Nadelöhr fahren.

Diese breite Strasse lädt förmlich zum wilden parkieren ein, was ich im Grundsatz nicht einmal verurteile. Die Fahrzeuge lassen jedoch konsequent einen Meter Abstand zu den parallel laufenden Liegenschaften. Hüben wie drüben. Nicht, weil da ein Gehsteig wäre, sondern weil die Strasse einfach so breit ist, dass man sich den Luxus gönnt.

Da die Schule ebenfalls an der Strasse liegt, ist sie entsprechend stark frequentiert. Von Kindern und Helikoptereltern. Die Unterscheidung ist nicht immer ganz einfach, da alt und jung auf Kickboards unterwegs sind. Ein Trend, welchen ich schon vor 25 Jahren in der Stadt Zürich nicht nachvollziehen konnte, als ich die ersten Yuppies auf diesem Kinderspielzeug sah. Es kann nur noch eine Frage der Zeit sein, bis der CFO mit seinem grünen Tret-Fendt durch das Büro fährt. Mit Hänger, versteht sich.

Dabei nutzen Kinder und Eltern natürlich nicht den meterbreiten Durchgang zwischen Liegenschaften und parkierten Fahrzeugen. Nein, die Sonne scheint so schön und es ist Dienstag, heute gehen wir mittig der Strasse. Die Botschaft an die Kinder ist so wunderprächtig, dass sie auch noch an der Hand über die angrenzende Hauptstrasse geführt werden müssen, wenn sie die Geschlechtsreife erlangt, die Tatsache, dass auf einer Strasse grosse böse Autos fahren hingegen noch nicht verinnerlicht haben.

Zu den Stosszeiten muss man also gar nicht erst durch die Strasse fahren wollen. Etwas oberhalb hat ein Gewerbetreibender seine Filiale. Ein Elektriker. Dessen Monteure stellen die Fahrzeuge gleich nahe der gedachten Mittellinie, man muss ja rangieren und beladen.

Im Herzen werde ich stets Handwerker sein, so ich irgendwie mit selbigen solidarisieren kann, wird dies auch der Fall sein. Da fahre ich gerne den Bogen. Auch wenn es nervt. Oder unmöglich ist. Weil der Koni das Margrittli getroffen hat und sie sich durch die Seitenscheiben miteinander unterhalten. Dabei keinerlei Anstalten machen sich vom Fleck zu bewegen, wofür ich hingegen überhaupt kein Verständnis habe.

Auch peinlich berührt bin ich, wenn meine Mutter den Verkehr aufhält, weil sie mich am Wegesrand entdeckt hat und durch das offene Fenster ihres Kleinwagens ein Gespräch beginnt. Vielleicht sollte man dies als Entschleunigung der Gesellschaft verstehen. Doch für gewöhnlich, so ich um 09:00 an einem Ort Y sein sollte, dabei eine Wegzeit von fünfzehn Minuten einkalkuliere, pflege ich nicht um 08:30 das heimische Gefilde zu verlassen, für den Fall, dass ich einem Akt der Entschleunigung zum Opfer fallen sollte.

Nachdem ich endlich zur Migros vorgestossen bin, stehe ich auf dem leeren Parkplatz in der Kolonne. Es ist vorbildlich, dass die Rentner um diese Zeit ihre Besorgungen erledigen. Eine Idee gefährlicher ist es, dass sie dies mit dem Fahrzeug erledigen und von der Fülle an freien Parkbuchten erschlagen, ja, überfordert sind. Da stellen sie ihren gepflegten Opel Ascona erst einmal quer in die Fahrbahn und fahren mal links, mal rechts, mal vor, mal zurück.

Ein weiteres Phänomen; je SUV-konformer die Parkplätze werden, sprich eine ausladende Breite aufweisen, desto katastrophaler wird das Parkverhalten der Lenker. Man hat ja genug Platz, da braucht man nicht zu korrigieren.  Zu guter Letzt steht das Vehikel so verquer in der Lücke, dass es unmöglich ist, selbiges wieder in den Verkehrsfluss zu integrieren, so links und rechts ebenfalls jemand parkiert.

Was nicht bedeutet, dass sie es nicht trotzdem versuchen. Davon zeugen diverse kleine „Ach ist ja nicht so schlimm…“-Kratzer und Beulen an meinem fahrbaren Untersatz.

Schlimm ist stets eine Definitionsfrage. Natürlich fährt er noch. Aber der Entscheid sollte letztendlich bei mir liegen und nicht bei Mutti, welche die Seitentüre stakkatoartig gegen mein Gefährt dengelt, während sie den Nachwuchs in den Fond ihres SUV verfrachtet. Mir ist schon klar, wenn ich die Krümel auf der Rückbank, das Spielzeug auf dem Boden und die vollgekotzte Rückenlehne des Beifahrers begutachte, liegt ihre Messlatte für „Schlimm“ auf einer anderen Ebene als meine, aber dies ist noch keine Entschuldigung.

Im Inneren der Filiale begegnet mir natürlich die den Fahrzeugen entsprechende Klientel. Die lieben Rentner, welche den Einkauf zelebrieren.

Mein Einkauf gleicht dem Kommissionieren von Waren. Ich weiss was ich brauche, gehe einmal zügig durch und zur Kasse. Natürlich lasse ich mich von einer Aktion einwickeln und im Fluss bremsen, aber ich positioniere mich nicht vor den Karotten und warte auf eine Inspiration, bevor ich zu den Gurken greife. Dabei den Wagen neben mir parallel zur Auslage parkieren, damit auch gewiss keiner an die Äpfel und Radieschen gelangt.

Gerade in der von Abstand geprägten Zeit. Liebe Rentner, ihr wisst schon, dass ich diesen Stofffetzen nicht zuletzt vor dem Mund trage, um eure Lebenszeit nicht zu beschneiden? Es wäre doch einfach ein gewisser Ausdruck von Höflichkeit, würdet ihr es mir gleich tun. Man stellt sich schon die Frage, wie jene Menschen wohl ein Kondom überziehen, welche bei der Schutzmaske die Nase raushängen lassen. Wenn es jedoch der Herr Hugentobler schafft, dass auch die linke Mundhälfte hervorblitzt, kommt man nicht um den Verdacht rum, er hätte dies vor dem Spiegel zuhause einstudiert. So bescheuert kann man doch nicht sein. Wobei, es war auch schon ein Trend den Hosenbund unter dem Po zu tragen, daher kann man wohl doch.

Es hat sich eingebürgert, dass aber einer Wagenfüllhöhe von 65,3 Prozent, 1.8 Gemüsesorten vom Kassenbereich in die Gemüseabteilung zum Wägen gesandt werden. Man ist schon irritiert, wenn dies nicht der Fall ist. Was sind dies für Menschen? Fällt ihnen auf der Fahrt nach Winterthur auch auf der Höhe von Andelfingen auf, dass sie sich hätten ins Auto setzen sollen?

Dann ist da auch meine Lieblingskassiererin am Werk.

In einem internen Verkaufskurs wurde ihr wohl beigebracht, dass sie dem Kunden in die Augen sehen soll. Ist im Grundsatz ganz freundlich. Aber sie kann nicht zur gleichen Zeit „Grüäzi“ sagen, einem in die Augen schauen und einen Artikel über den Scanner ziehen. Es geschieht stets in einer sequentiellen Abfolge und dieser Prozess wird bei jedem Wortfetzen wieder unterbrochen und an den Anfang zurück gesetzt. Mit einer kleinen Verzögerung bis zur Wiederaufnahme.
„Grüäzi“

„Händ sie Cumulus….“
„Ah… „

„Danke…“

„Ade…“

„En schöne Obig…“

„Danke…“

„Ade…“

Und jedes Mal der hypnotische Augenkontakt. Ja, sie dreht sich auf dem Stuhl und gerät aus dem Takt, weil sie ja bereits den nächsten Kunden am bedienen ist, welchem dieselbe Aufmerksamkeit zuteil wird.

Ich lästere ungern über die nette Frau ab, aber bisweilen, in 80 Prozent der Fälle, ist es einfach zu viel. Und sie möge doch den Stock in die Gartenabteilung zurück bringen.

Kaum zuhause stelle ich fest, dass ich infolge meines ausgeprägten Fluchtreflex in der nervaufreibenden Migrosfiliale diverse Artikel vergessen habe. Auf in den Dorfladen… doch diese Geschichte erzähle ich euch das nächste Mal.

Veröffentlicht unter Hossa, Vom Leben und gelebt werden | Verschlagwortet mit , , , , , | Kommentare deaktiviert für An Tagen wie diesen…